Uno sprang zur Seite, und Einar machte es ihm nach, als er hinter einem zerstörten Drachen abtauchte.
»Ich komme für den Wiedergeborenen Drachen!«, verkündete die Gestalt in Silber. »Ihr werdet nach ihm schicken. Oder ich werde zusehen, wie eure Schreie ihn holen.«
Nur ein paar Schritte von Uno entfernt bäumte sich der Boden auf. Hastig riss er den Arm vors Gesicht, Erde und Holzsplitter flogen über ihn hinweg.
»Das Licht stehe uns bei«, sagte Einar. »Ich versuche ihn aufzuhalten, aber er ist mit einem Zirkel verknüpft. Einem vollen Zirkel. Zweiundsiebzig. Noch nie zuvor habe ich eine derartige Macht erlebt! Ich …«
Ein weiß glühender Lichtstrahl bohrte sich durch die Drachentrümmer, löste sie auf und traf dann den Asha’man. Der Mann verschwand übergangslos, und Uno krabbelte fluchend zurück. Mit eingezogenem Kopf eilte er weiter, während weitere Drachentrümmer um ihn herum zu Boden regneten.
Uno brüllte seinen Männern zu, sich zurückzuziehen, trieb sie an, verharrte nur lange genug, um einem Verletzten unter die Arme zu greifen und ihm wegzuhelfen. Den Rückzugsbefehl von der Anhöhe stellte er nicht länger infrage, das war der beste lichtverfluchte Befehl, der je erteilt worden war!
Logain Ablar ließ die Eine Macht los. Er stand unterhalb der Anhöhe am Mora und fühlte die Angriffe auf dem Plateau.
Die Eine Macht loszulassen gehörte mittlerweile zu den schwierigsten Dingen, die er je getan hatte. Schwieriger als die Entscheidung, den Namen Drachen anzunehmen, schwieriger als die Selbstbeherrschung, Taim während jener ersten gemeinsamen Tage in der Schwarzen Burg nicht zu erwürgen.
Die Macht floss aus ihm heraus, als hätten sich seine Adern geöffnet und das Blut würde sich auf den Boden ergießen. Er holte tief Luft. So viel Macht zu halten war berauschend gewesen – neununddreißig Männer und Frauen in einem Zirkel. Dies loszulassen hatte ihn an seine Dämpfung erinnert, als man ihm die Macht gestohlen hatte. Als ihn jeder Atemzug ermutigt hatte, sich ein Messer zu nehmen und die Kehle durchzuschneiden.
Vermutlich war das sein Wahnsinn; die entsetzliche Angst, die Eine Macht für alle Ewigkeit zu verlieren, wenn er sie losließ.
»Logain?«, fragte Androl.
Logain wandte sich dem kleinen Mann und seinen Gefährten zu. Sie waren loyal. Logain konnte sich das zwar nicht erklären, aber sie waren loyal. Der ganze Haufen. Narren. Treue Narren.
»Fühlt Ihr das?«, fragte Androl. Die anderen – Canler, Emarin, Jonneth – starrten die Anhöhe an. Die dort gelenkte Macht … es war erstaunlich.
»Demandred«, sagte Emarin. »Er muss es sein.«
Logain nickte langsam. Eine solche Macht … Selbst einer der Verlorenen konnte nicht so stark sein. Er musste ein Sa’angreal von unvorstellbarer Kraft mit sich führen.
Mit so einem Werkzeug könnte kein Mann und auch keine Frau dir jemals wieder die Macht wegnehmen, flüsterten Logains Gedanken.
Taim hatte das getan, während seiner Gefangenschaft. Hatte ihn eingesperrt, ihn von der Quelle abgeschirmt, ihn daran gehindert, die Eine Macht zu berühren. Die Versuche, ihn Umzudrehen, waren schmerzhaft gewesen. Aber ohne Saidin zu sein …
Stärker, dachte er und beobachtete das überwältigende Machtlenken. Das Verlangen nach einer solchen Stärke überragte beinahe seinen Hass auf Taim.
