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Wie sie sprach, so souverän und entschlossen … diese Art und Weise, auf die sie einem sofort das Gefühl einflößte, vertrauenswürdig zu sein. Es war gar keine Verwandte, erkannte Faile. Die Frau wurde in der Weißen Burg ausgebildet. War sie vielleicht wie Königin Morgase? Zu schwach in der Einen Macht, um Aes Sedai zu werden?

»Wir warten einen Tag«, sagte Faile. »Falls uns bis dahin keiner gefolgt ist, ziehen wir in Richtung Süden und versuchen der Fäule so schnell wie möglich zu entkommen.«

»Ich frage mich, wie weit wir im Norden sind«, meinte Harnan und rieb sich das Kinn. »Ich habe keine große Lust, über Berge klettern zu müssen, um nach Hause zu kommen.«

»Würdet Ihr lieber in der Fäule bleiben?«, fragte Mandevwin.

»Nun, nein«, antwortete Harnan. »Aber es könnte Monate in Anspruch nehmen, sicheres Gebiet zu erreichen. Monate durch die Fäule reisen zu müssen …«

Beim Licht. Monatelang durch eine Gegend reisen zu müssen, in der wir Glück gehabt haben, an einem Tag nur zwei Männer zu verlieren. Sie würden es niemals schaffen. Selbst ohne die Wagen würde die Karawane in dieser Einöde wie eine Wunde auf schorfiger Haut hervorstechen. Sie würden schon Glück haben, wenn sie noch zwei Tage lang durchhielten.

Faile widerstand dem Drang, zu ihrem Zelt zu sehen. Was würde geschehen, wenn sie es Mat nicht rechtzeitig übergeben konnte?

»Es gibt eine andere Möglichkeit«, sagte Setalle zögernd.

Faile sah sie an.

»Diesen Gipfel, den Ihr da östlich von uns seht«, sagte Setalle, obwohl ihr offensichtlich jedes Wort schwerfiel. »Das ist Shayol Ghul.«

Mandevwin kniff die Augen zusammen und flüsterte etwas so leise, dass Faile es nicht mitbekam. Die anderen sahen aus, als wäre ihnen schlecht geworden. Trotzdem verstand Faile sofort, worauf Setalle hinauswollte.

»Dort führt der Wiedergeborene Drache Krieg gegen den Schatten«, sagte sie. »Dort wird eines unserer Heere sein. Mit Machtlenkern, die uns hier rausschaffen könnten.«

»In der Tat«, sagte Setalle. »Und die Gegend um den Shayol Ghul ist als das Verdorbene Land bekannt, ein Land, das die Schrecken der Fäule angeblich meiden.«

»Weil es so schrecklich ist!«, sagte Arrela. »Wenn sie sich nicht dorthin wagen, dann weil sie den Dunklen König fürchten!«

»Der Dunkle König und seine Heere könnten ihre Aufmerksamkeit auf die Kämpfe gerichtet haben«, sagte Faile langsam und nickte. »In der Fäule können wir nicht lange überleben – wir werden alle tot sein, noch bevor die Woche vorbei ist. Aber wenn dieses Verdorbene Land frei von diesem Schrecken ist und wir dort unser Heer erreichen …«

Es erschien als weitaus bessere Hoffnung – so gering sie auch sein mochte – als der Versuch, monatelang durch den gefährlichsten Ort der Welt zu marschieren. Sie sagte den anderen, was sie vorhatte, und entließ sie dann.

Ihre Berater gingen, um ihre Nachtlager aufzuschlagen, während Mandevwin loszog, die Wachtposten zu überprüfen. Faile blieb sitzen, starrte in die glühenden Scheite und kämpfte gegen ihre Übelkeit an.

Jemand hat Berisha ermordet, dachte sie. Da bin ich mir sicher. Der Ort des Wegetors konnte wirklich ein Zufall gewesen sein. Zufälle passierten, selbst Aes Sedai, ganz egal, was Setalle dachte. Aber wenn sich ein Schattenfreund in der Karawane befand, der in die Toröffnung gesehen und erkannt hatte, dass es in die Fäule führte, dann hätten sie sich durchaus dazu entscheiden können, Berisha umzubringen, damit das Horn und die Karawane strandeten.

