Sie würde sie trotzdem anführen.
27
Beschuss aus den eigenen Reihen
Gareth Bryne schritt durch das Lager, das er auf der arafelischen Seite mehrere Hundert Schritte von der kandorischen Grenze östlich der Furt aufgebaut hatte, und ignorierte Soldaten, die ihm salutieren wollten. Siuan eilte neben ihm her, auf der anderen Seite übergaben Boten Berichte. Ihnen folgte ein Schwarm aus Wächtern und Dienern, die Karten, Tinte und Papier trugen.
Der ganze verfluchte Ort erzitterte von den Explosionen der Macht. Schrecklicher Lärm und Unheil … als befände man sich mitten in einem Bergsturz.
Der Rauchgestank störte ihn nicht länger. Er durchdrang alles. Wenigstens hatte man einige Feuer löschen können; diese seanchanischen Machtlenkerinnen hatten sich am Fluss formiert und lenkten Wasserströme.
Ein Gestell mit Stangenwaffen kippte lärmend zu Boden, als ein Gewebe der Einen Macht einschlug. Bryne stolperte, Erde sprühte ihm und Siuan entgegen. Steinchen prasselten gegen seinen Helm und Harnisch.
»Redet weiter, Mann«, fauchte er Holcom an, den Boten.
»Äh, ja, mein Lord.« Der dürre Mann hatte ein Pferdegesicht. »Die Aes Sedai auf den Hügeln Rot, Grün und Blau halten alle stand. Die Grauen sind zurückgefallen, und die Weißen berichten, dass sie die Kräfte verlassen.«
»Die anderen Aes Sedai werden ebenfalls müde«, sagte Siuan. »Ich bin nicht überrascht, dass die Weißen das als Erste zugeben. Für sie ist das nichts, weswegen man sich schämen muss, sondern lediglich eine weitere Tatsache.«
Bryne grunzte und ignorierte den nächsten Erdregen, der auf sie niederging. Er musste in Bewegung bleiben. Der Schatten hatte jetzt zu viele Wegetore. Sie würden versuchen, bei seinem Kommandoposten zuzuschlagen. Das würde jedenfalls er an ihrer Stelle tun. Dieser Strategie begegnete man am besten dadurch, keinen Kommandoposten zu haben, zumindest keinen, der leicht zu finden war.
Zog man alles in Betracht, verlief die Schlacht nach Plan. Manchmal war das eine Überraschung, wenn das auf einem Schlachtfeld geschah, auf dem man eigentlich damit rechnete, bei jeder Wendung mit seiner Taktik wieder von vorn anfangen zu müssen – aber dieses eine Mal war alles glattgegangen.
Von den Hügeln südlich der Furt schlugen Aes Sedai auf die Sharaner ein, unterstützt von einem stetigen Geschosshagel von Bogenschützen, die unter ihnen auf den Hängen stationiert waren. Aus diesem Grund konnte der Befehlshaber des Schattens – Demandred persönlich – seine Truppen nicht gegen die Verteidiger am Fluss konzentrieren. Er konnte seine Truppen auch nicht gegen die Aes Sedai einsetzen – sie würden ihnen einfach durch Reisen aus dem Weg gehen –, also würde er sich nur Blößen geben, wenn er sie dort mit aller Kraft vorrücken ließ, und nur wenig erreichen. Stattdessen hatte er seine Streitkräfte geteilt und die Trollocs von seiner rechten Flanke aus zu den Hügeln geschickt. Sie würden schwere Verluste erleiden, aber er würde die Aes Sedai bedrängen. Die Sharaner brachte er nach vorn, um die Masse der Truppen der Weißen Burg am Fluss in einen Kampf zu verwickeln.
Die Seanchaner beanspruchten den größten Teil der Aufmerksamkeit der feindlichen Machtlenker. Trotzdem hielt das einige der Sharaner nicht davon ab, Feuer quer über den Fluss auf Brynes Lager zu schleudern. Es war sinnlos, sich vor einem möglichen Treffer zu fürchten. Hier war er genauso sicher wie an jedem anderen Ort, es sei denn, er hätte sich in die Weiße Burg zurückgezogen. Die Vorstellung konnte er nicht ertragen, irgendwo in Sicherheit in einem Raum zu sitzen, Meilen vom Schlachtfeld entfernt.
Licht, dachte er. So werden Befehlshaber vermutlich in der Zukunft arbeiten. Eine sichere Kommandoposition, die allein durch Wegetore zu erreichen ist. Aber ein General musste die Strömungen eines Schlachtfeldes fühlen. Das konnte er nicht, wenn er meilenweit entfernt war.
»Wie kommen die Pikenmänner auf den Hügeln voran?«, wollte er wissen.
