»Ich habe noch genug Kraft«, erwiderte sie. »Das Sa’angreal habe ich benutzt, um mich nicht zu sehr verausgaben zu müssen. Die Männer, die dort in diesem Abschnitt kämpfen, müssen mich sehen, und ich muss dort hingehen, wo ich am meisten bewirken kann. Ich werde so viele Leibwächter mitnehmen, wie ihr für richtig haltet.«
Gawyn zögerte, warf Leilwin einen Blick zu und nickte dann.
Lan stieg vom Pferd und reichte Andere die Zügel, dann eilte er an den Wachen vorbei zum Befehlszelt. Die Anwesenden schienen überrascht zu sein, ihn und seine Leibwächter, von denen viele blutverschmiert waren, zu sehen. Das Zelt war kaum mehr als ein Unterstand, der nach allen Seiten offen war. Soldaten eilten hinein und hinaus wie Ameisen in ihren Hügel. In Shienar herrschte große Hitze. Von den anderen Fronten hatte Lan in letzter Zeit keine Berichte erhalten, aber er hatte gehört, dass er heute nicht der Einzige war, der verzweifelt war. Elayne kämpfte vor Cairhien; die Amyrlin an der Grenze zu Arafel.
Mochte das Licht dafür sorgen, dass sie besser vorankamen als er. Im Zelt hatte Agelmar überall um sich herum Karten auf dem Boden ausgebreitet und zeigte mit einem dünnen Stab darauf und schob kleine farbige Steine hin und her, während er seine Befehle gab. Die besten Schlachtpläne waren in dem Augenblick hinfällig, in dem die erste Klinge gezogen wurde, aber ein guter General konnte Schlachten formen wie ein Töpfer seinen Lehm, erkannte die natürlichen Bewegungen seiner Soldaten und setzte sie dementsprechend ein.
»Lord Mandragoran?«, fragte Agelmar und schaute auf. »Licht, Mann! Ihr seht aus wie die Fäule. Wart Ihr schon zum Heilen bei einer Aes Sedai?«
»Mir geht es gut«, erwiderte Lan. »Wie verläuft unsere Schlacht?«
»Ich bin zuversichtlich. Falls wir eine Möglichkeit finden, diese Schattenlords ein oder zwei Stunden aufzuhalten, dann haben wir wahrhaftig eine Chance, die Trollocs zurückzuschlagen.«
»Sicherlich nicht«, erwiderte Lan. »Es sind zu viele.«
»Es geht hier nicht um Zahlen«, behauptete Agelmar, winkte Lan zu sich und zeigte auf eine Karte. »Lan, da gibt es etwas, das nur wenige Männer wirklich begreifen. Heere können oft scheitern, obwohl sie von überlegener Zahl sind, auf dem Feld Vorteile haben und ihre Aussichten auf einen Sieg überragend sind.
Als Feldherr fängt man irgendwann an, sich ein Heer als Gestalt vorzustellen. Eine riesige Bestie mit Tausenden Gliedmaßen. Das ist ein Fehler. Jedes Heer setzt sich aus Männern zusammen – oder in diesem Fall Trollocs –, von denen jeder im Feld steht und Angst hat. Beim Soldatentum geht es darum, seine Angst im Zaum zu behalten. Das Tier in einem will einfach nur entkommen.«
Lan ging in die Hocke und betrachtete die Schlachtpläne. Größtenteils stellte sich die Situation so dar, wie er sie gesehen hatte, allerdings hatte Agelmar die leichte saldaeanische Kavallerie auf der Karte noch immer an der Ostflanke. Ein Fehler? Lan hatte sich selbst davon überzeugt, dass sie sich nicht länger dort befand. Hätten Läufer Agelmar nicht längst die Botschaft überbringen müssen, dass die Karte nicht mehr stimmte? Oder lenkte er sie irgendwie davon ab, es zu bemerken?
»Lan, heute zeige ich Euch etwas«, sagte Agelmar leise. »Ich zeige Euch, was der geringste Mann auf dem Kasernenhof lernen muss, wenn er überleben will. Man kann den überlegenen Feind brechen, wenn man ihn davon überzeugen kann, dass er sterben wird. Schlagt ihn fest genug, und er wird die Flucht ergreifen und nicht zurückkehren, um erneut getroffen zu werden – selbst wenn man insgeheim zu schwach ist, um ihn noch einmal zu schlagen.«
»Das ist also Euer Plan?«, fragte Lan. »Heute?«
»Die Trollocs werden nachgeben, wenn wir ihnen unsere Überlegenheit auf eine Weise vor Augen führen, die ihnen Angst einjagt. Ich weiß, dass es funktionieren kann. Ich hoffe, dass wir die Anführer dieser Schattenlords zur Strecke bringen können. Wenn die Trollocs überzeugt sind, dass sie verlieren, laufen sie davon. Es sind feige Bestien.«
Agelmars Worte klangen einleuchtend. Vielleicht sah Lan ja nicht das Gesamtbild. Vielleicht überstieg das Genie des Großen Hauptmanns die Vorstellungskraft geringerer Männer. War es richtig von ihm gewesen, den Befehl, die Bogenschützen zu verlegen, zu widerrufen?
