Androl lächelte breit und streckte die Arme nach vorn, als stützte er sich gegen eine Mauer. Er schloss die Augen. »Vor dreitausend Jahren erschuf der Lord Drache den Drachenberg, um seine Schande zu verbergen. Sein Zorn brennt noch immer heiß. Heute … bringe ich ihn Euch, Euer Majestät.«
Ein mindestens hundert Fuß hoher Lichtstrahl teilte die Luft. Mondschatten scheute zurück, und Elayne runzelte die Stirn. Wozu eine Lichtsäule? Was sollte das bringen … Der Lichtstrahl rotierte, drehte sich um die eigene Achse. Erst da erkannte Elayne, dass es sich um den Beginn eines Wegetors handelte. Ein gewaltiges Wegetor, groß genug, um ganze Häuser zu verschlingen. Sie hätte einen Flügel des königlichen Palasts von Caemlyn durch dieses Ding schieben können!
Nun schimmerte die Luft in der Art, wie die Rückseite eines Wegetors immer aussah. Elayne konnte nicht erkennen, wo das Tor eigentlich hinführte. Wartete etwa ein Heer auf der anderen Seite?
Da bemerkte sie den Ausdruck der geifernden Trollocs, als sie in die Öffnung starrten. Absolutes Entsetzen. Sie machten kehrt und rannten, und Elayne verspürte eine plötzliche, beinahe überwältigende Hitze.
Etwas explodierte förmlich aus dem Tor, wie von einer unglaublichen Macht angetrieben. Eine hundert Fuß breite glühend heiße Lavasäule. Die Säule brach sofort auseinander, als das flüssige Gestein zu Boden stürzte, auf das Schlachtfeld spritzte und in einem breiten Strom vorwärtsschoss. Die Asha’man außerhalb des Zirkels setzten Gewebe aus Luft ein, damit keine Lava zurück zum Hügel spritzte, leiteten sie so in die gewünschte Richtung.
Der Feuerfluss brodelte durch die vorderen Reihen der Trollocs und verschlang sie, vernichtete Hunderte in der Zeit eines Wimpernschlages. Die Lava stand von der anderen Seite unter unvorstellbarem Druck; nur so ließ sich die Wucht erklären, mit der sie aus dem gewaltigen Wegetor schoss und Trollocs in Asche verwandelte und eine breite Schneise durch ihr Heer brannte.
Androl hielt das Wegetor viele Minuten geöffnet, in denen sich die Armee des Schattens zurückzog. Die Asha’man an den Seiten setzten Windstöße ein, um Schattengezücht zurück in den stetig breiter werdenden roten Strom zu schleudern. Als Androl fertig war, hatte er eine Barriere aus rot glühendem Tod zwischen Elaynes Heer und der Masse der Trollocs erschaffen, die nun mit dem Rücken zur Nordmauer Cairhiens stand.
Der Asha’man holte tief Luft, schloss das Wegetor, dann fuhr er auf dem Absatz herum und erschuf schnell hintereinander zwei weitere Tore, eines nach Südosten, das andere nach Südwesten.
Ein zweiter und dritter Lavastrom schossen hervor – allerdings waren sie dieses Mal kleiner, da Androl offensichtlich schwächer wurde. Sie ergossen sich in das Land östlich und westlich von Cairhien, ließen die toten Büsche verglühen und Rauch in die Luft aufsteigen. Ein Teil der Tiermenschen konnte sich zurückziehen, aber viele von ihnen wurden vernichtet – eingesperrt zwischen der befestigten Stadt auf der einen und der Lava auf den anderen Seiten. Es würde eine Weile dauern, bevor die Blassen die Überlebenden organisieren konnten, um den Angriff auf Elaynes Streitkräfte fortzusetzen.
Androl schloss die Wegetore. Er sackte zusammen, aber Pevara fing ihn auf.
»Ein Wunder, mein Lord«, sagte Androl, aber seine Stimme war leise, als würde ihn das Sprechen anstrengen. »Geliefert wie gewünscht. Das müsste sie ein paar Stunden lang zurückhalten. Reicht das?«
»Das ist lange genug«, sagte Elayne. »Wir werden uns neu formieren können, Nachschub für die Drachen besorgen und so viele Aes Sedai aus Mayene holen, wie wir können, um unsere Männer zu Heilen und ihre Erschöpfung zu beseitigen. Dann können wir herausfinden, wer weitermachen kann, und unsere Reihen für eine weitaus effektivere Schlacht neu positionieren.«
»Ihr wollt weiterkämpfen?«, fragte Androl überrascht.
