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Er sah sie an. »Er hat sie, Egwene. Irgendwie hat er sie zurückgestohlen. Der Dunkle König hält die Schlüssel zu seinem eigenen Kerker.«

Den größten Teil seines Lebens hatte sich Mat gewünscht, nicht so oft angesehen zu werden. Ständig behielt man ihn stirnrunzelnd im Auge, weil er angeblich Ärger machte – für den er nun wirklich nicht verantwortlich war –, oder man blickte missbilligend, obwohl er völlig unschuldig war und sich alle Mühe gab, freundlich zu sein. Jeder Junge stahl irgendwann mal einen Kuchen. Daran war nichts Schlimmes. Eigentlich wurde das sogar erwartet.

Für Mat war der Alltag schwieriger als für andere Jungen gewesen. Jeder hatte ihm ganz besonders scharf auf die Finger geschaut, obwohl es dafür eigentlich keinen Grund gegeben hatte. Perrin hätte den ganzen Tag lang Kuchen stehlen können, und man hätte ihn bloß angelächelt und ihm vielleicht über das Haar gestrichen. Auf ihn ging man gleich mit dem Besen los.

Betrat er eine Schenke, um zu würfeln, zog er die Blicke auf sich. Die Leute beobachteten ihn wie einen Falschspieler – obwohl er das nie war – oder voller Neid. Ja, er hatte immer geglaubt, nicht mit Blicken verfolgt zu werden, wäre einfach nur großartig. Ein Anlass zum Feiern.

Jetzt geschah es endlich, und es machte ihn krank.

»Ihr könnt mich ansehen«, protestierte er. »Wirklich. Verflucht, es ist in Ordnung!«

»Mein Blick würde gesenkt«, erwiderte die Dienerin, während sie auf einem niedrigen Tisch an der Wand Stoff aufschichtete.

»Euer Blick ist bereits gesenkt! Ihr starrt auf den verdammten Boden, nicht wahr? Ich will, dass Ihr ihn hebt!«

Die Seanchanerin arbeitete weiter. Sie hatte helle Haut mit Sommersprossen unter den Augen, war ganz ordentlich anzuschauen, obwohl er nun eher einen dunkleren Hautton bevorzugte. Trotzdem hätte es ihn nicht gestört, wenn ihm dieses Mädchen zugelächelt hätte. Wie sollte er mit einer Frau sprechen, wenn er sie nicht zum Lächeln bringen konnte?

Weitere Diener traten mit zu Boden gerichtetem Blick ein; sie trugen ebenfalls Stoffe. Mat befand sich in den Räumen, die offensichtlich »sein« Gemach im Palast darstellten. Es waren viel zu viele, mehr, als er je benötigen würde. Vielleicht konnten ja Talmanes und ein paar andere Männer der Bande bei ihm einziehen, damit sich das Gemach nicht so verlassen anfühlte.

Er schlenderte zum Fenster. Unten auf dem Mol Hara wurde ein Heer aufgestellt. Es dauerte länger, als ihm lieb war. Galgan versammelte die seanchanischen Streitkräfte von den Grenzen, aber es geschah viel zu langsam. Mat war dem Mann kurz begegnet, und er vertraute ihm nicht, ganz egal, was Tuon darüber gesagt hatte, dass seine Attentäter von vornherein keinen Erfolg haben sollten. Galgan sorgte sich, durch den Rückzug die Ebene von Almoth zu verlieren.

Nun, er sollte lieber zuhören. Mat hatte ohnehin keinen Grund, diesen Mann zu mögen, aber wenn er weiterhin alles so verzögerte …

»Höchsterlauchter?«, fragte die Dienerin.

Mat drehte sich um und hob eine Braue. Mehrere Da’covale waren mit dem Rest des Stoffes eingetreten, und unwillkürlich errötete er. Sie trugen kaum einen Faden am Leib, und das, was sie trugen, war durchsichtig. Aber er konnte hinsehen, oder nicht? Sie würden nicht solche Kleidung tragen, wenn ein Mann da nicht hinsehen sollte. Was würde Tuon denken?

Ich bin nicht ihr Besitz, dachte er entschlossen. Ich werde mich nicht wie ein alter Ehemann verhalten.

Die Dienerin mit den Sommersprossen – sie trug den halben Kopf rasiert, war also eine So’jhin – deutete auf jemanden, der hinter den Da’covale eingetreten war, eine Frau mittleren Alters mit einem Haarknoten, die ihren Kopf nicht rasiert hatte. Ihre Figur hatte Ähnlichkeit mit einer Glocke, und sie hatte etwas Großmütterliches an sich.

Sie musterte ihn. Endlich wollte ihn jemand ansehen! Hätte sie dabei bloß nicht den Ausdruck von jemandem gezeigt, der ein Pferd auf dem Markt begutachtete.

