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Uno holte tief Luft und fuhr fort, dieses Mal aber etwas beherrschter. »Ich verstehe es einfach nicht, Mutter. Ein ziegenköpfiger Bote teilte uns mit, dass die Aes Sedai auf den Hügeln in Schwierigkeiten stecken und wir den dreckigen Trollocs, die sie angriffen, in den haarigen Rücken fallen müssten. Und wer kümmert sich um die linke Flanke am Fluss, frage ich, und was das angeht, unsere eigene lichtverfluchte Flanke, wenn wir die Tiermenschen angreifen, und er sagt, General Bryne habe sich darum gekümmert, Kavalleriereserven würden unsere Position am Fluss übernehmen und die Illianer würden unsere verdammte Flanke schützen. Und das war ein großartiger Schutz, eine miese Schwadron, als würde eine stinkende Fliege einen verdammten Falken abwehren wollen! Oh, die haben auf uns gewartet, als wüssten sie, dass wir kommen. Nein, Mutter, das kann nicht die Schuld von Gareth Bryne sein, wir müssen von einem Milch trinkenden, Schafe küssenden Verräter hereingelegt worden sein! Bei allem nötigen Respekt, Mutter!«

»Ich kann das nicht glauben, Uno. Soeben habe ich erfahren, dass der General eine Legion seanchanischer Kavallerie hergeholt hat. Vielleicht sind sie einfach nur zu spät eingetroffen. Das klären wir alles, wenn ich den General finde. Schafft Eure Männer zurück ins Lager, damit sie sich ausruhen können. Das Licht weiß, dass ihr euch das verdient habt.«

Uno nickte, und Egwene galoppierte zum Lager zurück.

Mit Voras Sa’angreal webte Egwene Luft und Wasser und verschmolz sie miteinander. Aus dem Fluss stieg ein wirbelnder Trichter aus Wasser in die Höhe. Sie lenkte ihn gegen die Trollocs, die auf der kandorischen Flussseite mit ihrem Angriff gegen die linke Flanke begannen. Der Wassersturm überflutete ihre Reihen. Er war nicht stark genug, um sie in die Luft zu schleudern – dazu fehlte Egwene die nötige Kraft –, aber es trieb sie zurück und ließ sie die Hände schützend vors Gesicht schlagen.

Hinter ihr und den anderen Aes Sedai, die auf der arafelischen Flussseite Aufstellung genommen hatten, schossen Bogenschützen Salven in die Luft. Sie verdunkelten nicht den Himmel, wie es Egwene gern gesehen hätte – so viele Männer waren es dann doch nicht –, aber sie erledigten jedes Mal mehr als hundert Trollocs.

An der Seite ließen Pylar und ein paar weitere Braune, die sich alle gut mit Erdgeweben auskannten, den Boden unter den anstürmenden Tiermenschen explodieren. Neben ihnen webten Myrelle und ein großes Kontingent grüne Feuerbälle, die sie über das Wasser in dicht beieinanderstehende Gruppen schleuderten. Viele der Ungeheuer rannten noch ein beträchtliches Stück weiter, bevor sie brennend zusammenbrachen.

Die Trollocs heulten und brüllten, stürmten aber weiterhin unermüdlich gegen die Verteidiger am Ufer an. Irgendwann verließen mehrere Reihen seanchanische Kavallerie die Verteidigungslinie und griffen den Trolloc-Sturm frontal an. Das geschah so schnell, dass viele der Bestien nicht einmal die Speere heben konnten, bevor die Reiter sie erreichten; ganze Schneisen gingen in den Frontreihen zu Boden. Die Seanchaner schwenkten zur Seite ab und kehrten zu ihren Linien am Fluss zurück.

Egwene lenkte die Macht weiter, zwang sich weit über jede Erschöpfung hinaus weiterzuarbeiten. Aber die Trollocs gaben nicht auf; sie gerieten in noch größeren Zorn und griffen die Menschen nur noch wilder an. Über dem Tosen von Wind und Wasser konnte Egwene deutlich ihr Gebrüll hören.

Die Trollocs gerieten also in Wut? Nun, sie würden gar nicht wissen, was Wut ist, bevor sie den Zorn des Amyrlin-Sitzes kennengelernt hatten. Egwene zog immer mehr von der Macht in sich, bis sie die Grenzen ihrer Fähigkeiten erreicht hatte. Sie erhitzte ihren Wasserstrom, damit das kochende Wasser die Augen, Hände und Herzen der Trollocs verbrannte. Sie schrie. Voras Sa’angreal war wie ein Speer ausgestreckt.

