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Bryne fasste sich und sprang vor, duckte sich in die Masse aus Zelttuch und Stangen, die den Weg bedeckte. Zwei seiner Leibwächter fanden einen Soldaten, der zur Hälfte unter dem Flügel der toten Kreatur begraben lag, und zogen ihn heraus. Siuan kniete nieder und holte ihr Angreal aus dem Beutel, um ihn zu Heilen.

Bryne begab sich zu der gestürzten Annah. Die tote Bestie hatte sie zerquetscht, als sie über sie gerollt war. »Verflucht!« Er verdrängte jeden Gedanken an die Tote, um zu entscheiden, was er jetzt machen sollte. »Ich brauche jemanden, der zu den Seanchanern geht!«

Von seinem Gefolge waren nur noch zwei Wächter und ein Sekretär im Lager. Er brauchte die Seanchaner, um mehr Kavalleristen zu bekommen; ihn beschlich das Gefühl, dass eine Menge davon abhängen würde, die Aes Sedai auf den Hügeln zu beschützen. Schließlich war die Amyrlin dort oben bei ihnen.

»Anscheinend müssen wir selbst gehen«, sagte er und wandte sich von Annahs Leiche ab. »Siuan, bist du stark genug, um mit diesem Angreal ein Wegetor zu weben?«

Sie erhob sich und verbarg ihre Erschöpfung, aber er konnte sie sehen. »Das kann ich, aber es wird so klein sein, dass wir durchkriechen müssen. Ich kenne diese Gegend nicht gut genug. Wir müssen zurück in die Lagermitte.«

»Verdammt!«, sagte Bryne und drehte sich um, als eine Reihe von Explosionen vom Fluss ertönte. »Dafür haben wir keine Zeit.«

»Ich kann gehen und noch ein paar Boten besorgen«, sagte ein Leibwächter. Der andere half dem Soldaten, den Siuan Geheilt hatte. Der Mann stand auf wackeligen Beinen.

»Ich weiß nicht, ob es noch Boten gibt«, sagte Bryne. »Gehen wir …«

»Ich gehe.«

Ganz in der Nähe stand Min Farshaw vom Boden auf und staubte sich ab. Bryne hatte ganz vergessen, dass er sie einem der Nachschubregimenter als Sekretärin zugeteilt hatte.

»Sieht nicht so aus, als würde ich in der nächsten Zukunft hier irgendwelche Listen führen«, sagte Min und betrachtete das eingestürzte Zelt. »Ich kann genauso schnell laufen wie Eure Boten. Was soll ich tun?«

»Findet die seanchanische Kaiserin«, sagte Bryne. »Ihr Lager ist ein paar Meilen nördlich von hier auf der arafelischen Seite. Geht zum Reisegelände, dort wird man wissen, wo man Euch hinschicken muss. Sagt der Kaiserin, dass sie mir Kavallerie schicken muss. Unsere Reserven sind erschöpft.«

»Ich erledige das«, versicherte Min.

Sie war keine Soldatin. Nun, manchmal hatte es den Anschein, als wäre die Hälfte seiner Armee vor wenigen Wochen noch keine Soldaten gewesen. »Geht«, sagte er, dann lächelte er. »Die heutigen Arbeitsstunden ziehe ich von denen ab, die Ihr mir noch schuldet.«

Sie errötete. Hatte sie etwa geglaubt, er würde eine Frau ihren Eid vergessen lassen? Es war ihm egal, in welchen Kreisen sie sich bewegte. Ein Eid war ein Eid.

Min rannte durch die hinteren Reihen des Heeres. Das Lager hatte neue Zelte und Karren aus den Nachschublagern in Tar Valon oder Tear bekommen, um jene zu ersetzen, die während des ersten Angriffs der Sharaner zerstört worden waren. Sie erwiesen sich als Hindernisse, die sie auf dem Weg zum Reisegelände umgehen musste.

Das Gelände bestand aus einer Reihe mit Seilen abgesperrter Rechtecke, auf deren Boden man nummerierte Bretter ausgelegt hatte. Vier Frauen mit grauen Stolen unterhielten sich mit gedämpften Stimmen, während eine von ihnen ein Wegetor für einen mit Pfeilen beladenen Nachschubkarren aufhielt. Die stumpfsinnigen Ochsen schauten nicht einmal auf, als ein kometenähnlicher Feuerball in der Nähe einschlug und glühende rote Steine in die Luft und auf einen Stapel Bettrollen schleuderte, die sofort zu qualmen anfingen.

