Falls sie den Myrddraal finden konnte, der mit den Ungeheuern in der Nähe verbunden war, konnte sie sie alle mit einem wohlplatzierten Gewebe Feuer ausschalten. Unglücklicherweise waren die Blassen schlau und hatten angefangen, sich in den Massen des Fußvolks zu verstecken.
»Sie kommen näher«, stieß Lelaine keuchend hervor.
»Rückzug«, befahl Egwene.
Sie duckten sich durch Romandas Wegetor, gefolgt von ihren Behütern. Die Gelbe kam zuletzt und sprang durch das Tor, als eine Gruppe Trollocs auf die Hügelkuppe strömte. Eine der Bestien, eine zottelige, bärähnliche Monstrosität, stolperte hinter ihr durch das Wegetor.
Das Ding fiel auf der Stelle tot um; ein paar kaum wahrnehmbare Rauchfahnen stiegen aus dem Kadaver auf. Seine Gefährten knurrten und brüllten auf der anderen Seite. Egwene blickte ihre Gefährtinnen an, dann zuckte sie mit den Schultern und schickte eine Flammenzunge direkt durch das Tor. Ein paar Kreaturen stürzten zuckend tot zu Boden, während andere aufheulend auseinanderspritzten und die Waffen fallen ließen.
»Das ist wirklich effektiv«, bemerkte Leane, verschränkte die Arme und betrachtete das Wegetor mit einer makellosen hochgezogenen Augenbraue. Sie steckten mitten in der Letzten Schlacht, und die Frau nahm sich immer noch jeden Morgen die Zeit, sich um ihr Äußeres zu kümmern.
Ihr Tor hatte sie zurück ins Lager gebracht, das nun nahezu verlassen war. Da die Reserven darauf warteten, wo benötigt eingesetzt zu werden, befanden sich hier nur noch fünfhundert Soldaten, die Brynes Befehlszelt bewachten.
Noch immer trug Egwene den Beutel mit den gefälschten Siegeln am Gürtel. Rands Worte hatten sie schwer erschüttert. Wie sollten sie die Siegel zurückbekommen? Sollten die Handlanger des Schattens sie im falschen Augenblick brechen, würde das eine Katastrophe sein.
Hatten sie sie bereits gebrochen? Würde das die Welt sofort bemerken? Egwene verspürte ein Grauen, das sie nicht abschütteln konnte. Und doch ging der Krieg weiter, und ihr blieb nichts anderes übrig, als den Kampf fortzuführen. Sie würden sich eine Möglichkeit einfallen lassen müssen, wie sie wieder an die Siegel kamen, falls das möglich war. Rand hatte geschworen, es zu versuchen. Sie war nicht unbedingt davon überzeugt, ob er da überhaupt etwas ausrichten konnte.
»Sie kämpfen so verbissen«, sagte Gawyn.
Egwene drehte sich um und fand ihn ein Stück weit entfernt stehen, wo er das Schlachtfeld mit dem Fernrohr inspizierte. Sie spürte bei ihm ein Verlangen. Ohne Männer zu führen, wie er es bei den Jünglingen getan hatte, kam er sich in dieser Schlacht so nutzlos vor, das wusste sie.
»Die Trollocs werden von den Myrddraal angetrieben«, sagte sie, »sie sind miteinander verknüpft, damit die Blassen mehr Kontrolle über sie haben.«
»Ja, aber warum leisten sie so hartnäckig Widerstand?«, sagte Gawyn und schaute weiter durch das Fernrohr. »Dieses Land ist ihnen doch völlig egal. Es ist ganz offensichtlich, dass diese Hügel für sie verloren sind, und doch kämpfen sie wild. Trollocs sind primitiv – sie kämpfen und siegen, oder sie gehen auseinander und ziehen sich zurück. Sie halten kein Gelände. Aber das versuchen sie hier. Es ist, als … als wären die Blassen der Ansicht, dass sie selbst nach so einem herben Rückschlag eine gute Position hätten.«
»Wer vermag schon zu sagen, warum die Blassen tun, was sie tun?«, bemerkte Lelaine, die mit verschränkten Armen noch immer durch das offene Wegetor spähte.
Egwene richtete ebenfalls den Blick darauf. Die kahle Hügelkuppe stand seltsam isoliert mitten in der Schlacht. Ihre Soldaten waren in dem kleinen Tal zwischen den Hügeln mit den Kreaturen zusammengestoßen, und der Kampf dort unten war brutal. Schreie und das Klirren von Metall drangen zu ihr herauf. Blutige Piken wurden in die Luft gehoben, als ganze Gruppen von Männern zurückgedrängt wurden und die Hellebardiere nach vorn kamen, um den Vorstoß der Trollocs zu verlangsamen.
