Er schlug sie zur Seite und eilte in die Richtung seines Feindes. Er entdeckte ihn auf einer Felsenspitze, deren Hänge auf allen Seiten abbröckelten und dann in die Höhe gepeitscht wurden.
Mit schwingendem Hammer landete er. Natürlich versetzte sich der Schlächter, und der Hammer krachte donnernd auf den Felsboden. Perrin knurrte. Der Schlächter war zu schnell!
Aber er war auch schnell. Früher oder später würde einer von ihnen einen Fehler machen. Ein Fehler würde reichen.
Schemenhaft sah er den Schlächter fliehen, und er folgte ihm. Als er vom nächsten Hügel sprang, zersplitterte hinter ihm der Stein und stieg in den Wind empor. Das Muster wurde schwächer. Darüber hinaus war seine Willenskraft jetzt viel stärker, da er sich im Fleisch an diesem Ort befand. Er musste sich keine Sorgen mehr machen, den Traum zu ungestüm zu betreten und sich darin zu verlieren. Er hatte ihn so energisch betreten, wie das nur vorstellbar war.
Und so erbebte bei jeder seiner Bewegungen die Landschaft um ihn herum. Der nächste Sprung zeigte ihm das vor ihm liegende Meer. Sie hatten sich viel weiter nach Süden bewegt, als ihm bewusst gewesen war. Waren sie in Illian? Tear?
Der Schlächter landete am Strand, wo Wasser gegen Felsen schlug. Sämtlicher Sand – falls es hier jemals welchen gegeben hatte – war weggeweht worden. Das Land schien sich in einen urzeitlichen Zustand zurückzuverwandeln, der Boden war erodiert und hatte nur noch Stein und donnernde Wellen zurückgelassen.
Perrin landete neben dem Schlächter. Dieses Mal versetzte sich keiner. Beide Männer waren auf den Kampf versessen, auf die Hiebe von Hammer und Schwert. Metall klirrte gegen Metall.
Perrin landete beinahe einen Treffer, der Hammerkopf berührte die Kleidung des Schlächters. Er hörte einen Fluch, aber im nächsten Augenblick kam der Schlächter mit einer großen Axt in der Hand aus seiner geduckten Haltung. Perrin verhärtete seine Haut und fing sie mit der Seite ab.
Die Klinge forderte kein Blut, nicht bei der Härte, die Perrin erschaffen hatte, aber sie traf mit einer gewaltigen Wucht. Der Hieb schleuderte Perrin hinaus aufs Meer.
Eine Sekunde später erschien der Schlächter über ihm und schlug erneut mit der Axt zu. Perrin parierte mit dem Hammer, während er stürzte, aber der Schlag trieb ihn nach unten auf den Ozean zu.
Er befahl dem Wasser, sich zurückzuziehen. Wie von einem mächtigen Wind getrieben, wich es rauschend nach allen Seiten zurück. Perrin landete schwer und spaltete den noch nassen Felsboden der Bucht. Ringsum erhoben sich nun dreißig Fuß hohe Wände aus Meerwasser.
Der Schlächter landete in der Nähe. Die Anstrengungen des Kampfes ließen den Mann keuchen. Gut. Perrins Müdigkeit manifestierte sich als Brennen in der Tiefe seiner Muskeln.
»Ich bin froh, dass du da warst«, sagte der Schlächter und legte das Schwert auf die Schulter. Sein Schild verschwand. »Ich hatte so sehr gehofft, dass du eingreifst, wenn ich komme, um den Drachen zu töten.«
»Was bist du, Luc?«, fragte Perrin misstrauisch und versetzte sich zur Seite, blieb in dem von Wasserwänden umgebenen Steinkreis genau gegenüber von seinem Feind. »Was bist du wirklich?«
Der Schlächter schlich langsam seitlich und redete weiter. Wie Perrin nur zu genau wusste, tat er es, um seine Beute abzulenken. »Ich habe ihn gesehen, wusstest du das?«, sagte er leise. »Den Dunklen König, den Großen Herrn, wie ihn einige nennen. Beide Bezeichnungen sind grobe, fast schon beleidigende Untertreibungen.«
»Glaubst du wirklich, er belohnt dich?« Perrin spuckte aus. »Wie kannst du nicht begreifen, dass er dich wie so viele andere auch einfach wegwerfen wird, sobald du seine Wünsche erfüllt hast?«
Der Schlächter lachte. »Hat er die Verlorenen weggeworfen, als sie versagten und zusammen mit ihm in der Bohrung eingekerkert wurden? Er hätte sie alle töten und ihre Seelen für alle Ewigkeit quälen können. Tat er es?«
Darauf erwiderte Perrin nichts.
