Выбрать главу

»Wo?«, fragte sie knapp.

»Auf der Anhöhe. Ich werde ihn finden. Ich webe ein Wegetor, Reise in seine Richtung …«

»Beim Licht, Mutter«, sagte Silviana. »Habt Ihr auch nur eine Vorstellung, wie gefährlich das ist? Bleibt hier und führt die Weiße Burg. Ich versuche ihn zu finden.«

»Ihr könnt ihn nicht fühlen.«

»Übertragt den Behüterbund auf mich.«

Egwene erstarrte.

»Ihr wisst, dass es das Richtige ist«, sagte Silviana. »Stirbt er, könnte es Euch vernichten. Gebt mir diesen Bund. So finde ich ihn, und es wird Euch schützen, sollte er sterben.«

Egwene war sichtlich entsetzt. Silviana wusste genau, was ihr jetzt durch den Kopf ging. Wie konnte sie es wagen, das auch nur vorzuschlagen? Das war typisch für eine Rote – die gaben sich nie mit Behütern ab. Offensichtlich wusste die Bewahrerin nicht, was sie da verlangte.

»Nein«, erwiderte Egwene. »Nein, ich werde das nicht einmal in Betracht ziehen. Davon abgesehen, sollte er sterben, würde mich das nur beschützen, indem ich diesen Schmerz auf Euch abwälze.«

»Ich bin nicht die Amyrlin.«

»Nein. Sollte er sterben, werde ich das überleben und weiterkämpfen. Mit einem Tor zu ihm zu eilen wäre dumm, genau wie Ihr gesagt habt, und ich lasse Euch das auch nicht tun. Er befindet sich auf dem Plateau. Wir werden uns genau wie befohlen den Weg dort hinauf freikämpfen, und auf diese Weise stoßen wir zu ihm. Das ist die beste Entscheidung.«

Silviana zögerte, dann nickte sie. So würde es gehen. Gemeinsam kehrten sie zum Westhang zurück, aber Silviana kochte innerlich. Dieser dumme Kerl! Sollte er sterben, würde es Egwene sehr schwerfallen, den Kampf fortzuführen.

Der Schatten musste die Amyrlin gar nicht selbst töten, um sie aufzuhalten. Er brauchte bloß einen unreifen Jungen töten.

»Was tun diese Sharaner jetzt?«, fragte Elayne leise.

Birgitte beruhigte ihr Pferd und nahm von Elayne das Fernrohr entgegen. Sie spähte über das ausgetrocknete Flussbett zum Hang der Anhöhe, wo sich eine große Zahl gegnerischer Soldaten versammelt hatte. Sie grunzte. »Vermutlich warten sie darauf, dass die Trollocs mit Pfeilen gespickt werden.«

»Du klingst nicht besonders überzeugt«, meinte Elayne und nahm das Fernrohr wieder entgegen. Sie hielt die Eine Macht, benutzte sie aber im Augenblick nicht. Ihr Heer kämpfte jetzt seit zwei Stunden am Fluss. Die Trollocs waren auf breiter Linie in den versiegenden Mora gestürmt, aber ihre Truppen verhinderten, dass sie shienarischen Boden betraten. Das Moor hinderte den Feind daran, ihre linke Flanke zu umgehen; ihre rechte Flanke war aber bedeutend verletzlicher und musste im Auge behalten werden. Es würde wesentlich schwieriger werden, wenn sämtliche Trollocs über den Fluss kamen, aber Egwenes Kavallerie fiel ihnen in den Rücken. Das nahm einen gewissen Druck von ihrem Heer.

Männer hielten die Tiermenschen mit Piken zurück, und das Rinnsal, das noch immer durch das Flussbett gurgelte, hatte sich rot verfärbt. Elayne saß aufrecht im Sattel, sah und wurde von ihren Truppen gesehen. Die Blüte Andors hatte geblutet und war gestorben, um die Kreaturen mühsam zurückzuhalten. Die Sharaner schienen sich darauf vorzubereiten, ihre Stellung zu verlassen, aber Elayne war nicht davon überzeugt, dass sie schon angreifen wollten. Der Angriff der Weißen Burg an der Westseite musste sie beunruhigen. Es war ein Geniestreich Mats gewesen, Egwenes Heer loszuschicken und die Anhöhe von hinten anzugreifen.

»Ich bin mir meiner Worte nicht sicher«, sagte Birgitte leise. »Nicht im Mindesten. Jedenfalls nicht mehr.«

Elayne runzelte die Stirn. Sie hatte angenommen, dass alles zu diesem Thema gesagt worden war. Wovon redete Birgitte da? »Was ist mit deinen Erinnerungen?«

»Meine erste Erinnerung besteht nun darin, dass ich bei dir und Nynaeve aufwachte«, erwiderte ihre Behüterin leise. »Ich kann mich an unsere Unterhaltungen über die Welt der Träume erinnern, aber nicht mehr an den Ort selbst. Es ist mir alles wie Wasser zwischen den Fingern entglitten.«

»Oh, Birgitte …«

Die Behüterin zuckte mit den Schultern. »Ich kann nichts vermissen, an das ich mich nicht erinnere.« Der Schmerz in ihrer Stimme strafte ihre Worte Lügen.

