Aber das hatte er sich bereits unzählige Male gefragt.
Die Vision zitterte, die kunstvoll zurechtbehauenen Steine unter ihm summten, Gebäude schwankten. Plötzlich erstarrten die Menschen, und der Lärm verstummte. Am anderen Ende einer schmalen Seitenstraße erschien eine zuerst stecknadelkopfgroße Finsternis, die sich rasch ausbreitete und alles in ihrer Nähe verschlang – es in sich hineinzog. Sie wuchs zur Größe eines der Häuser und bereitete sich dann langsam weiter aus.
DEIN TRAUM IST SCHWACH, WIDERSACHER.
Rand verstärkte seinen Willen, und das Beben hörte auf. An Ort und Stelle erstarrte Menschen gingen weiter, und das fröhliche Geplauder setzte sich fort. Eine sanfte Brise strich über den Bürgersteig und ließ die Fahnen, die das Fest verkündeten, an ihren Masten rascheln.
»Ich sorge dafür, dass dies Wirklichkeit wird«, sagte Rand zu der Finsternis. »Das ist dein Fehler. Glück, Wachstum, Liebe …«
DIESE MENSCHEN GEHÖREN JETZT MIR. ICH NEHME SIE MIR JETZT.
»Du bist Finsternis«, sagte Rand laut. »Finsternis kann das Licht nicht verdrängen. Finsternis existiert nur, wenn das Licht scheitert, wenn es flieht. Ich werde nicht scheitern. Ich werde nicht fliehen. Solange ich dir den Weg versperre, kannst du nicht siegen, Shai’tan.«
DAS WERDEN WIR JA SEHEN.
Rand wandte sich von der Finsternis ab und ging weiter um den Brunnen. Auf der anderen Seite des Platzes führte eine Reihe majestätischer weißer Stufen zu einem vier Stockwerke hohen Gebäude, das eine unglaubliche Handwerkskunst aufwies. Mit Reliefs übersät, bedeckt von einem funkelnden Kupferdach, wimmelte das Gebäude von Flaggen. Einhundert Jahre. Einhundert Jahre des Lebens, einhundert Jahre des Friedens.
Die Frau, die ganz oben auf den Stufen stand, wies irgendwie vertraute Züge auf. Da waren Spuren von saldaeanischer Herkunft, aber auch dunkle Locken, wie es sie nur in den Zwei Flüssen gab. Lady Adora, Perrins Enkelin und Bürgermeisterin von Emondsfelde. Rand schritt langsam die Stufen hinauf, während sie ihre Gedenkrede hielt. Niemand bemerkte ihn. Er sorgte dafür. Wie ein Grauer Mann schlüpfte er hinter sie, als sie den Feiertag verkündete, dann betrat er das Gebäude.
Es handelte sich keineswegs um ein Regierungsgebäude, obwohl die Vorderseite daran denken ließ. Es war viel wichtiger.
Eine Schule.
Rechts hingen genug Gemälde und Reliefs in luftigen Korridoren, um es mit jedem Palast aufnehmen zu können – aber hier waren die Lehrer und Geschichtenerzähler der Vergangenheit dargestellt, von Anla bis zu Thom Merrilin. Rand spazierte durch einen Korridor und warf einen Blick in Räume, wo jedermann Wissen erlangen konnte, vom ärmsten Bauern bis zu den Kindern des Bürgermeisters. Das Gebäude musste so groß sein, um allen Platz zu gewähren, die lernen wollten.
DEIN PARADIES HAT FEHLER, WIDERSACHER.
In einem Spiegel zu Rands Rechten war ein dunkler Fleck zu sehen. Er spiegelte nicht den Korridor wider, sondern SEINE Gegenwart.
DU GLAUBST, DU KANNST DAS LEID AUSMERZEN? SELBST WENN DU SIEGEN SOLLTEST, WIRD DIR DAS NICHT GELINGEN. IN DIESEN PERFEKTEN STRASSEN WERDEN NOCH IMMER MÄNNER IN DER NACHT ERMORDET. TROTZ DER BEMÜHUNGEN DEINER HANDLANGER WERDEN KINDER HUNGER LEIDEN. DIE REICHEN BEUTEN AUS UND VERDERBEN, SIE TUN ES LEDIGLICH VERSTOHLEN.
»Es ist besser«, flüsterte Rand. »Es ist gut.«
ES IST NICHT GENUG; ES WIRD NIE GENUG SEIN. DEIN TRAUM IST MAKELBEHAFTET. DEIN TRAUM IST EINE LÜGE. ICH BIN DIE EINZIGE EHRLICHKEIT, DIE DEINE WELT JE GEKANNT HAT.
Der Dunkle König griff an.
Wie ein Sturm fiel er über Rand her. Ein so schrecklicher Windstoß, dass er Rand das Fleisch von den Knochen zu schälen drohte. Aber er stand aufrecht da, den Blick auf das Nichts gerichtet, und verschränkte die Arme hinter dem Rücken. Der Angriff riss die Vision weg – die wunderschöne Stadt, die lachenden Menschen, das Denkmal zu Ehren von Lernen und Frieden. Der Dunkle König verschlang sie, und wieder einmal wurde sie bloß zu einer Möglichkeit.