Das Schattengezücht erlitt schreckliche Verluste. Es war in der Tat seltsam; Bryne hatte mit seinem Rückzug gerechnet.
»Etwas stimmt nicht«, sagte Egwene, und die Härchen auf ihren Armen stellten sich auf. In diesem Moment verschwand ihre Sorge um die Siegel. Ihre Armee war in Gefahr. »Sammelt die Aes Sedai, und gebt dem Heer den Befehl zum Rückzug.«
Die anderen Frauen sahen sie an, als hätte sie den Verstand verloren. Gawyn rannte auf das Befehlszelt zu, um die Anweisungen weiterzugeben. Er stellte nichts infrage.
»Mutter«, sagte Romanda und ließ ihr Wegetor erlöschen. »Was ist …«
Auf der anderen Seite von Egwenes Kriegslager zerschnitt genau gegenüber vom Schlachtfeld etwas die Luft. Ein greller Strich, länger als jedes Wegetor, das Egwene je gesehen hatte. Er war fast so breit wie ihr ganzes Lager.
Der Strich aus Licht drehte sich um sich selbst und öffnete sich auf eine Gegend, die nicht im südlichen Kandor lag. Stattdessen war es ein Ort voller Farne und herabhängender Bäume – obwohl sie wie alles andere auch braun angelaufen waren, wirkten sie trotzdem fremd.
In dieser unbekannten Landschaft wartete ein gewaltiges Heer. Tausende Banner flatterten und zeigten Egwene unbekannte Symbole. Die Fußsoldaten trugen knielange Kleidung, offenbar eine Art gesteppte Rüstung, die in großformatigem Muster mit Eisengewebe verstärkt zu sein schien. Andere hatten Metallhemden, die aus zusammengenähten Münzen zu bestehen schienen.
Viele hielten Handäxte, wenn auch von sehr seltsamer Form. Lange dünne Schäfte, die am Ende in Knollen ausliefen, und die Axtköpfe waren schmal und dünn, beinahe wie Pikenspitzen. Die Schäfte sämtlicher Waffen waren von fließendem, organischem Entwurf. Glatt und keineswegs von einheitlicher Größe, bestanden sie aus einem dunkelroten Holz, das sorgfältig mit Punkten bemalt worden war.
Egwene nahm das alles mit einem Blick auf, während sie nach einer Erklärung für diese seltsame Streitmacht suchte. Aber da war kein Anhaltspunkt, bis sie das Machtlenken spürte. Hunderte Frauen umgab das Glühen Saidars. Sie alle saßen auf Pferden und trugen seltsame Kleider aus steifer schwarzer Seide. Die Kleider waren nicht an der Taille gegürtet, sondern saßen eng an den Schultern und wurden nach unten hin immer weiter. An der Vorderseite baumelten direkt unterhalb des Halses lange, rechteckige Quasten in allen möglichen Farben. Alle Frauen hatten tätowierte Gesichter.
»Lasst die Macht los«, sagte Egwene und ließ Saidar gehen. »Lasst sie Euch nicht spüren!« Sie rannte zur Seite, gefolgt von Lelaine, deren Glühen erlosch.
Romanda ignorierte Egwene und stieß einen Fluch aus. Sie fing an, ein Fluchttor zu weben.
Ein Dutzend verschiedener Gewebe aus Feuer zerstörte die Stelle, an der Romanda stand. Ihr blieb nicht einmal Zeit zu schreien. Egwene und die anderen Frauen hasteten durch das Lager, während Gewebe der Einen Macht Zelte zerstörten, Vorräte vernichteten und alles in Brand setzten.
Egwene erreichte das Befehlszelt, als Gawyn gerade herausstolperte. Sie packte ihn und riss ihn zu Boden, als ein Feuerball direkt über ihre Köpfe sauste und in ein paar Zelte in der Nähe einschlug.
»Licht!«, stieß Gawyn hervor. »Wer ist das?«
»Sharaner.« Eine atemlose Lelaine ging neben ihnen in die Hocke.
»Seid Ihr sicher?«, flüsterte Egwene.
Lelaine nickte. »Es gibt viele Berichte von den Cairhienern vor dem Aiel-Krieg, die aber nicht besonders ausführlich sind. Sie durften nicht viel sehen, aber was sie sahen, hatte große Ähnlichkeit mit diesem Heer dort.«
»Heer?« Gawyn streckte sich zur Seite und spähte zwischen den Zelten zu der Streitmacht, die durch das unnatürlich große Wegetor marschierte. »Blut und verdammte Asche!«, fluchte er und duckte sich zurück. »Das sind ja Tausende!«
»Zu viele, um gegen sie zu kämpfen«, stimmte Egwene ihm zu, während ihre Gedanken rasten. »Nicht, solange wir zwischen ihnen und den Trollocs festsitzen. Wir müssen uns zurückziehen.«