»Natürlich, mein Kommandierender Lordhauptmann.« Golever grinste weiter.
Galad ließ den Blick über das blutige Chaos auf dem Westhang gleiten. Vielleicht konnte ja das Licht Cauthon lange genug erleuchten, um dieser Schlacht irgendeinen Sinn abzuringen, denn er konnte das mit Sicherheit nicht.
»Kommandierender Lordhauptmann!«, rief eine verängstigte Stimme. Es war Alhanra, einer seiner Kundschafter.
»Was ist, Kind Alhanra?«, fragte Galad, als der dürre Mann herbeieilte. Keine Pferde. Sie befanden sich auf schrägem Gelände, und die Tiere würden vor den Blitzen scheuen. Da war es besser, auf die eigenen Füße zu vertrauen.
»Das müsst Ihr sehen, mein Lord«, keuchte Alhanra. »Es ist … es ist Euer Bruder.«
»Gawyn?« Unmöglich. Nein, dachte er. Nicht unmöglich. Er würde bei Egwene sein und an ihrer Front kämpfen. Galad rannte hinter Alhanra her. Golever und die anderen schlossen sich ihm an.
Gawyn lag mit blassem Gesicht in der Lücke zweier Felsen weiter oben auf dem Hang. In der Nähe knabberte ein Pferd am Gras; seine Seite war blutverschmiert. Aber allem Anschein nach war es nicht das Blut des Pferdes. Galad ging neben der Leiche des jüngeren Mannes auf die Knie. Gawyn war nicht leicht gestorben. Aber was war mit Egwene?
»Friede, Bruder«, sagte Galad und berührte den Körper. »Möge das Licht …«
»Galad …«, flüsterte Gawyn und öffnete mühsam die Augen.
»Gawyn?« Galad war entsetzt. Sein Bruder hatte eine hässliche Bauchwunde. An der Hand trug er ein paar seltsame Ringe. Überall war Blut. Seine Hand, die Brust … der ganze Körper …
Wie konnte er noch leben?
Der Behüterbund, wurde ihm klar. »Wir müssen dich zu einer Heilerin bringen! Einer Aes Sedai.« Er lud sich Gawyn auf die Arme.
»Galad … Ich habe versagt.« Gawyn starrte ausdruckslos in den Himmel.
»Du hast nicht versagt.«
»Doch, ich habe versagt. Ich hätte … an ihrer Seite bleiben müssen. Ich habe Hammar getötet. Wusstest du das? Ich habe ihn getötet. Beim Licht. Ich hätte mich für eine Seite entscheiden sollen …«
Galad lief mit seinem Bruder auf den Armen den Hang entlang in Richtung der Aes Sedai. Er versuchte Gawyn vor den Angriffen der Machtlenker zu beschützen. Aber bereits wenige Augenblicke später schleuderte eine Explosion die Kinder von den Beinen und schickte Galad zu Boden. Er ließ Gawyn fallen, landete direkt neben ihm.
Gawyn zitterte am ganzen Körper und starrte in die Ferne.
Galad kroch zu ihm herüber und versuchte ihn wieder aufzuheben, aber Gawyn packte seinen Arm und erwiderte seinen Blick. »Ich habe sie geliebt, Galad. Sag ihr das.«
»Wenn ihr wirklich diesen Bund eingegangen seid, dann weiß sie das.«
»Das wird sie verletzen«, sagte Gawyn durch die blutleeren Lippen. »Und am Ende versagte ich. Ich konnte ihn nicht töten.«
»Ihn?«
»Demandred«, flüsterte Gawyn. »Ich wollte ihn töten, aber ich war nicht gut genug. Ich war nie … gut genug … um …«
Galad befand sich plötzlich an einem sehr kalten Ort. Er hatte Männer sterben sehen, er hatte Freunde verloren. Das hier schmerzte mehr. Beim Licht, das tat es wirklich. Er hatte seinen Bruder geliebt, von ganzem Herzen geliebt – und im Gegensatz zu Elayne hatte Gawyn das Gefühl erwidert.
»Ich bringe dich in Sicherheit, Gawyn«, sagte er, hob ihn wieder auf und entdeckte zu seinem Entsetzen, dass sich seine Augen mit Tränen füllten. »Ich gehe nicht ohne meinen Bruder.«
Gawyn hustete. »Das musst du auch nicht. Du hast noch einen anderen Bruder. Einen, den du nicht kennst. Einen Sohn von … Tigraine … die in die Wüste zog … Sohn einer Tochter des Speers. Geboren auf den Hängen des Drachenberges …«
O beim Licht.
»Hasse ihn nicht, Galad«, flüsterte Gawyn. »Ich habe ihn immer gehasst, aber ich habe damit aufgehört. Ich … habe damit aufgehört …«
Gawyns Augen brachen.
