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Logain hatte sich seit der Tortur … verändert. Androl hatte ihr zugestimmt, dass er jetzt finsterer war. Er sprach weniger. Er war noch immer fest entschlossen, in die Letzte Schlacht zu ziehen, aber im Augenblick sammelte er seine Männer und brütete über Dingen, die sie in Taims Räumen gefunden hatten. Pevara sorgte sich, dass ihn die Verwandlung innerlich gebrochen hatte.

»Er glaubt, auf den in Taims Räumen gefundenen Schlachtplänen könnte etwas zu entdecken sein«, meinte Emarin.

»Wir gehen, wenn Logain entscheidet, dass wir am nützlichsten sind«, erwiderte Androl. Eine direkte Antwort, die aber auch nicht unbedingt viel aussagte.

»Und was ist mit dem Lord Drachen?«, fragte Pevara vorsichtig.

Sie spürte Androls Unsicherheit. Der Asha’man Naeff hatte sie besucht und Neuigkeiten und Befehle überbracht – und daraus hatten sich einige Schlussfolgerungen ergeben. Der Wiedergeborene Drache hatte gewusst, dass die Dinge in der Schwarzen Burg nicht zum Besten standen.

»Er hat uns absichtlich im Stich gelassen«, sagte Androl.

»Er wäre hergekommen, wäre ihm das möglich gewesen!«, erwiderte Jonneth. »Das versichere ich Euch.«

»Er wollte, dass wir aus eigener Kraft entkommen oder allein untergehen«, sagte Emarin. »Er ist ein brutaler Mann geworden. Vielleicht sogar hartherzig.«

»Es spielt keine Rolle«, sagte Androl. »Die Schwarze Burg hat gelernt, ohne ihn zu überleben. Beim Licht! Sie hat immer ohne ihn überlebt. Er hatte noch kaum etwas mit uns zu tun. Es war Logain, der uns Hoffnung gab. Logain erhält meine Gefolgstreue.«

Die anderen nickten. Pevara erkannte, dass hier gerade etwas Wichtiges geschah. Sie hätten sich sowieso nicht für alle Zeiten auf ihn stützen können, dachte sie. Der Wiedergeborene Drache wird in der Letzten Schlacht sterben. Ob absichtlich oder nicht, er hatte ihnen die Gelegenheit gegeben, auf eigenen Füßen zu stehen.

»Allerdings werde ich mir seinen letzten Befehl zu Herzen nehmen«, sagte Androl. »Ich werde nicht bloß eine Waffe sein. Der Makel ist bereinigt. Wir kämpfen nicht, um zu sterben, sondern um zu leben. Wir haben einen Grund, um zu leben. Verbreitet die Nachricht unter den anderen Männern, und lasst uns Eide ablegen, Logain als unseren Anführer anzunehmen. Und dann geht es zur Letzten Schlacht. Nicht als Handlanger des Wiedergeborenen Drachen, nicht als Marionetten des Amyrlin-Sitzes, sondern als die Schwarze Burg. Wir stehen auf eigenen Beinen.«

»Wir stehen auf eigenen Beinen«, flüsterten die anderen drei und nickten.

22

Der Wyld

Egwene schreckte hoch. Gawyn drückte ihr die Hand auf den Mund. Sie erstarrte, während die Erinnerungen wie das Licht des Sonnenaufgangs zurückkehrten. Noch immer verbargen sie sich unter dem zerstörten Wagen; die Luft stank nach verbranntem Holz. Das Land war fast so schwarz wie Kohle. Die Nacht war hereingebrochen.

Sie blickte Gawyn an und nickte. War sie wirklich eingeschlafen? Unter diesen Umständen hätte sie das nicht für möglich gehalten.

»Ich versuche, mich wegzuschleichen«, flüsterte er. »Für ein Ablenkungsmanöver.«

»Ich begleite dich.«

»Allein kann ich mich leiser bewegen.«

»Offensichtlich hast du niemals versucht, dich an jemanden aus den Zwei Flüssen heranzuschleichen, Gawyn Trakand«, erwiderte sie. »Ich wette um hundert Mark Tar Valons, dass ich die Leisere von uns beiden bin.«

»Ja«, flüsterte er zurück, »aber falls du ein Dutzend Schritte an eine ihrer Machtlenkerinnen herankommst, wirst du entdeckt, ganz egal, wie leise du bist. Sie patrouillieren im Lager, vor allem am Lagerrand.«

Sie runzelte die Stirn. Woher wusste er das? »Du hast dich umgesehen!«

»Ein wenig«, flüsterte er. »Niemand sah mich. Sie durchstöbern die Zelte, nehmen jeden gefangen, den sie erwischen. Wir werden uns hier nicht mehr länger verstecken können.«

Er hätte nicht gehen dürfen, ohne sie zu fragen. »Wir …«

Gawyn versteifte sich, und Egwene verstummte und lauschte. Schlurfende Schritte. Die beiden zogen sich wieder zurück und sahen zu, wie etwa ein Dutzend Gefangene zu einem freien Platz in der Nähe der Stelle gebracht wurden, an der zuvor das Befehlszelt gestanden hatte. Sharaner stellten Fackeln auf Stöcken rings um die zerlumpten Gefangenen auf. Ein paar waren Soldaten, die man so lange geprügelt hatte, bis sie kaum noch laufen konnten. Aber es waren auch Köche und Arbeiter. Sie hatte man ausgepeitscht, ihre Hosen hingen in Fetzen. Allen hatte man die Hemden abgenommen.

