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Lan ging in die Hocke und betrachtete die Karte. Nach dem morgigen Rückzug würden sie anscheinend einen Ort namens Blutquelle erreicht haben, der nach den Steinen benannt war, die dort das Flusswasser rot zu färben schienen. Bei Blutquelle würden sie wegen der angrenzenden Hügel einen leichten Höhenvorteil haben, und Agelmar wollte gemeinsam mit Bogenschützen und Kavallerie eine Offensive gegen die Tiermenschen starten. Und natürlich würde man weiteres Land anzünden.

Lan ließ sich auf ein Knie herab und sah Agelmars Notizen durch, wer wo kämpfen würde und wie er die Angriffe teilen wollte. Es war ein ehrgeiziger Plan, aber Lan sah da nichts besonders Beunruhigendes.

Während er alles durchsah, raschelte der Zelteingang, und Agelmar trat ein, in ein leises Gespräch mit Lady Ells von Saldaea vertieft. Als er Lan entdeckte, entschuldigte er sich bei ihr und kam herüber.

Agelmar machte keinen erschöpften Eindruck und ging auch nicht in sich zusammengesunken, aber Lan hatte gelernt, am vorgespielten äußeren Erscheinungsbild eines Mannes vorbeizuschauen. Gerötete Augen. Der Atem roch leicht nach Flachwurzel, einem Kraut zum Kauen, das den Verstand scharf hielt, wenn man zu lange auf den Beinen war. Agelmar war müde – aber das war jeder im Lager.

»Seid Ihr mit dem einverstanden, was Ihr dort seht, Dai Shan?«, fragte Agelmar und kniete sich hin.

»Für einen Rückzug ist es sehr angriffslustig.«

»Können wir uns eine andere Einstellung leisten? Wir lassen eine Schneise verbrannten Landes hinter uns, was Shienar beinahe so sicher vernichtet, als hätte es der Schatten selbst getan. Ich werde diese Asche mit Trolloc-Blut löschen.«

Lan nickte.

»Baldhere hat mit Euch gesprochen?«

Lan blickte scharf auf.

Agelmar lächelte matt. »Ich nehme an, es ging um den Verlust von Yokata und seinen Männern?«

»Ja.«

»Das war mit Sicherheit ein Fehler. Ich habe mich schon gefragt, ob mich jemand darauf anspricht. Baldhere gehört zu den wenigen, die schlau genug sind, ihn zu erkennen.«

»Er glaubt, Ihr treibt Euch zu verbissen an.«

»Er ist geschickt in taktischen Dingen«, meinte Agelmar, »aber er weiß längst nicht so viel, wie er glaubt. Ihn treiben all diese Geschichten über die Großen Hauptmänner um. Ich bin nicht fehlerlos, Dai Shan. Das wird nicht mein einziger Fehler bleiben. Ich werde mich um sie kümmern, wie ich mich um den hier gekümmert habe, und aus ihnen lernen.«

»Vielleicht sollten wir trotzdem dafür sorgen, dass Ihr mehr Schlaf bekommt.«

»Ich bin völlig in Ordnung, Lord Mandragoran. Ich kenne meine Grenzen; mein ganzes Leben habe ich damit verbracht, sie kennenzulernen. Diese Schlacht wird mir das Äußerste abverlangen, und das muss ich zulassen.«

»Aber …«

»Löst mich von meinem Posten ab oder lasst mich machen«, unterbrach Agelmar ihn. »Ich höre auf jeden Rat, weil ich kein Narr bin, aber ich lasse mich nicht im Nachhinein kritisieren.«

»Also gut«, sagte Lan und erhob sich. »Ich vertraue Eurer Weisheit.«

Agelmar nickte und richtete den Blick wieder auf seine Karten. Er studierte sie noch immer, als Lan schließlich ging, um etwas zu schlafen.

19

Die Wahl einer Augenklappe

Elayne fand Bashere am Ostufer des Flusses, wo er auf und ab ging.

Flussufer gehörten zu den wenigen Orten, die ihr noch immer lebendig vorkamen. In diesen Tagen war so vieles leblos, Bäume, die keine Blätter wachsen ließen, Gras, das nicht spross, Tiere, die sich in ihrem Bau verkrochen und nicht herauskamen.

Die Flüsse flossen weiter. Das ließ immerhin auf eine gewisse Art von Leben schließen, auch wenn der Pflanzenwuchs schlimm aussah.

Der Alguenya gehörte zu diesen mächtigen Strömen, die aus der Ferne so täuschend friedlich aussahen, aber eine Frau unter ihre Oberfläche reißen und ertränken konnten. Sie erinnerte sich daran, wie Bryne das bei einem Jagdausflug entlang seines Ufers einmal Gawyn ganz genau erklärt hatte. Seine Worte waren auch für sie bestimmt gewesen. Vielleicht sogar in erster Linie, obwohl er immer sorgfältig darauf geachtet hatte, bei der Tochter-Erbin seine Stellung nicht zu überschreiten.

