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Verzweifelt kämpfte sich Egwene nach vorn. Irgendwo dort oben konnte sie Gawyn fühlen, aber sie hielt ihn für bewusstlos; sein Lebensfunken war so schwach, dass sie kaum die Richtung bestimmen konnte. Ihre einzige Hoffnung bestand darin, sich durch die Sharaner kämpfen zu können und ihn zu erreichen.

Der Boden erbebte, als sie eine Sharanerin verdampfte; Saerin, Doesine und andere Schwestern waren vollauf damit beschäftigt, die feindlichen Machtangriffe abzuwehren, während sie sich auf den Angriff konzentrierte. Sie trat vor. Einen Schritt nach dem anderen.

Ich komme, Gawyn, dachte sie und klammerte sich mit aller Kraft an ihre Beherrschung. Ich bin gleich da.

»Wir kommen, um zu berichten, Wyld.«

Demandred ignorierte den Boten erst einmal. Er flog mit den Schwingen eines Falken und betrachtete die Schlacht durch die Vogelaugen. Raben waren besser, aber jedes Mal, wenn er es mit einem versuchte, schoss ihn ein Grenzländer ab. Von all den Bräuchen, die die Zeitalter in der Erinnerung überstanden hatten, warum musste es ausgerechnet dieser sein?

Egal. Ein Falke ließ sich ebenfalls einsetzen, selbst wenn sich der Vogel seinem Zugriff widersetzte. Er lenkte ihn über das Schlachtfeld, inspizierte Formationen, den Aufmarsch zur Front, den Vormarsch einzelner Truppenteile. Er brauchte sich nicht auf die Berichte von anderen zu verlassen.

Es hätte ein beinahe unüberwindlicher Vorteil sein sollen. Lews Therin konnte kein Tier benutzen; dieses Geschenk konnte allein die Wahre Macht gewähren. Demandred konnte nur ein kleines Rinnsal der Wahren Macht lenken – nicht genug für zerstörerische Gewebe, aber es gab viele Möglichkeiten, um gefährlich zu sein. Leider verfügte Lews Therin über andere Vorteile. Wegetore, die auf das Schlachtfeld blickten? Es war schon beunruhigend, was die Menschen dieses Zeitalters entdeckten, Dinge, die im Zeitalter der Legenden nicht bekannt gewesen waren.

Demandred öffnete die Augen und unterbrach die Verbindung zu dem Falken. Seine Streitkräfte gewannen an Boden, aber jeder Schritt stellte eine schreckliche Tortur dar. Zehntausende Trollocs waren getötet worden. Er musste vorsichtig sein; ihre Zahl war nicht unbegrenzt.

Im Augenblick stand er auf der Ostseite des Plateaus und schaute auf den Fluss hinab, nordöstlich von der Stelle, an der Lews Therins Meuchelmörder versucht hatte, ihn zu töten.

Hier stand er fast genau dem Hügel auf der anderen Flussseite gegenüber, den man laut Moghedien Dasharfels nannte. Die Felsformation ragte hoch in die Luft. Ihr Fuß war gut für einen Kommandoposten geeignet, denn er war dort vor Angriffen mit der Einen Macht geschützt.

Es war so verlockend, hier selbst zuzuschlagen, einfach dorthin zu Reisen und alles in Schutt und Asche zu legen. Aber war es nicht genau das, was Lews Therin wollte? Demandred würde gegen den Mann kämpfen. Das würde er. Aber mitten in die Festung des Feindes zu Reisen und damit in eine mögliche Falle, die auch noch von diesen hohen Felswänden umgeben war … es war besser, Lews Therin zu sich zu locken. Er beherrschte dieses Schlachtfeld. Er würde entscheiden, wann es zu dieser Konfrontation kam.

Der Fluss war zu einem schlammigen Tröpfeln versiegt, und seine Trollocs versuchten das Südufer zu erobern. Im Augenblick hielten die Verteidiger noch stand, aber es würde bald ihnen gehören. Weit flussaufwärts hatte M’Hael gute Arbeit geleistet und das Wasser umgeleitet, aber er war auf ungewöhnlichen Widerstand gestoßen. Städter und eine kleine Abteilung Soldaten? Eine Merkwürdigkeit, die er noch nicht ergründet hatte.

Beinahe hatte er M’Hael eine Niederlage gewünscht. Auch wenn er den Mann einst selbst rekrutiert hatte, hatte er nicht damit gerechnet, dass M’Hael so schnell in die Ränge der Auserwählten aufsteigen würde.

Demandred drehte sich um. Drei Frauen in Schwarz mit weißen Schleifen verneigten sich. Neben ihnen stand Shendla.