»Setalle«, sagte Faile, als die Frau vorbeiging. »Auf ein Wort.«

Setalle setzte sich mit ausdrucksloser Miene neben sie. »Ich weiß, was Ihr fragen wollt.«

»Wie lange ist es her«, fragte Faile, »seit Ihr in der Weißen Burg wart?«

»Mittlerweile sind es Jahrzehnte.«

»Könnt Ihr ein Wegetor weben?«

Setalle lachte. »Kind, ich könnte nicht einmal eine Kerze anzünden. Ein Unfall hat mich ausgebrannt. Ich habe die Eine Macht seit über fünfundzwanzig Jahren nicht mehr gehalten.«

»Ich verstehe«, sagte Faile. »Danke.«

Setalle ging, und Faile dachte nach. Wie wahrscheinlich war ihre Geschichte? Setalle war in ihren gemeinsamen Tagen sehr hilfreich gewesen, und Faile konnte es der Frau nicht verdenken, ihre Verbindung zur Weißen Burg geheim halten zu wollen. In jeder anderen Situation hätte sie ihre Geschichte nicht eine Sekunde lang bezweifelt.

Aber es gab keine Möglichkeit, herauszufinden, ob ihre Worte auch der Wahrheit entsprachen. Falls Setalle eine untergetauchte Schwarze Ajah war, konnte ihre Geschichte, ausgebrannt worden zu sein, einfach nur das sein – eine Geschichte. Vielleicht konnte sie ja noch immer die Macht lenken. Vielleicht auch nicht, und man hatte sie zur Strafe gedämpft. Konnte diese Frau eine geflohene Gefangene der gefährlichsten Sorte sein? Ein Agent, der Jahrzehnte auf den richtigen Augenblick zum Zuschlagen gewartet hatte?

Setalle war diejenige gewesen, die vorgeschlagen hatte, zum Shayol Ghul zu ziehen. Wollte sie ihrem Herrn das Horn bringen?

Bis auf die Knochen frierend, zog sich Faile in ihr Zelt zurück, während mehrere Angehörige der Cha Faile ihre Wachtposten darum bezogen. Sie schlüpfte unter ihre Decke. Ihr war durchaus bewusst, dass sie übermäßig misstrauisch war. Aber wie sollte sie unter diesen Umständen anders handeln?

Beim Licht, dachte sie. Das Horn von Valere, verschollen in der Fäule. Ein Albtraum.

Aviendha ging neben der qualmenden Leiche auf ein Knie, in der Hand ihr Angreal – die Schildkrötenbrosche, die Elayne ihr geschenkt hatte. Durch den Mund atmend, betrachtete sie das Gesicht des Mannes.

Es gab eine überraschend hohe Zahl dieser Rotschleier. Wo auch immer sie herstammten, sie waren keine Aiel. Sie folgten nicht dem Ji’e’toh. Während der Kämpfe in der Nacht hatte sie zugesehen, wie zwei Töchter einen Mann gefangen nahmen. Zuerst hatte er sich wie ein Gai’shain benommen, aber dann hatte er eine von ihnen mit einem versteckten Messer hinterrücks ermordet.

»Und?«, fragte Sarene atemlos. Während sich die Menschen auf dem Feld von Merrilor ausruhten und auf die vor ihnen liegende Herausforderung vorbereiteten, ging die Schlacht am Shayol Ghul weiter. Der Angriff der Rotschleier hatte die ganze Nacht angedauert, den folgenden Morgen und wieder bis in die Nacht hinein.

»Ich glaube, ich kannte ihn«, sagte Aviendha verstört. »Er lenkte zum ersten Mal die Macht, als ich ein Kind war, ließ Algode wachsen, wo das unmöglich war.« Sie ließ den Schleier wieder auf sein Gesicht fallen. »Sein Name lautete Soro. Er war freundlich zu mir. Ich sah zu, wie er bei Einbruch der Dunkelheit loslief, nachdem er geschworen hatte, dem Sichtblender ins Auge zu spucken.«

»Es tut mir leid«, sagte Sarene, obwohl ihrer Stimme keinerlei Mitgefühl anzuhören war. Daran gewöhnte sich Aviendha langsam bei dieser Frau. Es war nicht so, dass Sarene kein Mitgefühl hatte; sie ließ sich bloß nicht davon ablenken. Zumindest nicht, wenn ihr Behüter woanders war. Die Aes Sedai hätte eine gute Tochter abgegeben.

»Bleiben wir in Bewegung«, sagte Aviendha und ging wieder mit ihrem Rudel Machtlenker los. Während der Tage und Nächte des Kampfes hatte sich ihre Gruppe stetig verändert, da sich die Frauen ausruhen mussten. Aviendha selbst hatte am Tag kurz geschlafen.

Einer allgemeinen Übereinkunft zufolge vermied es die Anführerin des Zirkels, ihre eigene Macht zu benutzen – also war Aviendha selbst nach so vielen Stunden des Kampfes noch relativ stark. Das erlaubte ihr, aufmerksam zu bleiben. Die anderen Frauen wurden Machtquellen, aus denen man schöpfen konnte.