Du schätzt sein Aussehen falsch ein, sagte sie sich. Da ist nichts Verdächtiges an dem Mann, das Horn macht dich nervös.
Trotzdem fragte sie Harnan nach dem Mann, als er kam und sie fragte, ob sie etwas benötigte – so wie es ein Angehöriger der Bande jede halbe Stunde tat.
»Vanin?«, sagte Harnan vom Sattel aus. »Ein guter Bursche. Manchmal kann er einem das Ohr mit seinen ständigen Klagen abkauen, meine Lady, aber daran solltet Ihr Euch nicht stören. Er ist unser bester Kundschafter.«
»Ich kann mir das gar nicht vorstellen«, erwiderte sie. »Ich meine, mit dieser Masse kann er sich doch gar nicht schnell oder leise bewegen.«
Harnan lachte. »Er dürfte Euch überraschen, meine Lady. Ich ziehe ihn ja gern damit auf, aber er ist wirklich sehr geschickt.«
»Hat er sich je etwas zuschulden kommen lassen?«, fragte Faile und versuchte, ihre Worte sorgsam zu wählen. »Raufereien? Etwas aus den Zelten anderer Männer gestohlen?«
»Vanin?« Harnan lachte wieder. »Er leiht sich deinen Branntwein aus, wenn man ihn lässt, und gibt die Flasche dann so gut wie leer zurück. Und um die Wahrheit zu sagen, könnte er in seiner Vergangenheit möglicherweise gelegentlich gestohlen haben, aber ich wüsste nicht, dass er jemals eine Rauferei angefangen hat. Er ist ein guter Mann. Ihr braucht Euch seinetwegen keine Sorgen zu machen.«
Diebstahl in der Vergangenheit? Aber Harnan sah nicht so aus, als wollte er sich weiter darüber auslassen. »Danke«, sagte sie, aber ihre Sorge war nicht verflogen.
Harnan hob die Finger in einer Art Salut an die Schläfe, dann ritt er weg. Es dauerte drei weitere Stunden, bevor eine Aes Sedai auftauchte, um sie wegzubringen. Berisha kam und beäugte die Karawane kritisch. Sie hatte harte Züge und war ausgesprochen schlank. Zu diesem Zeitpunkt waren die anderen Aes Sedai, die sich um das Reisegelände kümmerten, bereits nach Tar Valon zurückgekehrt, und die Sonne neigte sich dem Horizont zu.
»Eine Karawane mit Vorräten und Zeltplane«, sagte Berisha und blätterte in Failes Kontobuch. »Für das Feld von Merrilor bestimmt. Bis jetzt haben wir ihnen heute bereits sieben Karawanen geschickt. Warum denn noch eine? Die Flüchtlinge aus Caemlyn könnten das alles genauso gut brauchen.«
»Das Feld von Merrilor ist bald der Schauplatz einer großen Schlacht«, erwiderte Faile und hielt ihren Unmut nur mühsam im Zaum. Aes Sedai mochten es gar nicht, angefaucht zu werden. »Ich bezweifle, dass wir dort zu viel Nachschub hinschaffen können.«
Berisha schnaubte. »Ich sage, es ist zu viel.« Die Frau erschien chronisch unzufrieden, als wäre sie darüber verärgert, nicht mitkämpfen zu können.
»Die Amyrlin ist anderer Meinung als Ihr«, erwiderte Faile. »Bitte ein Wegetor. Es wird spät.« Und wenn du schon über Verschwendung sprechen willst, warum dann nicht darüber, dass ihr mich den ganzen Weg aus der Stadt kommen und warten lasst, statt mich direkt vom Gelände der Weißen Burg wegzubringen?
Der Saal der Burg bestand auf einem einzigen Reisegelände für große Truppen- oder Nachschubbewegungen, um besser kontrollieren zu können, wer Tar Valon betrat und verließ. Faile konnte ihnen diese Vorsichtsmaßnahme nicht verdenken, selbst wenn das manchmal lästig war.
Bürokratie war Bürokratie, und endlich zeigte Berisha einen konzentrierten Ausdruck auf dem Gesicht, um ein Wegetor zu erschaffen. Aber bevor sie das Gewebe fertigstellen konnte, grollte plötzlich der Boden.
Nicht schon wieder, dachte Faile mit einem Seufzen. Nun, für gewöhnlich gab es Nachbeben nach einem großen …
In der Nähe brachen eine Reihe scharfer schwarzer Kristallnadeln aus der Erde und schossen zehn oder fünfzehn Fuß in die Höhe. Eine spießte das Pferd einer Rotwaffe auf und ließ Blut durch die Luft spritzen, als Tier und Mann durchbohrt wurden.
»Eine Blase des Bösen!«, rief Harnan aus der Nähe.
