Galad nahm den dicken Umschlag und öffnete ihn stirnrunzelnd. Dann zog er das Blatt hervor.
Elayne wartete geduldig – sogar sehr geduldig –, indem sie bis drei zählte, dann lenkte sie ihr Pferd neben Galads Hengst und verrenkte den Kopf, um mitlesen zu können. Also ehrlich, man hätte annehmen sollen, dass er mehr Rücksicht auf eine Schwangere nahm.
Mat hatte den Brief selbst geschrieben. Und Elayne sah amüsiert, dass die Schrift wesentlich sauberer und weniger fehlerbehaftet war als in dem Brief, den er ihr vor einigen Wochen geschickt hatte. Anscheinend hatte die Belastung durch die Schlacht Matrim Cauthon zu einem besseren Schreiber gemacht.
Galad,
keine Zeit für hübsche Worte. Ihr seid der Einzige, dem ich diese Mission anvertrauen kann. Ihr tut immer das Richtige, selbst wenn es alle anderen zur Verzweiflung bringt. Die Grenzländer haben möglicherweise nicht die Nerven dafür, aber ich wette, ich kann einem Weißmantel vertrauen. Nehmt das. Lasst Euch von Elayne ein Wegetor machen. Tut, was getan werden muss.
Galad runzelte die Stirn, kippte den Umschlag und ließ etwas Silbriges herausfallen. Ein Medaillon an einer Kette. Sowie eine Mark aus Tar Valon.
Elayne atmete aus, dann berührte sie das Medaillon und lenkte die Macht. Es gelang ihr nicht. Das war eine der von ihr hergestellten Kopien, die sie Mat gegeben hatte. Die andere hatte der Schattenfreund Mellar gestohlen. »Es beschützt den Träger gegen Machtlenken«, sagte sie. »Aber warum hat er es dir geschickt?«
Galad drehte das Blatt Papier herum, weil ihm anscheinend etwas aufgefallen war. Auf der Rückseite stand hastig hingekritzelt:
PS: Falls Ihr nicht wisst, was mit »Tut, was getan werden muss« gemeint ist, damit ist gemeint, dass ich will, dass Ihr so viele der sharanischen Machtlenker verflucht noch mal umbringt wie möglich. Ich wette mit Euch um eine Mark aus Tar Valon – ihr Rand ist bloß ein bisschen angestoßen –, dass Ihr keine zwanzig von ihnen töten könnt. – MC
»Das ist verflucht hinterhältig«, sagte Elayne leise. »Blut und verdammte Asche, das ist es wirklich.«
»Das ist wohl kaum die passende Ausdrucksweise für eine Monarchin«, wies Galad sie zurecht, faltete die Botschaft zusammen und steckte sie in die Umhangtasche. Er zögerte, dann streifte er sich das Medaillon um den Hals. »Ich frage mich, ob er weiß, was er da tut, einem der Kinder ein Artefakt zu geben, das gegen die Berührung einer Aes Sedai immun macht. Der Befehl ist gut. Ich sorge dafür, dass er ausgeführt wird.«
»Das schaffst du also?«, wollte Elayne wissen. »Frauen töten?«
»Einst hätte ich wohl gezögert, aber das wäre die falsche Entscheidung gewesen. Frauen sind genauso fähig zum Bösen wie Männer. Warum sollte man zögern, die einen zu töten, aber nicht die anderen? Das Licht richtet nicht nach dem Geschlecht, sondern nach dem Wert des Herzens.«
»Interessant.«
»Was ist daran interessant?«, wollte Galad wissen.
»Dass du tatsächlich einmal etwas gesagt hast, weswegen ich dich nicht auf der Stelle erwürgen will. Vielleicht besteht ja doch noch Hoffnung für dich, Galad Damodred.«
Er runzelte die Stirn. »Das hier ist weder der Ort noch die Zeit für leichtfertige Bemerkungen, Elayne. Du solltest dich um Gareth Bryne kümmern. Er erscheint sehr aufgebracht.«
Sie drehte sich um und sah überrascht, dass der betagte General mit ihren Leibwächtern sprach. »General?«, rief sie.
Bryne schaute auf, dann verneigte er sich steif im Sattel.
»Haben meine Wächter Euch aufgehalten?«, fragte Elayne, als er heranritt. Hatte sich etwa herumgesprochen, dass er unter Zwang stand?
»Nein, Euer Majestät«, erwiderte er. Sein Pferd war schweißbedeckt. Er hatte es hart angetrieben. »Ich wollte Euch nicht damit persönlich belästigen.«
»Etwas beunruhigt Euch«, sagte Elayne. »Heraus damit.«
»Euer Bruder – ist er hier?«
»Gawyn?« Sie warf Galad einen Blick zu. »Ich habe ihn nicht gesehen.«
»Ich auch nicht«, sagte Galad.
