Aber wenn er es berührte, existierte die Zeit auch für ihn. Und obwohl sie auf ihn selbst keinen Einfluss hatte – oder vielmehr es, denn der Dunkle König hatte kein Geschlecht –, konnte er sein Werk nur innerhalb ihrer Grenzen verrichten. So wie ein … Bildhauer, der zwar großartige Visionen und Träume hatte, der aber noch immer von der Realität des Materials abhängig war, mit dem er arbeitete.
Rand starrte das Muster an und widerstand dem Angriff des Dunklen Königs. Er regte sich nicht, atmete auch nicht. Hier war kein Atem nötig.
Unten starben Menschen. Er hörte ihre Schreie. So viele fielen in der Schlacht.
AM ENDE SIEGE ICH, WIDERSACHER. SIEH ZU, WIE SIE SCHREIEN. SIEH ZU, WIE SIE STERBEN.
DIE TOTEN GEHÖREN MIR.
»Lügen«, sagte Rand.
NEIN. ICH ZEIGE ES DIR.
Der Dunkle König wirbelte erneut die potenziellen Möglichkeiten durcheinander, sammelte das, was sein konnte, und stieß Rand in eine weitere Vision.
Juilin Sandar war kein Offizier. Er war Diebefänger, kein Adliger. Ganz bestimmt kein Adliger. Er arbeitete auf eigene Rechnung.
Aber anscheinend galt das nicht länger, seit er auf einem Schlachtfeld gelandet war und den Befehl über eine Abteilung Männer erhalten hatte, weil er als Diebefänger gefährliche Verbrecher geschnappt hatte. Die Sharaner schlugen auf seine Männer ein, zielten auf die Aes Sedai. Sie kämpften am Westhang, und die Aufgabe seiner Kompanie bestand darin, die Aes Sedai vor der sharanischen Kavallerie zu beschützen.
Aes Sedai. Wie war er nur in deren Angelegenheiten verstrickt worden? Ausgerechnet er, ein anständiger Tairener.
»Die Stellung halten!«, rief Juilin seinen Männern zu. »Haltet durch!« Er rief es auch für sich selbst. Seine Abteilung klammerte sich an ihre Piken und Speere und zwang die sharanische Kavallerie rückwärts den Hang hinauf. Er war sich nicht sicher, warum er hier war oder warum sie in diesem Abschnitt kämpften. Er wollte bloß am Leben bleiben!
Die Sharaner brüllten und fluchten in einer fremden Sprache. Sie verfügten über viele dieser Machtlenker, aber er stand hier regulären Truppen gegenüber, die die verschiedensten Handwaffen benutzten, hauptsächlich Schwerter und Schilde. Der Boden war mit Leichen übersät, was beiden Seiten den Kampf erschwerte. Juilin und seine Männer befolgten ihre Befehle und stemmten sich gegen die Sharaner, während sich die Aes Sedai und die feindlichen Machtlenker mit der Einen Macht bekämpften.
Juilin kämpfte mit einem Speer, eine Waffe, mit der er nur oberflächlich vertraut war. Eine Abteilung gepanzerter Sharaner erzwang sich einen Weg zwischen Myks und Charns Piken. Die Offiziere trugen Harnische und waren auf seltsame Weise in verschiedenfarbige Stoffe gehüllt, während das Fußvolk mit Metallstreifen verstärktes Leder trug. Sie alle hatten seltsame Muster auf den Rücken gemalt.
Der Anführer der feindlichen Truppe schwang einen bösartig aussehenden Streitkolben und erschlug einen Pikenmann, dann noch einen. Der Mann schleuderte Juilin Flüche entgegen, die er nicht verstand.
Juilin fintierte, und der Sharaner riss den Schild hoch, also rammte er den Speer in die Lücke zwischen Harnisch und Arm. Beim Licht, der Gegner zuckte nicht einmal zusammen. Er schlug den Schild gegen Juilin und zwang ihn zurück.
Der Speer entglitt Juilins verschwitzten Fingern. Fluchend griff er nach seinem Schwertbrecher, einer Waffe, die er gut kannte. Myk und die anderen kämpften in der Nähe mit dem Rest der sharanischen Abteilung. Charn wollte Juilin helfen, aber der verrückte Sharaner ließ seinen Streitkolben auf seinen Kopf niedersausen – und zertrümmerte ihn wie eine Walnuss.
»Stirb, du verdammtes Ungeheuer!«, brüllte Juilin, sprang vor und rammte dem Mann den Schwertbrecher direkt oberhalb der Halsberge in den Hals. Andere Sharaner eilten auf seine Position zu. Juilin fiel zurück, als der Mann vor ihm zusammenbrach und starb. Gerade rechtzeitig, denn ein feindlicher Soldat zu seiner Linken versuchte ihm den Kopf abzuschlagen. Die Schwertspitze pfiff an seinem Ohr vorbei, und Juilin hob instinktiv seine Klinge und hebelte. Die Waffe des Feindes zerbrach, und er erledigte ihn schnell, indem er ihm mit der Parade den Hals aufschlitzte.