Stunden schienen zu vergehen. Schließlich erlaubte sie erschöpft, dass Gawyn sie für eine Weile zurückzog. Er holte ihr Pferd, und als er zurückkehrte, blickte Egwene über den Fluss.

Es gab nicht den geringsten Zweifel; die linke Flanke ihres Heeres war bereits weitere dreißig Schritte zurückgedrängt worden. Selbst mit Unterstützung der Aes Sedai verloren sie diese Schlacht.

Der Moment, mit Gareth Bryne zu sprechen, war lange überfällig.

Als Egwene und Gawyn das Lager erreichten, stieg sie vom Pferd und gab es an Leilwin weiter. Sie trug ihr auf, es für den Verwundetentransport zu benutzen. Es gab genügend Männer, die man über die Furt in Sicherheit hatte schleppen müssen, blutige Soldaten, die in den Armen von Freunden hingen.

Leider hatte sie nicht genug Kraft zum Heilen, geschweige denn für ein Wegetor, um die Verwundeten nach Tar Valon oder Mayene zu schicken. Die meisten der Aes Sedai, die nicht am Ufer kämpften, sahen nicht aus, als wären sie besser dran.

»Egwene«, sagte Gawyn leise. »Reiter. Seanchaner. Sieht nach einer Adligen aus.«

Eine Frau vom Blut? Egwene blickte quer durch das Lager in die Richtung, in die Gawyn zeigte. Wenigstens hatte er noch genügend Kraft, um alles im Blick zu behalten. Warum eine Frau freiwillig auf einen Behüter verzichten sollte, war ihr unverständlich.

Die sich nähernde Frau trug kostbare seanchanische Seide, und bei dem Anblick drehte sich Egwene der Magen um. Diese kostbare Kleidung gab es nur, weil alles auf einem Fundament versklavter Machtlenkerinnen ruhte, die vom Kristallthron zum Gehorsam gezwungen wurden. Die Frau gehörte mit Sicherheit dem Blut an, denn sie wurde von einer Abteilung Totenwächter begleitet. Man musste schon sehr wichtig sein, um …

»Beim Licht!«, rief Gawyn aus. »Ist das Min

Egwene starrte sie an. Sie war es tatsächlich.

Min zügelte ihr Pferd mit finsterer Miene. »Mutter«, sagte sie zu Egwene und neigte umgeben von ihren hartgesichtigen Wächtern in dunkler Rüstung den Kopf.

»Min … geht es … Euch gut?«, fragte Egwene. Sei auf der Hut, gib nicht zu viele Informationen preis. War Min eine Gefangene? Sicherlich konnte sie sich doch nicht freiwillig den Seanchanern angeschlossen haben, oder doch?

»Ach, mir geht es gut«, erwiderte Min mürrisch. »Man hat mich verhätschelt, in dieses Gewand gesteckt und mir alle möglichen Delikatessen angeboten. Ich sollte vielleicht hinzufügen, dass bei den Seanchanern Delikatessen nicht unbedingt schmackhaft sind. Du solltest sehen, was sie trinken, Egwene.«

»Ich habe es gesehen«, sagte Egwene und konnte die Kälte aus ihrer Stimme nicht heraushalten.

»Ach ja, richtig. Das hast du wohl. Wir haben ein Problem.«

»Was für ein Problem?«

»Nun, das kommt darauf an, wie sehr du Mat vertraust.«

»Ich vertraue darauf, dass er Ärger findet«, sagte Egwene. »Ich vertraue darauf, dass er, ganz egal, wo er auch ist, eine Würfelpartie und einen gefüllten Becher findet.«

»Würdest du darauf vertrauen, dass er ein Heer anführt?«

Egwene zögerte. Würde sie?

Min beugte sich vor und warf einen Blick auf die Totenwächter, die offensichtlich nicht zulassen würden, dass sie Egwene auch nur einen Zoll näher kam. »Egwene«, sagte sie leise. »Mat ist der Überzeugung, dass Bryne deine Armeen in den Untergang führt. Er sagt … er glaubt, dass Bryne ein Schattenfreund ist.«

Gawyn fing an zu lachen.

Egwene zuckte zusammen. Von ihm hätte sie eigentlich Zorn oder Empörung erwartet. »Gareth Bryne?«, fragte Gawyn. »Ein Schattenfreund? Da würde ich eher glauben, dass meine Mutter eine Schattenfreundin ist. Sag Cauthon, er soll die Finger vom kaiserlichen Branntwein seiner Frau lassen; offensichtlich hat er zu viel davon gehabt.«