Galad richtete sich auf. »Das hat nichts mit den Asha’man zu tun«, fauchte er. Viel zu streitlustig. Er war müde. »Diese Erschöpfung erinnert mich daran, was wir heute verloren haben. Es ist die Erschöpfung, die meine Männer ertragen müssen, also werde ich das auch, damit ich nicht vergesse, wie müde sie sind und sie zu sehr antreibe.«
Elayne betrachtete ihn stirnrunzelnd. Er hatte schon vor langer Zeit damit aufgehört, sich zu sorgen, dass seine Worte sie möglicherweise beleidigen könnten. Anscheinend konnte er nicht einmal sagen, dass ein Tag angenehm oder sein Tee heiß war, ohne dass sie irgendwie daran Anstoß nahm.
Es wäre nett gewesen, wäre Aybara nicht weggelaufen. Dieser Mann war ein Anführer – einer der wenigen, die Galad je kennengelernt hatte –, mit dem man sich wirklich unterhalten konnte, ohne sich sorgen zu müssen, dass er daran Anstoß nahm. Vielleicht würden die Zwei Flüsse ja ein guter Ort sein, an dem sich die Weißmäntel ansiedeln konnten.
Natürlich gab es da dieses böse Blut zwischen ihnen. Möglicherweise konnte er daran arbeiten …
Ich habe sie Weißmäntel genannt, dachte er einen Augenblick später. In meinen Gedanken habe ich die Kinder gerade so bezeichnet. Es war schon lange her, dass ihm das das letzte Mal passiert war.
»Euer Majestät«, sagte Arganda. Er stand neben Logain, dem Anführer der Asha’man, und Havien Nurelle, dem neuen Befehlshaber der Geflügelten Wachen. Talmanes von der Bande der Roten Hand gesellte sich mit ein paar Offizieren der Saldaeaner und der Legion des Drachen zu ihnen. Ein kurzes Stück entfernt saß der Älteste Haman von den Ogiern am Boden; er starrte wie benommen in den Sonnenuntergang.
»Euer Majestät«, fuhr Arganda fort. »Mir ist klar, dass Ihr das als großen Sieg betrachtet …«
»Es ist ein großer Sieg«, erwiderte Elayne. »Wir müssen die Männer dazu bringen, es auf diese Weise zu betrachten. Vor nicht einmal acht Stunden war ich davon überzeugt, dass unser ganzes Heer niedergemacht werden würde. Wir haben gesiegt.«
»Und es hat uns die Hälfte unserer Truppen gekostet«, sagte Arganda leise.
»Ich werde das als Sieg zählen«, beharrte Elayne. »Wir standen vor der völligen Vernichtung.«
»Heute ist der Metzger der einzige Sieger«, meinte Nurelle leise. Er schien vom Grauen heimgesucht.
»Nein«, meldete sich Tam al’Thor zu Wort. »Sie hat recht. Die Männer müssen begreifen, was ihre Verluste bewirkt haben. Wir müssen das als Sieg behandeln. So muss es in die Geschichtsbücher Einzug halten, und die Soldaten müssen überzeugt werden, es so zu sehen.«
»Das ist eine Lüge«, hörte sich Galad sagen.
»Das ist es nicht«, widersprach al’Thor. »Wir haben heute viele Freunde verloren. Licht, das haben wir alle. Aber uns auf den Tod zu besinnen ist genau das, was der Dunkle König will. Sagt mir, dass ich mich irre! Wir müssen aufschauen und das Licht sehen und nicht den Schatten, oder es zieht uns alle unter Wasser.«
»Indem wir hier gewonnen haben«, sagte Elayne und betonte das Wort ausdrücklich, »haben wir uns eine Atempause verdient. Wir können uns in Merrilor versammeln, uns dort verschanzen und mit unserer Kraft das letzte Gefecht gegen den Schatten führen.«
»Beim Licht«, flüsterte Talmanes. »Wir werden das alles noch einmal durchmachen müssen, oder?«
»Ja.« Elayne sagte es zögernd.
Galad schaute auf das Feld der Toten hinaus und fröstelte. »Merrilor wird schlimmer sein. Das Licht stehe uns bei … es wird viel schlimmer werden.«
33
Tabak für den Prinzen
Perrin jagte den Schlächter quer über den Himmel.
Er sprang aus einer wogenden schwarz-silbernen Wolke, und der Schlächter war ein Schemen am verkohlten Firmament. Die Luft pulsierte im Rhythmus der Blitze und Sturmwinde. Ein Geruch nach dem anderen stürmte auf Perrin ein, ohne jede Logik. Schlamm in Tear. Ein verbrennender Kuchen. Verfaulender Müll. Eine Todeslilie.
