Blut und verdammte Asche. Das machst du wirklich toll, Tuon dazu zu überreden, keine Damane einzusetzen, Matrim Cauthon. Nimmst nur selbst eine gefangen …
Es war beunruhigend, wie schnell sich die Sharanerin an ihre Gefangenschaft gewöhnt hatte. Alle Sul’dam hatten sich dementsprechend geäußert. Nur ein kurzer Augenblick des Widerstands, dann völlige Unterwerfung. Normalerweise veranschlagten sie Monate, um eine neue gefangene Damane abzurichten, aber die hier war innerhalb von Stunden bereit gewesen. Catrona strahlte förmlich, als wäre sie selbst für das Temperament der Sharanerin verantwortlich.
Das Loch war erstaunlich. Mat stand direkt am Rand und schaute auf die Welt, zählte Banner und Schwadronen, um sie sich einzuprägen. Er fragte sich, was Classen Bayor mit so einem Loch angefangen hätte. Vielleicht wäre die Schlacht von Kolesar anders ausgegangen. Dann hätte er seine Kavallerie nicht im Sumpf verloren, so viel stand fest.
Seine Streitkräfte hielten den Schatten an der Ostgrenze von Kandor weiterhin fest, aber die derzeitige Situation gefiel ihm keineswegs. Brynes Falle war ausgesprochen subtil gewesen, so schwer zu sehen wie eine gelbe Blumenspinne auf einem Blütenblatt. Das hatte ihn erst darauf aufmerksam gemacht. Es war ein wahres militärisches Genie erforderlich gewesen, um ein Heer in eine so schlimme Situation zu bringen, ohne es aber so aussehen zu lassen, als sei das Heer in einer schlimmen Situation. So etwas geschah nicht zufällig.
Mat hatte mehr Männer verloren, als er zählen wollte. Seine Leute standen gegen den Fluss gedrängt, und obwohl Demandred weiterhin irgendwelchen Unsinn über den Wiedergeborenen Drachen brüllte, forderte er ständig seine Verteidigung heraus und versuchte, einen Schwachpunkt zu finden; er schickte die schwere Kavallerie gegen die eine Seite, dann gab es auf der anderen einen Angriff von sharanischen Bogenschützen und Trollocs. Deshalb musste Mat Demandreds Bewegungen scharf im Auge behalten, um die nötigen Abwehrmaßnahmen zu treffen.
Bald würde die Nacht hereinbrechen. Würde sich der Schatten zurückziehen? Die Trollocs konnten in der Dunkelheit kämpfen, diese Sharaner möglicherweise nicht. Er gab eine weitere Reihe von Befehlen, und Boten galoppierten durch Wegetore, um sie zu überbringen. Es hatte den Anschein, als würden nur Augenblicke vergehen, bevor seine Truppen in der Tiefe unter ihm reagierten. »So schnell …«, sagte er.
»Das wird die Welt verändern«, frohlockte General Galgan. »Boten können sofort reagieren; Kommandanten können ihre Schlacht verfolgen und sofort planen.«
Mat grunzte zustimmend. »Aber ich wette, man muss weiter den ganzen verfluchten Abend warten, bis das Essen aus dem Verpflegungszelt kommt.«
Galgan lächelte tatsächlich. Es war, als würde man einem Felsen dabei zusehen, wie er sich spaltete.
»Sagt mir, General«, sagte Tuon. »Wie schätzt Ihr die Fähigkeiten meines Gemahls ein?«
»Ich weiß nicht, wo Ihr ihn gefunden habt, Allergrößte, aber er ist ein Juwel von großem Wert. Ich habe ihn die letzten Stunden beobachtet, als er die Streitkräfte der Weißen Burg gerettet hat. Trotz seines … unkonventionellen Stils ist mir selten ein so begabter Befehlshaber untergekommen.«
Tuon lächelte nicht, aber Mat sah ihr an, dass sie erfreut war. Das waren wirklich hübsche Augen. Und wenn sich Galgan einmal nicht so schroff benahm, würde das hier vielleicht doch gar kein so übler Ort sein.
»Danke«, sagte Mat leise, als er und Galgan sich wieder nach vorn beugten, um das Schlachtfeld unter ihnen zu beobachten.
»Ich betrachte mich als Mann der Wahrheit, mein Prinz«, sagte Galgan und rieb sich mit dem schwieligen Finger das Kinn. »Ihr werdet dem Kristallthron gut dienen. Es wäre eine Schande, Euch zu früh umbringen zu lassen. Ich werde dafür sorgen, dass die Ersten, die ich zu Euch schicke, noch unerfahren sind, damit Ihr sie mühelos aufhalten könnt.«
Mat fühlte, wie sein Mund offen stehen blieb. Der Mann sagte das doch tatsächlich mit völliger Offenheit, beinahe schon mit Zuneigung. Als wollte er Mat mit dem Versuch, ihn umzubringen, einen Gefallen tun!
