Warum verlassen sie das Plateau, um den Fluss zu erobern?, fragte sie Androl. Das hier oben scheint doch die bessere Position zu sein.
Das ist sie vielleicht auch, erwiderte Androl. Aber der Schatten ist der Angreifer. Bleibt er auf dieser Position, dient das nur Cauthons Armee. Demandred muss den Druck auf ihn aufrechterhalten. Das bedeutet, den Fluss überqueren zu müssen.
Also verstand Androl auch etwas von Taktik. Interessant.
Ich habe bloß hier und da ein paar Dinge aufgeschnappt, meinte er. In der nächsten Zeit werde ich keine Schlacht anführen.
Ich war nur neugierig, wie viele Leben Ihr geführt habt, Androl.
Eine seltsame Bemerkung von einer Frau, die alt genug ist, um die Großmutter meiner Großmutter zu sein.
Sie gingen weiter die Ostseite des Plateaus entlang. Weit entfernt kämpften sich die Aes Sedai den Westhang nach oben – aber im Augenblick hielten Demandreds Truppen die Stellung. Um Pevara herum gab es nur Trollocs. Ein paar verneigten sich unbeholfen, wenn sie und die anderen vorbeigingen, andere rollten sich ohne Decken auf dem kargen Boden zusammen, um zu schlafen. Jeder von ihnen behielt seine Waffe in der Hand.
»Das sieht nicht besonders vielversprechend aus«, sagte Emarin leise hinter seiner Maske. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich Taim länger als unbedingt nötig mit den Tiermenschen abgibt.«
»Da vorn«, sagte Androl. »Seht doch.«
Hier hielt das Schattengezücht Abstand von einer Gruppe Sharanern in diesen fremdartigen Uniformen. Sie trugen in Stoff gewickelte Rüstungen, deren Stahl lediglich auf dem Rücken zu sehen war, dabei waren die Formen der Brustpanzer unverkennbar. Pevara blickte die anderen an.
»Ich könnte mir Taim als Teil dieser Gruppe vorstellen«, sagte Emarin. »Außerdem stinkt sie weniger als die Kreaturen da hinten.«
Pevara hatte den Gestank ignoriert – sie hatte schon vor Jahren gelernt, wie man aufdringliche Gerüche genauso ignorierte wie Hitze oder Kälte. Aber als Emarin es erwähnte, drang ein Hauch dessen, was die anderen rochen, durch ihre Verteidigung. Schnell verdrängte sie den Gestank wieder. Das war schrecklich.
»Lassen uns die Sharaner passieren?«, fragte Jonneth.
»Wir werden sehen«, antwortete Pevara und ging energisch auf den Feind zu; ihre Gruppe scharte sich um sie. Die Wächter hatten eine von Unbehagen kündende Linie gegen das Schattengezücht aufgestellt und behielten sie wie Feinde im Auge. Diese Allianz – oder was auch immer das darstellen sollte – stieß bei den sharanischen Soldaten auf keine große Gegenliebe. Sie bemühten sich nicht einmal, ihren Abscheu zu verbergen, und viele hatten sich Tücher vors Gesicht gebunden, um dem Gestank wenigstens etwas zu entgehen.
Als Pevara an der Reihe vorbeiging, wollte ihr ein Adliger – zumindest hielt sie ihn dank seiner Rüstung aus Bronzeringen dafür – in den Weg treten. Ein wohlgeübter Aes-Sedai-Blick ließ es ihn sich anders überlegen. Ich bin viel zu wichtig, als dass du mich belästigen solltest, besagte dieser Blick. Es funktionierte wunderbar, und sie waren drin.
Im Reservelager der Sharaner herrschte Ordnung, während Männer vom Kampf gegen die Streitkräfte der Weißen Burg abgezogen und durch frische Soldaten ersetzt wurden. Das wütende Machtlenken im Westen zog Pevaras Aufmerksamkeit auf sich; es flackerte wie ein grelles Licht.
Was meint ihr?, sagte Androl.
Wir müssen mit jemandem reden. Das Schlachtfeld ist einfach zu groß, um Taim auf uns allein gestellt zu finden.
Er stimmte ihr zu. Nicht zum ersten Mal empfand Pevara ihren Behüterbund als eine Last. Sie musste nicht nur mit ihrer eigenen Nervosität ringen, sondern auch noch mit Androls. Die schlich sich ständig aus ihrem Hinterkopf heran, und sie musste sie gewaltsam bändigen. Dazu benutzte sie Atemübungen, die sie bei ihrer Ausbildung in der Weißen Burg gelernt hatte.
