Demandred war gut. Mit dem durch die Ringe gewährten Vorteil entkam Gawyn knapp seiner Riposte. Die beiden tänzelten durch den kleinen Kreis, der aus zusehenden Sharanern gebildet wurde. Donner aus der Ferne schleuderte Eisenkugeln auf den Hügel, die den Boden erbeben ließen. Nur noch wenige Drachen feuerten, aber sie schienen sich auf diese Position zu konzentrieren.
Gawyn grunzte und warf sich in ›Sturm rüttelt am Ast‹, versuchte sich damit in Demandreds Deckung zu drängen. Er musste nahe heran, wenn er das Schwert in die Achsel des Gegners oder zwischen die Säume der Münzrüstung stoßen wollte.
Demandred reagierte mit Können und Finesse. Schon bald schwitzte Gawyn unter seiner Rüstung. Er fühlte sich schneller als je zuvor, seine Reaktionen waren wie die flinken Bewegungen eines Kolibris. Aber sosehr er sich auch anstrengte, er konnte keinen Treffer landen.
»Wer bist du, kleiner Mann?«, knurrte Demandred und ging mit waagerecht vom Körper abgespreizter Klinge ein paar Schritte zurück. »Du kämpfst gut.«
»Gawyn Trakand.«
»Der kleine Bruder der Königin. Du weißt schon, wer ich bin?«
»Ein Mörder.«
»Und hat dein Drache nicht gemordet? Hat deine Schwester niemals getötet, um ihren Thron zu behalten? Oder ihn sich zu nehmen?«
»Das ist etwas anderes.«
»Das sagen sie immer.« Demandred trat vor. Seine Fechthaltung war mustergültig, sein Rücken war stets kerzengerade, aber entspannt, und er bewegte sich mit den breiten, weitläufigen Bewegungen eines Tänzers. Er hatte die völlige Kontrolle über sein Schwert; Gawyn hatte nie gehört, dass er für seine Fechtkunst bekannt war, aber er war genauso gut wie jeder andere Gegner, der Gawyn je gegenübergestanden hatte. Tatsächlich sogar besser.
Gawyn vollzog ›Die Katze tanzt auf der Mauer‹, eine wunderschön anzusehende, schwungvolle Fechtform, die Demandreds gleichkam. Dann duckte er sich in der Hoffnung, dass die vorherige Figur Demandred ausreichend in Sicherheit gewiegt hatte, um einen Stoß vorbeizulassen, in ›Die Schlangenzunge züngelt‹ hinein.
Ein gewaltiger Schlag schleuderte ihn zu Boden. Er rollte sich ab und kam geduckt wieder auf die Beine. Plötzlich fiel ihm das Atmen schwerer. Die Ringe überschatteten jeden Schmerz, aber vermutlich hatte er sich eine Rippe gebrochen.
Ein Stein, dachte Gawyn. Er lenkte die Macht und schleuderte einen Stein gegen mich. Wegen der Schatten fiel es Demandred schwer, ihn mit einem Gewebe zu treffen, aber man konnte etwas Großes in die Schatten werfen und so einen Treffer landen.
»Du betrügst«, sagte Gawyn verächtlich.
»Betrügen?«, fragte der Verlorene. »Gibt es denn Regeln, kleiner Schwertkämpfer? Wenn ich mich richtig entsinne, wolltest du mich im Schatten verborgen hinterrücks abstechen.«
Gawyn atmete ein und aus, hielt sich die Seite. Nur ein kurzes Stück entfernt bohrte sich eine von einem Drachen abgeschossene Eisenkugel in den Boden und explodierte. Der Treffer riss ein paar Sharaner in Stücke; ihre Körper schützten Gawyn und Demandred vor der Wucht der Explosion. Erde regnete auf sie wie Gischt auf einem Schiffsdeck herab. Zumindest einer der Drachen feuerte noch.
»Du nanntest mich einen Mörder«, sagte Demandred, »und das bin ich. Ich bin auch dein Retter, ob du es willst oder nicht.«
»Du bist verrückt.«
»Wohl kaum.« Demandred ging um ihn herum, teilte ein paar Hiebe in die Luft aus. »Dieser Mann, dem du folgst, Lews Therin Telamon, der ist verrückt. Er glaubt, er kann den Großen Herrn besiegen. Das kann er nicht. Das ist eine unabänderliche Tatsache.«
»Sollen wir uns also stattdessen dem Schatten anschließen?«
»Ja.« Der Blick des Verlorenen war eiskalt. »Wenn ich Lews Therin töte, dann wird mir der Sieg das Recht geben, die Welt nach meinen Wünschen neu zu gestalten. Der Große Herr interessiert sich nicht für die Herrschaft. Diese Welt kann man nur auf eine Weise beschützen, man muss sie vernichten und ihre Menschen dann unter seine Fittiche nehmen. Behauptet dein Drache nicht, dass er das kann?«
»Warum nennst du ihn immer meinen Drachen?«, erwiderte Gawyn und spukte Blut aus. Die Ringe … sie trieben ihn an. In seinen Gliedern pulsierten Kraft und Energie. Kämpfe! Töte!