»Die Trollocs da …« – er zeigte auf eine Gruppe tief unter ihnen – »… werden sich bald zurückziehen.«
»Da stimme ich zu«, erwiderte Galgan.
Mat rieb sich das Kinn. »Wir müssen abwarten, was Demandred mit ihnen macht. Ich habe die Befürchtung, die Sharaner könnten in der Nacht versuchen, einige ihrer Marath’Damane einzuschmuggeln. Sie beweisen eine erstaunliche Hingabe an ihre Sache. Oder eine verfluchte Missachtung jeglicher Selbsterhaltung.«
Aes Sedai und Sul’dam konnte man nun wirklich nicht als furchtsam bezeichnen, aber für gewöhnlich waren sie vorsichtig. Auf die sharanischen Machtlenker traf das nicht einmal ansatzweise zu, vor allem nicht auf die Männer.
»Ein paar Damane sollen am Fluss Licht machen«, sagte Mat. »Und riegelt das Lager ab, und ein Kreis aus Damane soll im ganzen Lager verteilt nach Machtlenkern Ausschau halten. Niemand lenkt die Macht, nicht einmal, um eine verdammte Kerze zu entzünden.«
»Das könnte den … Aes Sedai nicht gefallen«, meinte General Galgan. Auch er zögerte, die Worte Aes Sedai auszusprechen. Mat hatte den Befehl gegeben, diesen Begriff zu benutzen statt Marath’Damane, und er hatte damit gerechnet, dass Tuon ihn widerrufen würde. Aber das hatte sie nicht.
Diese Frau verstehen zu lernen würde viel Vergnügen machen, falls sie beide diesen verdammten Schlamassel überleben sollten.
Tylee betrat den Raum. Hochgewachsen und mit einem vernarbten Gesicht versehen, bewegte sich die dunkelhäutige Frau mit dem Selbstbewusstsein einer langjährigen Soldatin. Sie warf sich mit ihrer blutverschmierten und verbeulten Rüstung vor Tuon zu Boden. Ihre Legion hatte heute Prügel bezogen, und vermutlich fühlte sie sich wie ein Teppich, an dem sich die Hausfrau ausgetobt hatte.
»Ich sorge mich um unsere Position hier.« Mat drehte sich wieder um und ging in die Hocke, spähte durch das Loch. Wie er vorhergesagt hatte, zogen sich die Trollocs zurück.
»Warum?«, wollte General Galgan wissen.
»Wir haben unsere Machtlenker völlig erschöpft. Und wir sind zum Fluss zurückgewichen, eine schwierige Position, wenn man sie lange verteidigen will, vor allem gegen ein so großes Heer. Sollten sie ein paar Wegetore weben und einen Teil der Sharaner in der Nacht auf diese Flussseite schaffen, könnten sie uns zerschmettern.«
Galgan schüttelte den Kopf. »Ich verstehe, was Ihr meint. Mit ihrer Stärke werden sie uns weiter bedrängen, bis wir erschöpft sind, dann können sie uns eine Schlinge umlegen und zuziehen.«
Mat blickte Galgan in die Augen. »Ich glaube, es wird Zeit, diese Position aufzugeben.«
»Ich stimme zu, das scheint der einzig vernünftige Ausweg zu sein.« Galgan nickte. »Warum suchen wir uns kein Schlachtfeld aus, das uns größere Vorteile bietet? Werden Eure Freunde von der Weißen Burg einem Rückzug zustimmen?«
»Finden wir es heraus.« Mat richtete sich wieder auf. »Jemand soll nach Egwene und den Sitzenden schicken.«
»Sie werden nicht kommen«, sagte Tuon. »Die Aes Sedai werden sich nicht mit uns hier treffen. Ich bezweifle, dass diese Amyrlin mich in ihr Lager lässt, nicht bei den Schutzmaßnahmen, die ich verlangen würde.«
»Schön.« Mat deutete auf das Wegetor im Boden, das die Damane daraufhin schloss. »Benutzen wir eben ein Wegetor und sprechen da durch, als wäre es eine Tür.«
Tuon erhob keine Einwände, also schickte Mat Boten. Es dauerte eine Weile, bis alles geregelt war, aber Egwene schien die Idee ebenfalls zu gefallen. Tuon unterhielt sich während der Wartezeit damit, ihren Thron auf die andere Seite des Raumes schaffen zu lassen – Mat hatte nicht die geringste Ahnung, wozu das gut sein sollte. Dann fing sie an, Min zu ärgern. »Und der hier?«, fragte die Kaiserin, als ein schlanker Angehöriger des Blutes eintrat und sich verneigte.