Sie musste achtgeben, sie nicht zu sehr zu leeren. Ermüdete man eine Frau, konnte sie ein paar Stunden lang schlafen und dann weiterkämpfen. Leerte man sie völlig, fiel sie möglicherweise tagelang aus. Im Augenblick hatte Aviendha Flinn und drei Aes Sedai bei sich. Sie hatte das Gewebe gelernt, das ihr verriet, wenn ein Mann in der Nähe die Macht lenkte – es machte bei den Weisen Frauen und den Aes Sedai die Runde –, aber einen Machtlenker dabeizuhaben war viel nützlicher.
Flinn zeigte auf ein paar Feuerstrahlen an der Talseite. Sie eilten vorbei an Leichen und qualmenden Stellen in diese Richtung. Im stärker werdenden Licht der Morgendämmerung konnte Aviendha trotz des kalten Nebels sehen, dass Darlins Streitkräfte noch immer den Taleingang hielten.
Die Trollocs waren zu den niedrigen Erdschanzen vorgedrungen, die Ituralde errichtet hatte. Dort war auf beiden Seiten gestorben worden. Die Tiermenschen hatten weitaus größere Verluste davongetragen – aber es gab ja auch viel mehr von ihnen. Ein schneller Blick schien Aviendha zu verraten, dass sie einige der Hindernisse überrannt hatten, aber Domani-Kavallerie aus der Reserve drängte sie gerade wieder zurück.
Gruppen Aiel kämpften am Taleingang. Ein paar mit roten Schleiern, ein paar mit schwarzen. Zu viele, dachte Aviendha, als sie ihren Zirkel mit erhobener Hand langsamer gehen ließ. Dann ging sie leise allein weiter. Sie konnte sich ein paar Hundert Schritte von den Frauen entfernen und hatte noch immer Zugang zu ihrer Macht.
Sie suchte sich einen Weg über den steinigen Talboden. Rechts von ihr lagen drei Tote, zwei davon hatten schwarze Schleier. Schnell überprüfte sie sie mit einer Tiefenschau; sie würde sich nicht von dem alten Trick überrumpeln lassen, sich zwischen Leichen zu verstecken. Das hatte sie selbst schon gemacht.
Die drei Männer waren wirklich tot, also ging sie tief geduckt weiter. Zusätzlich zu der Stelle, an der die Tairener und Domani die Trollocs zurückhielten, bewachte eine zweite Streitmacht das Lager und den Weg zu dem Ort, an dem Rand kämpfte. Dazwischen streiften Gruppen von Aiel und Rotschleier umher und versuchten einander zu bezwingen. Nur einige der Rotschleier konnten die Macht lenken.
In der Nähe erbebte der Boden. Erde flog durch die Luft. Aviendha duckte sich noch tiefer, beschleunigte aber ihre Schritte.
Voraus eilte über ein Dutzend Siswai’aman auf die Position von zwei Rotschleiern zu, die beide Machtlenker waren. Die Rotschleier ließen den Boden unter ihren Angreifern aufbrechen und schleuderten Körper in alle Richtungen.
Aviendha wusste, warum die Aiel trotzdem weiterhin angriffen. Die Rotschleier waren ein Affront, ein Verbrechen. Nicht einmal die Seanchaner, die es wagten, Weise Frauen zu Gefangenen zu machen, waren so abscheulich. Irgendwie hatte der Schatten die tapfersten der Aiel genommen und sie in diese … diese Dinger verwandelt.
Aviendha schlug schnell zu, zog Kraft durch ihr Angreal und ihren Zirkel, webte zwei Stränge Feuer und schleuderte sie auf die Rotschleier. Sofort webte sie erneut, zerstörte den Boden unter den Machtlenkern, fing mit einem dritten Paar Gewebe an. Schleuderte Feuer auf die Männer, als sie taumelten; einer sprang zur Seite, während der andere vom aufbrechenden Boden erwischt wurde.
Sie traf den Flüchtenden mit Feuerspeeren. Dann schlug sie mit einer zusätzlichen Aufwallung der Macht auf beide Leichen ein, nur um sicherzugehen. Diese Männer folgten nicht länger dem Ji’e’toh. Sie lebten nicht länger. Sie waren Unkraut, das man ausmerzen musste.
Sie sah nach den Siswai’aman. Acht lebten noch, drei davon waren verwundet. Aviendha war im Heilen nicht besonders gut, aber sie konnte das Leben eines Mannes retten, indem sie verhinderte, dass er durch die Wunde am Hals verblutete. Die anderen Überlebenden sammelten die Verwundeten ein und gingen zurück zum Lager.
Aviendha stand über einer der beiden Leichen. Sie entschied sich, sie sich nicht zu genau anzusehen. Es war schlimm genug gewesen, einen ihr bekannten Mann zu sehen. Die …
Ein Schock durchfuhr sie, und eine ihrer Machtquellen verschwand. Aviendha keuchte auf. Eine weitere erlosch.