Galad tastete nach einem Pulsschlag, dann setzte er sich zurück und starrte auf seinen toten Bruder. Der Verband, den Gawyn selbst an seiner Seite angebracht hatte, ließ Blut auf den trockenen Boden sickern, der es hungrig aufsog.
Golever kam zu ihm, half Alhanra, dessen geschwärztes Gesicht und verbrannte Kleidung nach Rauch von dem Blitzeinschlag roch. »Bringt die Verwundeten in Sicherheit, Golever«, sagte Galad und stand auf. Er tastete nach dem Medaillon an seinem Hals. »Nehmt alle Männer und geht.«
»Und Ihr, Kommandierender Lordhauptmann?«
»Ich werde tun, was getan werden muss«, sagte Galad und fror innerlich. Dort war es so kalt wie Stahl im Winter. »Ich werde dem Schatten das Licht bringen. Ich werde den Verlorenen Gerechtigkeit bringen.«
Gawyns Lebensfaden erlosch.
Mit einem Ruck kam Egwene auf dem Schlachtfeld zum Stehen. Etwas in ihrem Inneren wurde durchtrennt. Als hätte sich plötzlich ein Messer in ihren Körper gebohrt und das Stück von Gawyn in ihr herausgeschält, um nichts als Leere zu hinterlassen.
Mit einem Aufschrei fiel sie auf die Knie. Nein. Nein, das konnte nicht sein. Sie konnte ihn doch fühlen, direkt voraus! Sie war zu ihm gelaufen. Sie konnte … Sie konnte …
Er war weg.
Egwene heulte auf, öffnete sich der Einen Macht und sog so viel davon in sich hinein, wie sie überhaupt halten konnte. Sie stieß sie in Gestalt einer Flammenwand aus sich heraus, die auf die Sharaner zubrauste, die nun überall in ihrer Nähe waren. Einst hatten sie die Anhöhe gehalten, und die Aes Sedai waren unten gewesen, aber jetzt herrschte hier nur noch der Wahnsinn.
Sie schlug mit der Macht auf sie ein, umklammerte mit blutleeren Knöcheln Voras Sa’angreal. Sie würde sie vernichten! Beim Licht! Es tat so weh. Es tat so schrecklich weh.
»Mutter!«, schrie Silviana und packte ihren Arm. »Ihr habt die Kontrolle verloren, Mutter! Ihr werdet Eure eigenen Leute umbringen. Bitte!«
Egwene holte keuchend Luft. In der Nähe stolperte eine Gruppe Weißmäntel vorbei, die Verletzte den Hang hinuntertrugen.
So nahe dran! O Licht. Es gab ihn nicht mehr!
»Mutter?«, sagte Silviana. Egwene hörte sie kaum. Sie berührte ihr Gesicht und fand dort Tränen.
Sie war ja vorher so verwegen gewesen. Hatte behauptet, sie könnte auch während des Verlusts weiterkämpfen. Wie naiv war das doch gewesen. Sie ließ das Feuer Saidars in sich ersterben. Und mit ihm verließ sie auch das Leben. Sie sackte zusammen und nahm undeutlich wahr, wie man sie forttrug. Durch ein Wegetor vom Schlachtfeld.
Mit seinem letzten Pfeil rettete Tam einen Weißmantel. Das hätte er sich auch nie träumen lassen, aber so war es nun einmal. Der wölfische Trolloc taumelte mit dem Schaft im Auge zurück und wollte einfach nicht umkippen, bis sich der junge Weißmantel aus dem Schlamm stemmte und nach seinen Knien schlug.
Tams Männer hatten jetzt auf dem Wehrgang der Palisade Stellung bezogen und schossen eine Salve nach der anderen auf die Tiermenschen, die hier über den trockenen Fluss geströmt waren. Ihre Zahl war merklich kleiner geworden, aber es waren noch immer viele.
Bis zu diesem Punkt war die Schlacht eigentlich ordentlich gelaufen. Tams vereinigte Streitkräfte hatten sich am shienarischen Ufer ausgebreitet. Flussabwärts stemmte sich die Legion des Drachen mit Armbrustschützen und schwerer Kavallerie gegen den Vorstoß des Schattengezüchts. So ziemlich das Gleiche spielte sich viel weiter flussaufwärts mit Bogenschützen, Infanterie und Kavallerie ab, die den Durchbruch des Feindes am Flussbett aufhielten. Bis die Geschosse ausgingen und Tam gezwungen war, seine Männer in die relative Sicherheit der Palisade zurückzuziehen.
Tam sah sich um. Abell hielt seinen Bogen in die Höhe und zuckte mit den Schultern. Er hatte auch keine Pfeile mehr. Auf dem ganzen Wehrgang hielten Männer die Bögen hoch. Keine Pfeile.