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Er wehrte die Fragen ab und ermittelte die Stelle, an der Herzsucherin gesehen worden war. Es war Merrilor.

Perrin versetzte sich dorthin. Hier hing ein seltsamer Nebel über der Landschaft. Die hohen, von Rand gezüchteten Bäume wurden widergespiegelt, und ihre luftigen Kronen ragten daraus hervor.

Zelte wuchsen Pilzhüten gleich aus der Landschaft. Viele Aiel-Zelte, dazwischen funkelten Kochfeuer im Nebel. Das Lager stand lange genug, um sich im Wolfstraum zu manifestieren, auch wenn sich die Eingangsplanen ständig veränderten und Bettzeug in der substanzlosen Art dieses Ortes flackerte.

Perrin führte Gaul vorbei an ordentlichen Zeltreihen und pferdelosen Pferdeseilen. Beide erstarrten, als sie einen Laut hörten. Jemand murmelte etwas. Perrin benutzte den Trick, den er Lanfear abgeschaut hatte, und erschuf eine Falte aus … was auch immer um sich herum, das unsichtbar war, aber jeden Laut verschluckte. Es war seltsam, aber es gelang ihm, indem er eine luftlose Barriere erschuf. Warum sollte das jeden Laut verschlucken?

Sie schlichen weiter. Vor ihnen erhob sich das Zelt von Rodel Ituralde, einem der Großen Hauptmänner, wie das Banner verkündete. Darin stöberte eine Frau in Hosen in auf dem Tisch liegenden Dokumenten herum. Ständig lösten sie sich in ihren Fingern auf.

Perrin erkannte sie nicht, auch wenn sie schrecklich hässlich war. Das hätte er mit Sicherheit von keiner der Verlorenen erwartet; nicht diese riesige Stirn, die Knollennase, die ungleichmäßigen Augen oder das schüttere Haar. Ihre Flüche sagten ihm nichts, allerdings verriet ihm der Tonfall, worum es ging.

Gaul sah ihn an, und Perrin griff nach seinem Hammer, zögerte dann aber. Den Schlächter anzugreifen war eine Sache, aber eine der Verlorenen? Er vertraute auf seine Fähigkeit, hier im Wolfstraum allen möglichen Geweben widerstehen zu können. Trotzdem …

Wieder fluchte die Frau, als die Seite, die sie las, einfach verschwand. Dann schaute sie auf.

Perrin reagierte augenblicklich. Er erschuf eine papierdünne Mauer zwischen ihnen, ihre Seite war mit einer genauen Kopie der Landschaft hinter ihm bemalt, seine Seite war durchsichtig. Die Frau schaute ihn direkt an, sah ihn aber nicht, und wandte sich ab.

Neben ihm stieß Gaul einen sehr leisen Seufzer der Erleichterung aus. Wie habe ich das denn gemacht?, fragte sich Perrin. Das hatte er nie geübt; es war einfach bloß richtig erschienen.

Herzsucherin – es konnte nur sie sein – schwenkte die Finger, und über ihr teilte sich das Zelt in zwei Hälften, und die Zeltplane baumelte nach unten. Sie flog einfach in die Luft nach oben auf den schwarzen Sturm zu.

Perrin flüsterte Gaul zu: »Warte hier und halte nach Gefahren Ausschau!«

Gaul nickte. Vorsichtig folgte Perrin Herzsucherin, schwang sich mit einem Gedanken in die Luft. Er versuchte eine weitere Mauer zwischen sich und ihr zu formen, aber es war einfach zu schwierig, während des Fluges das richtige Bild hinzubekommen. Stattdessen hielt er Abstand und schob eine braungrüne Wand zwischen sich und die Verlorene und hoffte, dass sie die kleine Unregelmäßigkeit einfach übersehen würde, falls sie nach unten zum Boden schaute.

Nun bewegte sie sich schneller, und Perrin zwang sich, mit ihr Schritt zu halten. Er schaute nach unten und wurde mit dem magenumdrehenden Anblick von Merrilors Landschaft belohnt, die immer kleiner wurde. Dann wurde sie dunkel und verschwand in der Finsternis.

Sie passierten die Wolken nicht. Als der Boden verschwand, galt das auch für die Wolken, und sie kamen zu einem schwarzen Ort. Plötzlich erschienen überall um Perrin herum stecknadelkopfgroße Lichter. Die Frau vor ihm hielt inne und hing ein paar Momente in der Luft, bevor sie nach rechts weitereilte.

Perrin verfolgte sie wieder und färbte sich schwarz, um nicht aufzufallen – Haut, Kleidung, alles. Die Frau näherte sich einem der winzigen Lichter, bis es immer größer wurde und den Himmel vor ihr dominierte.

