Sie bewegten sich wie eine Abteilung Speerschwestern. Sie passierten Gruppen von tairenischen Verteidigern, die sich polierte Harnische über Uniformen mit breiten gestreiften Ärmeln zogen. In einer Gruppe entdeckte sie König Darlin, der Befehle brüllte.
»Einen Moment«, sagte sie zu den anderen und eilte zu dem Tairener.
»… sie alle!«, sagte Darlin zu seinen Kommandanten. »Lasst die Frontlinien nicht aufweichen! Wir dürfen diese Ungeheuer nicht ins Tal lassen!« Anscheinend hatte ihn der Angriff geweckt, denn er trug bloß Hosen und ein weißes Unterhemd. Ein zerzaust aussehender Diener hielt ihm den Mantel hin, aber abgelenkt von einem Boten, wandte sich der König ab.
Als er Aviendha entdeckte, winkte er sie drängend herbei. Der Diener seufzte tief und senkte den Mantel.
»Ich hätte nicht gedacht, dass sie heute Nacht noch angreifen«, sagte Darlin und warf dann einen Blick zum Himmel. »Oder, nun ja, heute Morgen. Die Kundschafterberichte sind so verwirrend, ich fühle mich, als hätte man mich in einen Käfig voller verrückter Hühner geworfen, um das eine mit der einen schwarzen Feder zu fangen.«
»Diese Berichte«, sagte Aviendha, »werden da Aiel-Männer erwähnt, die für den Schatten kämpfen? Möglicherweise auch die Macht lenken?«
Darlin wandte ruckartig den Kopf. »Also ist das wahr?«
»Ja.«
»Und die Trollocs rücken mit allem vor, was sie haben, um sich den Weg ins Tal zu erzwingen«, sagte Darlin. »Wenn diese Aiel-Schattenlords anfangen, unsere Truppen anzugreifen, haben wir ohne euch nicht die geringste Chance, sie abzuwehren.«
»Wir sind unterwegs«, erwiderte Aviendha. »Schickt nach Amys und Cadsuane, um Wegetore zu weben. Aber ich warne Euch. Ich habe einen Schattenlord dabei erwischt, wie er um Euer Zelt herumschlich …«
Darlin erblasste. »Wie Ituralde … Beim Licht, sie haben mich nicht berührt. Ich schwöre es. Ich …« Er hielt sich den Kopf. »Wem sollen wir vertrauen, wenn wir nicht einmal mehr dem eigenen Verstand vertrauen können?«
»Wir müssen den Tanz der Speere so einfach wie möglich machen«, sagte Aviendha. »Geht zu Rhuarc, versammelt Eure Führer. Plant zusammen, wie ihr dem Schatten entgegentretet, lasst die Schlacht nicht allein von einem Mann kontrollieren – und erlaubt nicht, dass eure Pläne verändert werden.«
»Das könnte in die Katastrophe führen«, widersprach Darlin. »Wenn wir nicht flexibel sein können …«
»Was muss denn verändert werden?«, fragte Aviendha grimmig. »Wir halten die Stellung. Wir halten die Stellung mit allem, was uns zur Verfügung steht. Wir ziehen uns nicht zurück. Wir versuchen nichts Schlaues. Wir halten einfach die Stellung.«
Darlin nickte. »Ich schicke nach Wegetoren, um die Töchter auf diese Hänge zu befördern. Sie können die Trollocs ausschalten, die auf unsere Jungs schießen. Könnt Ihr Euch um die feindlichen Machtlenker kümmern?«
»Ja.«
Aviendha kehrte zu ihrer Gruppe zurück und fing an, ihre Macht in sich aufzunehmen. Je mehr man von der Einen Macht hielt, umso schwerer wurde es, einen von der Wahren Quelle abzuschneiden. Sie beabsichtigte so viel davon zu halten, dass kein Mann sie davon trennen konnte.
Hilflosigkeit. Sie hasste es, sich hilflos zu fühlen. Sie ließ den Zorn über das, was man ihr eben angetan hatte, in sich wüten und führte ihre Gruppe zur nächsten Quelle männlichen Machtlenkens, die Flinn identifizieren konnte.
34
Dahintreiben
Rand stand an einem Ort, den es nicht gab.
Ein Ort außerhalb der Zeit, tatsächlich sogar außerhalb des Musters.
Um ihn herum breitete sich eine große Leere aus. Unersättlich und hungrig verzehrte sie sich danach, alles zu verschlingen. Tatsächlich konnte er sogar das Muster sehen. Es erschien wie Abertausende verdrehte Lichtfäden; sie wanden sich um ihn und über ihm, schlängelten sich schimmernd umeinander. Zumindest interpretierte es sein Verstand so.
Alles, was je gewesen war. Alles, was je sein würde. Alles, was je hätte sein können … das alles lag direkt vor ihm.
