Tam grunzte. »Wir alle haben uns verändert. Vermutlich würde Mat etwas Ähnliches über Euch sagen.«
Dannil lachte. »Ach, das bezweifle ich, Tam. Obwohl ich mich manchmal frage, was wohl geschehen wäre, hätte ich die drei damals begleitet. Ich meine, Moiraine Sedai suchte nach Jungen im richtigen Alter, und vermutlich war ich etwas zu alt …«
Dannil erschien etwas wehmütig. Er konnte sagen und glauben, was er wollte, aber Tam hatte seine Zweifel, ob es ihm gefallen hätte, einige der Dinge zu erdulden, die Mat, Perrin und Rand gezwungen hatten, zu den Menschen zu werden, die sie heute waren. »Übernehmt den Befehl über diesen Haufen da«, sagte er und deutete auf die Reserveschützen. »Ich sorge dafür, dass Arganda und Galad wissen, dass wir Verstärkung erhalten.«
Dicke Trolloc-Pfeile schlugen um Pevara herum ein, während sie verzweifelt Luft webte. Ihr Windstoß blies die Geschosse weg, wie ein wütender Spieler Steine vom Spielbrett fegt. Schwitzend klammerte sie sich an Saidar und webte einen stärkeren Schild aus Luft, den sie in den Himmel schob, um die nächsten Salven abzuwehren.
»Es ist sicher!«, rief sie. »Geht!«
Eine Gruppe Soldaten schoss unter einem Überhang an der steilen Flussseite der Anhöhe hervor. Von oben regneten noch mehr der schwarzen Geschosse in die Tiefe. Sie trafen ihren Schild; er raubte ihnen so viel Wucht, dass sie wie Federn nach unten trudelten, nachdem sie ihn durchschlagen hatten.
Die Soldaten, denen sie geholfen hatte, eilten auf den Sammelpunkt an der Hawalfurt zu. Andere entschieden sich zu bleiben und zu kämpfen, als Gruppen Schattengezücht die Hänge hinunterströmten. Die meisten Tiermenschen blieben oben, um ihre Stellung zu halten und die noch verbliebenen Menschen zu erledigen.
Wo? Androls hektischer Gedanke ertönte als leises Flüstern in ihrem Verstand.
Hier, antwortete sie. Es war kein vollendeter Gedanke, mehr ein Bild, ein Eindruck der Umgebung.
Neben ihr zerschnitt ein Wegetor die Luft, und er eilte gefolgt von Emarin hindurch. Beide Männer trugen Schwerter, aber Emarin fuhr herum und stieß die Hand nach vorn. Eine Feuerlanze raste durch das geöffnete Tor. Auf der anderen Seite ertönten Schreie. Die Schreie von Menschen.
»Ihr seid bis zur sharanischen Armee gegangen?«, verlangte Pevara zu wissen. »Logain wollte doch, dass wir zusammenbleiben!«
»Also interessiert Ihr Euch jetzt für seine Wünsche?« Androl grinste.
Ihr strapaziert meine Nerven, dachte sie. Um sie herum prasselten Pfeile zu Boden. In der Höhe heulten die Trollocs vor Wut.
»Hübsches Gewebe«, sagte Androl.
»Danke.« Sie warf einen Blick auf das Schwert.
»Ich bin jetzt Behüter.« Er zuckte mit den Schultern. »Da kann ich auch so aussehen, nicht wahr?«
Er konnte einen Trolloc auf dreihundert Schritte mit einem Wegetor in zwei Hälften teilen und Feuer aus dem Drachenberg holen, und trotzdem wollte er ein Schwert tragen. Das konnte bloß ein Männerding sein.
Das habe ich gehört, übermittelte Androl in Gedanken. »Emarin, zu mir. Pevara Sedai, wenn Ihr die Güte hättet, uns zu begleiten …«
Sie schnaubte, aber dann gesellte sie sich zu den beiden Männern, und sie eilten am südwestlichen Fuß der Anhöhe entlang, vorbei an einigen Verwundeten, die in Richtung Sammelpunkt stolperten. Androl warf ihnen einen Blick zu, dann webte er ein Wegetor zurück in ihr Lager. Die angeschlagenen Männer schrien völlig überrascht und dankbar auf, dann taumelten sie in Sicherheit.
Androl war gewachsen … er war viel selbstsicherer geworden, seit sie die Schwarze Burg verlassen hatten. Als sie ihn kennengelernt hatte, hatte er bei so ziemlich allem gezögert. Eine übertriebene nervöse Bescheidenheit. Das war vorbei.
»Androl …«, sagte Emarin und zeigte mit dem Schwert auf die Anhöhe.