»Gaidal?«

Birgitte schüttelte den Kopf. »Nichts. Ich habe das Gefühl, jemanden mit diesem Namen zu kennen, aber das tue ich nicht.« Sie kicherte. »Wie schon gesagt, ich weiß nicht, was ich alles verlor, also kümmert es mich nicht.«

»Lügst du mich an?«

»Verfluchte Asche, natürlich! Das ist wie ein Loch in meinem Inneren, Elayne. Ein tiefes, klaffendes Loch. Mein Leben und meine Erinnerungen verbluten dort.« Sie schaute zur Seite.

»Birgitte … es tut mir leid.«

Birgitte wendete ihr Pferd und ließ es ein paar Schritte zur Seite gehen, da sie nicht länger darüber sprechen wollte. Ihr Schmerz pulsierte stechend in Elaynes Hinterkopf.

Wie musste es sich anfühlen, so viel zu verlieren? Birgitte hatte weder Kindheit noch Eltern gehabt. Ihr ganzes Leben, sämtliche ihrer Erinnerungen, umfasste wenig mehr als ein Jahr. Elayne wollte ihr nachreiten, aber ihre Leibwächter wichen auseinander, um Galad durchzulassen. Er trug Rüstung, Wappenrock und Umhang des Kommandierenden Lordhauptmanns der Kinder des Lichts.

Elayne presste die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen. »Galad.«

»Schwester«, erwiderte er. »Ich gehe davon aus, dass es vollkommen sinnlos wäre, dich darauf hinzuweisen, wie unangebracht es für eine Frau in deinem Zustand ist, auf einem Schlachtfeld zu sein.«

»Wenn wir diesen Krieg verlieren, werden meine Kinder in der Gefangenschaft des Dunklen Königs geboren, falls sie überhaupt zur Welt kommen. Ich glaube, dieser Kampf ist das Risiko wohl wert.«

»Solange du nicht selbst ein Schwert schwingst«, sagte Galad und beschattete die Augen, um das Schlachtfeld zu inspizieren. Seine Worte deuteten an, dass er ihr die Erlaubnis gab – die Erlaubnis! –, ihre Truppen anzuführen.

Licht schoss vom Plateau und traf die letzten Drachen, die von der Stellung unmittelbar hinter ihren Truppen noch feuerten. Welch eine Kraft! Demandred verfügte über eine Macht, die beinahe an Rands heranreichte. Wenn er diese Macht gegen meine Soldaten einsetzt …

»Warum hat Cauthon mich herbefohlen?«, fragte Galad leise. »Er verlangte nach einem Dutzend meiner besten Männer …«

»Du bittest mich doch nicht ernsthaft, die Beweggründe von Matrim Cauthon zu ergründen, oder?«, fragte Elayne. »Ich bin davon überzeugt, dass sich Mat einfach nur so benimmt, als wäre er einfältig, damit die Leute ihm nur immer mehr durchgehen lassen.«

Galad schüttelte den Kopf. Einige Männer aus seinem Gefolge zeigten auf die Trollocs, die sich am arafelischen Ufer langsam flussaufwärts in Bewegung setzten. Elayne begriff, dass ihre rechte Flanke in Gefahr schwebte.

»Schicke nach sechs Kompanien Armbrustmänner«, sagte sie zu Birgitte. »Guybon muss unsere Truppen flussaufwärts verstärken.«

Beim Licht. Das fängt langsam an, wirklich übel auszusehen. Die Weiße Burg befand sich drüben am Westhang der Anhöhe, wo am heftigsten die Macht gelenkt wurde. Von ihrem Standpunkt aus konnte sie nicht viel davon sehen, aber sie fühlte es genau.

Von der Anhöhe stieg Rauch in den Himmel, der von Blitzschlägen erleuchtet wurde. Als würde sich ein Geschöpf aus Sturm und Hunger in der Finsternis regen, dessen Augen blitzten, als es erwachte.

Unvermittelt wurde sich Elayne etwas bewusst. Der durchdringende Gestank von Rauch in der Luft, die Schmerzensschreie der Soldaten. Donner vom Himmel, das Beben der Erde. Die kalte Luft, die sich schwer auf ein Land legte, in dem nichts wachsen wollte, die zerbrechenden Waffen, das Knirschen auf Schilden aufprallender Piken. Das Ende. Es war tatsächlich eingetroffen, und sie stand an seinem Abgrund.

Ein Bote galoppierte heran und schwenkte einen Brief. Er gab Elaynes Leibwächtern die richtige Losung, sprang vom Pferd und durfte an sie und Galad herantreten. Er richtete das Wort an den Lordhauptmann und reichte ihm den Brief. »Von Lord Cauthon, Herr. Er sagte, Ihr wärt hier anzutreffen.«