»Das werden wir auch.«
»Ich zähle darauf«, sagte Rand. »Aber ich kann es mir nicht leisten, dich in die Höhle mitzunehmen, Aviendha.«
Eine tiefe Enttäuschung stieg in ihr auf, aber sie griff sie an, stach auf sie ein und ließ sie sterben. »Das habe ich schon vermutet. Komm nicht auf die Idee, mich in Sicherheit zu schicken, Rand al’Thor. Du würdest …«
»Das würde ich nicht wagen«, erwiderte er. »Da müsste ich ja um mein Leben fürchten – außerdem gibt es keinen sicheren Ort mehr. Ich kann dich nicht mit in die Höhle nehmen, weil du draußen im Tal gebraucht wirst; du musst nach den Verlorenen und den Siegeln Ausschau halten. Ich brauche dich, Aviendha. Ich brauche euch alle drei, um während dieses Kampfes aufzupassen und meine Hände – und mein Herz – zu sein. Ich werde Min zu Egwene schicken. Dort wird etwas passieren, da bin ich mir sicher. Elayne wird im Süden kämpfen, und du … Ich brauche dich im Tal von Thakan’dar, wo du mir den Rücken deckst.
Ich werde für die Aes Sedai und die Asha’man Befehle zurücklassen, Aviendha. Ituralde führt unsere Truppen an, aber du hast am Shayol Ghul den Befehl über unsere Machtlenker. Du musst den Feind daran hindern, die Höhle nach mir zu betreten. In dieser Schlacht bist du mein Speer. Falls sie mich erwischen, während ich in dieser Höhle bin, werde ich hilflos sein. Was ich dort tun muss, wird mir alles abverlangen – meine ganze Konzentration und jeden Funken Macht, über den ich verfüge. Ich werde wie ein in der Wildnis ausgesetzter Säugling sein, der den Tieren hilflos ausgeliefert ist.«
»Und wie unterscheidet sich das von deinem sonstigen Zustand, Rand al’Thor?«, fragte sie.
Er lachte. Es fühlte sich gut an, dieses Lachen sehen und fühlen zu können. »Hattest du nicht gesagt, das sei nicht der Augenblick für Leichtfertigkeit?«
»Jemand muss bei dir für Demut sorgen«, erwiderte sie. »Es wäre nicht gut, wenn du dich für jemand Großartiges hieltest, bloß weil du die Welt rettest.«
Er lachte wieder und führte sie ins Zelt, wo Min war. Nynaeve und Moiraine warteten ebenfalls dort, die eine mit erzürnter Miene, die andere in sich ruhend. Nynaeve sah ohne ihren Zopf sehr merkwürdig aus. Heute trug sie ihr Haar hochgesteckt.
Moiraine saß stumm auf einem großen Stein, und Callandor – ›Das Schwert, das kein Schwert ist‹ – ruhte auf ihrem Schoß. Eine Hand lag schützend auf dem Griff. Thom saß neben ihr, schnitzte an einem Stock herum und pfiff leise vor sich hin.
»Du hättest mich mitnehmen sollen, Rand«, legte Nynaeve sofort los und verschränkte die Arme.
»Du hattest eine andere Aufgabe«, erwiderte er. »Hast du versucht, was ich befahl?«
»Immer wieder. Es gibt keine Möglichkeit, den Fehler zu umgehen, Rand. Du kannst Callandor nicht benutzen. Es wird zu gefährlich sein.«
Rand streckte die Hand aus, und Moiraine hob Callandor, damit er es nehmen konnte. Er hielt es in die Höhe und schaute durch die kristallartige Substanz hindurch. Das Schwert fing an, leise zu glühen. »Min, ich habe eine Aufgabe für dich«, flüsterte er. »Egwene macht große Fortschritte, und ich habe das Gefühl, dass ihre Front der Schlüssel sein wird. Ich wünsche, dass du gehst und sie und die Kaiserin von Seanchan, die ich gebeten habe, sich dieser Front anzuschließen, im Auge behältst.«
»Ihr lasst die Seanchaner sich Egwenes Front anschließen?«, fragte Moiraine entsetzt. »Ist das klug?«
»In diesen Tagen kann ich Weisheit nicht von Dreistigkeit unterscheiden«, sagte er. »Aber ich würde mich besser fühlen, wenn jemand ein Auge auf diese beiden Fraktionen hat. Min, tust du das für mich?«
»Ich hatte gehofft …« Min schaute zur Seite.
Sie hat gehofft, er nimmt sie mit in die Höhle, dachte Aviendha. Aber natürlich konnte er das nicht tun.