»Sehr gut, mein Lord«, sagte Holcom. »So gut, wie es zu erwarten ist, wenn man stundenlang die Trollocs abgewehrt hat.« Auf jedem Hügel hatte Bryne auf halber Höhe Verteidigungslinien aus Pikenhaufen aufgebaut; jeder Trolloc, der es schaffte, diesen Kordon zu durchbrechen, konnte von den Bogenschützen in der Höhe erschossen werden, ohne dass die Arbeit der Aes Sedai oben auf dem Kamm gestört werden musste. »Aber die Piken, die die Roten Ajah auf dem mittleren Hügel verteidigen, brauchen bald Verstärkung; beim letzten Sturmangriff haben sie viele Männer verloren.«
»Sie müssen noch eine Weile durchhalten. Die Roten sind bösartig genug, um sich um jeden Trolloc zu kümmern, der die Pikenformation durchbricht.« Zumindest hoffte er das. Eine Explosion zerstörte ein Zelt in der Nähe. »Was ist mit den Bogenschützenschwadronen dort oben?« Bryne trat eine Hellebarde aus dem Weg.
»Einige haben nur noch wenige Pfeile, mein Lord.«
Nun, da konnte er nicht viel tun. Er blickte zur Furt, aber dort herrschte Verwirrung. Es widerte ihn an, so nahe am Kampf zu sein und trotzdem nicht zu wissen, wie es um seine Truppen stand.
»Weiß jemand Genaueres darüber, was an der Furt passiert?«, brüllte er und wandte sich seinen Adjutanten zu. »Ich kann da nichts erkennen, bloß eine Masse Körper und diese Feuerbälle, die hin und her fliegen und uns alle blenden!«
Holcom erbleichte. »Diese seanchanischen Frauen lenken die Macht, als steckte ihnen ein glühend heißes Eisen … ich meine, sie machen es den Sharanern sehr schwer, mein Lord. Unsere linke Flanke hat viele Verluste erlitten, aber jetzt scheint sie sich bewundernswert zu wehren.«
»Habe ich dort nicht Joni den Befehl über die Lanzenreiter übergeben?«
»Hauptmann Shagrin ist tot, mein Lord«, meldete ein anderer Bote und trat vor. Er hatte einen frischen Schnitt auf dem Kopf. »Ich komme gerade von dort.«
Verflucht! Nun, Joni hatte immer in der Schlacht fallen wollen. Bryne ließ sich seinen Kummer nicht anmerken. »Wer befiehlt dort jetzt?«
»Uno Nomesta«, sagte der Bote. »Als Joni fiel, hielt er uns zusammen, aber er schickt die Warnung, dass sie schwer bedrängt werden.«
»Beim Licht, Nomesta ist nicht einmal Offizier!« Trotzdem hatte er seit Jahren schwere Kavallerie ausgebildet, und vermutlich gab es keinen besseren Mann im Sattel als ihn. »Also gut, geht zurück und sagt ihm, dass ich ihm Verstärkung schicke.«
Bryne wandte sich wieder Holcom zu. »Geht zu Hauptmann Denhold und lasst ihn seine Reserveschwadron Kavallerie über die Furt schicken, um unsere linke Flanke zu stärken. Wollen wir mal sehen, was diese Illianer tun können! Wir dürfen diesen Fluss nicht verlieren!«
Die Boten eilten los. Ich muss etwas unternehmen, um diese Aes Sedai zu entlasten. Er brüllte: »Annah, wo steckt Ihr?«
Zwei Soldaten, die sich in der Nähe unterhielten, wurden zur Seite gestoßen, als eine stämmige junge Frau – eine ehemalige Karawanenwächterin und jetzt Fußsoldatin und Botin für General Bryne – sich ihren Weg bahnte. »Mein Lord?«
»Annah, geht und bittet dieses kaiserliche Ungeheuer von seanchanischer Anführerin, ob sie wohl so freundlich wäre, uns ein paar ihrer verdammten Kavalleristen auszuborgen.«
»In genau diesen Worten?«, fragte Annah und salutierte mit einem Lächeln auf den Lippen.
»Wenn Ihr das tut, Mädchen, werfe ich Euch über eine Klippe und lasse Yukiri Sedai ein paar ihrer neuen Sturzgewebe an Euch ausprobieren. Geht!«
Die Botin grinste, dann rannte sie in Richtung Reisegelände.
Siuan musterte ihn. »Du wirst mürrisch.«
»Du hast einen guten Einfluss auf mich«, fauchte er und blickte auf, als ein Schatten über sie hinwegflog. Er griff nach dem Schwert, erwartete einen neuen Schwarm Draghkar zu sehen. Stattdessen war es nur eine dieser fliegenden Bestien aus Seanchan. Ein Feuerball fegte die Kreatur vom Himmel. Sie wirbelte um die eigene Achse, schlug mit den brennenden Flügeln. Bryne fluchte und sprang zurück, als das monströse Tier direkt ein Stück voraus auf dem Weg aufschlug, wo die Botin Annah lief. Der Tierkadaver rollte über sie hinweg und krachte in eines der Nachschubzelte, das mit Soldaten und Quartiermeistern gefüllt war. Der Reiter des Raken schlug einen Augenblick später auf dem Boden auf.