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Für Egwene hing alles davon ab, dass sich die Seanchaner an der Schlacht beteiligten und die Machtlenker der Sharaner angriffen. Ihr drehte sich der Magen um. Sie hatte einmal gehört, dass in Caemlyn skrupellose Männer halb verhungerte Hunde in Gruben warfen und dann darauf wetteten, wer den Kampf überleben würde. Das hier kam ihr genauso vor. Die seanchanischen Damane waren keine freien Frauen; sie konnten sich nicht aussuchen, ob sie kämpfen wollten. Und was die Machtlenker der Sharaner anging, diese Männer waren ihr fast schon wie Tiere vorgekommen.

Sie hätte mit jedem Atemzug gegen die Seanchaner kämpfen sollen und sich nicht mit ihnen verbünden. Jeder ihrer Instinkte begehrte dagegen auf, als sie sich der Versammlung der Seanchaner näherte. Ihre Anführerin verlangte eine Audienz mit Egwene. Mochte das Licht dafür sorgen, dass es schnell vorüber war.

Egwene hatte Berichte über diese Fortuona erhalten, also wusste sie, was zu erwarten war. Die zierliche Kaiserin von Seanchan stand auf einer wenige Fuß hohen Plattform und betrachtete die Schlachtvorbereitungen. Sie trug ein funkelndes Gewand, dessen lächerlich lange Schleppe von acht Da’covale getragen wurde, diesen Dienern in dieser schrecklich unanständigen Kleidung. Verschiedene Angehörige des Blutes standen in Gruppen beisammen und warteten in sorgfältigen Posen. Totenwächter in ihrer beinahe schwarzen Rüstung standen wie Felsblöcke um die Kaiserin aufgereiht.

Egwene trat näher, bewacht von ihren eigenen Soldaten und dem größten Teil des Saales der Burg. Natürlich hatte Fortuona zuerst darauf bestanden, dass Egwene sie in ihrem Lager besuchte. Und genauso selbstverständlich hatte Egwene das abgelehnt. Es hatte Stunden gedauert, eine Einigung zu erzielen. Beide würden an diesen Ort in Arafel kommen, und beide würden eher stehen als sitzen, damit keine den Eindruck erwecken konnte, die andere zu überragen. Trotzdem ärgerte es Egwene, dass die Frau bereits auf sie wartete. Sie hatte dieses Treffen so arrangieren wollen, dass sie beide gleichzeitig eintrafen.

Fortuona wandte sich von dem Schauspiel der Soldaten ab und blickte Egwene entgegen. Es hatte den Anschein, als wären viele von Siuans Berichten falsch. Sicherlich wirkte Fortuona mit dieser zierlichen Gestalt und den zarten Gesichtszügen kindlich. Aber damit hörten die Ähnlichkeiten auch schon auf. Kein Kind auf der Welt hatte einen so scharfen und berechnenden Blick. Egwene erkannte, dass ihre Erwartungen sie getäuscht hatten. Sie hatte sich Fortuona als verwöhnte Heranwachsende vorgestellt, das Ergebnis eines behüteten Lebens.

»Ich habe darüber nachgedacht«, ergriff Fortuona das Wort, »ob es wohl angebracht ist, persönlich mit Euch zu sprechen, mit meiner eigenen Stimme.«

Einige Angehörige des seanchanischen Blutes – diese Leute mit den bemalten Fingernägeln und teilweise rasierten Schädeln – keuchten auf. Egwene ignorierte sie. In unmittelbarer Nähe der Adligen standen mehrere Pärchen Sul’dam und Damane. Auf keinen Fall durfte sie sich von ihnen ablenken lassen, sonst gewann womöglich ihr Temperament die Oberhand.

»Ich habe selbst darüber nachgedacht, ob es wohl angebracht ist, mit einer wie Euch zu sprechen«, sagte Egwene, »die so schreckliche Gräueltaten angerichtet hat.«

»Ich habe entschieden, dass ich mit Euch spreche«, fuhr Fortuona fort und ignorierte die Bemerkung. »Ich glaube, dass es für den Augenblick besser sein dürfte, Euch nicht als Marath’Damane zu betrachten, sondern als Königin der Bevölkerung dieses Landes.«

»Nein«, widersprach Egwene. »Ihr werdet mich als das ansehen, was ich bin, Frau. Das verlange ich.«

Fortuona schürzte die Lippen. »Also gut«, sagte sie dann. »Ich habe schon zuvor mit Damane gesprochen; sie auszubilden war eines meiner Steckenpferde. Euch so zu betrachten verstößt nicht gegen das Protokoll, denn die Kaiserin darf zu ihren Lieblingsschoßtieren sprechen.«

