Er gab Befehle, und die drei Ayyad zogen sich zurück. Shendla blieb und wartete auf seine Erlaubnis, sich zurückziehen zu dürfen. Er hatte sie die nähere Umgebung auskundschaften und nach weiteren Attentätern suchen lassen.
»Macht Ihr Euch Sorgen?«, fragte er sie. »Ihr wisst jetzt, für welche Seite wir kämpfen. Soweit ich weiß, habt Ihr Euch nicht dem Schatten verschworen.«
»Ich habe mich Euch verschworen, Wyld.«
»Und für mich kämpft Ihr an der Seite von Trollocs? Halbmenschen? Kreaturen aus Albträumen?«
»Ihr habt gesagt, so mancher würde Eure Taten als böse bezeichnen«, erwiderte sie. »Aber ich betrachte sie nicht so. Unser Weg ist klar. Sobald Ihr siegreich seid, werdet Ihr die Welt neu erschaffen, und unser Volk wird überleben.« Sie nahm seine Hand, und etwas regte sich in ihm. Sein Hass erstickte es schnell wieder.
»Ich würde das alles wegwerfen«, sagte er und blickte ihr in die Augen. »Alles für die Gelegenheit, mit Lews Therin persönlich zu kämpfen.«
»Ihr habt versprochen, es zu versuchen. Das reicht. Und wenn Ihr ihn vernichtet, vernichtet Ihr eine Welt und bewahrt eine andere. Ich werde Euch folgen. Wir werden Euch folgen.«
Ihr Tonfall schien anzudeuten, dass er vielleicht wieder sein eigener Mann werden konnte, sobald Lews Therin tot war.
Er war sich da nicht sicher. Die Herrschaft interessierte ihn nur insoweit, als er sie gegen seinen alten Feind benutzen konnte. Die treu ergebenen und gläubigen Sharaner waren nur ein Werkzeug. Aber etwas in ihm wünschte sich, dass es nicht so war. Das war neu. Ja, das war es.
In der Nähe verzerrte sich die Luft. Gewebe waren keine zu sehen – hier wurde das Gefüge des Musters zerrissen. Reisen mit der Wahren Macht. M’Hael war eingetroffen.
Demandred drehte sich um, und Shendla ließ seinen Arm los, blieb aber an seiner Seite. Man hatte M’Hael Zugang zur Substanz des Großen Herrn gewährt. Das erfüllte Demandred nicht mit Eifersucht. M’Hael war bloß ein weiteres Werkzeug. Trotzdem stimmte es ihn nachdenklich. Blieb heutzutage überhaupt noch jemandem die Wahre Macht verwehrt?
»Ihr werdet den Kampf bei den Ruinen verlieren, Demandred«, verkündete M’Hael mit einem arroganten Lächeln. »Eure Trollocs werden vernichtet. Ihr wart dem Feind zahlenmäßig gewaltig überlegen, und doch werden sie Euch besiegen! Angeblich seid Ihr unser größter General, und doch verliert Ihr gegen diesen Abschaum? Ich bin enttäuscht.«
Demandred hob beiläufig zwei Finger.
M’Hael zuckte, als zwei Dutzend in der Nähe stehende sharanische Machtlenker Abschirmungen zwischen ihn und die Eine Macht rammten. Sie fesselten ihn mit Luft und rissen ihn zurück. Er wehrte sich, und die die Luft verzerrende Aura der Wahren Macht hüllte ihn ein, aber Demandred war schneller. Er webte eine Abschirmung der Wahren Macht, formte sie aus den brennenden Fäden von Geist.
Die Fäden erzitterten in der Luft. Ein jeder von ihnen war mit Widerhaken aus sich windenden Energiesträngen versehen, die so klein waren, dass ihre Enden im Nichts verschwanden. Die Wahre Macht war so explosiv, so gefährlich. Eine daraus geschaffene Abschirmung hatte eine seltsame Wirkung, sog die Kraft desjenigen auf, der sie zu lenken versuchte.
Demandreds Abschirmung stahl M’Haels Macht und benutzte den Mann wie einen Kanal. Er sammelte die Wahre Macht und webte sie über seiner Hand zu einer knisternden Kugel aus reiner Macht. Allein M’Hael würde sie wahrnehmen können, und die so stolz blickenden Augen des Mannes weiteten sich, als Demandred ihn einfach leer saugte.
Es war einem Zirkel nicht unähnlich. Der Entzug der Energie ließ M’Hael zittern und schwitzen, während er von den Geweben von Demandreds Ayyad festgehalten wurde. Unkontrolliert konnte dieser Fluss M’Hael ausbrennen – konnte mit dem Strom der Wahren Macht, der sich wie ein über die Ufer getretener Fluss verhielt, seine Seele häuten. Das sich windende Fadenknäuel in Demandreds Hand pulsierte knisternd und verformte die Luft, fing an, das Muster aufzulösen.