Passt auf die Strömungen auf, hatte er gesagt. Flussströmungen gehören zu den gefährlichsten Dingen unter dem Licht, aber nur, weil man sie unterschätzt. Die Oberfläche sieht ganz still aus, weil nichts gegen sie ankämpft. Das will auch niemand. Die Fische schwimmen darunter, und Männer halten sich von ihr fern, einmal abgesehen von den Narren, die glauben, sich selbst beweisen zu müssen.

Elayne stieg hinunter zum steinigen Ufer und ging auf Bashere zu. Ihre Leibwache blieb zurück – Birgitte war nicht bei ihnen. Sie kümmerte sich um die Kompanien der Bogenschützen, die einige Meilen flussabwärts fleißig damit beschäftigt waren, auf die Trollocs zu schießen, die zur Flussüberquerung ihre Flöße bauten. Birgittes Bogenschützen und Talmanes’ Drachen setzten den Trollocs heftig zu, trotzdem war es nur eine Frage der Zeit, bevor das riesige Feindesheer über den Alguenya strömen würde.

In der Woche zuvor hatte Elayne ihre Streitkräfte aus Andor zurückgezogen, und sie und Bashere waren mit ihren Fortschritten durchaus zufrieden gewesen. Bis sie die Falle entdeckt hatten.

»Er ist erstaunlich, nicht wahr?«, fragte sie und trat an Basheres Seite, der am Flussufer stand.

Der General sah sie an, dann nickte er. »Zu Hause haben wir nichts, das vergleichbar wäre.«

»Und der Arinelle?«

»Der wird nicht so groß, bevor er Saldaea verlassen hat«, sagte er gedankenverloren. »Das hier ist schon beinahe wie ein Ozean, der ein Ufer vom anderen trennt. Die Vorstellung, wie er auf die Aiel gewirkt haben muss, als sie das Rückgrat der Welt zum ersten Mal überquerten, lässt mich lächeln.«

Eine Weile schwiegen sie.

»Wie schlimm ist es?«, fragte Elayne schließlich.

»Schlimm«, erwiderte Bashere. »Ich hätte es erkennen müssen, soll man mich doch zu Asche verbrennen. Ich hätte es sehen müssen.«

»Ihr könnt nicht alles vorausplanen.«

»Entschuldigt, aber das ist genau das, was ich tun soll.«

Der Marsch vom Braemwald nach Osten war völlig nach Plan gelaufen. Nachdem sie die Brücken über den Erinin und den Alguenya verbrannt hatten, hatten sie viele Trollocs bei dem Versuch, ihnen zu folgen, getötet. Elayne befand sich nun auf der Straße, die flussaufwärts nach Cairhien führte. Bashere hatte ihre letzte Konfrontation mit den Tiermenschen in den Hügeln an der Straße achtzig Meilen südlich von Cairhien geplant.

Der Schatten hatte sie ausmanövriert. Späher hatten eine zweite Trolloc-Armee direkt nördlich von ihrer derzeitigen Position entdeckt, die nach Osten marschierte und auf die Stadt zuhielt. Um ihre Heere aufzustocken, hatte Elayne dort die Verteidiger abgezogen. Jetzt war Cairhien nur noch mit Flüchtlingen gefüllt – und war genauso überbevölkert, wie es Caemlyn gewesen war.

»Wie haben sie es bloß gemacht?«, fragte sie. »Diese Trollocs können unmöglich vom Tarwin-Pass heruntergekommen sein.«

»Dafür war nicht genug Zeit«, stimmte Bashere ihr zu.

»Ein weiteres Tor der Kurzen Wege?«

»Vielleicht. Vielleicht auch nicht.«

»Aber wie dann?«, fragte sie. »Wo kommt diese Armee her?« Die Kreaturen waren fast schon nahe genug heran, um an die Stadttore zu klopfen. Beim Licht!

»Ich habe den Fehler begangen, wie ein Mensch zu denken«, sagte Bashere. »Ich habe ihre Marschgeschwindigkeit mit einbezogen, aber nicht daran gedacht, wie sehr die Myrddraal sie antreiben können. Ein dummer Fehler. Die Armee in den Wäldern muss sich geteilt haben, und die eine Hälfte hat dann die nordöstliche Route durch den Wald nach Cairhien genommen. Das ist die einzige Erklärung, die ich habe.«

»Wir sind so schnell marschiert, wie wir konnten«, meinte Elayne. »Wie können sie uns überholt haben?« Ihre Heere hatten Wegetore. Sie konnte nicht alles mit ihnen transportieren; um sie lange genug offen zu halten, standen ihr nicht ausreichend Machtlenker zur Verfügung. Aber sie konnte die Nachschubtransporte, die Verletzten und den Rest des Trosses durch sie befördern. Somit hatten alle die Geschwindigkeit gut ausgebildeter Soldaten.