»Ich muss zur seanchanischen Armee«, sagte Min zu den Grauen. »Befehl von Lord Bryne.«

Eine der Grauen Schwestern, Ashmanaille, sah sie an. Sie registrierte Mins Hosen und Locken, dann runzelte sie die Stirn. »Elmindreda? Süße, was macht Ihr denn hier?«

»Süße?«, fragte eine der anderen. »Sie ist doch eine der Sekretärinnen, nicht wahr?«

»Ich muss zur seanchanischen Armee«, wiederholte Min und keuchte von ihrem Lauf. »Befehl von Lord Bryne.«

Dieses Mal schienen sie sie gehört zu haben. Eine der Frauen seufzte. »Platz vier?«, fragte sie.

»Drei, meine Liebe«, sagte Ashmanaille. »Auf vier müsste sich jetzt jeden Augenblick ein Tor aus Illian öffnen.«

»Drei«, sagte die erste Schwester und winkte Min herüber. Ein kleines Wegetor zerschnitt die Luft. »Alle Boten kriechen«, bemerkte sie. »Wir müssen unsere Kräfte einteilen; die Wegetore werden so klein wie möglich gewebt.«

Ist das vernünftig?, dachte Min ärgerlich und lief zu dem kleinen Loch. Sie ließ sich auf Hände und Knie fallen und kroch hinein.

Sie kam auf einen Kreis aus Gras, das man verbrannt hatte, um die Stelle zu markieren. In der Nähe standen zwei seanchanische Wächter mit quastenverzierten Speeren, deren Gesichter unter insektenhaften Helmen verborgen lagen. Min stand auf und setzte sich in Bewegung, aber einer der Männer hob die Hand.

»Ich bin eine Botin von General Bryne«, sagte sie.

»Neue Boten warten hier«, sagte einer der Wächter.

»Es ist dringend!«

»Neue Boten warten hier.«

Eine weitere Erklärung erhielt sie nicht, also trat sie aus dem schwarzen Kreis – für den Fall, dass ein weiteres Wegetor geöffnet wurde –, verschränkte die Arme und wartete. Von hier aus konnte sie den Fluss sehen; an seinem Ufer erstreckte sich ein großes Militärlager. Die Seanchaner werden in dieser Schlacht einen großen Unterschied machen. Es sind so viele. Hier war sie weit vom Kampf entfernt, ein paar Meilen nördlich von Brynes Lager, aber immer noch nahe genug, um die Lichtblitze sehen zu können, wenn die Machtlenker tödliche Gewebe schleuderten.

Sie ertappte sich dabei, wie sie unruhig wurde, also zwang sie sich dazu, still dazustehen. Die Explosionen des Machtlenkens klangen wie dumpfe Schläge. Sie ertönten nach den Blitzen. Als würde es bei einem Gewitter nach den Blitzeinschlägen donnern. Warum nur?

Eigentlich ist das nicht wichtig. Sie brauchte Kavallerie für Bryne. Wenigstens tat sie etwas. Die vergangene Woche hatte sie überall angepackt, wo man Hilfe brauchte. Es war überraschend, wie viel es in einem Kriegslager abgesehen vom Kampf zu tun gab. Die Arbeit war nicht speziell für sie gedacht gewesen, aber es war immer noch besser, als in Tear zu sitzen und sich um Rand zu sorgen … oder auf ihn wütend zu sein, weil er ihr verboten hatte, nach Shayol Ghul zu gehen.

Du wärst dort nur eine Belastung gewesen, sagte sie sich. Und das weißt du auch. Er konnte nicht zugleich die Welt retten und sie vor den Verlorenen beschützen. Manchmal fiel es schwer, sich in einer Welt der Machtlenker wie Rand, Elayne und Aviendha nicht bedeutungslos vorzukommen.

Sie betrachtete die Wächter. Bei einem schwebte ein Bild über seinem Kopf. Ein blutiger Stein. Er würde von einem hohen Felsen stürzen und sterben. Es schien Jahrzehnte her zu sein, dass sie das letzte Mal etwas Hoffnungsfrohes über jemandes Kopf gesehen hatte. Tod, Zerstörung, Symbole der Furcht und der Dunkelheit.

»Und wer ist sie?«, fragte eine mit einem starken seanchanischen Akzent behaftete Stimme. Eine Sul’dam war gekommen, eine ohne Damane. Die Frau hielt einen A’dam und klopfte den Silberkragen gegen die andere Hand.

»Neue Botin«, sagte der Wächter. »Sie ist noch nie durch das Wegetor gekommen.«

Min holte tief Luft. »Mich schickt General Bryne …«