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Es erschien ungerecht, dass der Schatten den Zugang zu einer solchen Waffe haben sollte, die das Muster auflösen konnte. Wie sollten sie das bekämpfen, wie konnten sie die Wirkung umkehren?

»Das ist nicht der einzige Grund, weshalb wir nach Euch geschickt haben, Egwene al’Vere«, sagte Melaine. »Sind Euch die Veränderungen in der Welt der Träume aufgefallen?«

Egwene nickte. »Der Sturm wird hier immer schlimmer.«

»In der Zukunft werden wir hier nur noch selten zu Besuch kommen«, verkündete Amys. »Wir haben diese Entscheidung getroffen. Und auch wenn wir uns beklagen, der Car’a’carn bereitet seine Heere für den Abmarsch vor. Nicht mehr lange, und wir marschieren zusammen mit ihm zur Festung des Schattens.«

Egwene nickte langsam. »Also war es das.«

»Ich bin stolz auf Euch, Mädchen«, sagte Amys. Amys, die immer so hart wie ein Stein war, schien gleich in Tränen auszubrechen. Die Frauen standen auf, und Egwene umarmte sie nacheinander.

»Das Licht beschütze Euch, Amys, Melaine, Bair«, sagte sie. »Gebt den anderen meine Liebe.«

»Das wird geschehen, Egwene al’Vere«, sagte Bair. »Möget Ihr Wasser und Schatten finden, jetzt und für alle Ewigkeit.«

Eine nach der anderen verblich aus Tear. Egwene holte tief Luft und schaute nach oben. Das Gebäude ächzte wie ein Schiff im Sturm. Der Felsen selbst schien sich um sie herumzubewegen.

Sie hatte diesen Ort geliebt – nicht den Stein, aber Tel’aran’rhiod. Er hatte sie so viel gelehrt. Aber als sie sich vorbereitete, ihn zu verlassen, wusste sie, dass er wie ein Fluss bei einer gefährlichen Flut war. So vertraut und geliebt er auch sein mochte, sie konnte sich hier keinen unberechenbaren Risiken aussetzen. Nicht, solange die Weiße Burg sie brauchte.

»Auch dir ein Lebewohl, alte Freundin«, sagte sie zu ihrer Umgebung. »Bis ich wieder träume.«

Sie gestattete sich zu erwachen.

Wie gewöhnlich wartete Gawyn neben dem Bett. Sie waren wieder in der Burg. Egwene lag vollständig bekleidet in dem Raum neben ihrem Arbeitszimmer. Es war noch nicht Abend, aber sie hatte die Bitte der Weisen Frauen nicht ignorieren wollen.

»Er ist da«, sagte Gawyn leise und warf einen Blick auf die Tür zum Arbeitszimmer.

»Dann wollen wir ihn treffen.« Sie erhob sich und glättete ihren Rock. Sie nickte Gawyn zu, dann gingen sie los, um sich mit dem Wiedergeborenen Drachen zu treffen.

Rand lächelte, als er sie erblickte. Er war in Begleitung zweier ihr unbekannten Töchter.

»Worum geht es?«, fragte sie müde. »Willst du mich davon überzeugen, die Siegel zu brechen?«

»Du bist zynisch geworden«, bemerkte Rand.

»Bei unseren letzten beiden Begegnungen hast du dir absichtlich große Mühe gegeben, mich wütend zu machen«, erwiderte sie. »Sollte ich also nicht damit rechnen?«

»Ich will dich nicht aufbringen«, sagte Rand. »Sieh her.« Er zog etwas aus der Tasche. Ein Haarband. Er hielt es ihr entgegen. »Du hast es nie erwarten können, dein Haar zu einem Zopf flechten zu dürfen.«

»Also bin ich jetzt ein Kind, willst du das damit sagen?«, fragte Egwene ärgerlich. Gawyn legte ihr beruhigend die Hand auf die Schulter.

»Was? Nein!« Rand seufzte. »Beim Licht, Egwene. Ich will mich entschuldigen. Du bist wie eine Schwester für mich; ich hatte nie Geschwister. Oder zumindest kennen mich die, die ich habe, nicht. Ich habe nur dich. Bitte. Ich will dich wirklich nicht ärgern.«

Einen Augenblick lang erschien er genau wie vor langer Zeit. Ein unschuldiger und ernsthafter Junge. Egwene ließ ihren Zorn dahinschmelzen. »Rand, ich habe viel zu tun. Wir haben beide viel zu tun. Dafür ist jetzt keine Zeit. Deine Armeen sind ungeduldig.«

»Ihre Zeit kommt bald«, sagte Rand, und seine Stimme wurde härter. »Bevor das hier zu Ende ist, werden sie sich fragen, warum sie es nicht abwarten konnten, und voller Sehnsucht auf diese ruhigen Tage zurückblicken.« Er hielt noch immer das Haarband auf der Hand und schloss jetzt die Faust darum. »Ich wollte bloß … Ich wollte bloß nicht in meinen Kampf ziehen, solange unsere letzte Begegnung ein Streit war, wenn auch sicherlich ein wichtiger.«

»Ach, Rand.« Egwene trat vor und nahm das Haarband entgegen. Sie umarmte ihn. Beim Licht, in letzter Zeit war er so schwierig in allem gewesen – aber das dachte sie gelegentlich auch über ihre Eltern. »Ich unterstütze dich. Das heißt nicht, dass ich so mit den Siegeln verfahre, wie du es willst, aber ich unterstütze dich.«

Sie ließ Rand los. Ihr würden nicht die Tränen kommen! Selbst wenn es ihr wie ihr letzter Abschied voneinander vorkam.

