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Bryne hatte schnell reagiert und einen schriftlichen Befehl durch das Wegetor im Boden fallen lassen. Das war seine neueste Methode, Befehle weiterzugeben – ein Pfeilschaft mit einem daran gebundenen Blatt, den man durch ein Wegetor am Himmel fallen ließ. Die Schäfte wiesen keine Spitzen auf, sondern waren bloß mit kleinen Steinen beschwert.

Schon vor Gawyns Erscheinen war Bryne unruhig gewesen. Der Schlachtverlauf hatte ihm gar nicht gefallen. Die Bewegungen der Trollocs hatten ihn gewarnt, dass der Schatten etwas im Schilde führte. Siuan war davon überzeugt, dass er die Befehle bereits vorbereitet hatte.

Dann war das Lager von Explosionen erschüttert worden. Und Yukiri brüllte ihnen zu, durch das Loch im Boden zu springen. Beim Licht, sie hatte die Frau für verrückt gehalten! Offensichtlich verrückt genug, um ihnen allen das Leben zu retten!

Ich will zu Asche verbrannt werden, wenn ich hier rumliege wie die Reste vom gestrigen Fang, dachte sie und starrte in den Himmel. Sie zwang sich auf die Füße.

Yukiri behauptete, dass ihr Gewebe überhaupt nicht obskur war, obwohl Siuan noch nie davon gehört hatte. Ein gewaltiges Kissen aus Luft, das jemanden auffangen sollte, der aus großer Höhe stürzte. Sein Weben hatte die Aufmerksamkeit der Sharaner auf sich gezogen – ausgerechnet Sharaner! –, aber sie waren entkommen. Sie, Bryne, Yukiri und ein paar Adjutanten. Verflucht, sie waren dort herausgekommen, auch wenn sie die Erinnerung an den Sturz noch immer zusammenzucken ließ. Und Yukiri behauptete noch immer, dass das Gewebe möglicherweise das Geheimnis hinter der Entdeckung des Fliegens war! Dumme Frau. Es gab einen guten Grund, warum der Schöpfer Menschen keine Flügel verliehen hatte.

Sie fand Bryne am Rand des neuen Lagers, wo er erschöpft auf einem Baumstumpf saß. Zwei von Steinen gehaltene Schlachtpläne lagen vor ihm ausgebreitet auf dem Boden. Die Karten waren zerknittert; er hatte sie sich noch geschnappt, als das Zelt bereits in die Luft flog.

Dummer Mann, dachte sie. Riskiert sein Leben für ein paar Blätter Papier.

»… die Berichte«, sagte General Haerm, der neue Befehlshaber der Gefährten von Illian. »Es tut mir leid, mein Lord. Die Kundschafter wagen sich nicht zu nahe an das alte Lager heran.«

»Kein Zeichen von der Amyrlin?«, fragte Siuan.

Bryne und Haerm schüttelten beide den Kopf.

»Sucht weiter, junger Mann.« Siuan fuchtelte Haerm mit dem Finger vor dem Gesicht herum. Das Wort »jung« ließ ihn die Braue heben. Dieses jugendliche Gesicht, das sie bekommen hatte, sollte verflucht sein. »Das ist mein Ernst. Die Amyrlin lebt. Ihr findet sie, habt Ihr verstanden?«

»Ich … ja, Aes Sedai.« Ein gewisses Maß an Respekt zeigte er ja, aber es reichte nicht. Diese Illianer wussten einfach nicht, wie man eine Aes Sedai zu behandeln hatte.

Bryne verabschiedete den Mann, und dieses eine Mal hatte es nicht den Anschein, als würde bereits der nächste auf ihn warten. Vermutlich waren alle zu erschöpft. Ihr »Lager« sah eher wie eine Ansammlung von Flüchtlingen aus, die einem schrecklichen Brand entkommen waren, als wie das einer Armee. Die meisten Männer hatten sich in ihre Umhänge gerollt und schliefen. Soldaten waren besser als Matrosen darin, überall und zu jeder Zeit schlafen zu können.

Sie konnte es ihnen nicht verübeln. Schon vor der Ankunft der Sharaner war sie erschöpft gewesen. Jetzt war sie zu Tode erschöpft. Sie setzte sich neben Brynes Baumstumpf auf den Boden.

»Tut dir der Arm noch weh?«, fragte er und beugte sich vor, um ihre Schulter zu reiben.

»Das kannst du doch fühlen«, grollte sie.

»Ich will bloß nett sein, Siuan.«

»Glaube ja nicht, dass ich vergessen habe, dass du an dieser Prellung schuld bist.«

»Ich?« Bryne klang amüsiert.