Der Bote, den er losgeschickt hatte, kam zurück zum Befehlsstand galoppiert. Einer von Lans Hohen Gardisten begleitete ihn; der Mann hielt sich den Arm, in dem ein Pfeil mit schwarzer Befriedung steckte. »Eine riesige Streitmacht Schattengezücht!«, verkündete der Bote. »Sie kommt aus dem Osten! Dai Shan, Ihr hattet recht!«
Sie wussten, dass sie diesen Weg nehmen müssen, dachte Lan. Sie können unmöglich einfach bemerkt haben, dass wir uns dort eine Blöße geben, nicht, wo dieser Hügel ihre Sicht versperrt. Das geschah zu schnell. Man muss es dem Schatten gesagt haben, oder er wusste, womit er rechnen muss. Er blickte Agelmar an.
»Unmöglich!«, rief Agelmar. »Was hat das zu bedeuten? Warum haben die Kundschafter das nicht bemerkt?«
»Lord Agelmar«, erwiderte einer seiner Befehlshaber. »Ihr habt die Späher im Osten zurückgeschickt, um den Fluss zu erkunden, erinnert Ihr Euch nicht? Sie sollten für uns die Stelle für den Übergang überprüfen. Ihr sagtet, die Bogenschützen würden …« Der Mann wurde blass. »Die Bogenschützen!«
»Die Bogenschützen sind noch auf ihrem Posten«, sagte Lan und erhob sich. »Ich will, dass die Frontlinien sich zurückziehen. Zieht die Saldaeaner vom Kampf ab; sie sollen sich bereithalten, den Fußsoldaten dabei zu helfen, sich vom Kampfgeschehen zu lösen. Zieht die Asha’man zurück. Wir brauchen Wegetore.«
»Lord Mandragoran«, sagte Agelmar. »Diese neue Entwicklung können wir uns zunutze machen. Wenn wir uns auseinanderziehen und sie dann zwischen uns zerschmettern, können wir …«
»Ihr seid von Euren Pflichten entbunden, Lord Agelmar«, sagte Lan, ohne den Mann anzusehen. »Und leider muss ich darauf bestehen, dass Ihr unter Bewachung steht, bis ich herausgefunden habe, was passiert ist.«
Im Befehlszelt wurde es ganz still, als sich jeder Bote, Helfer und Offizier Lan zuwandte.
»Also wirklich, Lan«, protestierte Agelmar. »Das klingt ja beinahe so, als ließet Ihr mich verhaften.«
»Das tue ich auch«, sagte Lan und gab den Hohen Gardisten einen Wink. Sie betraten das Zelt und nahmen Aufstellung, damit niemand entkommen konnte. Einige von Agelmars Männern griffen nach den Waffen, aber die meisten wirkten bloß verwirrt und legten nur die Hände auf die Schwertgriffe.
»Das ist ungeheuerlich!«, rief Agelmar. »Seid kein Narr. Das ist nicht der Augenblick …«
»Was soll ich Eurer Meinung nach tun?«, brüllte Lan. »Euch diese Armee in Grund und Boden führen lassen? Uns dem Schatten ausliefern? Warum tut Ihr das? Warum?«
»Eure Vorgehensweise ist übertrieben«, erwiderte der Lord und beherrschte sich mit offensichtlicher Anstrengung. »Was denkt Ihr Euch nur dabei? Licht!«
»Warum habt Ihr die Bogenschützen von den östlichen Hügeln abgezogen?«
»Weil ich sie andernorts brauchte!«
»Und das ergibt einen Sinn?«, verlangte Lan zu wissen. »Habt Ihr mir nicht gesagt, dass es von entscheidender Bedeutung ist, diese Flanke zu beschützen?«
»Ich …«
»Ihr habt auch die Kundschafter von dieser Position abgezogen. Warum?«
»Sie … Ich …« Agelmar hob die Hand an die Stirn und sah verwirrt aus. Er schaute auf den Schlachtplan am Boden, und seine Augen weiteten sich.
»Was stimmt mit Euch nicht, Agelmar?«, fragte Lan drängend.
»Ich weiß es nicht«, erwiderte der Mann. Er blinzelte, starrte die Karte zu seinen Füßen an. Dann zeichnete sich Entsetzen auf seinen Zügen ab; er riss die Augen auf, öffnete den Mund. »O Licht! Was habe ich getan?«
»Gebt meine Befehle weiter!«, sagte Lan zu seiner Hohen Garde. »Bringt Lord Baldhere ins Befehlszelt. Und Königin Ethenielle und König Easar.«
»Lan, bringt unbedingt die …« Agelmar verstummte. »Licht! Ich kann es nicht aussprechen. Ich denke an das, was zu tun ist, und dann kommen in meinem Kopf die falschen Gedanken! Ich versuche noch immer, uns zu sabotieren. Ich habe uns zum Untergang verurteilt.« Er riss das Kurzschwert aus der Scheide.