Die Männer hoben ihre Becher für andere Gefallene. Das war jeden Abend zur Tradition geworden und hatte sich in sämtlichen Lagern der Grenzländer ausgebreitet. Lan fand es ermutigend, dass die Männer anfingen, Antail und Narishma als Kameraden zu betrachten. Die Asha’man waren zurückhaltend, aber Deepes Tod hatte eine Verbindung zwischen ihnen und den einfachen Soldaten geschmiedet. Jetzt hatten sie alle die Metzgerrechnung bezahlt. Die Männer hatten Antail trauern gesehen und ihn eingeladen, auf das Wohl des Gefallenen zu trinken.
Lan verließ das Feuer und ging durch das Lager, blieb bei den Pferdeseilen stehen, um nach Mandarb zu sehen. Der Hengst hielt sich wacker, auch wenn er eine große Wunde auf der linken Flanke hatte, wo das Fell nie wieder wachsen würde; sie schien gut zu verheilen. Die Pferdeknechte sprachen noch immer in gedämpftem Ton darüber, wie das verletzte Pferd nach dem Kampf, der Deepe das Leben gekostet hatte, aus der Nacht erschienen war. Nur sehr wenige Pferde waren den Trollocs entkommen und hatten es ins Lager zurückgeschafft.
Lan tätschelte Mandarbs Hals. »Bald ruhen wir uns aus, alter Freund«, sagte er leise. »Ich verspreche es.«
Mandarb schnaubte in der Dunkelheit, und in der Nähe wieherten mehrere Pferde leise.
»Wir schaffen es nach Hause«, sagte Lan. »Der Schatten wird besiegt, Nynaeve und ich werden Malkier für uns beanspruchen. Wir bringen die Felder wieder zum Blühen, reinigen die Seen. Grüne Weiden. Keine Trollocs mehr, die man töten muss. Kinder werden auf deinem Rücken reiten, alter Freund. Du kannst deine Tage in Frieden verbringen, Äpfel essen und dir Stuten aussuchen.«
Es war sehr lange her, dass Lan auch nur mit so etwas Ähnlichem wie Hoffnung an die Zukunft hatte denken können. Schon seltsam, sie jetzt zu finden, an diesem Ort, in diesem Krieg. Er war ein harter Mann. Manchmal hatte er das Gefühl, mehr mit den Felsen und dem Sand gemein zu haben als mit den Männern, die am Feuer gemeinsam lachten.
Dazu hatte er sich selbst gemacht. Das war der einsame Kämpfer, der er sein musste, der eines Tages nach Malkier reiten und die Familienehre aufrechterhalten konnte. Rand al’Thor hatte angefangen, diese Schale zu knacken, danach hatte Nynaeves Liebe sie völlig zerstört.
Ich frage mich, ob Rand es je gewusst hat, dachte Lan, zog einen Striegel hervor und fing an, Mandarbs Fell zu bürsten. Er wusste, wie das war, von Kindheit an dazu bestimmt zu sein, für eine Sache zu sterben. Er wusste, wie es war, die Richtung der Fäule gezeigt und gesagt zu bekommen, dass er dort sein Leben opfern würde. Beim Licht, das wusste er. Vermutlich würde Rand al’Thor niemals erfahren, wie ähnlich sie sich doch waren.
Obwohl er völlig erschöpft war, striegelte er Mandarb eine Weile. Nynaeve hätte ihm befohlen zu schlafen. Im Kopf spielte er diese Unterhaltung durch und gestattete sich ein Lächeln. Sie hätte gewonnen und erklärt, dass ein General seinen Schlaf brauchte und es genug Pferdeknechte gab, die sich um die Tiere kümmern konnten.
Aber Nynaeve war nicht da. Er arbeitete weiter.
Jemand näherte sich den Pferdeseilen. Natürlich hörte er die Schritte lange, bevor derjenige eintraf. Lord Baldhere holte sich aus dem Posten der Knechte eine Bürste, nickte einem der dort stationierten Wächter zu und ging dann zu seinem eigenen Pferd. Erst da bemerkte er Lan.
»Lord Mandragoran?«
»Lord Baldhere.« Lan nickte dem Kandori zu. Königin Ethenielles Schwertträger war schlank und hatte weiße Strähnen in dem ansonsten schwarzen Haar. Auch wenn er nicht zu den Großen Hauptmännern zählte, war er ein ausgezeichneter Kommandant und hatte Kandor seit dem Tod seines Königs gut gedient. Viele waren davon ausgegangen, dass die Königin ihn heiraten würde. Das war natürlich völlig albern gewesen; Ethenielle betrachtete ihn wie einen Bruder. Außerdem hätte jeder, der genau hinsah, wissen müssen, dass Baldhere offensichtlich Männer Frauen vorzog.
