Wärme aus dem Hammer strahlte seinen Arm hinauf. Sein Verstand schärfte sich. Aufwachen.
Genau das hatte der Schlächter getan. Irgendwie war er … aufgewacht …
Perrins Leben verrann. Es war nicht mehr viel Zeit übrig. Zur Hälfte schon in der Umarmung des Todes, biss er die Zähne zusammen, holte tief Luft und zwang sich aufzuwachen.
Die Stille des Wolfstraums zerbrach.
Perrin landete auf weicher Erde und betrat einen Ort, an dem überall Rufe durch die Luft hallten. Etwas über eine Front, über Linien vorzubereiten …
In der Nähe schrie jemand auf. Und dann noch jemand. Andere stimmten ein.
»Perrin?« Diese Stimme kannte er. »Perrin, mein Junge!«
Meister Luhhan? Perrins Lider waren ja so schwer. Er konnte sie nicht öffnen. Arme legten sich um ihn.
»Haltet durch. Ich habe Euch, mein Junge. Ich habe Euch. Haltet durch.«
37
Die Letzte Schlacht
An jenem Morgen brach die Dämmerung über die Polov-Anhöhe herein, aber die Sonne schien nicht für die Verteidiger des Lichts. Die Heere der Finsternis kamen aus dem Westen und aus dem Norden, um diese eine Letzte Schlacht zu gewinnen und einen Schatten auf das Land zu werfen, um ein Zeitalter einzuleiten, wo das Klagen der Leidenden ungehört verhallte.
Lan galoppierte mit hocherhobenem Schwert auf Mandarb durch das Lager.
Oben am Himmel bluteten die Morgenwolken rot und spiegelten gewaltige Feuerbälle wider, die von dem riesigen Heer der Sharaner aufstiegen, das von Westen anrückte. Sie beschrieben anmutige Bögen und erschienen in weiter Ferne langsam.
Gruppen von Reitern strömten aus allen Teilen des Lagers herbei und schlossen sich Lan an. Die letzten Malkieri ritten dicht hinter ihm, aber seine Streitmacht war wie eine Woge angeschwollen. Andere gesellte sich zu ihm, und die Flagge von Malkier – der Goldene Kranich – diente als Banner für alle Grenzländer.
Man hatte sie blutig geschlagen, aber nicht besiegt. Einen Mann musste man zu Boden schicken, wenn man sehen wollte, aus welchem Holz er geschnitzt war. Möglicherweise ergriff dieser Mann die Flucht. Tat er das nicht, stand er mit Blut im Mundwinkel und Entschlossenheit im Blick wieder auf, dann wusste man Bescheid. Dieser Mann würde wirklich gefährlich werden.
Die Feuerbälle schienen an Geschwindigkeit zuzulegen, als sie in die Tiefe rasten und ungestüm im Lager einschlugen. Explosionen erschütterten den Boden. In der Nähe ertönten Schreie und untermalten das Donnern der Hufe. Und noch immer stießen weitere Männer dazu. Mat Cauthon hatte in allen Lagern die Nachricht verbreitet, dass Lans Vorstoß noch mehr Kavalleristen brauchte, um die Gefallenen zu ersetzen.
Er hatte auch enthüllt, welchen Preis sie dafür zahlen mussten. Die Kavallerie würde an vorderster Front kämpfen, die Linien der Trollocs und Sharaner aufbrechen und kaum eine Atempause haben. An diesem Tag würden sie die größten Verluste davontragen.
Trotzdem gesellten sich Männer zu ihm. Grenzländer, die eigentlich zu alt waren, um noch zu reiten. Kaufleute, die Handelsgüter gegen das Schwert getauscht hatten. Eine überraschend große Anzahl von Südländern, einschließlich vieler Frauen, die Harnische und Kappen aus Leder oder Stahl trugen und Speere hielten. Es gab nicht genug Lanzen für alle.
»Die Hälfte der Leute, die sich uns anschließen, sieht mehr wie Bauern als wie Soldaten aus!«, rief Andere ihm über das Hufgetrappel zu.
»Habt Ihr jemals Männer und Frauen von den Zwei Flüssen reiten gesehen, Andere?«, rief Lan zurück.
»Das könnte ich nicht behaupten.«
»Dann seht zu und lasst Euch überraschen.«
Lans Kavallerie erreichte den Mora, wo ein Mann mit langen Locken und einem schwarzen Mantel mit auf dem Rücken verschränkten Händen stand. Logain hatte vierzig Aes Sedai und Asha’man dabei. Er musterte Lans Streitmacht, dann streckte er eine Hand gen Himmel und zerknüllte einen gewaltigen herabstürzenden Feuerball wie ein Blatt Papier. Es krachte wie bei einem Blitzeinschlag, der auseinanderbrechende Feuerball versprühte Funken und Rauch nach allen Seiten. Ausgebrannte Asche rieselte auf den dahinströmenden Fluss und sprenkelte die Oberfläche mit einem Muster aus schwarzen und weißen Flocken.
