Aravine nickte und eilte los. Faile erübrigte einen Blick in die Richtung, die Harnan und Vanin genommen hatten. Sie verspürte das große Verlangen, beide Männer zur Strecke zu bringen, aber um sie in der Nacht zu verfolgen, würden sie sich langsam bewegen müssen, und das würde den Tod bedeuten. Davon abgesehen, wer vermochte schon zu sagen, welche Möglichkeiten zwei Schattenfreunden zur Verfügung standen?
Sie würden fliehen. Und Faile hoffte beim Licht, dass man sie nicht noch mehr getäuscht hatte, als es jetzt den Anschein hatte. Sollte Vanin irgendwie dazu in der Lage gewesen sein, ein Duplikat des Horns herzustellen, das er dann passenderweise bei der Flucht fallen ließ, damit sie es »retten« konnte …
Sie würde es niemals wissen. Sie würde mit einem falschen Horn zur Letzten Schlacht kommen und sie vielleicht alle zum Untergang verurteilen. Diese Möglichkeit setzte ihr schwer zu, während die Leute der Karawane in die Dunkelheit eilten und Licht und Glück beschworen, den Gefahren der Nacht zu entkommen.
36
Dinge, die sich nicht ändern lassen
Mit Rand stimmte etwas nicht.
Nynaeve klammerte sich an den Stalagmiten tief im Krater des Verderbens, um nicht vom Wind in das Nichts vor ihr gezogen zu werden. Moiraine hatte diese seltsame Leere als die Essenz des Dunklen Königs bezeichnet, aber musste es sich dann nicht dabei um die Wahre Macht handeln? Und ihr kam ein noch schlimmerer Gedanke. Wenn sich seine Essenz in dieser Welt befand, bedeutete das denn nicht, dass er sich bereits befreit hatte? Was auch immer es war, es verkörperte das personifizierte Böse, und es erfüllte Nynaeve mit einem Entsetzen, wie sie es noch nie zuvor in ihrem Leben verspürt hatte.
Das schwarze Nichts zog mit großer Kraft und riss alles in seiner Nähe in sich hinein. Sollte Nynaeve den Stein loslassen, befürchtete sie, einfach hineingezogen zu werden. Es hatte bereits ihre Stola gestohlen und verschwinden lassen. Sollte sie dieses Nichts verschlingen, würde ihr Leben enden. Vielleicht sogar ihre Seele.
Rand!, dachte Nynaeve. Konnte sie ihm irgendwie helfen? Er stand vor Moridin, Schwert berührte Schwert. Erstarrt, als wäre er in einem Augenblick gefangen. Sein Gesicht war schweißüberströmt. Er sprach nicht. Er blinzelte nicht einmal.
Sein Fuß hatte die Dunkelheit berührt. In diesem Moment war er erstarrt und Moridin mit ihm. Sie waren wie Statuen. Um sie herum heulte der Wind, schien aber keinen Einfluss auf sie zu haben. Nicht wie auf Nynaeve. Seit gut fünfzehn Minuten standen sie so reglos da.
Seit ihre Gruppe die Höhle betreten hatte, um dem Dunklen König gegenüberzutreten, war noch keine Stunde vergangen.
Nynaeve sah zu, wie Steine über den Boden rollten und in diese Schwärze gezogen wurden. Ihre Kleidung flatterte wie von einem starken Wind erfasst, genau wie bei Moiraine, die sich in der Nähe ebenfalls an einem Stalagmiten festhielt. Glücklicherweise wurde der scheußliche Schwefelgestank, der die Höhle erfüllt hatte, ebenfalls in das schwarze Nichts gezogen.
Sie konnte die Eine Macht nicht benutzen. Rand zog alles davon in sich hinein, die ganze Menge, die sie aufzunehmen fähig war. Aber er schien nichts damit zu machen. Konnte sie Moridin erreichen? Er schien sich nicht bewegen zu können. Was, wenn sie ihm mit einem Stein gegen den Kopf schlug? Es würde besser sein, als hier herumzustehen und nichts zu tun.
Vorsichtig lockerte Nynaeve den Griff um den Stalagmiten, um zu ergründen, wie weit ihr Gewicht gegen die Anziehungskraft aus dem Nichts ankämpfen konnte. Augenblicklich rutschte sie nach vorn und klammerte sich sofort wieder fest.