»Wartet«, sagte Gawyn. »Geschwister? Ihr habt Geschwister?«

»Ich bin Tigraines Sohn«, sagte Rand und zuckte mit den Schultern. »Ich kam zur Welt, nachdem sie in die Wüste zog und eine Tochter des Speers wurde.«

Gawyn erschien völlig verblüfft, aber Egwene hatte das schon vor Jahren herausbekommen. »Ihr seid Galads Bruder?«, fragte Gawyn ungläubig.

»Halbbruder«, erwiderte Rand. »Nicht dass das einem Weißmantel vermutlich viel bedeuten würde. Wir hatten dieselbe Mutter. Sein Vater war genau wie Eurer Taringail, aber meiner war ein Aiel.«

»Ich glaube, Galad würde Euch überraschen«, sagte Gawyn leise. »Aber Elayne …«

»Ich muss Euch nicht Eure eigene Familiengeschichte erklären, aber Elayne ist nicht mit mir verwandt.« Rand wandte sich Egwene zu. »Darf ich sie sehen? Die Siegel. Bevor ich zum Shayol Ghul gehe, würde ich sie gern noch ein letztes Mal sehen. Ich verspreche auch, nichts mit ihnen zu machen.«

Zögernd fischte sie sie aus der Tasche an ihrem Gürtel, wo sie sie oft trug. Der noch immer völlig überrascht aussehende Gawyn trat ans Fenster, stieß es auf und ließ Licht in den Raum. Die Weiße Burg fühlte sich immer noch … verstummt an. Ihre Heere waren abgerückt, ihre Herren waren in den Krieg gezogen.

Egwene wickelte das erste Siegel aus und gab es Rand. Sie würde sie ihm nicht alle auf einmal geben. Nur für alle Fälle. Natürlich vertraute sie seinem Wort; schließlich handelte es sich hier um Rand, aber … nur für alle Fälle.

Rand hielt das Siegel in die Höhe und starrte es an, als suchte er Weisheit in der Schlangenlinie. »Ich habe sie erschaffen«, flüsterte er. »Ich habe sie so gemacht, dass sie niemals brechen sollten. Trotzdem wusste ich bei ihrer Schöpfung, dass sie irgendwann versagen würden. Irgendwann zerbricht alles, wenn er es berührt …«

Vorsichtig hielt Egwene ein weiteres Siegel. Sie durfte sie nicht aus Versehen zerbrechen. Sie hatte sie in Tücher gewickelt und die Tasche zusätzlich mit einem weichen Tuch ausgestopft; sie hatte Angst, sie beim Tragen zu zerbrechen, aber Moiraine hatte behauptet, dass sie sie zerbrechen würde.

Sie hielt das für albern, aber die Worte, die sie gelesen hatte, die Dinge, die Moiraine gesagt hatte … Nun, falls der Augenblick kommen sollte, sie zu zerbrechen, würde sie sie bei sich tragen müssen. Also nahm sie sie überallhin mit – trug den potenziellen Tod der Welt mit sich herum.

Plötzlich wurde Rand so weiß wie ein Laken. »Egwene«, sagte er. »Das täuscht mich nicht.«

»Was meinst du?«

Er sah sie an. »Das ist eine Fälschung. Bitte, das geht schon in Ordnung. Sag mir die Wahrheit. Du hast eine Kopie gemacht und mir gegeben.«

»Ich tat nichts dergleichen!«

»Oh … oh, Licht!« Rand hob das Siegel wieder. »Es ist eine Fälschung.«

»Was!« Egwene riss es ihm aus der Hand und strich darüber. Sie fühlte nichts Falsches. »Wie kannst du dir da so sicher sein?«

»Ich erschuf sie«, antwortete Rand. »Ich kenne meine Arbeit. Das ist keines der Siegel. Es ist … Licht, jemand nahm sie.«

»Ich hatte sie seit dem Augenblick, an dem du mir sie gabst, bei mir!«, protestierte Egwene.

»Dann ist es zuvor geschehen«, flüsterte Rand. »Ich habe sie mir nicht sorgfältig angesehen, nachdem ich sie holte. Irgendwie wusste er, wo ich sie verstaut hatte.« Er nahm das andere aus ihrer Hand und schüttelte den Kopf. »Das ist auch nicht echt.« Er nahm das dritte. »Das auch nicht.«