Augenblicklich ließ sie den Zirkel los und eilte wieder zu der Stelle, an der sie die Frauen zurückgelassen hatte. Explosionen und Lichtblitze drohten sie von den Füßen zu holen. Sie klammerte sich an die Eine Macht, und verglichen mit der Machtfülle, die sie eben noch gelenkt hatte, fühlte sich ihre eigene Kraft erbarmungswürdig klein an.
Rutschend kam sie vor den qualmenden Leichen von Kiruna und Faeldrin zum Stehen. Die schreckliche Frau, die sie zuvor gesehen hatte – die Frau, bei der sie sich zusehends sicher war, dass es sich um eine der Verlorenen handelte –, stand da und lächelte sie an. Die furchtbare Frau hielt Sarene an der Schulter; die schlanke Weiße hielt den Blick auf die Verlorene gerichtet und starrte sie voller Bewunderung an. Sarenes Behüter lag tot zu ihren Füßen.
Beide verschwanden, schienen sich zusammenzufalten. Reisten ohne Wegetor. Aviendha fiel neben den Toten auf die Knie. In der Nähe stöhnte Damer Flinn und versuchte sich aus einer aufgeworfenen Erdspalte zu befreien. Sein linker Arm war verschwunden, an der Schulter weggebrannt.
Aviendha fluchte und tat, was in ihrer Macht stand, um ihn zu Heilen, obwohl er das Bewusstsein verlor. Plötzlich fühlte sie sich sehr müde und sehr allein.
35
Ein einstudiertes Grinsen
Olver vermisste Wind. Dabei war Bela, die stämmige, zottelige Stute, die er nun ritt, eigentlich gar nicht so übel. Sie war bloß langsam. Olver wusste das genau, weil er stets versuchte, sie anzutreiben, aber sie trottete einfach hinter den anderen Pferden her. Egal, was er auch tat, nichts konnte sie veranlassen, sich schneller zu bewegen. Olver wollte wie der Sturmwind reiten. Stattdessen bewegte er sich so schnell wie ein dicker Baumstamm auf einem gemächlich fließenden Fluss.
Er wischte sich die Stirn ab. Die Fäule war ganz schön furchterregend, und die anderen gingen daher – die meisten hatten keine Pferde –, als würde ihnen jeder Schritt tausend Trollocs auf den Hals hetzen. Der Rest der Karawane sprach nur in gedämpften Tönen und musterte jeden Hang misstrauisch.
Sie passierten eine Gruppe verkümmerter Bäume, aus deren aufgeplatzter Rinde Baumsaft rann. Dieser Saft sah viel zu rot aus. Fast wie Blut. In der Nähe trat einer der Kutscher darauf zu, um sich das näher anzusehen.
Schlingpflanzen peitschten von den Ästen – Schlingpflanzen, die braun und tot aussahen, sich aber wie Schlangen bewegten. Bevor Olver einen warnenden Schrei ausstoßen konnte, baumelte der Kutscher schon tot von einem der oberen Äste.
Entsetzt erstarrte alles an Ort und Stelle. Der Baum zog den Toten doch tatsächlich durch einen Riss in der Rinde in sein Inneres. Verdaute ihn. Vielleicht war dieser Pflanzensaft ja in Wahrheit Blut.
Olver sah fassungslos zu.
»Ganz ruhig«, sagte Lady Faile mit leicht zittriger Stimme. »Ich habe euch gesagt, kommt diesen Pflanzen nicht zu nahe! Fasst nichts an.«
Sie marschierten weiter. Eine ernste Horde. Der in der Nähe reitende Sandip murmelte leise: »Das ist der Fünfzehnte. Fünfzehn Männer tot in wenigen Tagen. Licht! Das überleben wir niemals.«
Wären es doch bloß Trollocs gewesen! Olver konnte nicht gegen Bäume und Insekten kämpfen. Wer vermochte das schon? Aber Trollocs, gegen die hätte er kämpfen können. Schließlich hatte er sein Messer, und Harnan und Silvic hatten ihm ein paar Dinge beigebracht. Er war nicht besonders groß, aber vermutlich würden Trollocs ihn deswegen unterschätzen. Er konnte einen tiefen Ausfall machen und nach ihren Eingeweiden zielen, bevor ihnen überhaupt klar war, wie ihnen geschah.
Das redete er sich zumindest ein, damit seine Hände nicht zitterten, als er Bela in der Hoffnung antrieb, es an die Seite von Lady Faile zu schaffen. In der Ferne ertönte ein Kreischen, als würde etwas auf schreckliche Weise sterben. Olver fröstelte. Den gleichen Laut hatte er schon früher an diesem Tag gehört. Klang er jetzt näher?