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»Er wird bald heiraten«, sagte Min.

»Ihr werdet zuerst die Omen nennen«, verlangte Tuon, »und dann die Interpretation, wenn es Euch danach verlangt.«

»Ich weiß genau, was dieses Bild zu bedeuten hat«, protestierte Min. Man hatte sie auf einen kleinen Thron neben der Kaiserin gesetzt. Das Mädchen war so in feines Tuch und Spitze gehüllt, dass es an eine Maus erinnerte, die sich in einem Seidenballen verbarg. »Manchmal weiß ich sofort Bescheid und …«

»Ihr werdet zuerst die Omen nennen«, wiederholte Tuon im genau gleichen Tonfall. »Und Ihr werdet mich als Allergrößte anreden. Es ist eine hohe Ehre, dass Ihr mich direkt ansprechen dürft. Lasst Euch nicht vom Benehmen des Prinzen der Raben verleiten, ihm nachzueifern.«

Min hielt den Mund, aber sie wirkte keineswegs eingeschüchtert. Sie hatte zu viel Zeit in der Gesellschaft von Aes Sedai verbracht, um sich von Tuon herumschubsen zu lassen. Das bereitete Mat Sorgen. Er hatte eine ziemlich genaue Vorstellung, wozu Tuon fähig war, sollte sie nicht mit Min zufrieden sein. Er liebte sie – beim Licht, da war er sich ziemlich sicher. Aber er gestattete sich auch, ein kleines bisschen Angst vor ihr zu haben.

Er würde aufpassen müssen, damit Tuon sich nicht entschied, Min zu »erziehen«.

»Das Omen für diesen Mann«, sagte Min und kontrollierte ihren Tonfall mit – wie es schien – einiger Mühe, »ist weißer Spitzenstoff, der in einem Teich treibt. Ich weiß, dass das bedeutet, dass er in naher Zukunft heiraten wird.«

Tuon nickte. Sie signalisierte Selucia etwas – der Mann, über den sie sprachen, gehörte dem Niederen Blut an und besaß damit nicht den nötigen Rang, um direkt mit der Kaiserin sprechen zu können. Sein Kopf schwebte so nahe am Boden, dass es den Anschein hatte, als hätte er eine plötzliche Faszination für Käfer entdeckt und wollte einen für seine Sammlung aussuchen.

»Lord Gokhan vom Blut«, intonierte Selucia in ihrer Rolle als Stimme, »soll sich in die vorderste Frontlinie begeben. Es ist ihm verboten, bis zum Ende dieses Konflikts zu heiraten. Die Omen haben verkündet, dass er lange genug leben wird, um eine Frau zu finden, also wird er beschützt sein.«

Min verzog das Gesicht und öffnete den Mund, vermutlich um zu widersprechen, dass das nicht auf diese Weise funktionierte. Mat fing ihren Blick ein und schüttelte den Kopf, und sie gab nach.

Tuon ließ die Nächste kommen, eine junge Soldatin, die nicht dem Adel angehörte. Die Frau hatte helle Haut und gar kein so übles Gesicht, allerdings konnte Mat unter der unförmigen Rüstung nur wenig erkennen. Die Rüstungen von Männern und Frauen unterschieden sich nicht sehr voneinander, was er bedauerlich fand. Er hatte einen seanchanischen Plattner gefragt, ob es denn nicht von Vorteil wäre, gewisse Teile eines Frauenharnischs sozusagen zu betonen, und der Mann hatte ihn nur angesehen, als wäre er nicht richtig bei Verstand. Beim Licht, diese Leute hatten kein Gespür für Sittlichkeit. Ein Bursche musste doch wissen, ob er auf dem Schlachtfeld gegen eine Frau kämpfte. Das gebot doch der Anstand.

Während Min ihre Omen verkündete, setzte sich Mat auf seinen Stuhl, legte die Füße auf den Kartentisch und suchte in seiner Tasche nach seiner Pfeife. Diese Soldatin sah wirklich nicht schlecht aus, auch wenn er die wichtigen Teile nicht sehen konnte. Sie würde gut zu Talmanes passen. Dieser Mann verbrachte einfach nicht genug Zeit damit, sich Frauen anzusehen. In ihrer Gegenwart war er schüchtern, so war Talmanes nun einmal.

Mat ignorierte die Blicke seiner Umgebung, als er den Stuhl nach hinten kippte, sich mit den Hacken auf dem Kartentisch abstützte und seine Pfeife stopfte. Seanchaner konnten ja so empfindlich sein.

Er war sich nicht sicher, was er davon halten sollte, dass bei den Seanchanern so viele Frauen im Heer dienten. Viele von ihnen schienen wie Birgitte zu sein, was ja nicht schlecht war. Er hätte lieber mit ihr einen Abend in einer Schenke verbracht als mit der Hälfte der ihm bekannten Männer.

