Mat senkte das Fernrohr. Er rieb sich das Kinn, rückte den Hut zurecht und legte sich den Ashandarei auf die Schulter. »Gebt mir fünf Minuten«, sagte er und trieb Pips zum Galopp den Hügel hinunter an. Er hoffte, dass Tuon ihn in Frieden ließ. Und das tat sie auch dieses eine Mal, obwohl … als er den Fuß des Hügels erreichte, konnte er sich vorstellen, wie sie ihn mit ihrem neugierigen Ausdruck in den Augen beobachtete. Was er auch tat, sie schien es interessant zu finden.
Mat galoppierte am Fluss entlang zu Tylees Stellung. Explosionen schmerzten in seinen Ohren und machten deutlich, dass er sich dem Herz der Schlacht näherte.
Er lenkte Pips nach links und ritt direkt zu der auf und ab gehenden Generalin. »Tylee, Ihr vom Licht geblendete Närrin! Warum sitzt Ihr hier herum, statt Euch nützlich zu machen?«
»Hoheit«, sagte Tylee und fiel auf die Knie, »man befahl uns, hier zu warten, bis man uns holt.«
»Wer befahl Euch das? Und steht auf.«
»General Bryne, Hoheit«, sagte sie und erhob sich wieder. Die Wut in ihrem Tonfall blieb ihm nicht verborgen, aber ihre Miene zeigte keinerlei Regung. »Er sagte, wir seien nur eine Reservetruppe und dass wir unter gar keinen Umständen hier wegreiten sollten, bevor er den Befehl dazu gibt. Er sagte, dass viele Leben davon abhängen. Aber Ihr könnt es ja selbst sehen«, sagte sie und zeigte zum Fluss, »die Schlacht verläuft nicht gut.«
Mat hatte sich viel zu sehr auf Tylee konzentriert, um zu sehen, was auf der anderen Seite des Wassers vor sich ging, aber jetzt ließ er den Blick seines einen Auges über das Feld schweifen.
Während sich die Damane noch immer gegen die gegnerischen Machtlenker behaupten konnten, befanden sich die regulären Truppen in einer schlimmen Lage. Flussabwärts war die Verteidigung an Brynes linker Flanke völlig zusammengebrochen, und die Soldaten wurden von den Sharanern niedergemacht.
Wo steckte die Kavallerie? Sie sollte die Flanken beschützen. Und genau wie Mat vorhergesagt hatte, waren die sharanischen Bogenschützen vorgerückt und beschossen Brynes Kavallerie auf der rechten Flanke. Es war, als würde man einen Pickel ausdrücken wollen, und Brynes Truppen waren der Pickel, der bald platzen würde.
»Das ergibt doch alles verflucht noch mal keinen Sinn«, knurrte Mat. »Er macht daraus eine immer größere Katastrophe. Wo ist der General jetzt, Tylee?«
»Das kann ich nicht sagen, Hoheit. Ich lasse nach ihm suchen, aber bis jetzt bekam ich noch keine Rückmeldung. Aber ich habe Berichte erhalten, dass unsere Seite südlich von hier einen schweren Rückschlag erhielt. Direkt unterhalb der Hügel an der Grenze sind zwei von General Brynes Kavallerieeinheiten ausgelöscht worden. Angeblich hat man sie dorthin geschickt, damit sie die Marath’Damane auf den Hügeln entsetzen.«
»Blut und verdammte Asche.« Mat dachte über das Gehörte nach. »Also gut, Tylee, wir können hier nicht länger herumstehen und warten. Wir tun jetzt Folgendes. Bannergeneral Makoti soll mit dem Zweiten Banner direkt in der Mitte vorrücken. Er muss sich seinen Weg um unsere dort kämpfenden Truppen herum freikämpfen und diese Sharaner zurückdrängen. Ihr nehmt das Dritte Banner und schwenkt herum zur rechten Flanke; schaltet diese Bogenschützen und jeden anderen Ziegenküsser aus, der Euch im Weg steht. Ich führe das Erste Banner zur linken Flanke herüber und flicke diese Verteidigung. Bewegt Euch, Tylee!«
»Ja, Hoheit. Aber sicherlich wollt Ihr doch nicht so nahe ans Kampfgeschehen heran?«
»Doch, das werde ich. Und jetzt bewegt Euch, Tylee!«
»Bitte, darf ich demütig einen Vorschlag machen, Hoheit? Ihr seid ungeschützt; lasst mich Euch wenigstens eine vernünftige Rüstung besorgen.«
Mat dachte einen Augenblick lang nach, dann musste er zugestehen, dass ihr Vorschlag vernünftig war. Da dort draußen überall Pfeile herumschwirren und mit Schwertern herumgefuchtelt wird, könnte jemand verletzt werden. Tylee rief einen ihrer Senioroffiziere heran, der ungefähr die gleiche Größe wie Mat hatte. Sie ließ den Mann die Rüstung ausziehen, die außerordentlich farbig war. Sich überlappende Platten waren grün, golden und rot lackiert und an den Rändern silbern bemalt. Der Offizier blinzelte verwirrt, als Mat ihm im Gegenzug seinen Mantel reichte und sagte, dass er ihn am Ende des Tages im selben Zustand zurückzubekommen erwartete. Mat legte die Rüstung an, die seine Brust, die Hinterseiten der Arme und die Vorderseiten der Oberschenkel bedeckte, und sie fühlte sich ganz bequem an. Aber als der Offizier seinen Helm hinhielt, ignorierte Mat ihn und richtete lediglich seinen breitkrempigen Hut, während er sich Tylee zuwandte.