»Ich sehe sie«, sagte Androl. Trollocs quollen über die Kante wie Pech aus einem überschäumenden Kessel. Das Wegetor schloss sich hinter den Soldaten; wieder eine Gruppe in Sicherheit. Andere schrien auf, als sie es sich schließen sahen.
Ihr könnt sie nicht alle retten, dachte Pevara streng, als sie seine aufsteigende Verzweiflung spürte. Konzentriert Euch auf die Arbeit.
Sie bewegten sich zwischen den Soldaten und näherten sich mehreren Machtlenkern, die sie vorausfühlte. Jonneth, Canler und Theodrin befanden sich dort und schleuderten Feuer auf die Bestien. Ihre Stellung wurde gerade überrannt.
»Jonneth, Canler, zu mir«, rief Androl, rannte an ihnen vorbei und öffnete ein Tor. Pevara und Emarin duckten sich hinter ihm hindurch und fanden sich ein paar Hundert Schritte von ihrer letzten Position entfernt auf dem Plateau wieder.
Jonneth und die anderen folgten ihnen, und sie rannten an einer Gruppe überraschter Tiermenschen vorbei.
»Machtlenken!«, brüllte Pevara. Beim Licht, es fiel schwer, mit diesen Röcken zu rennen. Wusste Androl das nicht?
Er öffnete ihnen ein neues Tor, als Feuerbälle aus der Richtung einiger Sharaner angeflogen kamen. Pevara rannte hinein und fing an zu keuchen. Auf der anderen Seite der Sharaner kamen sie wieder heraus; der Feind schoss sich auf die Position ein, an der sie sich gerade noch befunden hatten.
Sie öffnete ihre Sinne und versuchte ihr Ziel zu entdecken, es zu fühlen. Die Sharaner fuhren herum und zeigten auf sie, brüllten aber auf, als Androl aus einem Wegetor neben ihnen eine Schneelawine auf sie stürzen ließ. Er hatte damit experimentiert, diese Todestore zu weben, die die anderen Asha’man benutzten, aber anscheinend war das Gewebe gerade anders genug, dass es nicht so recht klappen wollte. Also blieb er bei dem, worin er gut war.
Noch immer kämpften vereinzelte Gruppen der Burgwache oben auf der Anhöhe und hielten befehlswidrig ihre Stellungen. Zwischen verbrannten Leichen lagen noch qualmende Trümmer von Drachen, einschließlich der großen Bronzerohre. Abertausende Trollocs heulten ihre wilde Freude heraus; die meisten standen jetzt am Plateaurand und schossen Pfeile in die Tiefe. Ihr Jubel entfachte neuen Grimm in Pevara, und sie webte Erde und schickte die Gewebe in den Boden neben einer Gruppe. Ein großes Stück Felsen erbebte, brach ab und schickte zwei Dutzend Bestien in die Tiefe.
»Wir erregen Aufmerksamkeit!«, sagte Emarin und setzte einen Myrddraal in Brand, der auf sie zugeschlichen war. In Flammen gehüllt zuckte und kreischte er und wollte einfach nicht sterben. Schwitzend unterstützte Pevara Emarins Feuer und verbrannte die Kreatur, bis sie nur noch aus geschwärzten Knochen bestand.
»Nun, das ist ja nicht schlecht!«, erwiderte Androl. »Wenn wir genug Aufmerksamkeit erregen, wird sich früher oder später eine der Schwarzen Ajah oder einer von Taims Männern um uns kümmern.«
Jonneth fluchte. »Das ist beinahe so, als würde man in einen Ameisenhaufen springen und darauf warten, dass sie einen beißen.«
»Das ist genauso«, erwiderte Androl. »Ihr haltet nach ihnen Ausschau. Ich kümmere mich um die Trollocs!«
Das ist aber ein kühnes Versprechen, dachte Pevara an ihn gerichtet.
Seine Antwort war so warm wie Hitze von einer Herdplatte. Es klang heroisch.
Ich nehme an, Ihr könntet etwas zusätzliche Kraft brauchen?
Ja, bitte.
Sie bot ihm die Verknüpfung. Er füllte sich mit ihrer Kraft und übernahm die Kontrolle des Zirkels. Wie immer war die Verknüpfung mit ihm eine überwältigende Erfahrung. Sie fühlte, wie ihre Empfindungen immer wieder zwischen ihnen beiden hin- und hergeschleudert wurden, was sie erröten ließ. Ob er wohl spürte, mit welchen Augen sie ihn langsam betrachtete?
So albern wie ein Mädchen im knielangen Rock, dachte sie im Stillen, wobei sie ihre Gedanken sorgfältig vor ihm abschirmte, das kaum alt genug ist, um den Unterschied zwischen Jungen und Mädchen zu kennen. Und dann auch noch mitten im Krieg.