Beim Licht, Birgitte hatte die ganze Zeit recht, dachte sie und stellte sich vor, wie ein Sturmangriff auf eine befestigte Stellung aus Drachen aussehen würde. Normalerweise konnte sich ein Mann im Krieg zumindest auf eine Sache verlassen: dass er seine Fertigkeiten mit denen des Feindes messen würde. Schwert gegen Schwert. Schattengezücht war schlimm genug. Wie würde es sein, wenn sich Menschen dieser Art Macht stellen mussten?
Wir sorgen dafür, dass das nicht passiert, versprach sie sich. Rand hatte recht gehabt, ihnen den Drachenfrieden aufzuzwingen.
Die Drachenmänner waren gut ausgebildet, und die Nachladezeiten waren beeindruckend kurz. Jeder von ihnen verschoss drei Salven, bevor die Trollocs die Frontlinien erreichten. Elayne hatte den Austausch der Pfeile nicht beobachtet – dafür war sie viel zu sehr auf die Drachen konzentriert gewesen –, aber jetzt sah sie, dass ein Teil ihrer Linien mit schwarzen Pfeilen gespickt war und Männer blutend am Boden lagen.
Die Trollocs krachten in die vordere Reihe aus Armbrustmännern und Pikenträgern, die bereits zurückfielen, um den Hellebardenmännern Platz zu machen. Keiner setzte Schwerter und Keulen gegen Trollocs ein, zumindest nicht, solange es sich vermeiden ließ.
»Dann wollen wir mal«, sagte Elayne und trieb Mondschatten an.
Birgitte folgte ihr; Elayne konnte die zögernde Resignation der Frau spüren. Sie verließen den Hügel, passierten ein paar Reserveeinheiten und betraten das Schlachtfeld.
Rodel Ituralde hatte beinahe schon vergessen, wie es war, adäquate Mittel zur Verfügung zu haben.
Es war schon einige Zeit her, dass er Legionen und volle Banner Bogenschützen befohlen hatte. Dieses eine Mal waren seine Männer nicht halb verhungert, und Heiler, Pfeilmacher und gute Schmiede standen bereit, um seine Truppen und die Ausrüstung in der Nacht wieder zusammenzuflicken. Was für ein Wunder es doch war, um etwas zu bitten – ganz egal, wie ungewöhnlich es auch sein mochte – und es oft innerhalb einer Stunde geliefert zu bekommen.
Trotzdem würde er verlieren. Er stand zahllosen Trollocs gegenüber, Dutzenden von Schattenlords und sogar einigen der Verlorenen. Er hatte seine Streitkräfte in dieses Tal ohne Ausgang gebracht und das Juwel der Länder des Dunklen Königs an sich gerissen – seine Fußbank, den Schwarzen Berg. Und jetzt war die Sonne selbst erloschen, obwohl die Aes Sedai behaupteten, dass das vorübergehen würde.
Ituralde paffte seine Pfeife, während er sein Pferd den Felskamm entlanglenkte, der das Tal im Norden eingrenzte. Ja, er würde verlieren. Aber mit diesen Möglichkeiten würde er es wenigstens stilvoll tun.
Er folgte dem Kamm und erreichte eine Stelle über dem Pass nach Thakan’dar. Das Tal tief im Herzen des Verdorbenen Landes verlief von Osten nach Westen, und der Shayol Ghul stieg an der westlichen Seite empor, während sich der Pass im Osten befand. Dieser Aussichtspunkt war nur nach stundenlanger Kletterei zu erreichen – oder mit einem schnellen Schritt durch ein Wegetor. So ein Tor war wirklich praktisch. Perfekt, um seine Verteidigung zu betrachten.
Der Pass nach Shayol Ghul ähnelte einer spaltenförmigen Schlucht, deren Oberseite von Osten nicht zugänglich war, solange man nicht über Wegetore verfügte. Mit einem Tor konnte er dort oben hinauf und in die Schlucht blicken, die vielleicht gerade breit genug war, damit fünfzig Männer Schulter an Schulter hindurchmarschieren konnten. Ein perfekter Flaschenhals. Und er konnte hier oben Bogenschützen aufstellen, um auf alles zu schießen, was durch den Pass kam.
Endlich brannte sich die Sonne wie ein Tropfen geschmolzener Stahl aus der Dunkelheit. Die Aes Sedai hatten also recht gehabt. Trotzdem wogten die schwarzen Gewitterwolken wieder heran, als wollten sie den ganzen Himmel verschlingen.
Da sich der Shayol Ghul im Verdorbenen Land befand, war die Luft kalt genug, dass Ituralde einen wollenen Winterumhang trug, und sein Atem bildete weiße Wölkchen. Nebel hing über dem Tal, war nun allerdings spärlicher als zuvor, als die Schmiedeöfen noch arbeiteten.