»Du hast mich in das Loch gestoßen.«

»Du schienst dich nicht bewegen zu wollen.«

»Ich wollte gerade springen. Ich war fast so weit.«

»Da bin ich mir sicher.«

»Das ist deine Schuld«, beharrte Siuan. »Ich geriet ins Stolpern. Ich wollte aber nicht stolpern. Und Yukiris Gewebe … eine schreckliche Sache.«

»Es hat funktioniert«, erwiderte Bryne. »Ich bezweifle, dass viele Leute von sich behaupten können, dreihundert Schritt tief gefallen zu sein und überlebt zu haben.«

»Sie war viel zu eifrig«, fuhr Siuan fort. »Weißt du, vermutlich hatte sie schon die ganze Zeit vorgehabt, uns springen zu lassen. Dieses ganze Gerede über das Reisen und Gewebe der Bewegung …« Sie verstummte, nicht zuletzt deshalb, weil sie sich über sich selbst ärgerte. Dieser Tag war auch so schon schlimm genug, ohne dass sie Bryne anfahren musste. »Wie viele haben wir verloren?« Kein besseres Thema, aber sie musste es wissen. »Liegen die Berichte schon vor?«

»Beinahe jeden zweiten Soldaten«, sagte Bryne leise.

Schlimmer, als sie gedacht hatte. »Und die Aes Sedai?«

»Ungefähr zweihundertfünfzig sind noch übrig«, sagte er. »Allerdings sind einige von ihnen in einen Schockzustand verfallen, weil sie Behüter verloren haben.«

Eine noch größere Katastrophe. Einhundertzwanzig tote Aes Sedai in nur wenigen Stunden? Die Weiße Burg würde eine sehr lange Zeit brauchen, um sich davon zu erholen.

»Es tut mir leid, Siuan«, sagte er.

»Bah«, sagte sie. »Die meisten von ihnen haben mich sowieso wie Fischgräten behandelt. Sie haben mich als Amyrlin verabscheut, über mich gelacht, als ich gestürzt wurde, und mich nach meiner Rückkehr zu einer Dienerin gemacht.«

Bryne nickte und rieb ihre Schulter weiter. Er konnte fühlen, dass sie trotz ihrer Worte tief betroffen war. Unter den Toten waren gute Frauen gewesen. Viele gute Schwestern.

»Sie ist irgendwo dort draußen«, sagte sie stur. »Egwene wird uns überraschen, Bryne. Pass nur auf!«

»Wenn ich aufpasse, wird es keine besondere Überraschung, oder?«

Siuan grunzte. »Alberner Mann.«

»Du hast recht«, sagte er ernst. »In beiden Dingen. Ich glaube, dass Egwene uns überraschen wird. Und ich bin ein Narr.«

»Bryne …«

»Das bin ich, Siuan. Wie hätte ich sonst übersehen können, dass sie uns hinhalten? Sie wollten uns beschäftigen, bis sich diese andere Streitmacht versammeln konnte. Die Trollocs zogen sich auf diese Hügel zurück. Eine Defensivbewegung. Trollocs sind aber nicht defensiv. Ich nahm an, sie wollten bloß einen Hinterhalt vorbereiten und hätten darum Leichen eingesammelt und abgewartet. Hätte ich sie früher angegriffen, hätte man das hier vermeiden können. Ich war zu vorsichtig.«

»Ein Mann, der den ganzen Tag über den Fang nachgrübelt, den er wegen stürmischen Wetters versäumt hat, verschwendet Zeit, wenn der Himmel klar ist.«

»Ein kluges Sprichwort«, meinte er. »Aber es gibt auch eines unter Generälen, geschrieben von Fogh dem Unermüdlichen. ›Wenn man nichts aus seinen Verlusten lernt, wird man sich von ihnen beherrschen lassen.‹ Ich kann nicht verstehen, wie ich das zulassen konnte. Ich bin besser ausgebildet, besser vorbereitet! Wir sprechen hier nicht nur von einem Fehler, den ich einfach ignorieren kann, Siuan. Das Muster selbst steht auf dem Spiel.«

Er rieb sich die Stirn. Im schwachen Licht der untergehenden Sonne sah er älter aus, das Gesicht faltig, die Hände gebrechlich. Es war, als hätte ihm diese Schlacht Jahrzehnte gestohlen. Er seufzte und beugte sich vor.

Siuan musste entdecken, dass ihr die Worte fehlten.

Schweigend blieben sie dort sitzen.

Lyrelle wartete vor den Toren dieser sogenannten Schwarzen Burg. Es kostete sie jeden Funken ihrer Ausbildung, um sich ihre Frustration nicht anmerken zu lassen.

Diese ganze Expedition war von Anfang an ein Desaster gewesen. Zuerst hatte die Schwarze Burg ihnen den Eintritt verwehrt, bis die Roten mit ihrer Sache fertig waren, dann hatte es den Ärger mit den Wegetoren gegeben. Darauf folgten drei Blasen des Bösen, zwei Versuche von Schattenfreunden, sie alle zu ermorden, und die Warnung der Amyrlin, dass sich die Schwarze Burg auf die Seite des Schattens geschlagen hatte.