Shendla. Er hatte geglaubt, das Interesse für Frauen schon lange hinter sich gelassen zu haben – wie konnte Zuneigung neben der brennenden Leidenschaft bestehen, die sein Hass auf Lews Therin war? Und doch, Shendla … verschlagen, fähig, mächtig. Es reichte beinahe schon aus, um seine Meinung zu ändern.

»Euer Bericht?«, fragte er die drei sich verbeugenden Frauen in Schwarz.

»Die Jagd ist gescheitert«, sagte Galbrait mit tief gesenktem Kopf.

»Er ist entkommen?«

»Ja, Wyld. Ich habe Euch enttäuscht.« Er hörte den Schmerz in der Stimme der Frau. Sie war die Anführerin der weiblichen Ayyad.

»Ihr solltet ihn nicht töten«, sagte Demandred. »Er ist ein Gegner, der Euch überlegen ist. Ihr habt seine Kommandostellung zerstört?«

»Ja«, sagte Galbrait. »Wir töteten ein halbes Dutzend seiner Machtlenker, zündeten das Gebäude an und zerstörten seine Karten.«

»Lenkte er die Macht? Hat er sich verraten?«

Sie zögerte, dann schüttelte sie den Kopf.

Also konnte er nicht mit Sicherheit wissen, ob dieser Cauthon der verkleidete Lews Therin war. Demandred vermutete es, aber es gab Berichte vom Shayol Ghul, dass man Lews Therin am Berg gesehen hatte. In der Letzten Schlacht hatte er sich schon bei anderer Gelegenheit als verschlagen erwiesen, hatte die Schlachtfelder gewechselt und sich hier und dort gezeigt.

Je länger Demandred gegen den feindlichen General kämpfte, umso mehr wuchs seine Überzeugung, dass Lews Therin auf jeden Fall hier an diesem Ort war. Es hätte seinem Feind sehr ähnlichgesehen, zur Täuschung einen Stellvertreter nach Norden zu schicken, während er herkam und die Schlacht selbst führte. Er hatte immer alles selbst erledigen wollen, führte in jede Schlacht persönlich – wenn er konnte, selbst jeden Sturmangriff.

Ja … wie war das Geschick des feindlichen Generals sonst zu erklären? Nur ein Mann mit Erfahrung eines Uralten beherrschte den Tanz der Schlachtfelder so meisterhaft. Im Kern waren viele Schlachttaktiken ganz einfach. Vermeide offene Flanken, begegne starken Verbänden mit Piken, Infanterie mit einer gut ausgebildeten Schlachtenreihe, Machtlenkern mit anderen Machtlenkern. Aber die nötige Finesse … die kleinen Einzelheiten … sie zu meistern brauchte Jahrhunderte. Kein Mann aus diesem Zeitalter hatte lange genug gelebt, um die Details so gut lernen zu können.

Im Krieg der Macht war Demandred nur in einer Sache besser als sein Freund gewesen, und zwar als General. Das zugeben zu müssen schmerzte, aber er würde sich nicht länger vor dieser Wahrheit verstecken. Lews Therin war in der Einen Macht stärker gewesen. Lews Therin war besser darin gewesen, die Herzen der Menschen zu gewinnen. Lews Therin hatte sich Ilyena genommen.

Aber er … er war im Krieg der Bessere gewesen. Lews Therin hatte niemals das Gleichgewicht zwischen Vorsicht und Kühnheit vernünftig ausbalancieren können. Der Mann hielt sich zurück und überdachte alles, quälte sich mit seinen Entscheidungen, um dann tollkühn vorzupreschen.

Falls dieser Cauthon Lews Therin war, dann war der Mann darin viel besser geworden. Der feindliche General wusste, wann man eine Münze werfen und das Schicksal seinen Lauf nehmen lassen musste, ließ aber nicht zu viel von dem Ergebnis abhängen. Er hätte einen ausgezeichneten Kartenspieler abgegeben.

Natürlich würde Demandred ihn trotzdem besiegen. Die Schlacht würde bloß … interessanter sein.

Er legte die Hand auf den Schwertgriff und überdachte, was er noch vor Augenblicken vom Schlachtfeld gesehen hatte. Seine Trollocs griffen weiterhin die Uferböschung an, und Lews Therin hatte ihnen seine Pikenmänner gegenüber aufgestellt, und zwar in disziplinierten rechteckigen Formationen, ein defensiver Zug. Hinter ihm kündeten die Donnerschläge der Machtlenker von dem eigentlichen Krieg, dem zwischen seinen sharanischen Ayyad und den Aes Sedai.

Hier war er im Vorteil. Seine Ayyad beherrschten das Kriegshandwerk viel besser als die Aes Sedai. Wann würde Cauthon endlich diese Damane in den Kampf schicken? Moghedien hatte von Spannungen zwischen ihnen und den Aes Sedai berichtet. Konnte er diesen Zwist irgendwie verstärken?