»Es kommen auch keine mehr«, sagte Abell leise. »Der Junge sagte, dass das die letzten waren.«
Die Weißmäntel kämpften zusammen mit Angehörigen von Perrins Wolfsgarde verzweifelt, aber sie wurden scharenweise vom Ufer zurückgedrängt. Sie kämpften auf drei Seiten, und eine weitere Streitmacht Trollocs hatte sie umgangen, um sie völlig einzukesseln. Das Banner von Ghealdan flatterte nun näher an den Ruinen. Arganda hielt die Position zusammen mit Nurelle und den Resten der Geflügelten Wachen.
Wäre das eine andere Schlacht gewesen, hätte Tam seine Männer ihre Pfeile dafür aufheben lassen, den Rückzug zu decken. Aber an diesem Tag würde es keinen Rückzug geben, und der Schießbefehl war richtig gewesen; die Jungs hatten sich bei jedem Schuss Zeit lassen können. Vermutlich hatten sie während des stundenlangen Kampfes Tausende Trollocs getötet.
Aber was war ein Bogenschütze schon ohne seinen Bogen? Noch immer ein Mann von den Zwei Flüssen, dachte Tam. Und noch immer nicht bereit, diesen Kampf verloren zu geben.
»Vom Wehrgang runter und mit Waffen Aufstellung nehmen«, rief Tam den Jungs zu. »Lasst die Bogen hier. Wir holen sie, wenn wieder Pfeile geliefert werden.«
Es würden keine Pfeile mehr kommen, aber die Männer würden zufriedener sein, wenn sie sich einreden konnten, ihre Bögen später holen zu können. Wie Tam ihnen beigebracht hatte, formierten sie sich mit Speeren, Äxten, Schwertern und sogar ein paar Sicheln bewaffnet zu Reihen. Mit allem, was ihnen zur Verfügung stand, mit Schilden für jene, die eine Axt oder ein Schwert hatten, und einer guten Lederrüstung für sie alle. Leider gab es keine Piken. Nachdem die schwere Infanterie ausgerüstet worden war, hatte es keine mehr gegeben.
»Dicht zusammenbleiben«, sagte Tam zu ihnen. »Zwei Keile bilden. Wir stoßen in die Trollocs um die Weißmäntel vor.« Am besten, sie trafen die Tiermenschen, die den Weißmänteln in den Rücken fallen wollten, zerstreuten sie und halfen den Kindern des Lichts, sich freizukämpfen. Zumindest fiel ihm nichts Besseres ein.
Die Männer nickten, obwohl sie vermutlich nur wenig von Taktik verstanden. Aber das spielte keine Rolle. Solange sie nur diszipliniert ihre Reihen aufrechterhielten, wie es ihnen Tam beigebracht hatte.
Sie liefen los, und Tam wurde an ein anderes Schlachtfeld erinnert. Von schrecklichen Winden getriebener Schnee, der in sein Gesicht schnitt. In gewisser Weise hatte auf diesem Schlachtfeld alles angefangen. Jetzt endete es hier.
Tam übernahm die Spitze des ersten Keils, dann befahl er Deoan – einen Mann aus Devenritt, der in der andoranischen Armee gedient hatte – an die Spitze des anderen. Tam führte seine Männer schnell nach vorn, damit sie – und er – nicht lange über das nachdenken konnten, was nun geschehen würde.
Als sie sich den riesigen Ungeheuern mit ihren Schwertern, Stangenwaffen und Schlachtäxten näherten, griff Tam nach der Flamme und dem Nichts. Die Nervosität verschwand. Sämtliche Gefühle lösten sich auf. Er zog das Schwert, das Rand ihm gegeben hatte, das mit den auf der Scheide aufgemalten Drachen. Es war die schönste Waffe, die er je gesehen hatte. Die Falten im Metall flüsterten von uralter Herkunft. Eigentlich war diese Waffe viel zu gut für ihn. Aber so hatte er über jedes Schwert gedacht, das er je benutzt hatte.
»Vergesst nicht, haltet die Formation!«, brüllte Tam seinen Männern zu. »Lasst euch nicht von ihnen auseinandertreiben. Wenn jemand fällt, nimmt der nächste Mann seinen Platz ein, während die anderen den Verletzten in die Mitte des Keils ziehen.«
Alle nickten, und dann fielen sie den Trollocs in den Rücken, wo sie die Kinder des Lichts am Fluss umzingelt hatten.
Seine Formationen stürmten vorwärts. Die riesigen Trollocs drehten sich um, um zu kämpfen.