»Die Amyrlin war sich sicher, dass er bei Eurer Truppe ist …« Bryne schüttelte den Kopf. »Er ging los, um an der Front zu kämpfen. Vielleicht hat er sich ja verkleidet.«
Warum sollte er … Er war Gawyn. Er würde kämpfen wollen. Aber sich in Verkleidung zur Front zu schleichen schien ihm nicht ähnlichzusehen. Er würde allenfalls ein paar loyale Männer um sich scharen und einen Sturmangriff anführen. Aber sich unter andere Männer zu schmuggeln? Gawyn? Schwer vorstellbar.
»Ich lasse herumfragen«, sagte Elayne, während Galad eine Verbeugung andeutete und sich dann zurückzog, um zu seiner Mission aufzubrechen. »Vielleicht hat ihn ja einer meiner Befehlshaber gesehen.«
Ah …, dachte Mat die Nase so nahe an der Karte, dass er sie beinahe berührte. Dann winkte er und ließ die Damane Mika ein Tor öffnen. Er hätte nach oben auf den Dasharfels Reisen können, um sich einen Überblick zu verschaffen. Aber beim letzten Mal hatten ihn feindliche Machtlenker angegriffen und glatt einen Teil des Gipfels abgeschnitten; davon abgesehen erlaubte ihm der Dasharfels trotz seiner Höhe nicht, alles zu sehen, was unterhalb der Westseite der Polov-Anhöhe vor sich ging. Er eilte zur Seite, legte die Hände auf den Rand des Wegetors und musterte die Landschaft in der Tiefe.
Elaynes Linie am Fluss wurde zurückgedrängt. Sie hatten Bogenschützen zur rechten Flanke geschickt. Gut. Blut und verdammte Asche … diese Trollocs brachten beinahe die Wucht eines Kavallerieangriffs zustande. Er würde Elayne befehlen müssen, ihre Kavallerie hinter den Pikenformationen Aufstellung nehmen zu lassen.
Genau wie damals, als ich an den Wasserfällen von Pena gegen Sana Ashraf kämpfte. Schwere Kavallerie, berittene Bogenschützen, schwere Kavallerie, berittene Bogenschützen. Einer nach dem anderen. Taer’in dhai hochin dieb sene.
Mat konnte sich nicht daran erinnern, jemals von einer Schlacht so in Beschlag genommen worden zu sein. Der Kampf gegen die Shaido war nicht annähernd so fesselnd gewesen, allerdings hatte er da auch nicht die ganze Schlacht gelenkt. Der Kampf gegen den Seanchaner Elbar war ebenfalls nicht so zufriedenstellend gewesen. Natürlich hatte sich das alles in einem wesentlich kleineren Maßstab zugetragen.
Demandred verstand es zu spielen. Das verrieten Mat die Truppenbewegungen. Er spielte gegen einen der Besten, die je gelebt hatten, und dieses Mal bestand der Wetteinsatz nicht aus Geld. Sie würfelten um das Leben von Männern, und der endgültige Preis war die Welt selbst. Blut und verfluchte Asche, aber er fand das aufregend. Er fühlte sich schuldig deswegen, aber es war aufregend.
»Lan ist in Position«, sagte er, richtete sich auf und kehrte zu seinen Karten zurück, um sich etwas zu notieren. »Sagt ihm, er soll zuschlagen.«
Das Trolloc-Heer, das das Flussbett auf Höhe der Ruinen überquerte, musste zerschlagen werden. Die Grenzländer hatte er um die Anhöhe herumgeführt, um die verletzliche hintere Flanke der Tiermenschen anzugreifen, während Tam und seine kombinierten Streitkräfte weiterhin von vorn auf sie einschlugen. Tam hatte sie in großer Zahl getötet, bevor und nachdem der Fluss versiegt war. Diese Horde stand kurz vor ihrer Vernichtung, und eine koordinierte Aktion von beiden Seiten konnte das vollbringen.
Tams Männer würden erschöpft sein. Konnten sie lange genug durchhalten, bis Lan eintraf und den Kreaturen in den Rücken fiel? Beim Licht, er betete darum. Falls nicht …
Jemand verdunkelte den Eingang zum Befehlshaus, ein großer Mann mit dunklen Locken im Mantel eines Asha’man. Er trug den Ausdruck eines Mannes, der gerade ein Verliererblatt gezogen hatte. Licht! Selbst ein Trolloc hätte seinen Blick einschüchternd gefunden.
Min, die sich mit Tuon unterhalten hatte, brach mitten im Wort ab; Logain schien für sie einen besonders finsteren Blick übrigzuhaben. Mat richtete sich auf und klopfte sich die Hände ab. »Ich hoffe, Ihr habt die Wächter nicht zu schlimm zugerichtet, Logain.«