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In der Dunkelheit übersah Aviendha um ein Haar die drei Gestalten, die direkt neben Darlins Zelt in der Dunkelheit hockten. Stumm gaben sie einander Zeichen, und Aviendha vermochte nur wenig von ihnen zu erkennen – nicht einmal ihre Kleidung. Sie hob ihr Messer, und dann zerriss ein Blitz den Himmel und verschaffte ihr einen besseren Blick auf einen der dort Lauernden. Der Mann trug einen Schleier. Aiel.

Auch sie haben den Eindringling bemerkt, dachte sie, schlich zu ihnen und hob eine Hand, damit sie sie nicht angriffen. »In der Nähe habe ich Machtlenken gespürt«, flüsterte sie, »und ich glaube nicht, dass das eine der Unseren ist. Was habt ihr gesehen?«

Die drei Männer starrten sie an, als wären sie völlig verblüfft, obwohl sie nicht viel von ihren Gesichtern erkennen konnte.

Dann griffen sie an.

Fluchend sprang Aviendha zurück, als Speere gezückt wurden und einer ein Messer in ihre Richtung schleuderte. Aiel-Schattenfreunde? Sie kam sich vor wie eine Närrin. Sie hätte es besser wissen müssen.

Sie griff nach der Quelle. Falls sich ein weiblicher Schattenlord in der Nähe befinden sollte, würde sie ihre Bemühungen fühlen, aber das ließ sich nicht ändern. Sie musste diese drei Angreifer abwehren.

Aber als sie nach der Einen Macht griff, peitschte etwas zwischen sie und die Quelle. Eine Abschirmung aus Geweben, die sie nicht wahrnehmen konnte.

Einer dieser Männer konnte die Macht lenken. Ihre Reaktion war purer Instinkt. Sie unterdrückte ihre Panik, hörte auf, nach der Quelle zu greifen, und warf sich auf den Angreifer, der ihr am nächsten stand. Sie wehrte seinen Speerstoß mit der freien Hand ab – ignorierte die Schmerzen, als die Klinge über ihre Rippen schnitt – und riss ihn nach vorn, um ihm ihr Messer in den Hals zu rammen.

Einer der anderen beiden fluchte, und plötzlich fand sich Aviendha in Gewebe aus Luft gehüllt und konnte weder sprechen noch sich bewegen. Blut tränkte ihre Bluse und sammelte sich auf ihrer verletzten Seite. Der Mann, den sie getroffen hatte, zappelte keuchend auf dem Boden, während er starb. Die anderen beiden machten nicht die geringsten Anstalten, ihm zu helfen.

Einer der Schattenfreunde trat geschmeidig auf sie zu; in der Dunkelheit war er fast unsichtbar. Er zog ihr Gesicht heran, um sie besser sehen zu können, dann winkte er dem anderen. Ein sehr schwaches Licht erschien zwischen ihnen und verschaffte ihnen einen besseren Blick auf Aviendha – und auf sie selbst. Sie trugen rote Schleier, aber dieser Kerl hatte seinen für den Kampf nach unten gezogen. Warum? Was hatte das zu bedeuten? Kein Aviendha bekannter Aiel verhielt sich so. Handelte es sich um Shaido? Hatten sie sich auf die Seite des Schattens geschlagen?

Die Männer gestikulierten schnell in der Handsprache. Nicht die Handsprache der Töchter, aber doch etwas Ähnliches. Der andere Mann nickte.

Aviendha wehrte sich gegen ihre unsichtbaren Fesseln. Sie rannte mit ihrem Willen gegen die Abschirmung an, biss auf ihren Knebel aus Luft. Der Aiel zu ihrer Rechten – der größere von ihnen, der vermutlich die Abschirmung hielt – grunzte. Sie hatte das Gefühl, als würden ihre Finger über die Kante einer fast geschlossenen Tür kratzen, hinter der Licht, Wärme und Macht lag. Aber die Tür gab keinen Zoll nach.

Der hochgewachsene Aiel starrte sie mit zusammengekniffenen Augen an. Er ließ das Licht verschwinden und tauchte sie in Dunkelheit. Aviendha hörte, wie er einen Speer zog.

In der Nähe ertönten Schritte. Die Rotschleier hörten sie und fuhren herum. Aviendha versuchte die Dunkelheit zu durchdringen, konnte den Neuankömmling aber nicht erkennen.

Die Männer standen reglos da.

»Was ist hier los?«, fragte eine Frauenstimme. Cadsuane. Mit einer Laterne in der Hand kam sie näher. Aviendha wurde durch die Luft gerissen, als der Mann, der ihre Gewebe hielt, sie in die Schatten beförderte, und Cadsuane schien sie nicht gesehen zu haben. Die Aes Sedai sah allein den anderen Mann, der in der Nähe des Pfades stand.