Der Schlächter landete vor ihm auf einer Wolke und versetzte sich, drehte sich in der Dauer eines Wimpernschlags mit gespanntem Bogen herum. Der Pfeil schoss so schnell durch die Luft, dass es donnerte, aber Perrin vermochte ihn mit dem Hammer zur Seite zu schlagen. Er landete auf derselben Gewitterwolke wie der Schlächter und stellte sich vor, dass der Untergrund fest war, und die Schwaden der Sturmwolken erstarrten zu einer festen Masse.
Perrin stürmte durch wogenden dunkelgrauen Nebel, der über die Oberseite der Wolke strich, und griff an. Sie stießen zusammen, der Schlächter dachte Schwert und Schild herbei. Perrins Hammer schlug einen Rhythmus gegen den Schild und unterstrich das tobende Gewitter. Ein Donnerschlag mit jedem Hieb.
Der Schlächter fuhr herum, um zu fliehen, aber Perrin erwischte den Saum seines Umhangs. Als sich der Schlächter versetzen wollte, stellte sich Perrin vor, dass sie blieben. Er wusste, dass sie das tun würden. Es war keine Möglichkeit, es war eine unverrückbare Tatsache.
Einen Augenblick lang verloren ihre Konturen an Schärfe, dann standen sie wieder auf der Wolke. Knurrend schlug der Schlächter mit dem Schwert um sich, trennte die Spitze seines Umhangs ab und befreite sich. Er drehte sich um und stellte sich Perrin, machte einen langsamen Schritt zur Seite, die Klinge zu allem bereitgehalten. Unter ihm erzitterten die Wolken, ein Phantomblitz erhellte die Nebelschwaden unter ihren Füßen.
»Du wirst immer lästiger, Welpe«, sagte der Schlächter.
»Du hast nie gegen einen Wolf gekämpft, der sich wehren kann«, erwiderte Perrin. »Du hast sie aus der Ferne getötet. Sie auf diese Weise abzuschlachten war leicht. Jetzt versuchst du eine Beute zu jagen, die Zähne hat, Schlächter.«
Der Schlächter schnaubte. »Du bist wie ein Junge, der das Schwert seines Vaters hält. Gefährlich, aber völlig ahnungslos, warum oder wie du deine Waffe benutzen musst.«
»Wir werden ja sehen, wer …«, erwiderte Perrin, aber der Schlächter stieß zu. Perrin stellte sich vor, dass das Schwert stumpf wurde, sich die Luft verdickte, um die Klinge aufzuhalten, und seine Haut hart genug wurde, um die Waffe zur Seite zu lenken.
Eine Sekunde später flog er durch die Luft.
Narr!, dachte er. Er hatte sich so sehr auf den Angriff konzentriert, dass er nicht darauf vorbereitet gewesen war, als der Schlächter den Untergrund veränderte. Perrin stürzte durch die grollende Wolke den Himmel hinab, und der Wind riss an seiner Kleidung. Er bereitete sich auf den Pfeilhagel vor, der ihm durch die Schwaden folgen würde. Der Schlächter konnte ja so berechenbar sein …
Es kamen keine Pfeile. Perrin stürzte ein paar Augenblicke lang, dann fluchte er und drehte sich um. Ein Geschosshagel raste vom Boden nach oben. Er versetzte sich Sekunden bevor die Pfeile die Stelle durchschlugen, an der er sich noch gerade eben aufgehalten hatte.
Noch immer stürzend, erschien er hundert Schritte entfernt. Er machte sich nicht die Mühe, den Fall zu beenden; er verstärkte seinen Körper, um den Aufprall zu überstehen, und schlug auf. In allen Richtungen breiteten sich Risse von ihm aus. Staub wirbelte in die Höhe.
Der Sturm war viel schlimmer als zuvor. Hier irgendwo im Süden, wo sich Schlingpflanzen um die Bäume wanden und Büsche wucherten, war der Boden aufgewühlt und vernarbt. Ständig zuckten Blitze in die Tiefe, so häufig, dass er kaum bis drei zählen konnte, ohne den nächsten zu sehen.
Es gab keinen Regen, aber die Landschaft löste sich auf. Ganze Hügel verschwanden. Der links von Perrin sackte wie ein gewaltiger Haufen Staub in sich zusammen, und der Wind riss Schwaden aus Erde und Sand mit sich.
Perrin sprang in den Himmel und suchte den Schlächter. Hatte sich der Mann zurück zum Shayol Ghul versetzt? Nein. Zwei weitere Pfeile sausten durch die Luft auf ihn zu. Der Schlächter war sehr gut darin, sie die Sturmböen trotzen zu lassen.