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»Und dieser Weg?«, fragte Faile Vanin. »Ihr sagtet, hier wäre vermutlich erst kürzlich jemand vorbeigekommen. Würde das nicht darauf hinweisen, dass dieser Ort bei Weitem nicht so verlassen ist, wie Ihr so farbig beschrieben habt?«

Vanin grunzte. »Er sieht benutzt aus.«

»Also hat jemand Wagen durch die Gegend kutschiert«, sagte Aravine. »Ich weiß nicht, ob das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen ist.«

»Ich glaube nicht, dass es hier oben überhaupt gute Zeichen gibt«, meinte Vanin. »Vielleicht sollten wir uns einfach eine Stelle in der Nähe aussuchen, uns dort verschanzen und warten.« Er seufzte und wischte sich wieder die Stirn ab, obwohl Olver keinen Anlass dafür erkennen konnte. Es wurde ganz schön kalt – das war ihm nicht verborgen geblieben. Und es schien hier auch weniger Pflanzen zu geben. Das fand er gut.

Er blickte zurück in die Richtung der Baumgruppe, die dem armen Mann das Leben geraubt hatte. Es schienen keine mehr von ihnen in der Nähe zu sein, vor allem nicht auf dem vor ihnen liegenden Weg.

»Wir können es uns nicht leisten zu warten, Vanin«, sagte Faile. »Ich will zurück nach Merrilor, auf die eine oder andere Weise. Der Wiedergeborene Drache wird in Thakan’dar kämpfen. Dort müssen wir hin, wenn wir aus dieser vom Schöpfer verlassenen Gegend wollen.«

Vanin stöhnte, aber Olver lächelte. Er würde seinen Weg zu Mat finden und ihm zeigen, wie gefährlich er in der Schlacht sein konnte. Dann …

Nun, dann würde Mat ihn vielleicht nicht wie die anderen verlassen. Das würde gut sein, denn Olver würde seine Hilfe brauchen, um diese Shaido zu finden. Schließlich war er fest davon überzeugt, dass ihn nach allem, was er bei der Bande gelernt hatte, niemand mehr würde herumschubsen können. Und niemand würde ihm jemals wieder die Menschen wegnehmen, die er liebte.

»Es gibt Berichte in den Archiven, die Aufschluss darüber geben, was wir sahen.« Cadsuane nahm ihre Tasse Tee, um sich die Hände zu wärmen.

Das Aiel-Mädchen Aviendha saß auf dem Zeltboden. Was würde ich dafür geben, sie in die Burg zu bekommen, dachte Cadsuane. Diese Weisen Frauen … sie hatten richtig Biss. So wie die besten Frauen in der Weißen Burg.

Cadsuane kam immer mehr zu dem Schluss, dass der Schatten schon seit Jahren einen komplizierten Plan verfolgt hatte, um die Weiße Burg zu schwächen. Das ging tiefer als Siuan Sanches unglückliche Absetzung und Elaidas Herrschaft. Vielleicht würden Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte vergehen, bevor sie das Ausmaß dieses Plans in allen Einzelheiten begriffen. Allein schon die Anzahl an Schwarzen Schwestern – Hunderte und nicht nur die paar Dutzend, mit denen Cadsuane gerechnet hatte – verkündete lautstark, was dort geschehen war.

Im Augenblick musste sie mit dem arbeiten, was ihr zur Verfügung stand. Das schloss diese Weisen Frauen mit ein, die nur unzureichend im Umgang mit den Geweben ausgebildet waren, aber denen es niemals an Standhaftigkeit fehlte. Nützlich. So wie Sorilea, die trotz ihrer Schwäche in der Einen Macht weiter hinten im Zelt saß und zuhörte.

»Ich habe ein paar Erkundigungen eingeholt, Kind«, sagte Cadsuane zu Aviendha. »Diese Frau Reist in der Tat. Aber es gibt leider nur bruchstückhafte Dokumente, die diese Methode erwähnen, und sie datieren zum Krieg der Macht zurück.«

Aviendha runzelte die Stirn. »Ich konnte keine Gewebe sehen, Cadsuane Sedai.«

Cadsuane unterdrückte ein Lächeln über den respektvollen Ton. Der junge al’Thor hatte dem Mädchen den Befehl übergeben – und ehrlich gesagt war es keine schlechte Wahl, da hätte es schlechtere gegeben. Aber natürlich hätte er sie nehmen sollen, und vermutlich war das Aviendha durchaus bewusst.

»Weil die Frau nicht mit der Einen Macht gewebt hat«, erwiderte sie.