»Du folgst ihm.«
»Das tue ich nicht!«
»Lügen«, sagte Demandred. »Vielleicht kann man dich auch nur leicht täuschen. Ich weiß, dass Lews Therin diese Armee anführt. Zuerst war ich mir nicht sicher, aber das ist vorbei. Das Gewebe, in das du gehüllt bist, ist schon Beweis genug, aber ich habe einen noch besseren. Kein sterblicher General verfügt über solches Geschick, wie der heutige Tag gezeigt hat; ich stehe einem wahren Meister des Schlachtfelds gegenüber. Vielleicht trägt Lews Therin ja eine Spiegelmaske, vielleicht schickt er diesem Cauthon auch mit der Einen Macht Botschaften und leitet ihn auf diese Weise. Es ist auch egal, ich erkenne die Wahrheit. Heute würfle ich mit Lews Therin.
Ich war immer der bessere General. Das beweise ich hier und heute. Ich würde dich das ihm ja ausrichten lassen, aber du wirst nicht lange genug leben, kleiner Schwertkämpfer. Mach dich bereit.« Demandred hob das Schwert.
Gawyn richtete sich auf, ließ das Messer fallen und nahm die Klinge mit beiden Händen. Der Verlorene kam mit weit ausholenden Schritten auf ihn zu und nahm dabei Schwerthaltungen ein, die sich von denen unterschieden, die Gawyn vertraut waren. Dennoch waren sie ähnlich genug, um Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Aber trotz seiner gesteigerten Schnelligkeit fing Demandred seine Klinge immer wieder ab und leitete sie zur Seite, ohne dass sie Schaden angerichtet hatte.
Der Mann griff nicht an. Er bewegte sich kaum, die Beine gespreizt und das Schwert mit beiden Händen haltend, wehrte er jeden Angriff ab, den Gawyn ausführte. ›Der Flug der Schwalbe‹, ›Das Blatt flattert im Wind‹, ›Den Leoparden liebkosen‹. Gawyn biss die Zähne zusammen und knurrte. Die Ringe hätten reichen müssen. Warum reichten die Ringe nicht?
Er trat zurück und wich aus, als der nächste Stein auf ihn zuflog. Nur um Haaresbreite verfehlte ihn das Geschoss. Ich danke dem Licht für diese Ringe, dachte er.
»Für jemanden aus diesem Zeitalter kämpfst du mit Geschick«, sagte Demandred. »Trotzdem führst du dein Schwert, kleiner Mann.«
»Was sollte ich sonst tun?«
»Selbst zum Schwert werden«, erwiderte Demandred in einem Ton, als könnte er einfach nicht verstehen, dass Gawyn das nicht begriff.
Gawyn knurrte und griff wieder an. Noch immer war er schneller. Demandred ging nicht zum Angriff über; er blieb in der Defensive, obwohl er allerdings auch nicht zurückwich. Er stand einfach bloß da und lenkte jeden Hieb zur Seite.
Demandred schloss die Augen. Gawyn lächelte und stieß mit ›Der letzte Biss der Schwarznatter‹ zu.
Demandreds Schwert verwandelte sich in einen Schemen.
Etwas traf Gawyn. Er keuchte auf, blieb ruckartig stehen. Er schwankte, dann fiel er auf die Knie und starrte auf das Loch in seinem Bauch. Mit einer einzigen flüssigen Bewegung hatte der Verlorene die Rüstung durchbohrt und die Klinge wieder herausgerissen.
Warum fühle … Warum fühle ich bloß nichts?
»Solltest du das überleben und Lews Therin sehen, dann richte ihm doch bitte aus, dass ich mich sehr auf den Zweikampf mit ihm freue, Schwert gegen Schwert. Ich habe seit unserer letzten Begegnung dazugelernt.«
Demandred wirbelte das Schwert herum, fing die Rückseite der Klinge mit der Beuge zwischen Daumen und Zeigefinger. Er zog sie dort ab, wischte das Blut vom Stahl und schleuderte es zu Boden.
Er schob die Waffe in ihre Scheide. Dann schüttelte er den Kopf und schoss einen Feuerball auf einen noch schießenden Drachen ab.