»Dann werde ich Euch ebenfalls direkt ansprechen«, sagte Egwene, ohne auch nur eine Miene zu verziehen. »Denn die Amyrlin hält bei vielen Gerichtsverfahren den Vorsitz als Richterin. Sie muss in der Lage sein, mit Mördern und Vergewaltigern zu sprechen, um das Urteil über sie zu fällen. Ich schätze, Ihr würdet Euch in ihrer Gesellschaft wohlfühlen, obwohl ich vermute, dass sie Euch für widerwärtig halten würden.«

»Ich sehe, das wird eine schwierige Allianz.«

»Habt Ihr etwas anderes erwartet?«, fragte Egwene. »Ihr haltet meine Schwestern gefangen. Was die Seanchaner ihnen angetan haben, ist schlimmer als Mord. Ihr habt sie gefoltert, ihren Willen gebrochen. Ich wünschte beim Licht, ihr hättet sie stattdessen einfach umgebracht.«

»Ich kann nicht erwarten, dass eine wie Ihr die Notwendigkeit dessen versteht, was getan werden muss«, sagte Fortuona und schaute wieder auf das Schlachtfeld hinaus. »Ihr seid Marath’Damane. Für Euch ist es ganz … natürlich, Eure eigenen Ziele zu verfolgen, so wie Ihr sie versteht.«

»In der Tat ist es natürlich«, sagte Egwene leise. »Darum bestehe ich auch darauf, dass Ihr mich seht, wie ich bin, denn ich repräsentiere den unumstößlichen Beweis, dass Eure Gesellschaft und das Kaiserreich auf Lügen aufgebaut sind. Hier stehe ich, eine Frau, bei der Ihr darauf beharrt, dass man sie für das Allgemeinwohl an die Leine legen muss. Und doch zeige ich keine der wilden oder gefährlichen Neigungen, die ich Euch zufolge angeblich habe. Solange ich frei von Eurem Kragen bin, beweise ich jedem Mann und jeder Frau, dass Ihr eine Lügnerin seid.«

Die Seanchaner murmelten. Fortuona behielt ihre kühle Miene bei.

»Ihr wärt bei uns so viel glücklicher«, sagte sie dann.

»Ach, wäre ich das?«

»Ja. Ihr sprecht davon, dass der Kragen hassenswert ist, aber würdet Ihr ihn tragen, würdet Ihr das Leben viel friedlicher finden. Wir foltern unsere Damane nicht. Wir sorgen für sie und erlauben ihnen ein Leben voller Privilegien.«

»Ihr wisst es nicht, oder?«

»Ich bin die Kaiserin«, sagte Fortuona. »Meine Herrschaft erstreckt sich über die Ozeane, und die Reiche, die unter meinem Schutz stehen, umfassen alles, was die Menschheit weiß und denkt. Falls es Dinge gibt, die ich nicht weiß, dann wissen sie die Untertanen meines Kaiserreichs, denn ich bin das Kaiserreich.«

»Wie schön«, erwiderte Egwene. »Und ist Eurem Kaiserreich klar, dass ich einen Eurer Kragen trug? Dass ich einst von Euren Sul’dam ausgebildet wurde?«

Fortuona erstarrte, dann betrachtete sie Egwene entsetzt. Allerdings hatte sie sich augenblicklich wieder in der Gewalt.

»Ich war in Falme«, fuhr Egwene fort. »Eine Damane, die von Renna ausgebildet wurde. Ja, ich trug Euren Kragen, Frau. Ich fand damit keinen Frieden. Ich fand nur Qualen, Demütigungen und Entsetzen.«

»Warum weiß ich davon nichts?«, fragte Fortuona laut und drehte sich um. »Warum hat mir keiner von Euch das gesagt?«

Egwene warf einen Blick auf den versammelten seanchanischen Adel. Fortuona schien vor allem einen Mann anzusprechen, einen Mann in kostbarer schwarzer und goldener Kleidung, die mit weißem Spitzenbesatz abgesetzt war. Auf einem Auge trug er eine passende schwarze Augenklappe, und die Fingernägel beider Hände waren dunkel lackiert und …

»Mat?«, stotterte Egwene.

Er winkte halbherzig und sah peinlich berührt aus.

O beim Licht. Worauf hat er sich denn da schon wieder eingelassen? Fieberhaft ging sie in Gedanken verschiedene Möglichkeiten durch. Mat spielte die Rolle eines seanchanischen Adligen. Also durften sie nicht wissen, wer er wirklich war. Konnte sie etwas anbieten, um ihn im Gegenzug zu retten?