Er verließ den Passausgang und kehrte zu der Gruppe zurück, die ihn begleitet hatte. Windsucherinnen und andere hochrangige Vertreter vom Meervolk standen dort in langen Mänteln, die sie sich mit der üblichen Wucherei besorgt hatten, bevor sie nach Norden gekommen waren. Darunter lugte bunte Kleidung hervor. Zusammen mit dem vielen Schmuck im Gesicht bildete sie einen seltsamen Kontrast zu den braunen Mänteln.
Ituralde war ein Domani. Oft genug hatte er mit dem Meervolk zu tun gehabt; wenn sie sich in der Schlacht auch nur als halb so hartnäckig wie bei Verhandlungen erwiesen, war er in der Tat froh, sie dabeizuhaben. Sie hatten darauf bestanden, ihn auf den Kamm zu begleiten, damit sie sich das Tal und den Pass ansehen konnten.
Die Frau, die ganz vorn stand, war die Herrin der Schiffe höchstpersönlich, Zaida din Parede Schwarze Schwinge. Von eher kleinem Wuchs, hatte sie schwarze Haut und graue Strähnen in dem kurz geschnittenen schwarzen Haar. »Die Windsucherinnen haben eine Nachricht für Euch, Rodel Ituralde«, verkündete sie. »Der Angriff hat begonnen.«
»Der Angriff?«
»Der Sturmbringer«, sagte Zaida und schaute zum Himmel, wo die dunklen Wolken wogten. »Der Vater aller Stürme. Er würde Euch mit der Kraft seines Zorns vernichten.«
»Eure Leute kommen damit zurecht, oder?«
»Die Windsucherinnen sind ihm bereits mit der Macht der Schale der Winde entgegengetreten«, sagte Zaida. »Wäre das nicht so, hätte er uns bereits alle mit Sturmwinden vernichtet.«
Noch immer beobachtete sie den Himmel, so wie viele ihrer Gefährten. Er hatte nur hundert Angehörige des Meervolks dabei, die Windsucherinnen nicht mit eingerechnet. Größtenteils kümmerten sie sich um den Nachschub und brachten Pfeile, Vorräte und andere Ausrüstung zu den vier Fronten. Vor allem schienen sie sich für die Dampfwagen zu interessieren, obwohl der Grund dafür Ituralde verborgen blieb. Die Dinger konnten keinem Pferdegespann das Wasser reichen. »Sie bedrängen den Dunklen König, Windstoß für Windstoß«, sagte Zaida. »Wir werden über diesen Tag singen.« Sie richtete den Blick wieder auf Ituralde. »Ihr müsst den Coramoor beschützen«, sagte sie dann streng, als wollte sie ihn rügen.
»Ich trage meinen Teil dazu bei«, erwiderte Ituralde und ritt weiter. »Seht zu, dass Ihr Euren leistet.«
»Diese Abmachung ist vor langer Zeit besiegelt worden, Rodel Ituralde«, rief sie ihm hinterher.
Er nickte und ritt weiter den Kamm entlang. Männer auf Wachtposten salutierten ihm. Nun, zumindest diejenigen unter ihnen, die keine Aiel waren. Er hatte viele Aiel hier oben, wo sie ihre Bögen einsetzen konnten. Den größten Teil seiner Tairener hatte er unten im Tal stationiert, wo Piken und Stangenwaffen den größten Nutzen hatten. Sie würden den Weg zum Shayol Ghul versperren.
In der Ferne ertönte ein Horn der Aiel; ein Signal von einem Kundschafter. Die Trollocs hatten den Pass betreten. Es war so weit.
Er galoppierte den Kamm entlang in Richtung Tal, gefolgt von anderen Kommandanten und König Alsalam. Als er die Stelle erreicht hatte, an der er seinen bevorzugten Wachtposten errichtet hatte, ein günstiger Aussichtspunkt, von dem er meilenweit in den Pass blicken konnte, zog er sein Fernrohr hervor.
Dort bewegten sich Schatten. Wenige Augenblicke später konnte er die Horden erkennen, die zu blinder Wut gepeitscht heranstürmten. Einen Augenblick lang war er wieder in Maradon und sah zu, wie seine Männer einer nach dem anderen fielen – gute Männer. Wie sie auf der Hügelfestung überrannt, in den Straßen der Stadt zu Boden geworfen wurden. Die Explosion an der Mauer.
Eine verzweifelte Tat nach der anderen. Wie er so viele Feinde tötete, wie er konnte, wie ein brüllender Mann auf Wölfe einschlug, die ihn in Stücke rissen, und hoffte, mindestens einen mit in die ewige Dunkelheit zu nehmen.