Herzsucherin streckte die Hände aus und drückte sie gegen das Licht. Sie murmelte irgendetwas zu sich selbst. Von dem drängenden Gefühl angetrieben, dass er unbedingt hören musste, was sie da sagte, bewegte sich Perrin näher an sie heran, obwohl er befürchtete, das laute Pochen seines Herzens würde ihn verraten.

»… mir wegnehmen?«, sagte sie. »Glaubst du, das interessiert mich? Gib mir das Gesicht eines zertrümmerten Steins. Das ist mir doch egal. Das bin nicht ich. Ich werde deinen Platz einnehmen, Moridin. Er wird mir gehören. Dieses Gesicht wird lediglich dafür sorgen, dass mich alle unterschätzen. Sei verflucht.«

Perrin runzelte die Stirn. Ihre Worte ergaben für ihn nicht viel Sinn.

»Lasst sie von euren Heeren überrennen, ihr Narren«, murmelte sie weiter. »Ich werde den größeren Sieg davontragen. Ein Insekt kann tausend Beine haben, aber es hat nur einen Kopf. Zerstöre den Kopf, und der Tag gehört dir. Du schneidest ihm bloß die Beine ab, du dämlicher Narr. Dämlicher, arroganter, unerträglicher Narr. Ich bekomme, was mir zusteht, ich …«

Sie stockte und fuhr herum. Erschrocken versetzte sich Perrin sofort zurück zum Boden. Glücklicherweise funktionierte es – dort oben am Ort der Lichter hatte er nicht gewusst, ob es funktionieren würde. Gaul zuckte zusammen, und Perrin holte tief Luft. »Lass uns …«

Ein Feuerball krachte neben ihm in den Boden. Fluchend rollte Perrin sich ab, kühlte sich mit einem Windstoß und dachte sich den Hammer in die Hand.

Eingehüllt in eine Machtlohe, landete Herzsucherin auf dem Boden, Energie wogte aus ihr. »Wer bist du?«, verlangte sie zu wissen. »Wo bist du? Ich …«

Plötzlich konzentrierte sie sich auf Perrin und sah ihn zum ersten Mal, da die Dunkelheit aus seiner Kleidung gewichen war. »Du!«, kreischte sie. »Daran bist nur du schuld!«

Sie hob die Hände; ihre Augen schienen förmlich vor Hass zu glühen. Trotz des stürmischen Windes konnte Perrin das Gefühl riechen. Sie schleuderte einen glühend heißen Lichtstrahl, aber Perrin lenkte ihn um sich herum.

Die Frau starrte ihn ungläubig an. Das taten sie immer. War ihnen denn nicht klar, dass hier nichts real war, außer man verlieh ihm durch seine Gedanken Realität? Perrin verschwand, erschien hinter ihr und hob den Hammer. Dann zögerte er. Eine Frau?

Schreiend fuhr sie herum und ließ den Boden unter seinen Füßen explodieren. Er sprang in den Himmel, und die Luft um ihn herum versuchte, ihn zu ergreifen – aber er tat einfach das, was er schon zuvor getan hatte, erschuf einen Wall aus Nichts. Es gab keine Luft mehr, die ihn packen konnte. Den Atem anhaltend verschwand er und erschien wieder auf dem Boden, schichtete Erdwälle vor sich auf, um die Feuerkugeln aufzuhalten, die in seine Richtung flogen.

»Ich wollte dich tot sehen!«, kreischte die Frau. »Du solltest tot sein! Meine Pläne waren perfekt!«

Perrin verschwand und ließ eine Statue von sich zurück. Er erschien neben dem Zelt, wo Gaul mit erhobenem Speer vorsichtig wartete. Perrin erschuf eine Mauer zwischen ihnen und der Frau, bemalte sie, um sie zu verstecken, und machte eine Barriere, um ihre Stimmen zu verbergen.

»Jetzt kann sie uns nicht mehr hören«, sagte er.

»Du bist hier sehr stark«, meinte Gaul nachdenklich. »Sehr stark. Wissen das die Weisen Frauen?«

»Verglichen mit ihnen bin ich ein Welpe«, sagte Perrin.

»Vielleicht. Ich habe sie hier nicht erlebt, und sie sprechen mit Männern nicht über diesen Ort.« Er schüttelte den Kopf. »Viel Ehre, Perrin Aybara. Du hast viel Ehre.«

»Ich hätte sie einfach niederschlagen sollen«, sagte Perrin, während Herzsucherin die Statue von ihm zerstörte, sich dann zu ihr begab und verwirrt aussah. Hektisch drehte sie sich um und suchte weiter.

»Ja«, gab Gaul ihm recht. »Ein Krieger, der eine Tochter nicht schlagen will, ist ein Krieger, der ihr die Ehre verweigert. Natürlich wäre es eine viel größere Ehre für dich, wenn du …«