In der Lagermitte blieb sie stehen, blickte sich um und versuchte zu entscheiden, an wen sie sich wenden sollte. Sie konnte Adlige von Dienern unterscheiden. Die Letzteren anzusprechen würde weniger gefährlich sein, aber es würde auch vermutlich nicht viel bringen. Vielleicht …
»Ihr da!«
Pevara zuckte zusammen und fuhr herum.
»Ihr solltet nicht hier sein.« Der bereits ältere Sharaner war völlig kahl und hatte einen kurzen grauen Bart. Zwei Schwertgriffe in der Form von Schlangenköpfen ragten über seine Schultern hinaus; er trug die Klingen gekreuzt auf dem Rücken, und er hielt einen Stab, über dessen ganze Länge sich seltsame Löcher zogen. Vielleicht eine Art Flöte?
»Kommt«, fuhr der Mann mit einem so schweren Akzent fort, dass Pevara ihn kaum verstehen konnte. »Der Wyld wird Euch sehen wollen.«
Wer ist der Wyld?, fragte Pevara Androl.
Der Asha’man schüttelte bloß den Kopf. Er fühlte sich genauso verwirrt wie sie an.
Das könnte ein böses Ende nehmen.
Der alte Mann schritt mit ärgerlicher Miene voraus. Was würde er machen, wenn sie sich weigerten? Pevara war versucht, ein Wegetor zur Flucht zu weben.
Wir folgen ihm, dachte Androl und ging weiter. Wenn wir nicht mit jemandem sprechen, finden wir Taim nie.
Pevara sah stirnrunzelnd zu, wie er sich dem Mann anschloss und die anderen Asha’man ihm folgten. Eilig holte sie sie ein. Wir hatten doch abgemacht, dass ich hier das Sagen habe, übermittelte sie.
Nein, erwiderte er, ich war der Meinung, dass wir uns darauf geeinigt hätten, dass Ihr so tun würdet, als hättet ihr den Befehl.
Sie reagierte mit einer berechnenden Mischung aus kaltem Missfallen und der Andeutung, dass diese Unterhaltung noch nicht vorbei war.
Androl fand das amüsant. Habt Ihr … habt Ihr mich gerade mental böse angesehen? Das ist beeindruckend.
Wir gehen ein großes Wagnis ein. Dieser Mann könnte uns sonst wo hinführen.
Ja, erwiderte er.
Etwas brodelte in ihm, das bis jetzt immer nur eine Andeutung gewesen war. Ihr wollt Taim unbedingt erwischen, oder?
Ja. Das will ich.
Sie nickte.
Ihr versteht das?
Auch ich habe durch ihn Freunde verloren, sagte Pevara. Ich musste zusehen, wie man sie direkt vor meiner Nase holte. Aber wir müssen vorsichtig sein. Wir können nicht zu viele Risiken eingehen. Noch nicht.
Es ist das Ende der Welt, Pevara. Wenn wir jetzt keine Risiken eingehen können, wann dann?
Sie folgte ihm ohne weiteren Widerspruch und wunderte sich über die Entschlossenheit, die sie in Androl fühlte. Taim hatte etwas in ihm geweckt, als er seine Freunde genommen und sie zum Schatten Umgedreht hatte.
Während sie dem alten Sharaner folgten, wurde sich Pevara klar, dass sie Androls Gefühle nicht verstand, jedenfalls nicht vollständig. Mit ihr befreundete Schwestern waren Opfer geworden, aber das war nicht mit dem zu vergleichen, was Androl empfand, als er Evin verloren hatte. Evin hatte ihm vertraut, hatte zu ihm aufgesehen und sich von ihm beschützt gefühlt. Pevaras Aes Sedai waren Bekannte und Freunde gewesen, aber das war irgendwie anders.
Der Sharaner führte sie zu einer größeren Gruppe, von denen viele kostbare Kleidung trugen. Anscheinend kämpften die höchsten Adligen und Ladys der Sharaner nicht, denn keiner von ihnen trug eine Waffe. Sie machten dem Alten Platz, obwohl einige auf seine Schwerter blickten und verächtlich kicherten.
Jonneth und Emarin setzten sich wie Leibwächter an Pevaras und Theodrins Seiten. Mit der Hand auf der Waffe musterten sie die Sharaner, und Pevara vermutete, dass sie die Eine Macht hielten. Nun, das kam vermutlich nicht unerwartet bei Schattenlords, die sich unter Verbündeten befanden, denen sie nicht richtig vertrauten. Sie mussten Pevara nicht auf diese Weise beschützen, aber es war eine nette Geste. Sie war immer der Meinung gewesen, dass Behüter durchaus nützlich wären. Sie war mit der Absicht zur Schwarzen Burg gekommen, mehrere Asha’man zu Behütern zu nehmen. Vielleicht …