Das Tor öffnete sich und enthüllte den Saal der Burg, der in einem Zelt saß. Hinter ihnen thronte Egwene auf einem großen Stuhl. Es handelte sich um den richtigen Amyrlin-Sitz, wie Mat erkannte. Blut und Asche … sie hat ihn extra herschaffen lassen.
Egwene sah erschöpft aus, konnte das aber halbwegs überzeugend verbergen. Die anderen sahen nicht besser aus. Die Aes Sedai waren bis an ihre Grenzen gegangen. Wäre sie eine Soldatin gewesen, hätte er sie niemals in die Schlacht geschickt. Blut und verdammte Asche – hätte er einen Soldaten mit solch bleichem Gesicht und diesem Ausdruck in den Augen vor sich gehabt, hätte er dem Burschen eine Woche Bettruhe befohlen.
»Wir sind neugierig, den Zweck dieses Treffens zu erfahren«, sagte Saerin beherrscht.
Silviana saß neben Egwene auf einem kleineren Stuhl, und die restlichen Schwestern waren nach ihren Ajah eingeteilt. Aber Mat schätzte, dass einige fehlten, einschließlich einer der Gelben.
Tuon nickte Mat zu. Er sollte diese Konferenz leiten. Als Erwiderung tippte er sich an die Hutkrempe, was ihm eine hochgezogene Braue einbrachte. Ihr gefährlicher Ausdruck war verschwunden, obwohl sie noch immer die personifizierte Kaiserin war.
»Aes Sedai«, sagte Mat, stand auf und lüftete den Hut für die Sitzenden. »Der Kristallthron weiß es zu schätzen, dass ihr endlich zu Verstand gekommen seid und uns die Schlacht führen lasst.«
Silvianas Augen quollen hervor, als wäre ihr gerade jemand auf den Fuß getreten. Aus dem Augenwinkel sah Mat, wie der Hauch eines Lächelns Tuons Mundwinkel umspielte. Blut und verdammte Asche, beide Frauen sollten es eigentlich besser wissen, als ihn so zu ermutigen.
»Du drückst dich so gewählt aus wie immer, Mat«, sagte Egwene trocken. »Hast du noch immer deinen geliebten Fuchs?«
»Habe ich«, erwiderte er. »Er schmiegt sich warm an.«
»Dann pass auf ihn auf. Ich möchte nicht zusehen müssen, wie du Gareth Brynes Schicksal teilst.«
»Also war es wirklich der Zwang?« Egwene hatte ihm einen vorläufigen Bericht geschickt.
»Soweit wir das beurteilen können«, sagte Saerin. »Wie man mir berichtet hat, vermag Nynaeve Sedai die Gewebe im Verstand einer Person zu erkennen, aber der Rest von uns verfügt nicht über diese Fähigkeit.«
»Unsere Heilerinnen sehen sich Bryne an«, sagte eine stämmige Domani-Schwester. »Im Augenblick können wir keinem Schlachtplan trauen, an dem er beteiligt war, zumindest nicht, bis wir ergründen können, wie lange er schon unter dem Daumen des Schattens steht.«
Mat nickte. »Das leuchtet mir ein. Also, wir müssen unsere Streitkräfte von der Furt zurückziehen.«
»Warum?«, verlangte Lelaine zu wissen. »Wir haben die Lage stabilisiert.«
»Nicht gut genug«, erwiderte Mat. »Mir gefällt dieses Gelände nicht, und wir sollten nicht dort kämpfen müssen, wo wir nicht wollen.«
»Ich bin nicht gewillt, dem Schatten ohne guten Grund auch nur einen zusätzlichen Zoll Boden zuzugestehen«, sagte Saerin.
»Ein Schritt, den wir jetzt aufgeben, kann uns im Morgengrauen zwei weitere einbringen«, sagte Mat.
General Galgan murmelte zustimmend, und Mat wurde sich bewusst, dass er gerade Falkenflügel zitiert hatte.
Saerin runzelte die Stirn. Die anderen schienen ihr die Führung zu überlassen. Egwene saß hinter ihnen und hielt sich größtenteils aus allem heraus, die Finger verschränkt.