»Ihr werdet hingerichtet«, ließ Tuon der Soldatin durch Selucia ausrichten.

Um ein Haar wäre Mat von seinem Stuhl gepurzelt. Blitzschnell griff er nach dem Tisch vor ihm, und die Vorderbeine des Stuhls landeten hart auf dem Boden.

»Was?«, verlangte Min zu wissen. »Nein!«

»Ihr saht das Zeichen des Weißen Ebers«, sagte Tuon.

»Ich kannte seine Bedeutung nicht!«

»Der Eber ist das Symbol eines gewissen Handoin, einer meiner Rivalen in Seanchan«, erklärte Tuon geduldig. »Der Weiße Eber ist ein Omen der Gefahr, vielleicht sogar des Verrats. Diese Frau arbeitet für ihn oder wird es in der Zukunft tun.«

»Ihr könnt sie nicht einfach so hinrichten!«

Tuon blinzelte einmal und blickte Min direkt an. Plötzlich schien die Temperatur im Raum zu sinken und wurde kälter. Mat fröstelte. Es gefiel ihm nicht, wenn Tuon so wurde. Dieser starre Blick … er schien einer Fremden zu gehören. Jemandem ohne Mitgefühl. Eine Statue war lebendiger.

Selucias Finger bewegten sich hektisch. Tuon sah sie an, dann nickte sie.

»Ihr seid meine Wahrheitssprecherin«, sagte sie fast zögernd zu Min. »Ihr dürft mich in der Öffentlichkeit berichtigen. Seht Ihr einen Fehler in meiner Entscheidung?«

»Ja, das tue ich«, erwiderte Min ohne zu zögern. »Ihr verwendet meine Fähigkeiten nicht so, wie Ihr solltet.«

»Und wie sollte ich das tun?«, fragte die Kaiserin. Die Soldatin, die soeben ihr Todesurteil erhalten hatte, lag noch immer reglos da. Sie erhob keinen Einspruch – ihr fehlte der nötige Rang, um die Kaiserin ansprechen zu dürfen. Ihre Stellung war sogar so niedrig, dass sie die Ehre verletzen würde, wenn sie überhaupt jemand in Tuons Umgebung anspräche.

»Was jemand vielleicht irgendwann einmal tun wird, ist kein Grund, ihn zu töten«, sagte Min. »Ich will nicht respektlos sein, aber wenn Ihr wegen meiner Worte Leute umbringt, spreche ich nicht mehr.«

»Man kann Euch zum Sprechen bringen.«

»Versucht es«, sagte Min leise. Mat zuckte zusammen. Verdammte Asche, sie sah genauso kalt aus wie Tuon eben. »Sehen wir, wie Euch das Muster behandelt, Kaiserin, wenn Ihr die Überbringerin von Omen foltern lasst.«

Überraschenderweise lächelte Tuon. »Ihr geht gut damit um. Erklärt mir, was Ihr wünscht, Überbringerin von Omen.«

»Ich werde Euch meine Visionen mitteilen«, sagte Min, »aber von jetzt an bleiben der Allgemeinheit die Interpretationen verborgen – ob es sich nun um meine Deutung handelt oder um das, was Ihr aus den Bildern herauslest. Am besten bleiben sie unter uns. Ihr dürft jemanden wegen meiner Worte beobachten lassen, ihn aber nicht bestrafen – nicht ehe ihr ihn bei etwas erwischt. Lasst diese Frau gehen.«

»So soll es sein«, sagte Tuon. »Ihr seid frei«, ließ sie dann durch Selucia verkünden. »Geht in Treue zum Kristallthron. Man wird Euch im Auge behalten.«

Die Frau ging mit tief gesenktem Kopf rückwärts aus dem Raum. Mat sah, wie ihr Schweißperlen die Schläfe hinunterrannen. Also war sie doch keine Statue.

Er wandte sich wieder Tuon und Min zu. Die beiden starrten einander noch immer an. Keine Messer waren blankgezogen, aber es kam ihm so vor, als hätte jemand einen Stich davongetragen. Wenn Min doch bloß nur etwas Respekt lernen würde. Eines Tages würde er sie am Kragen von den Seanchanern wegschleifen müssen, dem Henker einen Schritt voraus, da war er sich sicher.

Plötzlich durchschnitt ein Wegetor die Luft auf der Seite des Raums, die Tuon angewiesen hatte. Schlagartig wurde Mat klar, warum sie den Thron hatte verschieben lassen. Hätte man die Damane gefangen genommen und gezwungen, zu verraten, wo die Kaiserin saß, hätte eine Aes Sedai ein Wegetor genau an dieser Stelle öffnen und sie in zwei Teile schneiden können. Das war so unwahrscheinlich, dass es schon lächerlich war – eher konnte eine Aes Sedai fliegen als jemanden töten, der kein Schattenfreund war –, aber Tuon ging kein Risiko ein.