»Der Dunkle König wirft keine nützlichen Werkzeuge weg«, fuhr der Schlächter fort. »Versage, und vielleicht bestraft er dich, aber er wirft niemals etwas weg. Er ist wie eine gute Hausfrau mit ihren Schnurknäueln und kaputten Teekesseln irgendwo ganz unten in der Truhe, die nur auf den richtigen Augenblick warten, um wieder nützlich zu sein. Genau da irrst du dich, Aybara. Ein normaler Sterblicher tötet das erfolgreiche Werkzeug vielleicht, weil er Angst hat, es könnte ihn irgendwann bedrohen. Das ist nicht die Art des Dunklen Königs. Er wird mich belohnen.«
Perrin wollte etwas erwidern, aber der Schlächter versetzte sich im Glauben, ihn abgelenkt zu haben, genau vor ihn. Perrin verschwand, und sein Gegner traf bloß Luft. Der Schlächter fuhr herum, und seine Klinge durchteilte die Luft, aber Perrin hatte sich auf die andere Seite versetzt. Zu seinen Füßen zuckten kleine Meeresgeschöpfe mit vielen Armen verwirrt wegen des plötzlich fehlenden Wassers. Hinter dem Schlächter schwamm etwas Großes und Dunkles durch das schattenverhüllte Meer.
»Du hast meine Frage nicht beantwortet«, sagte Perrin. »Was bist du?«
»Ich bin kühn«, antwortete der Schlächter und setzte sich in Bewegung. »Und ich bin es leid, Angst zu haben. In diesem Leben gibt es Raubtiere, und es gibt ihre Beute. Oft enden Raubtiere selbst als Fressen. Man kann nur auf eine Weise überleben, man muss die Kette hinauf und selbst zum Jäger werden.«
»Darum tötest du Wölfe?«
Das Gesicht des Schlächters war in Schatten gehüllt, er lächelte gefährlich. Durch die Sturmwolken am Himmel und die hohen Wasserwände war es hier unten auf dem Grund sehr dunkel – obwohl das seltsame Licht des Wolfstraums auch an diese Orte drang, war es dennoch gedämpft.
»Wölfe und Männer sind die besten Jäger dieser Welt«, sagte der Schlächter leise. »Töte sie, und du setzt dich über sie. Nicht jedem von uns war es vergönnt, in einem behaglichen Heim mit einem warmen Herd und lachenden Geschwistern aufzuwachsen.«
Sie fingen an, sich im Kreis zu bewegen; Schatten verschmolzen, Blitze aus der Höhe flackerten im Wasser.
»Wenn du mein Leben kennen würdest, würdest du aufheulen«, sagte der Schlächter. »Die Hoffnungslosigkeit, die Qualen … Ich fand schnell meinen Weg. Meine Macht. An diesem Ort bin ich ein König.«
Er überbrückte die Distanz so schnell, dass er wie ein Schemen erschien. Perrin bereitete sich auf einen Schlag vor, aber der Schlächter setzte sein Schwert nicht ein. Stattdessen krachte er gegen ihn und schleuderte sie beide in die Wassermauer hinein. Um sie herum brodelte das Meer.
Dunkelheit. Perrin erschuf Licht, schaffte es irgendwie, die Felsen zu seinen Füßen leuchten zu lassen. Im dunklen Wasser hielt der Schlächter mit der einen Hand seinen Umhang fest und schwang mit der anderen die Klinge. Das Schwert hinterließ Luftblasen, bewegte sich aber genauso schnell wie in der Luft. Perrin schrie auf, Blasen sprudelten aus seinem Mund. Er wollte parieren, aber seine Arme bewegten sich zu langsam.
In diesem erstarrten Augenblick versuchte er sich vorzustellen, dass das Wasser seine Bewegungen nicht behinderte, aber sein Verstand verwarf die Idee. Das war nicht natürlich. Das konnte es auch nicht sein.
Das Schwert des Schlächters hatte ihn fast erreicht, als er das Wasser um sie beide herum verzweifelt gefrieren ließ. Das zermalmte ihn um ein Haar, aber es hielt den Schlächter für den kostbaren Moment auf, den er brauchte, um sich zu orientieren. Er ließ seinen Umhang verschwinden, damit er den Schlächter nicht mit sich nehmen würde, dann versetzte er sich.
Perrin landete auf dem felsigen Strand, direkt neben einem steilen Hügel, den die Macht der Elemente zur Hälfte abgetragen hatte. Keuchend stürzte er auf Hände und Knie. Wasser strömte aus seinem Bart. Sein Verstand fühlte sich … taub an. Es fiel ihm schwer, das Wasser wegzudenken, um sich zu trocknen.
Was passiert mit mir?, dachte er zitternd. Um ihn herum tobte der Sturm und fetzte Rinde von Baumstämmen, deren Äste er schon längst weggerissen hatte. Er war so … müde. Erschöpft. Wann hatte er das letzte Mal geschlafen? In der realen Welt waren Wochen vergangen, aber hier konnten es doch unmöglich Wochen gewesen sein, oder? Es …