Auf keinen Fall verbringe ich die Letzte Schlacht damit, mich an einen Stein zu klammern! Zumindest nicht an denselben. Sie musste es riskieren. Sich auf geradem Weg nach vorn zu bewegen erschien zu gefährlich, aber wenn sie eine seitliche Richtung einschlug … ja, rechts von ihr ragte ein weiterer Stalagmit in die Höhe. Nachdem sie den Stein losgelassen hatte, gelang es ihr, sich in einer Mischung aus Rutschen und Laufen zu dem anderen Stalagmiten vorzuarbeiten. Dort wählte sie den nächsten aus, ließ vorsichtig los und schlang die Arme um den neuen Halt.
Sie kam nur ganz langsam voran. Rand, du wollköpfiger Narr, dachte sie. Hätte er sie oder Moiraine den Zirkel führen lassen, dann hätten sie vielleicht etwas unternehmen können, während er kämpfte!
Sie erreichte den nächsten Stalagmiten und hielt inne, als sie rechts von sich etwas sah. Beinahe hätte sie aufgeschrien. Dort kauerte eine Frau an der Wand, vom Felsen vor dem Wind geschützt. Sie schien zu weinen.
Nynaeve warf einen Blick auf Rand, der noch immer mit Moridin erstarrt war, dann näherte sie sich der Frau. Hier befanden sich mehr Stalagmiten, was bedeutete, dass sie weniger gefährdet kriechen konnte, da der Stein den Sog des Nichts abschwächte.
Nynaeve erreichte die Frau. Sie war an die Wand gekettet. »Alanna?«, übertönte Nynaeve den Wind. »Beim Licht, was macht Ihr denn hier?«
Die Aes Sedai blinzelte mit geröteten Augen in Nynaeves Richtung. Ihre Augen starrten ausdruckslos, als wäre sie nicht bei Verstand. Dann fiel Nynaeve auf, dass Alannas ganze linke Seite von einer Messerwunde im Bauch blutgetränkt war. Licht! Das hätte ihr eigentlich bereits die totenblasse Haut der Frau verraten müssen.
Warum auf sie einstechen und sie dann hier zurücklassen? Aber dann wurde es Nynaeve schlagartig bewusst. Sie teilt mit Rand den Bund. O beim Licht! Es war eine Falle. Moridin hatte sie blutend zurückgelassen und sich dann Rand entgegengestellt. Wenn Alanna starb, würde Rand als ihr Behüter in blindwütigen Zorn verfallen, und Moridin würde ihn mühelos töten können.
Warum war ihm das denn nicht aufgefallen? Nynaeve suchte in ihren Gürteltaschen nach Kräutern, dann hielt sie inne. Konnten Kräuter in diesem Zustand überhaupt noch etwas ausrichten? Um eine solche Wunde Heilen zu können, brauchte sie die Eine Macht. Nynaeve riss die Kleidung der Frau auseinander, machte einen provisorischen Verband und versuchte Saidar in sich zu ziehen, um sie zu Heilen.
Rand hielt es fest und ließ auch nicht los. Hektisch versuchte sie ihn wegzustoßen, aber er hielt eisern fest. Dann noch fester, als sie sich gegen ihn stemmte. Irgendwie schien er doch die Macht zu lenken, aber sie konnte keine Gewebe sehen. Zwar fühlte sie irgendetwas, aber mit dem heulenden Wind und der seltsamen Natur des einst durch die Bohrung verursachten Kraters im Gefüge der Welt kam es ihr so vor, als stände sie mitten in einem Wirbelsturm. Die Macht war damit irgendwie verbunden.
Verflucht! Sie brauchte Saidar! Es war nicht Rands Fehler. Er konnte ihr nun einmal keine Macht überlassen, solange er den Zirkel leitete.
Nynaeve drückte die Hand gegen Alannas Wunde und kam sich völlig hilflos vor. Wagte sie es, Rand zuzurufen, sie aus dem Zirkel zu entlassen? Falls sie das tat, würde sich Moridin zweifellos gegen sie wenden und Alanna angreifen.
Was sollte sie nur tun? In dem Moment, in dem diese Frau starb, würde Rand die Kontrolle verlieren. Das bedeutete höchstwahrscheinlich sein Ende … und das der Letzten Schlacht.
Mat hackte mit der Axt auf ein Holzstück ein, um es anzuspitzen. »Seht ihr«, sagte er, »das muss nicht aufwendig sein. Spart euch eure Schnitzkünste, um die Tochter des Bürgermeisters zu beeindrucken.«
Die Männer und Frauen ringsum nickten mit grimmiger Entschlossenheit. Sie waren Bauern, Dörfler und Handwerker, genau wie die Menschen, die er in den Zwei Flüssen gekannt hatte. Tausende von ihnen standen unter seinem Befehl. Nie hätte er gedacht, dass so viele von ihnen da sein würden. Die guten Menschen dieses Landes waren gekommen, um zu kämpfen.