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Sie hatte die Truhe mit dem Horn dort so aufgestellt, dass eine Ecke in die Nacht hinausragte. Hier an der Grenze zum Verdorbenen Land fühlte sie sich umgeben von angeblichen Verbündeten mehr allein als damals im Lager der Shaido.

Vor zwei Nächten war sie aus ihrem Zelt gerufen worden, um sich ein paar seltsame Spuren anzusehen, die die Männer beunruhigten. Seit sie in die Nähe des Verdorbenen Landes gekommen waren, hatten sie niemanden mehr verloren – dieser Teil des Plans funktionierte also –, aber die Anspannung blieb dennoch hoch. Nur wenige Minuten war sie weg gewesen, aber bei ihrer Rückkehr war die Truhe mit dem Horn ein kleines Stück bewegt worden.

Jemand hatte versucht, sie zu öffnen. Licht! Glücklicherweise hatten sie das Schloss nicht aufbrechen können, und das Horn war immer noch da gewesen, als sie danach gesehen hatte.

Jeder konnte der Verräter sein. Einer der Rotwaffen, ein Kutscher, ein Mitglied der Cha Faile. Die vergangenen beiden Nächte hatte Faile damit verbracht, für alle sichtbar besonders aufmerksam auf die Truhe achtzugeben, um den Dieb herauszufordern. Heute Abend hatte sie über Kopfschmerzen geklagt und Setalle einen Tee brühen lassen, der ihr beim Einschlafen helfen sollte. Sie hatte den Tee mit ins Zelt genommen, keinen Schluck davon getrunken und wartete jetzt.

Die Ecke der Truhe würde deutlich sichtbar sein, wo sie doch in die Nacht hinausragte. Würden sie es wieder versuchen? Als zusätzliche Vorsichtsmaßnahme hatte sie das Horn aus der Truhe geholt und mitgenommen, als sie dem Ruf der Natur folgte. Dann hatte sie es zwischen Steinen verborgen und bei ihrer Rückkehr die Cha Faile zum allgemeinen Wachdienst fern von ihrem Zelt eingeteilt. Es hatte ihnen nicht gefallen, sie ungeschützt zurückzulassen, aber Faile hatte ihnen klargemacht, dass sie sich wegen der Spannungen unter den Männern Sorgen machte.

Das würde reichen. Gebe das Licht, dass es reichte.

Stunden vergingen, in denen sie in der gleichen Stellung verharrte, dazu bereit, in dem Moment aufzuspringen und Alarm zu geben, in dem jemand in ihr Zelt eindringen wollte. Sicherlich würden sie es heute Nacht erneut versuchen, da es ihr angeblich nicht gut ging.

Nichts. Ihre Muskeln schmerzten, aber sie bewegte sich nicht. Der Dieb konnte dort draußen in der Dunkelheit warten. Sich fragen, ob das der richtige Augenblick zum Zuschlagen war, um sich das Horn zu schnappen und zu seinem oder ihrem Herrn zu rennen. Es …

Ein Schrei zerschnitt die Nacht.

Faile schwankte. Ein Ablenkungsmanöver?

Dieser Schrei, dachte sie und versuchte die Richtung zu bestimmen, aus der er gekommen war. Er kam … von direkt westlich von hier.

Aus der Nähe, wo sie das Horn versteckt hatte. Sie fluchte und traf blitzschnell eine Entscheidung. Die Truhe war leer. Falls sie den Köder schluckte und es sich wirklich nur um ein Ablenkungsmanöver handelte, würde sie nichts verlieren. Falls der Dieb jedoch ihre Züge vorausgesehen hatte … Sie eilte aus dem Zelt, während die anderen sich hektisch aus ihrem Bettzeug befreiten. Angehörige der Cha Faile rannten durch das Lager. Erneut hallte der Schrei.

Begleitet wurde er von einem furchtbaren Kreischen von der Art, das sie in der Ferne verfolgt hatte.

Faile raste mitten durch ein paar dünne, von der Fäule verdorbene Büsche. An einem Ort, wo schon ein Zweig töten konnte, war das mehr als nur dumm, aber sie dachte nicht klar.

Sie erreichte den Ort als Erste, die Stelle, wo sie das Horn versteckt hatte. Dort stand nicht nur Vanin, sondern auch Harnan. Vanin hielt das Horn von Valere mit seinen dicken Armen umklammert, während Harnan gegen irgendeine Bestie mit dunklem Fell kämpfte, dabei brüllte und sein Schwert schwang.

Vanin erblickte Faile und wurde so weiß im Gesicht wie das Hemd eines Weißmantels.

»Dieb!«, brüllte Faile. »Haltet ihn! Er hat das Horn von Valere gestohlen!«

Vanin schrie auf und warf das Horn von sich, als hätte es ihn gebissen, dann rannte er blitzartig los. Beim Licht, er war wirklich schnell für seine Masse! Er schnappte sich Harnan an der Schulter und riss ihn zur Seite, während die Bestie dieses bis ins Mark gehende Heulen ausstieß.