Silviana griff nach der Einen Macht und fühlte, wie sie in sie hineinflutete und die Welt erleuchtete. Wenn sie Saidar hielt, glaubte sie alles sehen zu können. Es war ein großartiges Gefühl, solange sie einsah, dass es nur ein Gefühl war. Es war nicht die Wahrheit. Die Verlockung von Saidars Macht hatte viele Frauen zu närrischen Gesten verführt. Das galt mit Sicherheit für viele Blaue, die sich dessen irgendwann einmal schuldig gemacht hatten.
Im Sattel sitzend, webte Silviana Feuer und verbrannte sharanische Soldaten. Sie hatte ihren Wallach Stecher abgerichtet, niemals in der Nähe von Machtlenken zu scheuen.
»Die Bogenschützen zurückfallen lassen!«, brüllte Chubain direkt hinter ihr. »Los, los! Die schwere Infanterie vorrücken!« Die gepanzerten Fußsoldaten marschierten mit Äxten und Streitkolben an Silviana vorbei, um die verwirrten Sharaner auf dem Hang anzugreifen. Piken wären wirkungsvoller gewesen, aber ihnen standen davon nicht einmal annähernd genug zur Verfügung.
Sie webte einen weiteren Feuerball in die Mitte des Feindes, um den Weg vorzubereiten, dann wandte sie ihre Aufmerksamkeit den sharanischen Bogenschützen auf dem Plateau zu.
Sobald Egwenes Truppen das Moor umgangen hatten, hatten sie sich in zwei Angriffsgruppen getrennt. Die Aes Sedai hatten die Fußtruppen der Weißen Burg begleitet und griffen die Sharaner auf der Anhöhe von Westen an. Zu diesem Zeitpunkt waren die Brände gelöscht gewesen, und die meisten Trollocs waren von oben gekommen, um im ebenen Gelände anzugreifen.
Die andere Hälfte von Egwenes Heer, hauptsächlich Kavallerie, war in den Korridor geschickt worden, der am Moor vorbei zur Furt führte; sie griff die verletzliche hintere Flanke der Tiermenschen an, die Elaynes Verteidiger in der Umgebung der Furt überrennen wollten.
Die vorrangige Aufgabe der ersten Gruppe bestand darin, sich den breiten Westhang hinaufzukämpfen. Silviana zielte sorgfältig mit einer Reihe Blitze auf die vorrückenden Sharaner, um sie abzuwehren.
»Sobald die Infanterie sich ein Stück des Weges nach oben erstritten hat«, sagte Chubain neben Egwene, »lassen wir die Aes Sedai anfangen, die … Mutter?« Chubains Stimme wurde schriller.
Silviana fuhr auf dem Sattel herum und blickte alarmiert zu Egwene. Die Amyrlin lenkte keine Macht mehr. Ihr Gesicht war leichenblass, sie zitterte am ganzen Körper. Wurde sie von einem Gewebe angegriffen? Silviana konnte nichts dergleichen erkennen.
Männer und Frauen sammelten sich oben auf dem Hang und drängten die sharanischen Infanteristen zur Seite. Sie fingen an, die Macht zu lenken, dann regneten Blitze auf die Armee der Weißen Burg herab, von denen jeder die Luft spaltete und grell genug war, um einem die Sinne zu rauben.
»Mutter!« Silviana trieb ihr Pferd an, um zu Egwene zu kommen. Demandred musste sie angreifen. Sie beugte sich vor, um das Sa’angreal in Egwenes Händen für einen zusätzlichen Machtschub zu berühren, und webte ein Wegetor. Die Seanchanerin, die hinter Egwene ritt, schnappte sich die Zügel der Amyrlin und riss das Pferd durch das Tor in Sicherheit. Silviana folgte ihr, rief jedoch: »Haltet gegen die Sharaner stand! Unterrichtet die Machtlenker über Demandreds Angriff auf den Amyrlin-Sitz!«
»Nein«, stieß Egwene leise hervor. Sie schwankte im Sattel, als die Pferde in ein großes Zelt galoppierten. Silviana hätte sie lieber weit weggebracht, aber die Umgebung war ihr nicht vertraut genug für einen langen Sprung gewesen. »Nein, es ist nicht …«
»Was ist los?« Silviana zügelte den Wallach an ihrer Seite und ließ das Tor verschwinden. »Mutter?«
»Es ist Gawyn!« Die Amyrlin war leichenblass, zitterte am ganzen Körper. »Er wurde verwundet. Schwer. Silviana, er stirbt.«
O beim Licht!, dachte Silviana. Behüter! Sie hatte immer so etwas befürchtet, und zwar von dem Augenblick an, an dem sie den dummen Jungen das erste Mal gesehen hatte.