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Falls sie das erwartete, wenn die Windsucherinnen ihre Schale nicht benutzten, überließ Ituralde sie nur zu gern ihrer Aufgabe. Dem Dunklen König würde es egal sein, wie viele Trollocs er mit einem Wirbelsturm vernichtete, der die Menschen töten sollte, die sie bekämpften.

»Sie versammeln sich am Passeingang für den nächsten Vorstoß!«, brüllte jemand in die Nacht hinein, und andere Rufe bestätigten es. Ituralde spähte in den Nebel, das Licht der Feuer half ihm, etwas zu erkennen. In der Tat formierten sich die Ungeheuer neu.

»Zieht die Siebte und Neunte Infanteriekompanie zurück«, befahl Ituralde. »Sie sind zu lange im Feld. Holt die Vierte und Fünfte aus der Reserve und stellt sie an den Flanken auf. Bereitet mehr Pfeile vor. Und …« Stirnrunzelnd brach er ab. Was taten diese Trollocs da? Sie hatten sich weiter als erwartet in die Dunkelheit des Passes zurückgezogen. Sie konnten doch wohl nicht abrücken, oder?

Eine finstere Woge strömte aus dem Pass. Myrddraal. Aberhunderte von ihnen. Schwarze Umhänge, die sich nicht bewegten, obwohl der Wind wehte. Augenlose Gesichter. Hämisch grinsende Lippen, schwarze Schwerter. Die Halbmenschen bewegten sich geschmeidig wie Aale.

Sie ließen keine Zeit für Befehle, keine Zeit für eine Reaktion. Sie schlängelten sich in die Formationen der Verteidiger, wanden sich an den Piken vorbei und schlugen mit den tödlichen Klingen um sich.

»Aiel!«, brüllte Ituralde. »Bringt die Aiel! Sie alle, und Machtlenkerinnen! Alle bis auf die, die den Krater des Verderbens bewachen! Bewegt euch, los, los!«

Boten rannten los. Ituralde sah entsetzt zu. Eine Armee von Myrddraal. Beim Licht, das war genauso schlimm wie in seinem Albtraum!

Die Siebte Infanterie brach durch die Wucht des Angriffs zusammen, das Rechteck zerbrach. Ituralde öffnete den Mund, um den Befehl zu geben, dass die Hauptreserve – die seine Stellung verteidigte – zur Unterstützung ausrückte. Die Kavallerie musste losreiten und den Druck von der Infanterie nehmen.

Ihm stand nicht viel Kavallerie zur Verfügung; die meisten Reiter wurden an den anderen Fronten gebraucht, und dagegen hatte er auch nichts einzuwenden gehabt. Aber ein paar hatte er. Sie wurden jetzt dringend gebraucht.

Andererseits …

Er kniff die Augen zusammen. Beim Licht, er war so erschöpft. Das Denken fiel ihm schwer.

Zieh dich vor dem Angriff zurück, schien ihm eine Stimme zuzuraunen. Zieh dich zu den Aiel zurück, dann versammle dort alle und kämpfe.

»Zurückziehen …«, flüsterte er. »Zurückziehen …«

Etwas daran erschien falsch, sogar ausgesprochen falsch. Warum bestand sein Verstand darauf?

Hauptmann Tihera, wollte er flüstern. Ihr habt den Befehl. Die Worte wollten nicht über seine Lippen kommen. Etwas beinahe schon Körperliches schien ihm den Mund zuzuhalten.

Männer schrien. Was geschah dort? Dutzende Männer konnten im Kampf gegen einen einzigen Myrddraal sterben. In Maradon hatte er eine ganze Bogenschützenkompanie – einhundert Männer – an zwei Blasse verloren, die sich in der Nacht in die Stadt geschlichen hatten. Seine Verteidigungskompanien waren auf Trollocs eingestellt, sie sollten sie mit durchschnittenen Sehnen zu Boden werfen und dann töten.

Die Blassen würden die Pikenformationen wie ein Ei aufschlagen. Niemand tat, was getan werden musste.

»Mein Lord Ituralde?«, sagte Hauptmann Tihera. »Mein Lord, was habt Ihr gesagt?«

Wenn sie sich zurückzogen, würden die Trollocs sie einkreisen. Sie mussten standhalten.

Ituraldes Lippen öffneten sich, um den Befehl zum Rückzug zu geben. »Zieht die …«

Wölfe.

Wölfe erschienen wie Schatten im Nebel. Knurrend sprangen sie die Myrddraal an. Ituralde zuckte zusammen und fuhr auf dem Absatz herum, als ein in Felle gekleideter Mann sich nach oben auf den Felsvorsprung zog.