Jemand hatte ihnen ein Symbol auf den Rücken tätowiert, das Egwene nicht erkannte. Zumindest hielt sie es für eine Tätowierung. Womöglich hatte man ihnen die Symbole auch eingebrannt.

Während die Gefangenen versammelt wurden, brüllte jemand in der Nähe. Wenige Minuten später kam ein dunkelhäutiger sharanischer Wächter und zerrte einen Botenjungen mit sich, den er anscheinend in seinem Versteck aufgespürt hatte. Er riss dem Jungen das Hemd vom Körper und stieß ihn schluchzend zu Boden. Seltsamerweise trugen die Sharaner Kleidung, auf deren Rücken diamantförmige Löcher ausgeschnitten waren. Egwene konnte sehen, dass der Wächter ebenfalls ein Zeichen aufwies, eine Tätowierung, die auf seiner dunklen Haut kaum auszumachen war. Seine Kleidung erschien sehr formell, mit einer langen, steifen Robe, die fast bis zu den Knien reichte. Sie war ärmellos, aber darunter trug er ein langärmeliges Hemd mit einem diamantförmigen Ausschnitt.

Ein weiterer Sharaner trat aus der Dunkelheit, und dieser Mann war beinahe nackt. Er trug zerrissene Hosen, aber kein Hemd. Statt einer Tätowierung auf dem Rücken hatte er Tätowierungen auf den Schultern. Sie schlängelten sich seinen Hals hinauf, bevor sie Wangen und Kiefer erreichten. Sie erinnerten an hundert verkrümmte Hände, lange Finger mit Krallen, die seinen Kopf von unten hielten.

Der Mann begab sich zu dem knienden Botenjungen. Die anderen Wächter bewegten sich unruhig; wer auch immer der Kerl war, sie fühlten sich in seiner Nähe nicht wohl. Mit einem hämischen Grinsen streckte er die Hand aus.

Plötzlich brannte auf dem Rücken des Jungen ein Symbol wie bei den anderen Gefangenen. Rauch stieg in die Höhe, der Junge schrie vor Schmerzen auf. Gawyn atmete scharf aus. Der Mann mit den ins Gesicht greifenden Tätowierungen … dieser Mann konnte die Macht lenken.

Mehrere Wächter murrten. Egwene konnte sie beinahe verstehen, aber ihr Akzent war so ausgeprägt. Der Machtlenker knurrte wie ein wilder Hund. Die Wächter traten zurück, und der Machtlenker schlenderte davon und verschwand in den Schatten.

Licht!, dachte Egwene.

Ein Rascheln in der Dunkelheit enthüllte zwei der Frauen in aufwendigen Seidengewändern. Eine hatte hellere Haut, und als Egwene näher hinsah, entdeckte sie, dass das auch für einige der Soldaten galt. Nicht alle Sharaner waren so dunkel wie die, die sie bis jetzt gesehen hatte.

Die Gesichter der Frauen waren sehr schön. Zart. Egwene zuckte zurück. Nach dem zu urteilen, was sie zuvor beobachtet hatte, würden die beiden vermutlich Machtlenker sein. Kamen sie ihr zu nahe, würden sie sie vielleicht wahrnehmen.

Die beiden Frauen musterten die Gefangenen. Im Licht ihrer Laternen konnte Egwene auch die Tätowierungen in ihren Gesichtern erkennen, allerdings waren sie bei Weitem nicht so verstörend wie bei den Männern. Hier handelte es sich um Blätter, die vom Nacken aus nach vorn zum Hals führten, unter den Ohren vorbei weiter zu den Wangen, wo sie sich wie entfaltende Blüten ausbreiteten. Die beiden Frauen tuschelten miteinander, und wieder hatte Egwene den Eindruck, dass sie sie fast verstehen konnte. Wenn sie einen Strang weben konnte, um sie zu belauschen …

Närrin, wies sie sich zurecht. Jedes Machtlenken würde sie das Leben kosten.

Um die Gefangenen versammelten sich noch mehr Leute. Egwene hielt den Atem an. Es wurden immer mehr, erst einhundert, dann vielleicht zweihundert. Sie sprachen nicht viel; diese Sharaner schienen stille, ernste Menschen zu sein. Die meisten trugen Gewänder mit der freien Stelle auf dem Rücken, die ihre Tätowierungen enthüllte. Waren das Statussymbole?