»Vielleicht sollte ich Euch sagen«, verkündete Saerin, »dass unser Großer Hauptmann nicht das einzige Ziel war. Davram Bashere und Lord Agelmar versuchten ebenfalls, ihre Heere in die Vernichtung zu führen. Elayne Sedai hat sich gut in ihrer Schlacht geschlagen und eine beträchtliche Streitmacht des Schattengezüchts vernichtet, aber das gelang ihr nur wegen des Eingreifens der Schwarzen Burg. Die Grenzländer wurden vernichtet, verloren fast zwei Drittel ihrer Männer.«
Mat fröstelte. Zwei Drittel? Licht! Sie gehörten zu den besten Truppen, die dem Licht zur Verfügung standen. »Lan?«
»Lord Mandragoran lebt.«
Nun, das war wenigstens etwas. »Und was ist mit dem Heer oben in der Fäule?«
»Lord Ituralde fiel in der Schlacht«, berichtete Saerin. »Niemand scheint genau zu wissen, was mit ihm geschehen ist.«
»Das ist raffiniert geplant worden.« Mats Gedanken rasten. »Verflucht! Sie haben versucht, alle vier Fronten auf einen Schlag zu zerstören. Ich kann mir nicht einmal vorstellen, welche Koordination dazu erforderlich war …«
»Wie ich bereits bemerkte«, warf Egwene leise ein, »müssen wir sehr vorsichtig sein. Halte deinen Fuchs immer in deiner Nähe.«
»Was will Elayne tun?«, erkundigte sich Mat. »Hat sie nicht den Oberbefehl?«
»Im Augenblick hilft Elayne Sedai den Grenzländern«, sagte Saerin. »Sie hat uns unterrichtet, dass Shienar so gut wie verloren ist, und sie lässt das Heer von Lord Mandragoran von den Asha’man an einen sicheren Ort bringen. Morgen will sie ihr Heer durch Wegetore führen und die Trollocs in der Fäule festhalten.«
Mat schüttelte den Kopf. »Wir müssen vereint kämpfen.« Er zögerte. »Können wir sie durch eines dieser Tore herbringen? Oder zumindest mit ihr in Verbindung treten?«
Niemand erhob Einwände. Nach kurzer Zeit öffnete sich in dem Zelt mit Egwene und den Sitzenden ein weiteres Tor. Elayne trat mit dick gewölbtem Bauch hindurch, und ihre Augen schienen beinahe Blitze zu schleudern. Hinter ihr erhaschte Mat einen Blick auf erschöpfte Soldaten, die sich im matten Abendlicht über ein Feld schleppten.
»Beim Licht«, sagte Elayne. »Mat, was willst du?«
»Du hast deine Schlacht gewonnen?«
»So gerade eben. Die Trollocs in Cairhien wurden vernichtet. Die Stadt selbst ist ebenfalls sicher.«
Mat nickte. »Ich muss mich von unserer Position hier zurückziehen.«
»Schön«, erwiderte Elayne. »Vielleicht können wir deine Streitmacht mit den Resten der Grenzländer zusammenlegen.«
»Ich will mehr als das tun, Elayne.« Mat trat einen Schritt vor. »Diese List des Schattens … sie war schlau, Elayne. Verflucht schlau. Wir sind blutig geschlagen und fast gebrochen. Wir können uns nicht länger den Luxus leisten, an verschiedenen Fronten zu kämpfen.«
»Was dann?«
»Ein letzter Kampf«, sagte Mat leise. »Wir alle zusammen, an einem Ort, wo das Terrain auf unserer Seite ist.«
Elayne verstummte, und jemand brachte ihr einen Stuhl, damit sie sich neben Egwene setzen konnte. Sie hielt sich weiterhin wie eine Königin, aber ihr zerzaustes Haar und das an einigen Stellen verbrannte Kleid wiesen deutlich darauf hin, was sie alles durchgemacht hatte. Mat konnte den Rauch riechen, der von ihrem Schlachtfeld durch das noch immer geöffnete Tor herüberdrang.
»Das klingt verzweifelt«, sagte Elayne schließlich.
»Wir sind verzweifelt«, meinte Saerin.
»Wir sollten unsere Kommandanten fragen …« Elayne verstummte. »Falls es welche gibt, bei denen wir uns darauf verlassen können, dass sie nicht unter Zwang stehen.«
»Da gibt es nur einen«, sagte Mat grimmig und erwiderte ihren Blick. »Und er sagt dir, dass wir erledigt sind, wenn wir so weitermachen wie bisher. Der frühere Plan war durchaus gut, aber nach unseren heutigen Verlusten … Elayne, wenn wir nicht einen Ort erwählen, an dem wir gemeinsam stehen und kämpfen, sind wir tot.«
Ein letzter Wurf der Würfel.
Elayne saß eine Weile schweigend da. »Wo?«, fragte sie schließlich.
»Tar Valon?«, fragte Gawyn.
»Nein«, sagte Mat. »Sie würden es einfach belagern und weitermachen. Es kann keine Stadt sein, in der man uns einschließt. Wir brauchen ein Gelände, das zu unseren Gunsten arbeitet, und ein Land, das die Trollocs nicht ernähren kann.«
Elayne verzog das Gesicht. »Nun, ein Ort in den Grenzlanden müsste da reichen. Lans Heer hat so gut wie jede Stadt und jedes Feld niedergebrannt, um dem Schatten sämtliche Ressourcen vorzuenthalten.«
»Karten«, verlangte Mat und schwenkte den Arm. »Jemand soll mehr Karten besorgen. Wir brauchen einen Ort im südlichen Shienar oder Arafel. Nahe genug, dass es den Schatten anlocken kann, ein Ort, an dem er uns alle zugleich bekämpfen kann …«