Weitere Kristallnadeln rissen den Untergrund auf, einige so dünn wie Speere, andere so breit wie ein Mensch. Faile versuchte verzweifelt, ihre Pferde zu beruhigen. Sie tänzelten zur Seite und stürzten um ein Haar den Wagen um, während sie an den Zügeln zerrte.
Um sie herum herrschte der Wahnsinn. Die Nadeln schossen gruppenweise aus dem Boden, und jede war so scharf wie eine Rasierklinge. Ein Wagen zersplitterte, als Kristalle seine linke Seite zerstörten. Lebensmittel ergossen sich auf das tote Gras. Pferde gingen durch und kippten Wagen um. Die Kristallnadeln erschienen weiterhin überall auf dem Feld. Aus dem nahe gelegenen Dorf am Ende der Brücke aus Tar Valon tönte Geschrei herüber.
»Wegetor!«, brüllte Faile, die noch immer mit ihrem Gespann kämpfte. »Macht schon!«
Berisha sprang zurück, als neben ihren Füßen Kristallnadeln aus dem Boden schossen. Sie warf ihnen einen Blick zu, während ihr Gesicht jede Farbe verlor, und erst da erkannte Faile, dass sich etwas in den schattenhaften Kristallen bewegte. Es sah aus wie Rauch.
Eine Kristallnadel durchbohrte Berishas Fuß. Sie schrie auf und ging auf die Knie, während im gleichen Moment ein Strich aus Licht die Luft durchschnitt. Sie mussten alle dem Schöpfer danken, denn die Frau hielt ihr Gewebe fest, und der Lichtstrich rotierte mit scheinbar gletscherhafter Langsamkeit und öffnete ein Loch, das gerade groß genug für einen Wagen war.
»Durch das Tor!«, schrie Faile, aber ihre Stimme ging im Aufruhr unter. Dicht neben ihr brachen Kristalle aus dem Boden und spritzten Erde auf ihr Gesicht. Ihre Pferde tänzelten, brachen dann im Galopp aus. Statt völligen Kontrollverlust zu riskieren, lenkte sie sie auf das Wegetor zu. Aber bevor sie durchfuhren, brachte sie die Tiere brutal zum Stehen.
»Das Wegetor!«, brüllte sie den anderen zu. Wieder ging ihre Stimme unter. Glücklicherweise nahmen die Rotwaffen den Ruf auf, preschten die in Unordnung geratene Reihe entlang, packten die Zügel von Gespannen und steuerten Wagen auf das Tor zu. Andere Männer halfen jenen hoch, die zu Boden geworfen worden waren.
Harnan donnerte vorbei; er hielt Olver fest gepackt. Ihm folgte Sandip, während Setalle Anan sich von hinten an ihm festklammerte. Die Kristalle kamen jetzt immer schneller. Einer schoss direkt neben Faile in die Höhe, und voller Entsetzen erkannte sie, dass die darin gefangene rauchige Bewegung eine Gestalt hatte. Es waren die Umrisse von Männern und Frauen, die vor Qualen schrien, als wären sie darin gefangen.
Entsetzt zuckte sie zurück. Ein Stück entfernt raste der letzte noch intakte Wagen durch das Wegetor. Bald würde das Feld nur noch aus Kristallen bestehen. Ein paar Nachzügler der Bande halfen den Verletzten auf Pferde, aber zwei starben, als die Kristalle Auswüchse bildeten, die aus den Seiten hervorschossen. Es war Zeit zu gehen. Aravine kam und schnappte sich Failes Zügel, um sie in Sicherheit zu bringen.
»Berisha!«, sagte Faile. Die Aes Sedai kniete mit schweißüberströmtem Gesicht neben der Öffnung. Faile sprang vom Kutschbock und packte die Frau an den Schultern, während Aravine den Wagen durch das Tor steuerte.
»Kommt schon!«, sagte Faile zu Berisha. »Ich trage Euch.«
Die Schwester schwankte, dann stürzte sie auf die Seite und hielt sich den Bauch. Erst jetzt sah Faile das Blut, das zwischen ihren Fingern hervorquoll. Berisha starrte in den Himmel, ihre Lippen bewegten sich, aber es drang kein Laut hervor.
»Meine Lady!« Mandevwin galoppierte herbei. »Mir ist egal, wo es hinführt! Wir müssen jetzt durch!«
»Was …«
Sie verstummte, als Mandevwin sie bei der Taille packte und in die Höhe riss, während um sie herum weitere Kristalle aus dem Boden platzten. Er hielt sie fest und galoppierte durch die Öffnung.
Einen Augenblick später schnappte das Wegetor zu.
Faile keuchte, als Mandevwin sie absetzte. Sie starrte zurück auf die Stelle, wo eben noch das Tor gewesen war.
Erst jetzt drangen seine Worte zu ihr durch. Mir ist egal, wo es hinführt … Er hatte etwas gesehen, das ihr in ihrer Panik, alle in Sicherheit zu schaffen, entgangen war.