»Es tut mir leid, Min«, sagte er. »Aber ich brauche dich.«
»Ich mache es!«
»Rand«, sagte Nynaeve. »Du nimmst Callandor mit, wenn du ihn angreifst? Seine Schwäche … solange du Macht in dieses … Ding lenkst, kann jeder die Kontrolle über dich erringen. Sie können dich benutzen und die Eine Macht durch Callandor in dich lenken, bis sie dich ausbrennt – du stehst hilflos da, während sie die Kraft haben, Berge einzuebnen und Städte zu vernichten.«
»Ich nehme es mit«, erwiderte er.
»Aber es ist eine Falle!«, beharrte Nynaeve.
»Ja«, sagte Rand und klang müde. »Eine Falle, in die ich gehen muss, damit sie zuschnappt.« Plötzlich lachte er und warf den Kopf zurück. »Wie immer! Warum sollte ich überrascht sein? Verbreite die Nachricht, Nynaeve. Sag Ituralde, Rhuarc und König Darlin Bescheid. Morgen greifen wir Shayol Ghul an und beanspruchen ihn für uns! Wenn wir schon unseren Kopf in den Rachen des Löwen stecken müssen, dann sollten wir auch dafür sorgen, dass er an uns erstickt!«
21
Ein unverzeihlicher Fehler
Siuan rollte die Schultern. Der scharfe Schmerz ließ sie das Gesicht verziehen. »Yukiri«, murrte sie, »Euer Gewebe braucht noch etwas Arbeit.«
Die kleine Graue fluchte leise und stand vom Lager des Soldaten auf, der eine Hand verloren hatte. Sie hatte ihn nicht Geheilt, sondern ihn gewöhnlichen Heilern mit ihren Verbänden überlassen. Kraft für diesen Mann aufzuwenden wäre eine Verschwendung, denn er würde nie wieder kämpfen. Sie musste ihre Kraft für Soldaten reservieren, die wieder an die Front konnten.
Es war eine brutale Einstellung. Nun, das waren auch brutale Zeiten. Siuan und Yukiri begaben sich zu dem nächsten Soldaten in der Reihe der Verletzten. Der Mann mit der fehlenden Hand würde auch ohne das Heilen überleben. Vermutlich. Sie hatten die Gelben in Mayene, aber deren Energie wurde für das Heilen der Aes Sedai benötigt, die die Flucht überlebt hatten. Und für Soldaten, die noch kämpfen konnten.
Überall in dem provisorischen Lager, das östlich vom Fluss und dessen Furt auf dem Boden von Arafel errichtet worden war, stöhnten und schluchzten Soldaten. So viele Verletzte, und Siuan und Yukiri gehörten zu den wenigen Aes Sedai, die noch Kraft zum Heilen hatten. Die meisten anderen hatten sich völlig verausgabt, als sie Wegetore erschufen, um ihre Armee aus der Mitte der beiden angreifenden Feinde zu schaffen.
Die Sharaner hatten gnadenlos angegriffen, aber das Lager der Weißen Burg zu sichern hatte sie eine Weile beschäftigt, was dem Heer die Zeit zur Flucht verschafft hatte. Jedenfalls Teilen davon.
Yukiri unterzog den nächsten Mann der Tiefenschau, dann nickte sie. Siuan kniete nieder und bereitete ein Heilgewebe vor. Sie war darin nie besonders gut gewesen, und selbst mit einem Angreal forderte ihr das viel ab. Sie brachte den Soldaten zurück vom Rand des Todes und Heilte die Wunde in seiner Seite. Er keuchte auf, denn ein großer Teil der für die Heilung nötigen Energie kam aus seinem eigenen Körper.
Siuan schwankte, dann sackte sie erschöpft zusammen. Beim Licht, sie war so unsicher auf den Beinen wie eine Adlige an ihrem ersten Tag auf einem Schiffsdeck!
Yukiri betrachtete sie, dann hielt sie die Hand für das Angreal hin, eine kleine Steinblume. »Ruht Euch aus, Siuan.«
Siuan biss die Zähne zusammen, dann übergab sie das Angreal. Die Eine Macht entglitt ihr, und sie seufzte tief, zugleich erleichtert und betrübt, die Schönheit Saidars zu verlieren.
Yukiri ging zum nächsten Soldaten. Siuan blieb dort liegen, wo sie war, und ihr Körper beschwerte sich über seine zahllosen Prellungen und Schmerzen. Die Geschehnisse der Schlacht waren ihr nur verschwommen bewusst. Sie erinnerte sich noch, wie der junge Gawyn Trakand in das Befehlszelt stürmte und brüllte, dass Egwene den Rückzug des Heeres befahl.