»Schwarz für seine neue Stellung«, sagte die Frau und klatschte einmal in die Hände. »Grün für seine Herkunft. Tiefes Waldgrün, aber dezent. Jemand soll mir verschiedene Augenklappen bringen, jemand anders verbrennt diesen Hut.«

»Was?«, rief Mat aus. Diener schwärmten um ihn herum und zerrten an seiner Kleidung. »Moment mal. Was soll das hier?«

»Euer neues Ornat, Höchsterlauchter«, erwiderte die Frau. »Ich bin Nata, und ich werde Eure persönliche Schneiderin sein.«

»Meinen Hut verbrennt Ihr nicht«, sagte Mat. »Versucht es, und dann sehen wir mal, ob Ihr aus dem vierten Stock fliegen könnt. Habt Ihr mich verstanden?«

Die Frau zögerte. »Ja, Höchsterlauchter. Verbrennt seine Kleidung nicht. Bringt sie sicher unter, falls sie gebraucht werden sollte.« Sie schien Zweifel zu haben, dass das je der Fall sein würde.

Mat öffnete den Mund, um sich weiter zu beschweren, aber da öffnete einer der Da’covale ein Kästchen. Darin funkelte Schmuck. Rubine, Juwelen, Feuertropfen. Mat stockte der Atem. Dort befand sich ein Vermögen!

Er war so verblüfft, dass er zuerst gar nicht merkte, wie ihn die Diener auszogen. Sie zogen an seinem Hemd, und er ließ sie gewähren. Obwohl er an seinem Halstuch festhielt, war er nicht schamhaft. Die Röte in seinen Wangen hatte nichts damit zu tun, dass man ihm die Hosen auszog. Er war einfach bloß über den Schmuck überrascht.

Dann griff einer der jungen Da’covale nach seinem Lendentuch.

»Ihr würdet ohne Finger irgendwie merkwürdig aussehen«, knurrte Mat.

Der Da’covale schaute auf – seine Augen weiteten sich und er wurde blass. Sofort senkte er den Blick wieder und wich sich verbeugend zurück. Mat war nicht schamhaft, aber bei der Unterwäsche zog er die Grenze.

Nata schnalzte mit der Zunge. Ihre Diener fingen an, Mat in feine Stoffe zu hüllen. Schwarz und dunkelgrün – so dunkel, dass es eigentlich schon schwarz war. »Wir sollen Euch Ausstattungen für die militärische Repräsentation, die Anwesenheit bei Hofe, bei privaten Veranstaltungen und Auftritten in der Öffentlichkeit schneidern. Es …«

»Nein«, widersprach er. »Nur das Militär.«

»Aber …«

»Wir befinden uns mitten in der verdammten Letzten Schlacht, Frau«, sagte er. »Sollten wir das überleben, könnt Ihr mir eine verfluchte Festtagsmütze schneidern. Bis dahin sind wir im Krieg und ich brauche nichts anderes.«

Sie nickte.

Zögernd stand er mit ausgestreckten Armen da und ließ sich in Stoffe hüllen und seine Maße nehmen. Wenn er schon Anreden wie »Höchsterlauchter« oder »Hoheit« ertragen musste, dann konnte er zumindest dafür sorgen, vernünftig angezogen zu sein.

Ehrlich gesagt war er die alte Kleidung leid geworden. Die seanchanische Schneiderin schien keinen großen Wert auf Spitze zu legen, was eine Schande war, aber er wollte ihr nicht in ihre Arbeit hineinreden. Schließlich konnte er sich nicht über jede Kleinigkeit beschweren. Keiner mochte einen Nörgler, er am allerwenigsten.

Während sie mit den Maßen beschäftigt waren, trat ein Diener mit einem kleinen, mit Samt ausgekleideten Kasten ein, der verschiedene Augenklappen enthielt. Mat zögerte und überlegte; einige davon waren mit Edelsteinen verziert, andere mit irgendwelchen Mustern.

»Die da«, sagte er und zeigte auf die schlichteste. Einfaches Schwarz mit nur zwei kleinen, dünn geschnittenen Rubinen gegenüber an beiden Seiten. Man passte sie ihm an, während die anderen Diener mit den Maßen fertig wurden.

Als das erledigt war, ließ ihn die Schneiderin von den Dienern einen Anzug anziehen, den sie mitgebracht hatte. Offensichtlich durfte er seine alten Sachen nicht mehr tragen, solange er auf die neuen wartete.

Es fing eigentlich ganz schlicht an. Ein fein gewebter Seidenmantel. Mat hätte Hosen bevorzugt, aber der Mantel war bequem. Allerdings kam ein größerer, steiferer Mantel darüber. Ebenfalls aus Seide, nur dunkelgrün, und jeder Zoll war mit einem Schnörkelmuster bestickt. Die Ärmel waren groß genug, um ein Pferd durchzuschieben, und sie fühlten sich schwer an.