Er ließ los, die Sehne schnappte, der Pfeil raste durch die Luft. Der nächste folgte ihm, dann der übernächste. Fünf hatte er gleichzeitig in der Luft, ein jeder in Erwartung des sich verändernden Windes gezielt.
Die ersten fünf Trollocs stürzten, als sie versuchten, über eine der Floßbrücken zu stürmen, die sie hier über den Fluss hatten schlagen können. Trollocs hassten Wasser; selbst niedriges Wasser schüchterte sie ein. Was auch immer Mat getan hatte, um den Fluss weiter aufwärts zu beschützen, es funktionierte, denn das Wasser floss noch. Der Schatten würde versuchen, das zu ändern. Versuchte es in diesem Augenblick. Gelegentlich trieb der Kadaver eines Trollocs oder Maultiers vorbei.
Tam schoss weiterhin seine Pfeile ab, und Abell und die anderen Männer von den Zwei Flüssen schlossen sich ihm an. Manchmal zielten sie einfach nur in die Masse, suchten sich keine individuellen Trollocs aus – aber das kam selten vor. Ein normaler Soldat würde vielleicht ohne zu zielen schießen, in der Annahme, dass sein Pfeil schon etwas treffen würde, aber kein guter Bogenschütze aus den Zwei Flüssen würde so handeln. Für Soldaten waren Pfeile Wegwerfgüter, aber nicht für Waldläufer.
Tiermenschen stürzten in Wellen. Außer Tam und seinen Männern spannten Armbrustmänner ihre Waffen und schossen eine Salve nach der anderen auf das Schattengezücht. Die hinten stehenden Blassen peitschten auf die Trollocs ein und versuchten, sie über den Fluss zu zwingen, aber ohne großen Erfolg.
Tams Pfeil traf einen Blassen genau an der Stelle, wo die Augen hätten sein sollen. In der Nähe pfiff ein großer Mann namens Bayrd anerkennend, während er sich auf seine Axt stützte und dem Beschuss zusah. Er gehörte einer Gruppe Soldaten an, die die Bogenschützen beschützen sollten, sobald die Trollocs zur Flussüberquerung gezwungen wurden.
Bayrd gehörte zu den Söldnerführern, die eher zufällig zum Heer gestoßen waren, und obwohl er offensichtlich Andoraner war, wollten weder er noch die ungefähr hundert Männer in seiner Begleitung Auskunft geben, wo sie hergekommen waren. »Ich muss mir einen dieser Bögen besorgen«, sagte Bayrd zu seinen Gefährten. »Verflucht noch mal, habt ihr das gesehen?«
Abell und Azi lächelten und schossen weiter. Tam lächelte nicht. Die Leere besaß keinen Humor, obwohl sich außerhalb davon kurz ein Gedanke regte. Tam wusste, warum Abell und Azi gelächelt hatten. Einen Bogen aus den Zwei Flüssen zu haben machte einen noch lange nicht zu einem Bogenschützen aus den Zwei Flüssen.
»Ich glaube«, sagte Galad Damodred, der in der Nähe auf seinem Pferd saß, »Ihr würdet Euch selbst mehr Schaden zufügen als dem Feind, solltet Ihr versuchen, damit zu schießen. Al’Thor, wie lange noch?«
Tam ließ den nächsten Pfeil fliegen. »Noch fünf«, sagte er und griff nach dem nächsten Pfeil in dem Köcher an seinem Gürtel. Er spannte ihn ein, schoss ihn ab, machte weiter. Zwei, drei, vier, fünf.
Fünf weitere tote Trollocs. Insgesamt hatte er über dreißig Pfeile abgeschossen. Einmal hatte er verfehlt, aber das auch nur, weil Abell die Bestie getötet hatte, auf die er gezielt hatte.
»Bogenschützen, aufhören!«, rief Tam.
Die Männer zogen sich zurück, und Tam ließ das Nichts los, als eine Gruppe Ungeheuer ans Ufer stolperte. Noch immer führte Tam Perrins Truppen an, zumindest gewissermaßen. Weißmäntel, Ghealdaner und Wolfsgarde erwarteten alle die endgültige Einwilligung von ihm, aber jede Gruppe hatte ihre eigenen Anführer. Er persönlich befahl über die Bogenschützen.
Perrin, du solltest lieber schnell gesunden. Als Haral den Jungen am Vortag am Rand des Lagers im Gras liegend gefunden hatte, blutverschmiert und dem Tode nahe … Beim Licht, das hatte ihnen allen einen großen Schrecken eingejagt.
