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Der Rotschleier sah ihn nicht. Obwohl einige dieser Männer wie die Aiel kämpften, traf das auf viele nicht zu. Sie schlichen sich nicht so verstohlen an und schienen auch nicht so gut mit dem Bogen oder dem Speer umgehen zu können, wie sie sollten. Männer wie der vor ihm … Rhuarc bezweifelte, dass sie sich jemals so leise an einen Feind hatten anschleichen müssen oder einen Hirsch in der Wildnis erlegt hatten. Warum sollten sie das auch tun, wenn sie die Macht lenken konnten?

Der Mann bemerkte Rhuarc nicht, als er um einen toten Trolloc direkt neben ihm kroch und dann die Sehnen durchschnitt. Aufschreiend stürzte der Rotschleier zu Boden, und Rhuarc schlitzte ihm die Kehle durch, bevor er die Macht lenken konnte, um sofort wieder zwischen zwei Leichen zu kriechen und sich dort zu verbergen.

Zwei Trollocs kamen vom Lärm aufgescheucht herbei. Rhuarc tötete den ersten und sofort darauf den zweiten, bevor der sich überhaupt umdrehen und ihn entdecken konnte. Wieder verschmolz er sofort mit der Landschaft.

Kein weiteres Schattengezücht kam nachsehen, also zog sich Rhuarc zurück zu seinen Männern. Unterwegs – er hatte sich vom Boden erhoben und lief geduckt – kam er an einem kleinen Wolfsrudel vorbei, das zwei Trollocs zerfleischte. Mit blutigen Schnauzen und erhobenen Ohren wandten sich die Wölfe ihm zu. Sie ließen ihn passieren und verschwanden lautlos im Sturm, um neue Beute zu finden.

Wölfe. Sie waren mit dem regenlosen Sturm erschienen und kämpften jetzt an der Seite der Menschen. Rhuarc hatte keinen großen Überblick, wie die Schlacht stand. Er konnte sehen, dass einige von König Darlins Truppen in der Ferne noch ihre Formationen beibehielten. Die Armbrustmänner hatten sich neben den Drachenverschworenen aufgestellt. Soweit Rhuarc wusste, hatten sie so gut wie keine Bolzen mehr, und diese seltsamen dampfgetriebenen Wagen, die Nachschub gebracht hatten, waren zerstört. Aes Sedai und Asha’man schlugen weiterhin mit der Einen Macht auf den Ansturm ein, aber längst nicht mehr mit der gleichen Ausdauer wie zuvor.

Die Aiel taten, was sie am besten konnten: Töten. Solange diese Heere den Weg zu Rand al’Thor frei hielten, würde das vielleicht ausreichen. Vielleicht …

Etwas traf ihn. Stöhnend sank er auf die Knie. Er schaute auf, und eine wunderschöne Frau trat aus dem Sturm und musterte ihn. Sie hatte atemberaubende Augen, auch wenn sie irgendwie schief standen. Noch nie zuvor war ihm aufgefallen, wie schrecklich ebenmäßig die Augen anderer Menschen sonst waren. Dieser Gedanke bereitete ihm Übelkeit. Außerdem hatten alle anderen Frauen viel zu viele Haare auf dem Kopf. Dieses Geschöpf mit seinem dünnen Haar war viel wunderbarer.

Sie kam näher. Sie war unübertrefflich. Großartig. Sie berührte sein Kinn, während er am Boden knien blieb, und ihre Fingerspitzen waren so weich wie Wolken.

»Ja, du wirst reichen«, sagte sie. »Komm, mein Schoßtier. Komm zu den anderen.«

Sie zeigte auf eine Gruppe, die ihr folgte. Mehrere Weise Frauen, zwei Aes Sedai, ein Mann mit einem Speer. Rhuarc knurrte. Würde dieser Mann versuchen, ihm die Zuneigung seiner Geliebten streitig zu machen? Dafür würde er ihn töten. Er würde …

Seine Herrin kicherte. »Und Moridin hielt dieses Gesicht für eine Strafe. Nun, dir ist egal, wie ich aussehe, nicht wahr, mein Schatz?« Ihre Stimme wurde weicher und zugleich doch strenger. »Wenn ich fertig bin, wird das allen egal sein. Moridin selbst wird meine Schönheit preisen, denn er wird sie durch Augen sehen, die ich ihm gewähre. Genau wie du, Schoßtier. Ganz genau wie du.«

Sie tätschelte Rhuarc. Er gesellte sich zu ihr und den anderen und streifte durch das Tal, und er ließ die Männer zurück, die er Brüder genannt hatte.

Rand trat einen Schritt vor, als sich aus den Lichtfäden vor ihm eine Straße bildete. Sein Fuß berührte das saubere, funkelnde Kopfsteinpflaster, und er trat aus dem Nichts in Pracht hinein.

