Egwene war davon ausgegangen, dass die Tätowierungen den Rang verkündeten; je ausgefeilter sie waren, umso höher die Stellung. Aber Offiziere – mit ihren befiederten Helmen und Seidenmänteln und goldenen Rüstungen, die aussahen, als hätte man Münzen durch das Loch in ihrer Mitte zusammengenäht, konnten sie eigentlich nichts anderes sein – zeigten nur kleine Öffnungen, die winzige Tätowierungen am Schulteransatz enthüllten.
Sie haben Stücke aus der Rüstung genommen, um die Tätowierungen zu zeigen, dachte sie. Sicherlich kämpften sie doch nicht so entblößt in der Schlacht. So etwas trug man bestimmt nur zu normalen Zeiten.
Die letzten Leute, die sich der Menge anschlossen und nach vorn durchgelassen wurden, waren auch zugleich die seltsamsten. Zwei Männer und eine Frau, die alle wunderschöne Seidenröcke trugen und auf kleinen Eseln ritten; die Tiere waren mit goldenen und silbernen Ketten behängt. Aus dem komplizierten Kopfschmuck breiteten sich fächergleich Federn in kräftigen Farben aus. Sie waren von der Taille an aufwärts nackt, die Frau eingeschlossen, wenn man einmal von den Ketten und dem Schmuck absah, die den größten Teil ihrer Brust bedeckten. Ihre Rücken waren frei und der Nacken ausrasiert. Ihre Arme schienen so schrecklich dünn zu sein, beinahe schon skeletthaft. So zerbrechlich. Was hatte man nur mit ihnen gemacht?
Das alles ergab für Egwene keinen Sinn. Zweifellos waren die Sharaner ein genauso verblüffendes Volk wie die Aiel, möglicherweise sogar noch mehr. Aber warum kommen sie jetzt? Warum haben sie sich nach Jahrhunderten der Isolation ausgerechnet jetzt zu einem Eroberungskrieg entschieden?
Es gab keine Zufälle, jedenfalls nicht in dieser Größenordnung. Sie waren gekommen, um Egwenes Volk anzugreifen, und sie hatten mit den Trollocs zusammengearbeitet. Das rief sie sich ins Gedächtnis zurück. Was auch immer sie hier erfahren würde, es würde von entscheidender Bedeutung sein. Im Augenblick konnte sie ihrer Armee nicht helfen – sie konnte nur beten, dass zumindest einige der Soldaten hatten entkommen können –, also würde sie in Erfahrung bringen, was nur möglich war.
Gawyn stieß sie sanft an. Sie wandte ihm den Kopf zu und spürte seine Sorge um sie.
Jetzt?, hauchte er lautlos und deutete hinter sie. Da alle Aufmerksamkeit auf das gerichtet war, was auch immer dort vorging, konnten sie sich wegschleichen. Leise setzten sie sich in Bewegung.
Eine der sharanischen Machtlenkerinnen rief etwas. Egwene erstarrte. Man hatte sie entdeckt!
Nein. Nein. Sie atmete tief ein und versuchte, ihren Herzschlag zu beruhigen, denn das Herz schien sich einen Weg aus ihrer Brust freistrampeln zu wollen. Die Frau sprach mit anderen. Egwene glaubte, die Worte »es ist vollbracht« aus dem schweren Akzent heraushören zu können.
Die Fremden knieten nieder. Das mit Schmuck behängte Trio neigte die Köpfe. Und dann bog sich die Luft neben den Gefangenen.
Egwene hätte es nicht anders beschreiben können. Sie verdrehte sich und … und schien auseinanderzureißen, verzerrte sich wie an einem heißen Tag über einer Straße. Aus der Verzerrung schälten sich Umrisse: ein hochgewachsener Mann in funkelnder Rüstung.
Er trug keinen Helm, hatte dunkles Haar und helle Haut. Seine Nase war leicht gekrümmt, und er sah ausgesprochen attraktiv aus, vor allem in dieser Rüstung. Sie schien nur aus Silbermünzen zu bestehen, die sich überlappten. Sie waren auf Hochglanz poliert, und sämtliche Gesichter um ihn herum spiegelten sich darin.
»Ihr habt gute Arbeit geleistet«, verkündete der Mann allen, die vor ihm knieten. »Ihr dürft euch erheben.« Seine Stimme wies nur einen Hauch des sharanischen Akzents auf.
Der Mann legte die Hand auf den Schwertknauf an seiner Taille, während die anderen aufstanden. Aus der Dunkelheit kroch eine Gruppe Machtlenker heran. Sie senkten ununterbrochen die Köpfe vor dem Neuankömmling, wie in einer Art Verneigung. Er zog einen seiner Panzerhandschuhe aus, streckte lässig die Hand aus und kraulte einem der Männer den Kopf, so wie es ein Lord vielleicht bei seinem Lieblingshund getan hätte.