Dieser Aiel trat nun gänzlich aus dem Schatten. Auch er hatte seinen Schleier gesenkt. »Ich dachte, ich hätte etwas in der Nähe dieser Zelte gehört, Aes Sedai«, sagte er. Er hatte einen seltsamen Akzent, der irgendwie merkwürdig war. Aber nur einen Hauch. Ein Feuchtländer würde den Unterschied niemals erkennen.

Das sind keine Aiel, dachte Aviendha. Sie sind etwas anderes. Ihr Verstand rang mit der Vorstellung. Aiel, die keine Aiel waren? Männer, die die Macht lenken konnten?

Die Männer, die wir ausschickten! Diese Erkenntnis kam ihr voller Entsetzen. Männer, die bei den Aiel die Macht lenken konnten und entdeckt wurden, wurden losgeschickt, um zu versuchen, den Dunklen König zu vernichten. Allein auf sich gestellt zogen sie in die Fäule. Niemand wusste, was danach mit ihnen passierte.

Aviendha wehrte sich wieder und versuchte ein Geräusch zu machen, ganz egal was, um Cadsuane zu warnen. Vergeblich. Verschnürt hing sie in der Dunkelheit in der Luft, und die Aes Sedai blickte nicht in ihre Richtung.

»Und, habt Ihr etwas gefunden?«, fragte Cadsuane den Mann.

»Nein, Aes Sedai.«

»Ich spreche mit den Wächtern.« Cadsuane klang hörbar unzufrieden. »Wir müssen wachsam sein. Gelänge es einem Draghkar oder noch schlimmer einem Myrddraal, sich ins Lager zu schleichen, könnten sie Dutzende töten, bevor man sie entdeckt.«

Cadsuane drehte sich um und ging. Aviendha schüttelte den Kopf, Tränen der Wut in den Augen. So nahe!

Der Rotschleier, der mit Cadsuane gesprochen hatte, schlüpfte zurück in die Schatten und kam zu Aviendha. Ein Blitz enthüllte das Lächeln auf seinem Gesicht, das dem des Mannes entsprach, der sie gefesselt hielt.

Der Rotschleier vor ihr zog einen Dolch aus dem Gürtel und hob die Hand. Hilflos musste sie zusehen, wie sich die Klinge ihrem Hals näherte.

Sie spürte Machtlenken.

Übergangslos verschwanden ihre Fesseln, und sie fiel zu Boden. Noch im Sturz schnappte sie sich die Messerhand des Mannes, und er riss die Augen auf. Obwohl sie urtümlicher Instinkt wild die Quelle umarmen ließ, waren ihre Hände bereits in Bewegung. Sie verdrehte das Handgelenk und brach die Knochen, die Hand und Arm miteinander verbanden. Mit ihrer anderen Hand fing sie das Messer auf und rammte es ihm ins Auge, während er vor Schmerzen aufbrüllte.

Der Schrei brach ab. Der Rotschleier brach zusammen, und sie schaute besorgt zu dem anderen hinüber – der Mann, der sie mit seinen Geweben gehalten hatte. Er lag tot am Boden.

Keuchend eilte sie zu dem Pfad, wo sie auf Cadsuane stieß.

»Es ist so einfach, das Herz eines Mannes anzuhalten«, sagte Cadsuane mit verschränkten Armen. Sie erschien unzufrieden. »Dem Heilen so ähnlich, aber genau der gegenteilige Effekt. Vielleicht ist das ja etwas Böses, aber ich habe nie begriffen, wieso das schlimmer sein soll, als jemanden mit Feuer zu Asche zu verbrennen.«

»Aber wie?«, stieß Aviendha hervor. »Wie konntet Ihr erkennen, was sie sind?«

»Ich bin keine schlecht ausgebildete Wilde«, erwiderte Cadsuane. »Ich hätte sie gern niedergeschlagen, als ich eintraf, aber ich musste vorher sichergehen. Als der eine Euch mit dem Messer bedrohte, wusste ich Bescheid.«

Aviendha atmete ein und aus und versuchte ihren Herzschlag zu beruhigen.

»Und da war natürlich noch der andere. Der, der die Macht lenkte. Wie viele Aiel-Krieger können insgeheim die Macht lenken? War das eine Ausnahme, oder hat Euer Volk sie verborgen gehalten?«

»Was? Nein! Das tun wir nicht. Vielmehr haben wir es nicht getan.« Aviendha war sich nicht sicher, wie sie nun verfahren würden, da die Quelle gereinigt worden war. Mit Sicherheit sollte man keine Männer mehr allein losschicken, damit sie gegen den Dunklen König kämpften.

»Seid Ihr sicher?«, fragte Cadsuane tonlos.