»Ja«, antwortete Elayne. »Ich kann mich kaum auf den Beinen halten, aber ja. Wir können es uns nicht leisten, diese Horde hier ungeschoren zu lassen. Ihr und Eure Männer gebt uns einen Vorteil, Logain. Wir werden ihn nutzen, und dazu alles, was wir nur haben, und wir werden sie vernichten.«
31
Ein Wassersturm
Egwene blickte über den Fluss zu dem verbissenen Kampf zwischen ihren Streitkräften und der sharanischen Armee. Sie war auf der arafelischen Seite der Furt wieder in ihrem Lager eingetroffen. Es juckte sie in den Fingern, sich erneut der Schlacht gegen den Schatten anzuschließen, aber sie musste unbedingt mit Bryne über die Geschehnisse am Hügel sprechen. Bei ihrer Ankunft war das Befehlszelt leer gewesen.
Das Lager füllte sich weiterhin mit Aes Sedai und überlebenden Bogenschützen und Pikenmännern, die von den Hügeln im Süden durch Wegetore eintrafen. Die Aes Sedai eilten umher und sprachen in drängendem Tonfall miteinander. Sie alle erschienen erschöpft, aber ihre häufigen Blicke zur Schlacht auf der anderen Grenzseite verrieten, dass sie genauso begierig wie Egwene waren, den Kampf gegen den Schatten fortzusetzen.
Egwene befahl den Boten zu sich, der vor dem Befehlszelt stand. »Sagt den Schwestern Bescheid, dass sie weniger als eine Stunde haben, um sich auszuruhen. Diese Trollocs, die wir bekämpft haben, werden bald zur Schlacht am Fluss stoßen, da wir jetzt die Hügel verlassen haben.«
Sie würde die Aes Sedai auf dieser Seite flussabwärts führen und den Feind dann über das Wasser hinweg angreifen, wenn er über die Felder kam, um über ihre Soldaten herzufallen. »Gebt den Bogenschützen Bescheid, dass sie ebenfalls mit uns marschieren werden«, fügte sie hinzu. »Sie können ihre restlichen Pfeile für einen guten Zweck benutzen, bis wir Nachschub bekommen.«
Als der Bote loseilte, wandte sie sich Leilwin zu, die mit ihrem Ehemann Bayle Domon in der Nähe stand. »Leilwin, das da auf der anderen Flussseite sieht doch wie seanchanische Kavallerie aus. Wisst Ihr irgendetwas darüber?«
»Ja, Mutter, das sind Seanchaner. Dieser Mann, der dort drüben steht …« – sie zeigte auf einen Mann mit rasierten Schläfen, der an einem Baum in Ufernähe stand; er trug weite Hosen und unbegreiflicherweise einen abgenutzten braunen Mantel, der aussah, als stammte er aus den Zwei Flüssen –, »… hat mir erzählt, dass eine von Generalleutnant Khirgan angeführte Legion aus dem Lager der Seanchaner gekommen ist und dass General Bryne darum gebeten hatte.«
»Er sagen auch, dass sie der Prinz der Raben begleitet haben«, warf Domon ein.
»Mat?«
»Er haben mehr als sie nur begleitet. Er haben eines der Kavallerie-Banner angeführt, und zwar das, das die Sharaner an der linken Flanke unseres Heeres ordentlich verprügelte. Er traf gerade noch rechtzeitig ein, unsere Pikenmänner wurden schwer bedrängt, bevor er auftauchen.«
»Egwene«, sagte Gawyn und zeigte mit dem Finger.
Ein paar Hundert Schritte südlich unterhalb der Furt schleppte sich eine kleine Zahl Soldaten aus dem Fluss. Sie hatten sich bis auf ihre Unterkleidung ausgezogen und die Schwerter auf den Rücken geschnallt. Sie waren zu weit entfernt, um sicher sein zu können, aber einer ihrer Anführer sah vertraut aus.
»Ist das Uno?« Egwene runzelte die Stirn und winkte nach ihrem Pferd. Sie stieg auf und galoppierte begleitet von Gawyn und ihren Leibwächtern den Fluss entlang zu der Stelle, an der die Männer keuchend am Ufer lagen und die Flüche eines Mannes die Luft erfüllten.
»Uno!«
»Es ist auch verflucht noch mal Zeit, dass jemand auftaucht!« Uno stand auf und salutierte respektvoll. »Mutter, wir sind in einem schlechten Zustand!«
»Ich habe es gesehen.« Egwene knirschte mit den Zähnen. »Ich war auf dem Hügel, als man Eure Abteilung angriff. Wir taten, was wir konnten, aber es waren einfach zu viele. Wie seid ihr entkommen?«
»Wie wir da rausgekommen sind, Mutter? Als die Männer um uns herum einer nach dem anderen fielen und uns klar wurde, dass wir so gut wie tot sind, galoppierten wir verflucht da raus, als hätte uns ein verdammter Blitz in den stinkenden Hintern getroffen! Wir kamen an den dreckigen Fluss, rissen uns die Klamotten herunter und sprangen rein, schwammen so gut wir verdammt noch mal konnten, Mutter, bei allem nötigen Respekt!« Unos Haarknoten wackelte, als er weiterfluchte, und Egwene hätte schwören können, dass sich das auf seine Augenklappe aufgemalte Auge rot verfärbte.