»Im Augenblick lassen wir ihn in Ruhe«, sagte Logain. »Teilt euch in die abgesprochenen Mannschaften auf.« Eine Frau und fünf oder sechs Männer in jeder Mannschaft. Die Frau konnte sich mit zwei Männern zu einem Zirkel verknüpfen, während die anderen beiden sie unterstützten. »Wir jagen die Verräter der Schwarzen Burg.«
Pevara, die an Androls Seite stand, hob eine Braue. »Ihr wollt jetzt schon Jagd auf Taim machen? Wollte Cauthon Euch nicht hier haben, um Männer zu transportieren?«
»Ich habe das Cauthon deutlich gemacht«, sagte Logain. »Diese Schlacht werde ich nicht damit verbringen, Soldaten auf dem Feld herumzuschieben. Was die Befehle angeht, haben wir eine Direktive des Wiedergeborenen Drachen.«
Rand al’Thor hatte sie als seinen »letzten« Befehl für sie bezeichnet, eine Notiz, die mit einem kleinen Angreal in Gestalt eines Mannes mit einem Schwert überbracht worden war. Der Schatten hat die Siegel des Kerkers des Dunklen Königs gestohlen. Findet sie. Bitte findet sie, wenn ihr könnt.
Während ihrer Gefangenschaft hatte Androl angeblich gehört, wie Taim über die Siegel prahlte. Es war ihr einziger Anhaltspunkt. Logain musterte die Gegend. Ihre Streitkräfte zogen sich von der Anhöhe zurück. Von seinem Standpunkt aus konnte er die aufgestellten Drachen nicht sehen, aber dicke Rauchwolken ließen nichts Gutes über ihren Zustand ahnen.
Und noch immer erteilt er Befehle, dachte Logain. Bin ich geneigt, ihnen noch länger zu gehorchen?
Für die Gelegenheit, sich an Taim rächen zu können? Ja, er würde Rand al’Thors Befehle befolgen. Einst hätte er das nicht so sehr infrage gestellt. Das war vor seiner Gefangenschaft und Folterung gewesen.
»Geht«, sagte Logain zu seinen Asha’man. »Ihr alle habt die Worte des Lord Drachen gelesen. Wir müssen die Siegel um jeden Preis zurückholen. Nichts ist wichtiger als das. Wir müssen hoffen, dass Taim sie in der Tat hat. Achtet auf Männer, die die Macht lenken, jagt sie, tötet sie.«
Es spielte keine Rolle, wenn diese Machtlenker Sharaner waren. Die Asha’man würden diese Schlacht unterstützen, indem sie jeden feindlichen Machtlenker ausschalteten. Diese Taktik hatten sie zuvor besprochen. Wenn sie Machtlenken von Männern spürten, konnten sie ihren genauen Standort mit Wegetorsprüngen ermitteln und dann versuchen, sie mit einem Angriff zu überraschen.
»Wenn ihr einen von Taims Männern seht, versucht ihn gefangen zu nehmen, damit wir aus ihm herauspressen können, wo Taim seinen Stützpunkt eingerichtet hat.« Logain hielt inne. »Wenn wir Glück haben, wird der M’Hael persönlich hier anwesend sein. Vergesst nicht, dass er die Siegel möglicherweise bei sich trägt; sie dürfen bei unserem Angriff nicht vernichtet werden. Wenn ihr ihn seht, kehrt zurück und unterrichtet mich über seinen Standort.«
Logains Mannschaften setzten sich in Bewegung. Sie ließen ihn mit Gabrelle, Arel Malevin und Karldin Manfor zurück. Gut, dass zumindest einige seiner begabteren Männer nicht während Taims Verrat in der Burg gewesen waren.
Gabrelle sah ihn nüchtern an. »Was ist mit Toveine?«, fragte sie.
»Wenn wir sie finden, töten wir sie.«
»Ist das so einfach für dich?«
»Ja.«
»Sie …«
»Würdest du an ihrer Stelle lieber überleben? Leben und ihm dienen?«
Sie schloss den Mund; ihre Lippen wurden zu einem blutleeren Strich. Sie fürchtete ihn noch immer; das konnte er fühlen. Gut.
Hast du dir das gewünscht, als du das Banner des Drachen aufzogst?, flüsterte ihm sein Verstand zu. Als du versucht hast, die Menschheit zu retten? Hast du das getan, um gefürchtet zu werden? Gehasst zu werden?
Er ignorierte die Stimme. Er hatte immer nur etwas erreicht, wenn man ihn gefürchtet hatte. Das war der einzige Vorteil gewesen, den er Siuan und Leane gegenüber gehabt hatte. Der primitive Logain, das Etwas tief in seinem Inneren, das ihn überhaupt nur weiterleben ließ, brauchte es, dass die Menschen ihn fürchteten.
»Kannst du sie fühlen?«, wollte Gabrelle wissen.
»Ich habe den Behüterbund aufgelöst.«
Ihr Neid kam scharf und unmittelbar. Das schockierte ihn. Er hatte angenommen, dass sie ihre Verbindung mittlerweile genoss oder zumindest ertrug.