Juilin beeilte sich, seinen Speer aufzuheben. In der Nähe stürzten Feuerbälle zu Boden, Angriffe der Aes Sedai hinter ihnen und der Sharaner auf dem Hang vor ihnen. Erde klebte in Juilins Haaren und auf dem Blut auf seinen Armen.
»Haltet die Stellung!«, rief er seinen Männern zu. »Verflucht, wir müssen sie halten!«
Er griff einen weiteren Gegner an, der auf ihn zukam. Einer der Pikenmänner hob rechtzeitig die Waffe, um die Schulter des Mannes zu treffen, und Juilin durchbohrte seine lederumhüllte Brust.
Die Luft erbebte. Seine Ohren dröhnten von den vielen Explosionen. Juilin zog sich zurück, brüllte seinen Männern Befehle zu.
Er sollte gar nicht hier sein. Er sollte an irgendeinem warmen Ort sein, zusammen mit Amathera, über den nächsten Verbrecher nachdenken, den er fangen musste.
Vermutlich dachte jeder Mann auf dem Feld, dass er eigentlich an einem ganz anderen Ort hätte sein müssen. Ihnen blieb nichts anderes übrig, als weiterzukämpfen.
Schwarz steht Euch, meinte Androl zu Pevara, als sie sich in dem feindlichen Heer auf der Anhöhe bewegten.
Das ist etwas, erwiderte sie, das man niemals, aber auch wirklich niemals zu einer Aes Sedai sagen sollte. Niemals.
Seine einzige Antwort bestand aus Nervosität, die durch den Bund kam. Pevara begriff. Sie trugen die Umgedrehten Gewebe der Spiegelmaske und gingen an Schattenfreunden, Schattengezücht und Sharanern vorbei. Und es funktionierte. Pevara hatte ein weißes Kleid mit einem schwarzen Umhang an – das war kein Gewebe –, aber wer einen Blick unter die Kapuze warf, hätte das Gesicht von Alviarin gesehen, einer Angehörigen der Schwarzen Ajah. Theodrin trug das Gesicht von Rianna.
Androls und Emarins Gewebe gaben ihnen das Aussehen von Nensen und Kash, zwei von Taims Handlangern. Jonneth hatte gar keine Ähnlichkeit mehr mit sich selbst und zeigte das Gesicht irgendeines Schattenfreundes, und er spielte die Rolle gut, schlich hinter ihnen her und schleppte ihre Ausrüstung. Diesen falkengesichtigen Mann mit den fettigen Haaren und dem fahrigen Benehmen hätte man niemals für den freundlichen Burschen aus den Zwei Flüssen gehalten.
Sie schritten zügig vorbei an den hinteren Linien der Armee des Schattens. Trollocs schleppten Pfeilbündel zur Front; andere verließen die Linien, um sich an Leichenstapeln vollzustopfen. Da und dort brodelten Kochtöpfe. Das schockierte Pevara. Sie machten eine Pause, um zu fressen? Jetzt?
Nur ein paar von ihnen, dachte Androl. So läuft das auch in den menschlichen Heeren ab, obwohl es diese Augenblicke nie in die Balladen schaffen. Die Schlacht hat den ganzen Tag gedauert, und Soldaten brauchen Kraft für den Kampf. Normalerweise wechseln sich drei Gruppen ab. Die Frontlinien, die Reserve und die Dienstfreien – Truppen, die sich vom Kampf zurückziehen und eine schnelle Mahlzeit herunterschlingen, bevor sie einen Moment schlafen. Danach geht es zurück zur Frontlinie.
Einst hatte sie sich den Krieg anders vorgestellt. Sie hatte geglaubt, dass jeder Mann jeden Augenblick des Tages im Einsatz war. Aber eine echte Schlacht war kein schneller Lauf; sie war ein langer, die Seele zermürbender Marsch.
Es war bereits später Nachmittag, der auf den Abend zuging. Im Osten erstreckten sich an dem ausgetrockneten Flussbett Schlachtlinien weit in beide Richtungen. Dort kämpften viele Tausend Männer und Trollocs. An dieser Front waren massenhaft Tiermenschen im Einsatz, aber andere wurden zurück auf die Anhöhe geholt, um entweder zu fressen oder eine Weile in einem ohnmachtähnlichen Schlaf zusammenzubrechen.
Sie sah nicht zu genau zu den Kochtöpfen hin, aber Jonneth sackte auf die Knie und übergab sich am Wegesrand. Ihm waren die Körperteile aufgefallen, die in dem dicken Eintopf schwammen. Als er seinen Mageninhalt auf den Boden spuckte, kam eine Gruppe Trollocs vorbei und schnaubte und grölte verächtlich.