Perrin war sicher nach Mayene gebracht worden, wo er vermutlich den Rest der Letzten Schlacht verbringen würde. Kein Mann erholte sich schnell von der Art Verletzung, die der Junge davongetragen hatte, nicht einmal mit einer Heilung durch eine Aes Sedai. Den Kampf zu verpassen würde ihn in den Wahnsinn treiben, aber manchmal passierte so etwas eben. Das gehörte zum Soldatentum.
Tam und seine Leute zogen sich zu den Ruinen zurück, wo sie dem Kampf von erhöhtem Gelände aus zusehen konnten, und er organisierte seine Schützen für den Fall, dass sie gebraucht wurden; Läufer brachten neue Pfeile. Mat hatte Perrins Truppen an der Seite der Drachenverschworenen aufgestellt, die von Tinna angeführt wurden, einer statuesken Frau. Tam hatte nicht die geringste Ahnung, wo sie herkam oder warum gerade sie den Befehl hatte – sie hatte die Haltung einer Lady, den Körperbau einer Aiel und die Hautfarbe einer Saldaeanerin. Die anderen schienen auf sie zu hören. Tam hatte Drachenverschworene noch nie verstanden, also kam er ihnen nicht in die Quere.
Man hatte seinem Heer befohlen, die Stellung zu halten. Mat hatte erwartet, dass Sharaner und Trollocs im Westen am heftigsten angreifen würden; darum war Tam überrascht, dass Mat Verstärkung von der Furt flussaufwärts schickte. Die Weißmäntel waren erst kürzlich eingetroffen, und sie stürmten mit wehenden Uniformen das Ufer entlang und schnitten sich einen Weg durch die Bestien, die von ihren Behelfsbrücken an Land stolperten.
Vom anderen Ufer flogen Pfeile auf Galad und seine Männer zu. Die klirrenden Laute, die die Geschosse auf den Schilden und der Rüstung der Weißmäntel verursachten, klangen wie Hagel auf einem Dach. Tam befahl Arganda, die Fußsoldaten in Marsch zu setzen, und dazu gehörten auch Bayrd und die Söldner.
Ihnen standen nicht genügend Piken zur Verfügung, also hielten Argandas Männer Hellebarden und Speere. Soldaten fingen an zu brüllen und zu sterben, Trollocs heulten. Alliandre kam in der Nähe von Tams rückwärtiger Stellung angeritten, umgeben von gut bewaffneten Fußsoldaten. Tam grüßte sie mit dem Bogen, und sie nickte, bevor sie sich wieder ihrer Beobachtung des Schlachtgeschehens widmete. Sie hatte bei der Schlacht dabei sein wollen. Tam konnte es ihr nicht verdenken, genauso wenig, wie er es ihr verdenken konnte, dass sie ihren Soldaten befohlen hatte, sie beim ersten Anzeichen, dass sie überrannt werden würden, in Sicherheit zu bringen.
»Tam! Tam!« Dannil kam angerannt, und Tam bedeutete Abell, den Befehl über die Bogenschützen zu übernehmen. Er ging Dannil entgegen und traf den Jungen im Schatten der Ruinen.
Innerhalb der zerstörten Mauern verfolgte Tams Reserve nervös die Schlacht. Die meisten waren Bogenschützen aus den Söldnerkompanien und den Drachenverschworenen. Von der letzteren Gruppe hatten viele noch keinen Kampf erlebt. Nun, bis vor wenigen Monaten hatte das auch für die meisten Männer aus den Zwei Flüssen gegolten. Sie hatten schnell gelernt. Es bestand kein großer Unterschied darin, ob man mit dem Pfeil einen Hirsch oder Trolloc traf.
Andererseits schlitzte einem der Hirsch nicht ein paar Sekunden später mit dem Schwert den Bauch auf, wenn man ihn verfehlte.
»Was gibt es, Dannil?«, fragte Tam. »Eine Nachricht von Mat?«
»Er schickt Euch mehrere Banner Infanterie von der Legion des Drachen«, verkündete Dannil. »Er hat gesagt, dass wir den Fluss an dieser Stelle halten müssen, was es auch kosten mag.«
»Was hat der Junge bloß vor?« Tam sah zur Anhöhe hinüber. Die Legion des Drachen verfügte über gute Infanterie, ausgezeichnet ausgebildete Armbrustmänner, die hier sehr nützlich sein würden. Aber was geschah auf der Anhöhe?
Lichtblitze zeichneten sich vor den dicken schwarzen Rauchwolken ab, die vom Plateau zu den Wolken am Himmel aufstiegen. Dort tobte ein verbissener Kampf.
»Ich weiß es nicht«, sagte Dannil. »Mat … er hat sich verändert. Ich glaube, ich kenne ihn gar nicht mehr. Er hatte schon immer etwas von einem durchtriebenen Schurken an sich, aber jetzt … Licht, Tam. Er ist wie jemand aus den Heldensagen.«