»Was sollte es denn sonst sein?«

»Wisst Ihr, warum der Dunkle König ursprünglich befreit wurde?«

Aviendha sah aus, als erinnerte sie sich an etwas. »Ah … ja. Dann lenken sie die Macht des Dunklen Königs?«

»Man bezeichnet es als die Wahre Macht«, sagte Cadsuane. »Den Berichten zufolge funktioniert das Reisen mit der Wahren Macht auf die Weise, wie Ihr sie bei dieser Frau gesehen habt. Das konnten nur wenige beobachten. Im Krieg der Macht war der Dunkle König ausgesprochen sparsam mit seiner Essenz, und nur engen Favoriten wurde der Zugang gewährt. Aus dieser Tatsache schließe ich, dass das definitiv eine der Verlorenen gewesen ist. Nach Eurer Beschreibung, was sie mit der armen Sarene gemacht hat, vermute ich, dass es Graendal ist.«

»Die Geschichten haben nie erwähnt, dass Graendal so hässlich ist«, sagte Sorilea.

»Wärt Ihr eine Verlorene, die leicht anhand ihrer Beschreibung zu erkennen ist, würdet Ihr Euer Erscheinungsbild nicht verändern wollen, um unerkannt zu bleiben?«

»Vielleicht«, sagte Sorilea. »Aber dann würde ich nicht diese … Wahre Macht benutzen, wie Ihr sie nennt. Das würde jede Verkleidung zunichtemachen.«

»So wie Aviendha uns das beschrieben hat«, bemerkte Cadsuane, »hatte diese Frau keine große Wahl. Sie musste schnell entkommen.«

Cadsuanes und Sorileas Blicke trafen sich, und beide nickten. Sie würden diese Verlorene jagen, sie beide.

Ich lasse dich jetzt bestimmt nicht sterben, mein Junge, dachte Cadsuane und blickte über die Schulter zu der Stelle, an der al’Thor, Nynaeve und Moiraine mit ihrer Arbeit fortfuhren. Jede Machtlenkerin im Lager konnte dieses Pulsieren fühlen. Zumindest nicht, bis du getan hast, was du tun musst. Cadsuane hatte damit gerechnet, dass die Verlorenen hier sein würden. Darum war sie an diese Front gegangen.

Der Wind rüttelte am Zelt und ließ Cadsuane tief im Inneren frösteln. Dieser Ort war furchtbar, selbst wenn der feindliche Ansturm für eine Weile nachließ. Das Entsetzen, das hier in der Luft hing, war wie bei einem Kinderbegräbnis. Es erstickte jedes Gelächter, verhinderte jedes Lächeln. Der Dunkle König sah zu. Beim Licht, es würde so schön sein, diesen Ort wieder zu verlassen.

Aviendha trank ihren Tee. Die Frau sah noch immer betroffen aus, obwohl sie offensichtlich schon zuvor Verbündete in der Schlacht verloren hatte.

»Ich ließ sie zum Sterben zurück«, flüsterte sie.

»Pff!«, machte Cadsuane. »Ihr seid nicht schuld an den Taten einer der Verlorenen, Kind.«

»Ihr versteht nicht. Wir waren zu einem Zirkel verknüpft, und sie versuchten sich davon zu befreien – ich fühlte sie, aber ich wusste nicht, was da geschieht. Ich hielt an ihrer Macht fest, darum konnten sie sich nicht gegen sie wehren. Ich ließ sie hilflos zurück.«

»Nun, dann lasst von nun an die Mitglieder Eures Zirkels eben nicht zurück«, sagte Cadsuane energisch. »Ihr habt nicht wissen können, was geschehen würde.«

»Wenn du den Verdacht hast, dass diese Frau in der Nähe ist, Aviendha«, sagte Sorilea, »dann wirst du Cadsuane, mir oder Amys Bescheid geben. Es liegt keine Schande darin zuzugeben, dass ein Gegner zu stark ist, um ihm allein gegenüberzutreten. Wir werden diese Frau gemeinsam besiegen und den Car’a’carn beschützen.«

»Also gut«, sagte Aviendha. »Aber das Gleiche gilt auch für Euch. Für euch alle.«

Sie wartete. Schließlich willigte Cadsuane zögernd ein, und Sorilea schloss sich ihr an.

Faile hockte in einem dunklen Zelt. Jetzt, wo sie nahe bei Thakan’dar waren, war die Luft sogar noch kälter geworden. Sie fuhr mit dem Daumen über den Messergriff, atmete langsam und gleichmäßig ein, um den Atem dann auf die gleiche Weise zu entlassen. Ohne zu blinzeln, starrte sie auf den Zelteingang.