»Das sind also die neuen Inacal«, sagte der Mann fragend. »Weiß einer von euch, wer ich bin?«
Die Gefangenen zuckten vor ihm zusammen. Obwohl die Sharaner aufgestanden waren, waren sie schlau genug, auf dem Boden zu bleiben. Keiner von ihnen sagte ein Wort.
»Vermutlich nicht«, sagte der Mann. »Obwohl man sich nie sicher sein kann, ob sich mein Ruhm unerwarteterweise verbreitet hat. Sagt es mir, wenn ihr wisst, wer ich bin. Sprecht es aus, und ich lasse euch frei.«
Keine Reaktion.
»Nun, ihr werdet zuhören und es nie wieder vergessen«, sagte der Mann. »Ich bin Bao, der Wyld. Ich bin euer Erlöser. Durch die Tiefen des Leides bin ich gekrochen und aufgestiegen, um meinen Ruhm zu akzeptieren. Ich bin gekommen, um das zu suchen, was mir genommen wurde. Erinnert euch daran.«
Die Gefangenen kauerten sich noch mehr zusammen, da sie offensichtlich nicht wussten, was von ihnen erwartet wurde. Gawyn zupfte an Egwenes Ärmeln und gestikulierte hinter sich, aber sie bewegte sich nicht. Irgendetwas an diesem Mann …
Plötzlich schaute er auf. Er konzentrierte sich auf die Machtlenkerinnen, dann schaute er sich um und spähte in die Dunkelheit. »Kennt einer von euch Inacal den Drachen?«, fragte er, obwohl er abgelenkt klang. »Sprecht. Verratet es mir.«
»Ich habe ihn gesehen«, sagte einer der gefangenen Soldaten. »Mehrere Male.«
»Hast du mit ihm gesprochen?«, wollte Bao wissen und spazierte von den Gefangenen weg.
»Nein, großer Herr«, sagte der Soldat. »Die Aes Sedai, sie sprachen mit ihm. Ich nicht.«
»Ja. Ich hatte schon befürchtet, dass ihr nutzlos sein würdet«, sagte Bao. »Diener, wir werden beobachtet. Ihr habt dieses Lager nicht so gut durchsucht, wie ihr gesagt habt. Ich spüre in der Nähe eine Frau, die die Macht lenken kann.«
Entsetzen durchfuhr Egwene wie ein Stich. Gawyn zog an ihrem Arm und wollte weg, aber wenn sie jetzt rannten, würden sie auf jeden Fall gefangen genommen. Beim Licht! Sie …
Ein plötzlicher Lärm in der Nähe eines der umgestürzten Zelte ließ alle sich umdrehen. Bao hob eine Hand, und Egwene vernahm in der Dunkelheit einen wütenden Schrei. Augenblicke später schwebte Leane mit weit aufgerissenen Augen gefesselt mit Luft durch die Menge der Sharaner. Bao brachte sie nahe an sich heran und hielt sie mit Geweben fest, die Egwene nicht sehen konnte.
Ihr Herz pochte wie verrückt. Leane war am Leben. Wie hatte sich die Blaue Schwester nur verstecken können? Beim Licht! Was konnte sie nur tun?
»Ah«, sagte Bao. »Eine dieser … Aes Sedai. Du, du hast mit dem Drachen gesprochen?«
Leane antwortete nicht. Sie behielt ihre Miene ausdruckslos, was ausgesprochen tapfer war.
»Eindrucksvoll«, sagte Bao und berührte ihr Kinn. Dann hielt er die andere Hand hoch, und sämtliche Gefangenen wanden sich in Krämpfen und schrien. Flammen schlugen aus ihrem Körper, und ihre gequälten Schreie wurden noch schriller. Als Egwene das beobachtete, musste sie sich mit jeder Faser ihres Seins davon abhalten, nicht nach der Wahren Quelle zu greifen. Als es endlich endete, weinte sie, obwohl sie sich nicht daran erinnern konnte, wann sie damit angefangen hatte.
Die Sharaner scharrten mit den Füßen.
»Seid nicht verärgert«, sagte Bao. »Ich weiß, dass ihr große Mühen auf euch genommen habt, um mir einige lebend zu bringen, aber sie hätten schlechte Inacal abgegeben. Sie sind nicht dementsprechend erzogen worden, und während dieses Krieges fehlt uns die nötige Zeit, um sie auszubilden. Sie jetzt zu töten ist eine Gnade verglichen mit dem, was sie hätten erdulden müssen. Außerdem wird die hier, diese … Aes Sedai unseren Zwecken dienen.«
Leanes Maske hatte einen Sprung erhalten, und Egwene konnte trotz der Entfernung ihren Hass sehen.