Vor ihm fraßen sich winzige, spinnennetzartige Risse in den Boden. Spalten ins Nichts.
Er trat an M’Hael heran. Der Mann verfiel in einen Krampfanfall, Schaum tropfte von seinen Lippen.
»Ihr hört mir jetzt zu, M’Hael«, sagte Demandred leise. »Ich bin nicht wie die anderen Auserwählten. Ich interessiere mich nicht im Mindesten für Eure politischen Spielchen. Es ist mir völlig egal, wer von euch die Gunst des Großen Herrn besitzt, wem von euch Moridin den Kopf tätschelt. Ich interessiere mich allein für Lews Therin.
Das ist mein Kampf. Ihr gehört mir. Ich habe Euch zum Schatten gebracht, und ich kann Euch vernichten. Wenn Ihr mir in die Quere kommt, lösche ich Euch aus wie eine Kerze. Mir ist klar, dass Ihr Euch für stark haltet mit Euren gestohlenen Schattenlords und unausgebildeten Machtlenkern. Aber Ihr seid ein Kind, ein Säugling. Nehmt Eure Männer, schafft so viel Chaos, wie Ihr wollt, aber steht mir nicht im Weg. Und haltet Euch von meinem Preis fern. Der feindliche General gehört mir.«
Obwohl ihn sein Körper durch sein Zittern verriet, loderte in M’Haels Augen bloß Hass und keine Furcht. Ja, der da war immer vielversprechend gewesen.
Demandred drehte die Hand und schleuderte mit der gesammelten Wahren Macht einen Strom Baalsfeuer. Der glühend heiße Strich aus brodelnder Zerstörung brannte sich durch die Heere am Fluss dort unten und löste jeden Mann und jede Frau auf, den er berührte. Ihre Gestalten verwandelten sich in flirrende Lichtpunkte, dann zu Staub; Hunderte von ihnen verschwanden einfach. Er hinterließ eine lange Linie aus verbranntem Boden, der wie ein mit einem gewaltigen Schlachterbeil gehauener Spalt aussah.
»Lasst ihn los«, sagte Demandred und erlaubte der Abschirmung aus Wahrer Macht, sich aufzulösen.
M’Hael taumelte zurück, schaffte es aber, auf den Beinen zu bleiben. Sein Gesicht war schweißüberströmt. Keuchend hob er eine Hand zur Brust.
»Bleibt während dieser Schlacht am Leben«, sagte Demandred zu ihm, wandte sich ab und fing an, die Stränge zu weben, die seinen Falken wieder herbeibefahlen. »Wenn Euch das gelingt, zeige ich Euch vielleicht, wie das geht, was ich gerade gemacht habe. Vielleicht glaubt Ihr jetzt, mich töten zu wollen, aber Ihr solltet wissen, dass der Große Herr uns beobachtet. Davon abgesehen bedenkt dies. Ihr mögt hundert von Euren zahmen Asha’man haben. Ich habe über vierhundert Ayyad. Ich bin der Retter dieser Welt.«
Als er wieder zurücksah, war M’Hael verschwunden, war mit der Wahren Macht Gereist. Es war erstaunlich, dass er nach dem, was Demandred mit ihm gemacht hatte, dazu noch die nötige Kraft hatte. Er hoffte, dass er den Mann nicht töten musste. Er würde sich noch als nützlich erweisen.
AM ENDE SIEGE ICH.
Rand stand aufrecht vor dem tosenden Wind, obwohl seine Augen tränten, als er in die Finsternis starrte. Wie lange befand er sich nun schon an diesem Ort? Tausend Jahre? Zehntausend?
Im Augenblick beschäftigte ihn nur der Widerstand. Er würde sich diesem Wind nicht beugen. Er würde nicht einmal für den Bruchteil eines Herzschlages nachgeben.
ENDLICH IST DIE ZEIT GEKOMMEN.
»Zeit bedeutet dir nichts«, sagte Rand.
Das war die Wahrheit, aber sie war es wiederum auch nicht. Rand konnte die um ihn herumwirbelnden Fäden sehen, die das Muster bildeten. Und während es Gestalt annahm, sah er unter sich die Schlachtfelder. Die von ihm geliebten Menschen kämpften um ihr Leben. Das waren keine potenziellen Möglichkeiten; das war die Wahrheit, das geschah tatsächlich.
Der Dunkle König schlängelte sich um das Muster; er konnte es nicht nehmen und zerstören, dazu war er nicht imstande, aber er konnte es berühren. Aus Finsternis bestehende Ranken, Stacheln drangen überall in die Welt ein. Der Dunkle König lag wie ein Schatten auf dem Muster.