»Es tut mir leid, Euch zu stören, Dai Shan«, sagte Baldhere. »Ich habe nicht gewusst, dass sonst noch jemand hier ist.« Er machte Anstalten zu gehen.
»Ich bin fast fertig«, sagte Lan. »Lasst Euch von mir nicht stören.«
»Die Knechte leisten gute Arbeit«, sagte Baldhere. »Ich bin nicht hier, um sie zu überprüfen. Aber manchmal hilft mir etwas Einfaches und Vertrautes zu tun beim Denken.«
»Ihr seid keineswegs der Einzige, dem das aufgefallen ist«, sagte Lan und striegelte Mandarb weiter.
Baldhere kicherte, dann schwieg er eine Weile. Schließlich sagte er: »Dai Shan, seid Ihr wegen Lord Agelmar besorgt?«
»Wieso?«
»Ich mache mir Sorgen, dass er sich zu sehr antreibt«, sagte Baldhere. »Manche seiner Entscheidungen … sie verblüffen mich. Es ist nicht die Rede davon, dass seine taktischen Entscheidungen schlecht sind. Sie erscheinen mir bloß als zu aggressiv.«
»Es herrscht Krieg. Ich wüsste nicht, dass man zu aggressiv sein könnte, wenn man seinen Feind besiegen will.«
Eine Weile schwieg Baldhere. »Natürlich. Aber ist Euch der Verlust von Lord Yokatas beiden Kavallerieschwadronen bekannt?«
»Das war unglücklich, aber Fehler passieren nun einmal.«
»So ein Fehler hätte Lord Agelmar nicht passieren dürfen. Er war schon zuvor in ähnlichen Situationen, Dai Shan. Er hätte das sehen müssen.«
Das war kürzlich während eines Sturmangriffs auf die Trollocs geschehen. Die Asha’man hatten Fal Eisen und die umliegende Gegend in Brand gesteckt. Yokata hatte laut Agelmars Befehl seine Kavallerie um einen großen Hügel herumgeführt, um die rechte Flanke des feindlichen Heeres anzugreifen, das auf die Asha’man vorrückte. In einem klassischen Zangenmanöver wollte Agelmar weitere Kavallerie gegen die linke Flanke des Angreifers schicken, und die Asha’man sollten umdrehen und die Tiermenschen direkt von vorn angehen.
Aber die Befehlshaber des Schattens hatten das Manöver durchschaut. Bevor Agelmar und die Asha’man reagieren konnten, war eine zahlenmäßig große Kompanie Trollocs über den Hügel gekommen, um Yokatas rechte Flanke anzugreifen, während der Rest seine Kavallerie frontal in ein Gefecht verwickelte.
Die Kavallerie war bis zum letzten Mann getötet worden. Sofort danach hatten sich die Trollocs auf die Asha’man gestürzt, die sich nur mühsam hatten retten können.
»Er ist erschöpft, Dai Shan«, sagte Baldhere. »Ich kenne ihn. Wäre er frisch und ausgeruht, hätte er so einen Fehler niemals gemacht.«
»Baldhere, das hätte jedem passieren können.«
»Lord Agelmar ist einer der Großen Hauptmänner. Er sollte die Schlacht aus einem anderen Blickpunkt sehen als gewöhnliche Männer.«
»Seid Ihr Euch sicher, dass Ihr nicht einfach zu viel von ihm erwartet?«, fragte Lan. »Agelmar ist auch nur ein Mensch. Am Ende des Tages sind wir das alle.«
»Ich … Vielleicht habt Ihr recht«, erwiderte Baldhere und legte die Hand auf das Schwert, als wäre er besorgt. Natürlich trug er nicht die Waffe der Königin – das tat er nur, wenn er in ihrem Namen handelte. »Vermutlich ist das bloß so ein Gefühl, Lan. Agelmar scheint so oft müde zu sein, und ich sorge mich, dass es seine Planung beeinflusst. Bitte passt einfach auf ihn auf.«
»Das werde ich«, erwiderte Lan.
»Danke«, sagte Baldhere. Er erschien jetzt weniger besorgt als zuvor.
Lan klopfte Mandarb ein letztes Mal auf den Hals, überließ Baldhere seinem Pferd und ging durch das Lager zum Befehlszelt. Er trat ein; das Zelt war gut beleuchtet und auch gut beschützt, allerdings durften die wachhabenden Soldaten die Schlachtpläne nicht sehen.
Lan ging um die aufgehängten Kleidungsstücke herum, die den Eingang versperrten, und nickte den beiden shienarischen Kommandanten zu, die Agelmar zugeteilt waren und sich um diesen abgeschirmten Ort kümmerten. Einer von ihnen studierte die Karten, die auf dem Boden ausgebreitet lagen. Agelmar selbst war nicht anwesend. Ein Anführer musste irgendwann mal schlafen.