Die Straße war breit genug, um sechs Wagen gleichzeitig Platz zu bieten. Aber sie war nicht von Fahrzeugen versperrt. Da waren nur Menschen. Lebendige Menschen in bunter Kleidung, die angeregt miteinander plauderten. Laute füllten die Leere – die Laute des Lebens.

Rand drehte sich um die eigene Achse und betrachtete die Gebäude um sich herum. Hohe Häuser säumten den Weg, deren Fassaden mit Säulen geschmückt waren. Lang und schmal standen sie dicht nebeneinander. Dahinter befanden sich Kuppeln und Wunder, Gebäude, die bis in den Himmel reichten. Obwohl diese Stadt offensichtlich das Handwerk der Ogier war, hatte er so etwas noch nie zuvor gesehen.

Obwohl, es war nur zum Teil Ogierwerk. In der Nähe reparierten Arbeiter eine Fassade mit einem Sturmschaden. An ihrer Seite arbeiteten Ogier mit ihren großen Fingern und lachten grollend. Als sie zu den Zwei Flüssen gekommen waren, um Rand für sein Opfer zu würdigen und dort ein Denkmal zu errichten, hatten die Führer der Stadt klugerweise stattdessen um Hilfe gebeten, die Stadt zu verschönern.

Im Laufe der Jahre hatten die Menschen von den Zwei Flüssen und die Ogier eng zusammengearbeitet, und nun waren die Handwerker aus den Zwei Flüssen auf der ganzen Welt gefragt. Rand ging über die Straße und passierte Menschen sämtlicher Nationalitäten. Domani in bunter, luftiger Kleidung. Tairener – die tiefen gesellschaftlichen Unterschiede zwischen Untertanen und Adel schwanden jeden Tag mehr – in bauschigen Gewändern und Hemden mit gestreiften Ärmeln. Seanchaner trugen exotische Seide. Grenzländer zeigten eine edle Haltung. Es gab sogar einige Sharaner.

Sie alle waren nach Emondsfelde gekommen. Die Stadt hatte nur noch wenig Ähnlichkeit mit ihrem Namen, aber es gab noch immer ein paar markante Merkmale. Hier fanden sich mehr Bäume und offene Grünflächen als in anderen Städten wie Caemlyn oder Tear. In den Zwei Flüssen verehrte man Handwerker. Und ihre Schützen waren die besten der Welt. Eine Elitetruppe aus ihnen, die mit den neuen Feuerstöcken bewaffnet war, die man allgemein Gewehre nannte, diente an der Seite der Aiel bei ihren Frieden stiftenden Feldzügen in Shara. Das war der einzige Ort auf der Welt, wo es noch Krieg gab. Sicher, hier und da gab es Dispute. Das Auflodern von Streit zwischen Murandy und Tear vor fünf Jahren hatte dem Land beinahe seinen ersten richtigen Krieg seit der einhundert Jahre zurückliegenden Letzten Schlacht beschert.

Rand lächelte, als er durch die Menge ging und mit Stolz der Freude in den Stimmen der Menschen lauschte. Das »Auflodern« in Murandy war nach der Norm des Vierten Zeitalters sehr dynamisch gewesen, aber in Wahrheit hatte nicht viel dahintergesteckt. Ein einzelner verärgerter Adliger hatte auf eine Patrouille der Aiel geschossen. Drei Verletzte, kein Toter, und das war abgesehen von den Feldzügen in Shara der schlimmste »Kampf« seit Jahren gewesen.

Am Himmel brach die Sonne durch die dünne Wolkenschicht und tauchte die Straße in Licht. Rand erreichte endlich den Stadtplatz, wo sich einst der Dorfanger von Emondsfelde befunden hatte. Was sollte man jetzt vom Steinbruchweg halten, wo er breit genug war, um einem marschierenden Heer Platz zu bieten? Er spazierte um den gewaltigen Brunnen in der Mitte des Platzes, ein von den Ogiern geschaffenes Denkmal für all jene, die in der Letzten Schlacht gefallen waren.

Unter den Statuen in der Brunnenmitte erkannte er vertraute Gesichter, und er wandte sich ab.

Noch ist das nicht endgültig, dachte er. Das ist noch nicht die Realität. Er hatte diese Wirklichkeit aus den Fäden dessen erschaffen, was möglich sein konnte, aus den Spiegelungen der jetzigen Welt. Das war noch nicht endgültig.

Zum ersten Mal, seit er diese von ihm selbst geschaffene Vision betreten hatte, geriet sein Selbstvertrauen ins Schwanken. Er wusste, dass die Letzte Schlacht nicht gescheitert war. Aber Menschen starben. Glaubte er, diesen ganzen Tod, diesen Schmerz aufhalten zu können?

Das sollte mein Kampf sein, dachte er. Sie sollten nicht sterben müssen. Reichte sein Opfer denn nicht?