Aus der Ferne kam eine Antwort. Faile kam rutschend zum Stehen, schnappte sich das Horn und drückte es an den Leib. Diese Männer waren keine gewöhnlichen Diebe. Nicht nur hatten sie ihren Plan durchschaut, sondern genau vorausgesehen, wo sie das Horn versteckt hatte. Sie kam sich vor wie ein Bauernmädchen, das gerade auf das betrügerische Hütchenspiel eines Städters reingefallen war.

Jene, die hinter ihr angerannt kamen, blieben verblüfft stehen, entweder durch den Anblick des Horns oder der Bestie. Die Kreatur kreischte – sie sah aus wie ein Bär mit zu vielen Armen, aber sie war größer als jeder Bär, den Faile je zu Gesicht bekommen hatte. Sie taumelte zurück. Es blieb keine Zeit, sich um die Diebe zu kümmern, denn das Ungeheuer warf sich auf ihre Leibwächter. Kreischend riss es einem Cha Faile den Kopf vom Rumpf.

Faile schrie auf und schleuderte ein Messer auf das Monstrum, während Arrela mit dem Schwert auf eine seiner Schultern einhieb. Genau in diesem Augenblick kam eine zweite Kreatur direkt neben Faile über die Felsen gestolpert.

Fluchend machte sie einen Satz zur Seite und schleuderte ein Messer. Sie traf – oder zumindest stieß das Ding einen Laut aus, der sich nach Schmerz und Zorn anhörte. Als Mandevwin mit einer Fackel in der Hand angeritten kam, enthüllte das Licht, dass die schrecklichen Kreaturen Insektengesichter mit einer Unmenge Fangzähne hatten. Failes Messer ragte aus einem vorgewölbten Auge.

»Beschützt die Lady!«, rief Mandevwin und warf in der Nähe stehenden Rotwaffen Speere zu, die damit auf das erste Ungeheuer losgingen und es von Arrela vertrieben, die blutend zurückstolperte. Aber die Frau hatte ihr Schwert nicht verloren.

Faile fiel zurück, während sich Cha Faile um sie herum formierte, dann schaute sie auf den Gegenstand in ihren Händen. Das Horn von Valere, aus dem Beutel genommen, in dem sie es versteckt hatte. Sie konnte es ertönen lassen …

Nein! Es ist an Cauthon gebunden. Für sie würde es bloß ein ganz gewöhnliches Horn sein.

»Ganz ruhig!«, befahl Mandevwin und ließ sein Schlachtross zurücktänzeln, als eine der Kreaturen darauf losging. »Verdin, Laandon, wir brauchen mehr Speere! Geht! Die Ungeheuer kämpfen wie Eber. Lockt sie heran und durchbohrt sie!«

Die Taktik funktionierte bei einem der Schrecken, aber der andere warf sich wieder auf Mandevwin und erwischte sein Pferd am Hals. Dabei stieß die Bestie die Soldaten zur Seite, die zustechen wollten, und Mandevwin krachte stöhnend zu Boden.

Das Horn noch immer fest an den Leib gedrückt, eilte Faile an der Stelle vorbei, wo eine Gruppe Rotwaffen die andere Bestie gerade erfolgreich durchbohrt hatte. Sie schnappte sich eine frisch entzündete Fackel und schleuderte sie auf das andere Ungeheuer, setzte sein Fell in Brand. Das Ding brüllte auf, als das Feuer seinen Rücken hinaufstieg, denn das Fell brannte wie Zunder. Es ließ Mandevwins Pferd mit seinem fast abgerissenen Kopf fallen und schlug kreischend und heulend um sich.

»Nehmt die Verletzten!«, befahl Faile. Sie packte ein Mitglied der Bande am Arm. »Kümmert Euch um Mandevwin!«

Der Mann starrte mit weit aufgerissenen Augen auf das Horn in ihrem Arm, dann schüttelte er sich und nickte, rief zwei andere Männer herbei, die ihm helfen sollten, den Offizier aufzuheben.

»Meine Lady?«, fragte Aravine, die in der Nähe der Büsche stand. »Was geschieht denn hier?«

»Zwei Rotwaffen wollten stehlen, was ich befördere«, sagte Faile. »Und jetzt reiten wir in die Nacht hinein.«

»Aber …«

»Hört doch!«, sagte Faile und zeigte in die Dunkelheit.

In der Ferne ertönte ein Dutzend verschiedener Kreischlaute, die den Schreien der sterbenden Bestie antworteten.

»Die Schreie locken weitere Schrecken an, genau wie der Geruch von vergossenem Blut. Wir gehen. Wenn wir heute Nacht weit genug in das Verdorbene Land hineinkommen, könnten wir in Sicherheit sein. Weckt das Lager, und schafft die Verletzten auf Pferde. Jeder soll sich auf einen schnellen Gewaltmarsch einstellen. Rasch!«