Rand konnte es nicht begreifen. Die es umgebende Schwärze zog ihn an, zog ihn in sich hinein. Er griff nach dem Muster und verankerte sich irgendwie darin, damit er nicht verschlungen wurde.
Das veränderte seinen Blickpunkt. Es verband ihn zumindest flüchtig mit dem Fluss der Zeit. Vor ihm kräuselte sich das Muster, und Rand sah zu, wie es gewebt wurde. Es handelte sich nicht um das reale Muster, das war ihm schon klar, aber sein Verstand nahm es auf diese Weise wahr. Das war ihm vertraut, denn all das war ihm stets so beschrieben worden, als sich miteinander verknüpfende Lebensfäden.
Rand verankerte sich wieder in der Realität und bewegte sich mit ihr. Zeit hatte wieder eine Bedeutung, und er konnte nicht voraus oder nach hinten schauen. Aber er konnte noch immer alle Orte sehen, wie ein Mann, der über einer sich drehenden Weltkugel steht.
Rand wandte sich der Leere zu. »Nun«, sagte er in sie hinein. »Hier wird also alles geschehen. Moridin hätte mich glauben lassen, dass ein einfaches Schwertduell alles entscheidet.«
ER ENTSTAMMT MIR. ABER SEIN BLICK REICHT NICHT WEIT.
»Ja«, sagte Rand. »Das ist mir auch schon aufgefallen.«
KLEINE WERKZEUGE KÖNNEN EFFEKTIV SEIN. DIE SCHMALSTE KLINGE KANN EIN HERZ ANHALTEN. ER HAT DICH HERGEBRACHT, WIDERSACHER.
Beim letzten Mal, als Rand den Namen Lews Therin getragen hatte, war das alles nicht passiert. Er konnte es nur als gutes Zeichen deuten.
Jetzt fing der Kampf richtig an. Er blickte in das Nichts und fühlte es anschwellen. Dann brach ein Sturm aus, als der Dunkle König mit seiner ganzen Macht auf Rand einschlug.
Perrin sackte gegen einen Baum und keuchte vor Schmerzen. Der Pfeil des Schlächters hatte seine Schulter durchbohrt und kam auf dem Rücken wieder heraus. Er wagte es nicht, ihn herauszuziehen, nicht mit …
Er schwankte. Das Denken fiel ihm schwer. Wo war er? Er hatte sich so weit vom Schlächter versetzt, wie er konnte, aber … Er erkannte diesen Ort nicht. Die Bäume wiesen seltsame Kronen mit zu vielen Blättern auf, diese Sorte hatte er noch nie zuvor gesehen. Der Sturm wütete auch hier, war aber bedeutend schwächer.
Perrin rutschte aus und landete mit einem Grunzen auf dem Boden. Die Schmerzen in seiner Schulter flammten auf. Mühsam rollte er sich herum und starrte in den Himmel. Der Sturz hatte den Pfeil zerbrechen lassen.
Es ist … es ist der Wolfstraum. Ich kann den Pfeil einfach verschwinden lassen.
Er versuchte die nötige Kraft dafür zu sammeln, war aber zu schwach. Er trieb dahin, und er sandte seine Gedanken aus, suchte nach Wölfen. Er entdeckte einige von ihnen, und sie reagierten überrascht.
Ein Zweibeiner, der sprechen kann? Was ist das? Wer bist du?
Seine Natur schien ihnen Angst zu machen, und sie stießen ihn aus ihrem Bewusstsein. Wie konnten sie nicht wissen, wer er war? Wölfe hatten ein langes Gedächtnis. Sicherlich … sicherlich …
Faile, dachte er. So schön, so klug. Ich sollte zu ihr gehen. Ich muss bloß dieses … bloß diesen Eingang zu den Kurzen Wegen schließen … dann kann ich zurück zu ihr, zu den Zwei Flüssen …
Perrin kämpfte sich auf die Knie. War das sein Blut auf dem Boden? So viel Rot. Er starrte es blinzelnd an.
»Da seid Ihr ja«, sagte eine Stimme.
Lanfear. Er schaute zu ihr hoch und konnte sie nur verschwommen wahrnehmen.
»Also hat er Euch besiegt«, sagte sie und verschränkte die Arme. »Enttäuschend. Ihn wollte ich nicht wählen müssen. Ich finde Euch viel ansprechender, Wolf.«
»Bitte«, krächzte er.
»Ich bin ja versucht, obwohl ich es nicht sein sollte«, sagte sie. »Ihr habt Euch als schwach erwiesen.«
»Ich … ich kann ihn besiegen.« Plötzlich überwältigte Perrin die Scham, vor ihr versagt zu haben. Wann hatte er angefangen, sich darüber Gedanken zu machen, was Lanfear von ihm hielt? Er vermochte es nicht genau zu sagen.