Lan zügelte Mandarb, als er sich der Hawalfurt unmittelbar südlich der Polov-Anhöhe näherte. Logain stieß die andere Hand in Richtung Fluss. Das Wasser brodelte und bäumte sich dann hoch auf, als würde es über eine unsichtbare Rampe fließen. Auf der anderen Seite stürzte es dann als wilder Wasserfall wieder in die Tiefe, und ein Teil des Wassers trat über die Flussufer.
Lan nickte Logain zu und ritt weiter, führte Mandarb unter den Wasserfall und überquerte das noch immer feuchte Flussbett. Sonnenlicht durchdrang das in der Höhe fließende Wasser und funkelte auf Lan herab, als er gefolgt von Andere und den Malkieri durch den Tunnel preschte. Links von ihm rauschte die Gischt lautstark nach unten.
Lan fröstelte, als er wieder ins Licht kam, dann galoppierte er durch den Korridor auf die Sharaner zu. Zu seiner Rechten erhob sich die Anhöhe, zu seiner Linken wartete das Moor, aber hier gab es einen geraden und festen Weg. Oben auf dem Plateau bereiteten sich Bogenschützen, Armbrustmänner und Drachenmänner vor, den anrückenden Gegner mit Salven zu empfangen.
Sharaner an der Front, ein gewaltiges Trolloc-Heer dahinter, alle direkt westlich von der Anhöhe. Das Donnern des Drachenfeuers erschütterte auf dem Plateau die Luft, und bald hatten die Sharaner selbst mit Explosionen zu kämpfen.
Lan senkte die Lanze, zielte auf einen sharanischen Soldaten, der zur Polov-Anhöhe galoppierte, und bereitete sich auf den Zusammenprall vor.
Elaynes Kopf fuhr zur Seite. Dieses schreckliche Lied, wie ein Schlaflied, ein Summen, wunderschön und zugleich schrecklich. Sie trieb Mondschatten an, von der leisen Melodie angezogen. Wo kam sie nur her?
Sie ertönte irgendwo tiefer im seanchanischen Lager am Fuß des Dasharfelsens. Mat anzuschreien, weil er ihr seine Kriegspläne nicht verraten hatte, konnte warten. Sie musste die Quelle dieses Liedes finden, dieses wunderschönen Liedes, das …
»Elayne!«, rief Birgitte.
Elayne trieb ihr Pferd noch energischer an.
»Elayne! Draghkar!«
Draghkar. Elayne schüttelte sich, dann schaute sie nach oben und entdeckte die Kreaturen, die wie Regentropfen ins Lager fielen. Gardistinnen senkten mit weit aufgerissenen Augen die Schwerter, als das Summen weiterhin ertönte.
Elayne webte einen gewaltigen Donnerschlag. Er zerriss die Luft, hallte über die Gardistinnen und ließ sie aufschreien und die Ohren zuhalten. Schmerz stach durch Elaynes Kopf und sie fluchte, schloss unwillkürlich die Augen. Und dann … dann hörte sie nichts.
Darum ging es ja auch.
Sie zwang die Augen wieder auf und entdeckte überall um sich herum Draghkar mit ihren dürren Körpern und unmenschlichen Augen. Das Schattengezücht öffnete die Lippen, um zu singen, aber Elaynes taube Ohren konnten ihr Lied nicht hören. Lächelnd webte sie Feuerpeitschen und schlug die Kreaturen nieder. Ihre Schmerzensschreie konnte sie auch nicht hören, was eine echte Schande war.
Elaynes Gardistinnen kamen zu sich, erhoben sich von ihren Knien und nahmen die Hände von den Ohren. Ihre benommenen Mienen verrieten ihr, dass sie ebenfalls nichts mehr hören konnten. Im Handumdrehen hatte Birgitte dafür gesorgt, dass sie auf die überraschten Draghkar einschlugen. Drei der Kreaturen versuchten, sich in die Lüfte zu schwingen, aber Birgitte erwischte jede von ihnen mit einem weiß gefiederten Pfeil. Das letzte Ungeheuer krachte in ein nahe gelegenes Zelt.
Elayne winkte und erregte Birgittes Aufmerksamkeit. Die ersten Draghkar-Laute waren nicht vom Himmel gekommen, sondern aus dem Lager. Elayne zeigte in die Richtung, trieb Mondschatten an und führte ihre Truppe zwischen die Seanchaner. Überall lagen Männer am Boden und starrten mit offen stehendem Mund gen Himmel. Viele schienen zu atmen, aber sie starrten mit toten Augen. Die Draghkar hatten ihre Seelen verschlungen, die Körper aber am Leben gelassen; als würde man vom Brot eines reichen Mannes nur die Kruste abschneiden.