Tihera stolperte zurück und rief nach ihren Leibwächtern. Der Fremde in Fellen stürzte sich auf Ituralde und riss ihn vom Felsen.

Ituralde wehrte sich nicht. Wer auch immer dieser Mann war, Ituralde war ihm dankbar und verspürte einen Augenblick des Triumphs, während er stürzte. Den Befehl zum Rückzug hatte er nicht erteilt.

Nicht viel tiefer landete er auf dem Boden, und es trieb ihm die Luft aus den Lungen. Wölfe schnappten sanft nach seinen Armen und zerrten ihn in die Dunkelheit, während sein Bewusstsein langsam schwand.

Egwene saß im Lager, während die Schlacht um die Grenze von Kandor weiterging.

Ihr Heer wehrte die Trollocs ab.

Die Seanchaner kämpften direkt jenseits des Flusses an der Seite ihrer Truppen.

Egwene hielt eine kleine Tasse Tee in Händen.

Beim Licht, es war einfach zum Aus-der-Haut-Fahren. Sie war die Amyrlin. Aber sie hatte sich völlig verausgabt.

Gareth Bryne hatte sie noch immer nicht gefunden, aber das kam nicht unerwartet. Er war ständig unterwegs. Silviana machte Jagd auf ihn und würde sich bald melden.

Man hatte nach Aes Sedai geschickt, um die Verletzten nach Mayene zu bringen. Die Sonne stand niedrig am Himmel, wie ein Augenlid, das einfach nicht geöffnet bleiben wollte. Egwenes Hände mit der Tasse zitterten. Sie konnte die Schlacht noch immer hören. Anscheinend würden die Trollocs bis in die Nacht hinein kämpfen und die Soldaten gegen den Fluss drängen.

In der Ferne ertönten Rufe wie das Gebrüll einer wütenden Menge, aber die von den Machtlenkern erzeugten Explosionen waren weniger geworden.

Sie schaute Gawyn an. Er erschien überhaupt nicht müde, auch wenn er auf eine seltsame Weise blass war. Egwene trank kleine Schlucke von ihrem Tee und verfluchte Gawyn stumm. Das war ungerecht, aber im Augenblick war ihr das egal. Sie konnte sich über ihren Behüter ärgern. Dazu waren sie ja schließlich da, nicht wahr?

Ein Windstoß fuhr durch das Lager. Sie befand sich ein paar Hundert Schritte östlich von der Furt, aber sie konnte das Blut in der Luft riechen. In der Nähe spannte eine Abteilung Bogenschützen nach dem Befehl ihres Kommandanten die Bögen und schoss eine Salve ab. Augenblicke später trudelten zwei Draghkar mit schwarzen Schwingen zu Boden und schlugen direkt hinter der Lagergrenze mit einem dumpfen Laut auf. Es würden noch weitere kommen, denn es wurde dunkel, und zu dieser Zeit waren sie nicht mehr so einfach am Himmel auszumachen.

Mat. Der Gedanke an ihn bereitete ihr auf eine seltsame Weise Unbehagen. Er war so ein Aufschneider. Ein Säufer, der jede Frau lüstern anstarrte, die ihm über den Weg lief. Er behandelte sie wie ein Gemälde und nicht wie jemanden aus Fleisch und Blut. Er … er …

Er war eben Mat. Einmal – sie musste da so ungefähr dreizehn Jahre alt gewesen sein – war er einfach in den Fluss gesprungen, um Liem Lewin vor dem Ertrinken zu retten. Dabei war sie natürlich gar nicht in Gefahr gewesen, zu ertrinken. Eine Freundin hatte sie lediglich untergetaucht, und Mat war angerannt gekommen und hatte sich ins Wasser gestürzt, um zu helfen. Damit hatten ihn die Männer von Emondsfelde noch Monate später aufgezogen.

Im nächsten Frühling hatte Mat Jer al’Hune aus demselben Fluss gezogen und dem Jungen damit das Leben gerettet. Danach hatten die Leute eine Weile damit aufgehört, sich über ihn lustig zu machen.

So war Mat eben. Den ganzen Winter über hatte er sich darüber beklagt, dass man sich über ihn lustig machte und dass er sie beim nächsten Mal eben ertrinken lassen würde. Und in dem Augenblick, in dem er jemanden in Gefahr entdeckte, hatte er sich ohne zu zögern ins Wasser gestürzt. Egwene konnte sich noch genau daran erinnern, wie der schlaksige Mat aus dem Fluss gestolpert kam und sich der kleine Jer hustend und mit einem Ausdruck völligen Entsetzens in den Augen an ihm festklammerte.