»Hoheit, noch eine Sache, die Marath’Damane …«
»Ich kümmere mich selbst um diese Machtlenker«, erwiderte Mat.
Sie starrte ihn an, als hätte er den Verstand verloren. Verdammte Asche, vermutlich stimmte das sogar.
»Hoheit!«, sagte Tylee. »Die Kaiserin …« Sie verstummte, als sie Mats Gesichtsausdruck sah. »Lasst uns wenigstens nach ein paar Damane schicken, die Euch beschützen.«
»Ich kann selbst auf mich aufpassen, vielen herzlichen Dank. Diese verdammten Frauen würden mir bloß im Weg stehen.« Er grinste. »Seid Ihr bereit, Tylee? Ich möchte das hier wirklich gern erledigt haben, bevor es Zeit für meinen Schlummertrunk Ale ist.«
Tylee fuhr auf dem Absatz herum und rief: »Aufgesessen!« Licht, sie hatte ein Paar ordentliche Lungen. Tausende Hinterteile trafen ihre Sättel und produzierten ein sattes Klatschen, das quer durch die Legion hallte, und jeder Soldat saß in Habtachtstellung da, die Augen geradeaus. Eines musste er den Seanchanern lassen – sie bildeten verdammt gute Soldaten aus.
Tylee bellte eine Reihe Befehle, dann wandte sie sich wieder Mat zu und sagte: »Auf Euren Befehl, Hoheit.«
Mat rief: »Los caba’drin!« Die wenigsten der hier Versammelten verstanden die Worte, und doch wussten sie instinktiv, dass es »Reiter vorwärts!« hieß.
Mit über dem Kopf erhobenen Ashandarei führte Mat Pips in das Wasser, gefolgt vom Bodengrollen das Ersten Banners, das die Reihen um ihn schloss. Die dröhnenden seanchanischen Signalhörner hinter ihm bliesen zum Angriff; der Ton eines jeden Horns unterschied sich leicht vom nächsten, was einen grellen, dissonanten Laut hervorrief, der über große Entfernungen gehört werden sollte. Der Lärm ließ die Soldaten der Weißen Burg über die Schulter blicken, und in den Sekunden, die Mat und die Seanchaner brauchten, um die Furt zu überqueren, stürzten Soldaten aus dem Weg, um den Reitern Platz zu machen.
Die Seanchaner scherten ein kurzes Stück nach links aus und befanden sich unversehens mitten in der sharanischen Kavallerie, die sich ihren Weg durch Egwenes Fußsoldaten gebahnt hatte. Die Schnelligkeit ihres Vorstoßes versetzte die seanchanische Vorhut in die Lage, hart in die Sharaner hineinzustoßen, und ihre gut ausgebildeten Pferde stiegen genau in dem Moment kurz auf die Hinterbeine, bevor sie den Feind mit den Vorderbeinen trafen. Sharaner und ihre Reittiere stürzten, und viele von ihnen wurden zertrampelt, als die seanchanische Kavallerie ihren gnadenlosen Vorstoß fortführte.
Die Sharaner schienen zu wissen, was sie zu tun hatten, aber es handelte sich bei ihnen um schwere Kavallerie, die mit beschwerlicher Rüstung bepackt und mit langen Lanzen ausgerüstet war. Perfekt, um Fußsoldaten zu töten, die mit dem Rücken zur Wand standen, aber auf so engem Raum waren sie gegen eine äußerst bewegliche leichte Kavallerie eindeutig im Nachteil.
Das Erste Banner war eine Eliteeinheit, die ein großes Arsenal Waffen benutzte, und sie war dazu ausgebildet, in kleinen Gruppen zusammenzuarbeiten. Von den vorderen Reitern mit tödlicher Treffsicherheit geschleuderte Speere stachen in die Visiere der Sharaner, und eine überraschende Anzahl landete in den dahinter befindlichen Gesichtern. Ihnen folgten Reiter, die Bihänder mit gekrümmten Klingen schwangen und auf die verletzbare Stelle zwischen Helm und Brustpanzer zielten oder auf die genauso verletzbare Brust der gepanzerten sharanischen Schlachtrosse einschlugen und ihre Reiter so zu Boden warfen. Andere Seanchaner setzten gekrümmte Stangenwaffen ein, um Sharaner aus dem Sattel zu zerren, während die ihnen zugeteilten Gefährten mit stachelbewehrten Streitkolben auf den Gegner einschlugen und seine Rüstung so sehr verbeulten, dass seine Bewegungen erheblich eingeschränkt waren. Und wenn die Sharaner am Boden lagen und mühsam aufzustehen versuchten, stürzten sich die Stecher auf sie, leicht bewaffnete Seanchaner, deren Aufgabe darin bestand, die Visiere der Gestürzten nach oben zu reißen und schmale Dolche in entblößte Augen zu rammen. Unter diesen Bedingungen waren die Lanzen der Sharaner nutzlos – tatsächlich behinderten sie nur, und viele Sharaner starben, bevor sie die Lanzen fallen lassen und Schwerter ziehen konnten.