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»Man erwartet von mir, dass ich Zuversicht verbreite«, rief sie den Männern zu. »Aber das kann ich nicht! Ich werde euch also nicht sagen, dass das Land überleben wird, dass das Licht obsiegt. Denn das wäre unverantwortlich.

Das hier ist unsere Pflicht! Unser Blut, das an diesem Tag vergossen werden wird. Wir sind hergekommen, um zu kämpfen. Tun wir das nicht, dann wird das Land sterben! Das Licht wird dem Schatten zum Opfer fallen. Heute ist kein Tag für leere Versprechungen. Unser Blut! Unser Blut ist das Feuer in uns. Heute muss uns unser Blut antreiben, um den Schatten zu vernichten!«

Sie wendete das Pferd. Die Männer hatten den Blick von der Finsternis über ihnen abgewandt und auf sie gerichtet. Hoch am Himmel über ihr webte sie ein Licht und zog damit ihre Aufmerksamkeit auf sich.

»Unser Blut ist unsere Leidenschaft«, rief sie. »Viel zu oft höre ich von meinen Truppen, dass es um Widerstand geht. Wir können nicht einfach bloß Widerstand leisten! Wir müssen ihnen unseren Zorn über das zeigen, was sie getan haben. Wir müssen nicht bloß Widerstand leisten. Heute müssen wir vernichten.

Unser Blut ist unser Land. Dieser Ort gehört uns, und wir beanspruchen ihn! Für unsere Väter und Mütter, für unsere Kinder.

Unser Blut ist unser Leben. Wir sind gekommen, um es zu geben. Überall auf der Welt werden andere Heere zurückgedrängt. Wir ziehen uns nicht zurück. Es ist unsere Aufgabe, unser Blut zu geben, beim Vorstoß zu sterben. Wir halten nicht still, nein!

Wenn wir das Licht zurückhaben wollen, dann müssen wir es uns nehmen! Wir müssen es uns zurückholen und den Schatten vertreiben! Er will euch verzweifeln lassen, er will diese Schlacht gewinnen, bevor sie überhaupt begonnen hat. Diese Genugtuung geben wir ihm aber nicht! Wir werden dieses Heer vor uns vernichten, dann vernichten wir das Heer hinter uns. Und dann bringen wir unser Blut, unser Leben, unser Feuer, unsere Leidenschaft, zu den anderen Kämpfern. Von dort wird es sich zum Sieg und zum Licht ausbreiten!«

Sie vermochte ehrlich nicht zu sagen, wie die Soldaten ihre Ansprache aufnehmen würden. Sie hatte sämtliche großartigen Reden vor einer Schlacht gelesen, vor allem jene, die die Königinnen von Andor gehalten hatten. Als sie noch jünger gewesen war, hatte sie sich vorgestellt, dass die Soldaten klatschten und jubelten – wie man einen Gaukler in einer lauten Schenke belohnte.

Stattdessen salutierten die Männer mit den Waffen. Gezogene Schwerter und Piken hoben sich, dann stießen sie auf den Boden. Einige Aiel stießen Jubel aus, aber die Andoraner sahen sie mit ernsten Blicken an. In ihnen hatte sie keine Aufregung geweckt, aber Entschlossenheit. Das erschien als ehrlicheres Gefühl. Sie achteten nicht auf die Dunkelheit am Himmel und richteten den Blick auf den Feind.

Birgitte trat an ihr Pferd heran. »Das war wirklich gut. Wann hast du die Rede geändert?«

Elayne errötete und dachte an die sorgfältig vorbereitete Rede, die sie sich vergangene Nacht eingeprägt hatte, während sie sie Birgitte ein halbes Dutzend mal vorgelesen hatte. Es war ein prächtiges Werk gewesen, hatte viele Königinnen der Vergangenheit zitiert.

Als die Dunkelheit gekommen war, hatte sie jedes einzelne Wort davon vergessen. Stattdessen waren ihr diese Worte in den Sinn gekommen.

»Komm«, sagte sie und warf einen Blick über die Schulter. Die Trollocs rückten an. »Ich muss mich auf Position begeben.«

»Welche Position?«, fragte Birgitte. »Du meinst, dass du zum Befehlszelt zurückwillst.«

»Dort gehe ich nicht hin«, verkündete Elayne und wendete Mondschatten.

»Blut und verdammte Asche, das wirst du doch! Ich …«

»Birgitte«, fauchte Elayne. »Hier habe ich den Befehl, und du bist meine Soldatin. Du wirst gehorchen.«

Birgitte zuckte zurück, als hätte man sie geschlagen.