Fortuona winkte den So’jhin fort, der ihre kaiserliche Kleidung ersetzen wollte. Sie stank nach dem Rauch des Feuers, und ihre Arme waren an mehreren Stellen verbrannt. Sie würde sich nicht von einer Damane Heilen lassen. Zwar betrachtete sie das Heilen als eine nützliche Entwicklung – und einige ihrer Untertanen änderten bereits ihre Ansichten darüber –, aber sie war sich nicht sicher, ob sich die Kaiserin dem ausliefern sollte. Davon abgesehen waren ihre Verletzungen nicht schwer.
Die vor ihr knienden Totenwächter würden irgendeine Bestrafung brauchen. Das war nun schon das zweite Mal, dass sie einen Meuchelmörder in ihre Nähe gelassen hatten, und auch wenn sie ihnen das nicht zum Vorwurf machte, hätte ihnen der Verzicht auf jede Strafe zugleich ihre Ehre genommen. Es brach ihr das Herz, aber sie wusste, was sie zu tun hatte.
Sie gab den Befehl selbst. Als ihre Stimme hätte Selucia das erledigen müssen – aber man kümmerte sich gerade um ihre Verletzungen. Und Karede verdiente diese kleine Ehre, seinen Hinrichtungsbefehl von Fortuona selbst zu hören.
»Ihr werdet gehen und die feindlichen Marath’Damane direkt angreifen«, befahl sie Karede. »Jeder von euch, der Dienst hatte. Kämpft tapfer für das Kaiserreich und versucht, die Marath’Damane des Feindes zu töten.«
Sie sah, wie sich Karede entspannte. Auf diese Weise konnten sie wenigstens weiterhin dienen; hätte man ihm die Wahl überlassen, hätte er sich vermutlich in sein Schwert gestürzt. Das hier war eine Gnade.
Sie wandte sich von dem Mann ab, der sich in ihrer Jugend um sie gekümmert hatte, dem Mann, der allem getrotzt hatte, was von ihm erwartet worden war. Alles nur für sie. Sie würde später ihre eigene Buße für das finden, was sie tun musste. In diesem Augenblick würde sie ihm die Ehre gewähren, die ihr möglich war.
»Darbinda«, sagte sie und wandte sich der Frau zu, die trotz der Ehre des neuen Namens, den Fortuona ihr verliehen hatte, darauf beharrte, sich »Min« zu nennen. In der Alten Sprache bedeutete Darbinda »Mädchen der Bilder«. »Ihr habt mein Leben und möglicherweise auch das des Prinzen der Raben gerettet. Ich erhebe Euch zum Blut, Unheilseherin. Soll Euer Name für Generationen geehrt werden.«
Darbinda verschränkte die Arme. Wie sehr sie doch Knotai ähnelte. Auf eine sture Weise bescheiden, diese Festländer. Sie waren doch tatsächlich stolz auf ihre niedere Herkunft. Stolz. Verrückt.
Knotai saß in der Nähe auf einem Baumstumpf, erhielt Berichte von der Front und fauchte Befehle. Der Kampf der Aes Sedai um den Westhang der Anhöhe verwandelte sich in ein Gemetzel. Er erwiderte ihren Blick, dann nickte er.
Falls es einen Spion gab – und es hätte Fortuona sehr überrascht, wenn es ihn nicht gegeben hätte –, dann war jetzt der Augenblick gekommen, ihn in die Irre zu führen. Um sie herum waren alle versammelt, die den Angriff überlebt hatten. Fortuona hatte darauf bestanden, sie in der Nähe zu haben, angeblich um jene zu belohnen, die ihr gut gedient hatten, und die Versager zu bestrafen. Jeder Wächter, Diener und Adliger konnte ihre Worte hören.
»Knotai«, sagte sie, »wir müssen noch darüber sprechen, was ich mit Euch tun soll. Die Totenwache ist mit meiner Sicherheit beauftragt, aber Ihr habt den Befehl über die Verteidigung dieses Lagers. Falls Ihr der Ansicht wart, dass unser Befehlshaus nicht sicher ist, warum habt Ihr nichts gesagt?«
»Wollt Ihr verdammt noch mal damit andeuten, dass das mein Fehler ist?« Knotai stand auf und verscheuchte die Kundschafter mit einem Wink.
»Ich übertrug Euch hier den Befehl«, sagte Fortuona. »Schlussendlich liegt die Verantwortung für diesen Fehlschlag damit bei Euch, oder etwa nicht?«
In der Nähe runzelte General Galgan die Stirn. Er sah das nicht so. Andere warfen Knotai anklagende Blicke zu. Adlige Kriecher; sie würden ihn beschuldigen, nur weil er kein Seanchaner war. Beeindruckend, dass Knotai Galgan so schnell bekehrt hatte. Oder verriet der General seine Gefühle absichtlich? War er der Spion? Er hätte auch Suroth manipulieren oder einfach einen Ersatzplan bereithalten können, falls sie scheiterte.