»Bashere befiehlt im Befehlszelt«, sagte Elayne. »Ich gehöre zu den wenigen starken Machtlenkerinnen, über die dieses Heer verfügt, und ich lasse mich eher vierteilen, bevor ich diesen Kampf aussitze. Auf diesem Schlachtfeld bin ich mehr als tausend Soldaten wert.«

»Die Kinder …«

»Selbst wenn Min nicht diese Vision gehabt hätte, würde ich trotzdem kämpfen. Glaubst du, dass die Kinder dieser Soldaten nicht in Gefahr sind? Viele von ihnen stehen auf dieser Stadtmauer! Wenn wir hier versagen, wird man sie abschlachten. Nein, ich werde mich nicht von der Gefahr fernhalten, und nein, ich werde mich nicht hinsetzen und abwarten. Und wenn du glaubst, dass es deine Pflicht als Behüterin ist, mich aufzuhalten, dann werde ich diesen Bund auf der Stelle verflucht noch mal lösen und dich zu jemand anderem schicken! Ich verbringe die Letzte Schlacht nicht auf einem Feldbett und trinke Ziegenmilch!«

Birgitte verstummte, und der Bund verriet Elayne, wie schockiert sie war. »Licht«, sagte sie schließlich, »ich werde dich nicht aufhalten. Aber bist du wenigstens damit einverstanden, dich von den ersten Pfeilsalven fernzuhalten? Du kannst uns besser helfen, wenn der Feind geschwächt ist.«

Elayne erlaubte ihrer Behüterin und ihren Leibwächtern, sie nach hinten auf einen Hügel neben Aludras Drachen zu bringen. Talmanes, Aludra und ihre Mannschaften warteten mit noch größerer Besorgnis als die regulären Truppen. Auch sie waren erschöpft, hatten aber während der Kämpfe im Wald und beim Rückzug wenig beitragen können. Heute war ihre Gelegenheit, zu zeigen, was sie vermochten.

Basheres Plan war so komplex, wie Elayne noch nie zuvor einen gesehen hatte. Die Masse des Heeres ging fast eine Meile nördlich vor der Stadt in Stellung, jenseits der Ruinen vom Vortor außerhalb der Stadtmauern. Die Linien begannen östlich am Ufer des Alguenya, verliefen über den Hügel, der abwärts zur Zugangsstraße zum Jangai-Tor führte, und dann weiter bis zu den Ruinen des Gildenhauses der Feuerwerker.

Reihen Fußsoldaten – hauptsächlich Andoraner und Cairhiener, aber auch einige Ghealdaner und Weißmäntel – bildeten einen Halbmond vor der Frontlinie. Auf dem Hügel hinter den Fußsoldaten hatte man sechs Schwadronen Drachen aufgebaut.

Die Trollocs würden die Stadt nicht erreichen können, ohne vorher dieses Heer zu besiegen. An einer Flanke wartete Estean mit der Kavallerie der Bande, während die Geflügelten Wachen von Mayene die andere Seite deckten. Der Rest der Kavallerie blieb in Reserve.

Geduldig wartete Elayne und sah zu, wie sich die feindlichen Horden vorbereiteten. Ihre größte Sorge bestand darin, dass sie einfach dort abwarteten, bis ihre Verstärkung aus dem Süden eingetroffen war, um die Menschen dann gleichzeitig von zwei Seiten anzugreifen. Glücklicherweise kam es nicht dazu – anscheinend hatten sie den Befehl erhalten, die Stadt zu erobern.

Basheres Kundschafter hatten berichtet, dass das zweite Heer etwas mehr als einen Tagesmarsch entfernt war und selbst mit großen Anstrengungen erst spät am morgigen Tag eintreffen konnte. So viel Zeit hatte Elayne, um das Heer aus dem Norden zu besiegen.

Kommt schon, dachte sie. Bewegt euch endlich.

Schließlich setzten sich die Tiermenschen in Bewegung. Bashere und Elayne zählten darauf, dass sie ihre übliche Taktik benutzten: eine immense Überzahl und brutale Gewalt. Und tatsächlich stürmten sie in einer großen Masse heran. Sie wollten die Verteidiger überwältigen und ihre Linien zerschlagen.

Elaynes Truppen rührten sich nicht, denn sie wussten, was nun kam. Die Drachen brüllten auf, als würden zahllose Hämmer in genau dem gleichen Augenblick zuschlagen. Elayne befand sich gut hundert Schritte von ihnen entfernt, und trotzdem verspürte sie den Drang, sich die Ohren zuzuhalten. Über den Drachen bildeten sich dichte weiße Rauchschwaden.

Die ersten paar Schüsse landeten zu kurz, aber Aludra und ihre Männer benutzten sie dazu, um die Entfernung zu ermitteln. Danach fielen die Eier genau zwischen die Trollocs, zerschmetterten ihre Reihen und schleuderten sie in die Luft. Tausende Körper stürzten auf den scharlachroten Boden. Zum ersten Mal verspürte Elayne so etwas wie Furcht vor den Waffen.