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»Ich übernehme hierfür keine Verantwortung, Tuon«, sagte Knotai. »Ihr wart diejenige, die verflucht noch mal darauf bestanden hat, vom Lager aus zuzusehen, obwohl Ihr an einem sicheren Ort hättet sein können.«

»Vielleicht hätte ich das ja tun sollen«, erwiderte sie kalt. »Diese ganze Schlacht ist eine einzige Katastrophe. Ihr verliert jeden Augenblick an Boden. Ihr macht Eure Scherze, verweigert Euch dem angemessenen Protokoll; ich glaube nicht, dass Ihr das mit dem Ernst betrachtet, den Eure Stellung verlangt.«

Knotai lachte. Es war ein lautes, ehrliches Lachen. Er machte das wirklich gut. Fortuona glaubte die Einzige zu sein, die die beiden Rauchwolken sah, die genau hinter ihm von der Anhöhe in den Himmel stiegen. Ein passendes Omen für Knotai: ein großes Spiel, das einen großen Gewinn einbringen würde. Oder einen hohen Preis.

»Ich habe genug von Euch«, sagte Knotai und winkte abschätzig ab. »Ihr und Eure verfluchten seanchanischen Regeln kommen mir ständig in die Quere.«

»Dann habe ich auch genug von Euch«, erwiderte sie und hob das Kinn. »Wir hätten uns niemals an dieser Schlacht beteiligen sollen. Wir sollten uns besser darauf vorbereiten, unser eigenes Land im Südwesten zu verteidigen. Ich werde nicht zulassen, dass Ihr das Leben meiner Soldaten wegwerft.«

»Dann geht doch«, knurrte Knotai. »Das ist mir doch egal.«

Sie fuhr auf dem Absatz herum und ging. »Kommt«, sagte sie zu den anderen. »Holt unsere Damane zusammen. Bis auf diese Totenwächter werden alle in unser Armeelager am Erinin Reisen, dann kehren wir nach Ebou Dar zurück. Wir schlagen dort die richtige Letzte Schlacht, sobald diese Narren hier das Schattengezücht haben bluten lassen.«

Ihr Gefolge schloss sich ihr an. War die List überzeugend gewesen? Der Spion hatte gesehen, wie sie Männer zum Tode verurteilte, die sie liebte; würde das ihre Rücksichtslosigkeit beweisen? Rücksichtslos und aufgeblasen genug, um Knotai die Truppen wegzunehmen? Plausibel war es ja. Denn ein Teil von ihr wollte genau das tun, was sie gerade gesagt hatte, und stattdessen im Süden kämpfen.

Natürlich müsste sie dann den zerbrechenden Himmel, das bebende Land und den Kampf des Wiedergeborenen Drachen ignorieren. Vor diesen Omen konnte sie nicht die Augen verschließen.

Der Spion konnte das nicht wissen. Er konnte sie nicht kennen. Der Spion würde eine junge Frau sehen, die töricht genug war, allein kämpfen zu wollen. Zumindest hoffte sie das.

Der Dunkle König webte ein Netz der Möglichkeiten um Rand herum.

Rand wusste, dass dieser Kampf, den sie austrugen – der Kampf um das, was sein konnte –, für die Letzte Schlacht von entscheidender Bedeutung war. Rand konnte nicht die Zukunft weben. Er war nicht das Rad, kam ihm nicht einmal nahe. Trotz allem, was mit ihm geschehen war, war er bloß ein Mann.

Doch in ihm lag die Hoffnung der Menschheit. Die Menschheit hatte eine Bestimmung, eine Wahl, wie ihre Zukunft aussehen sollte. Der Weg, den sie einschlagen würde … diese Schlacht würde ihn entscheiden. Sein Wille traf auf den des Dunklen Königs. Bisher würde das, was sein konnte, zu dem werden, was sein würde. Jetzt aufzugeben bedeutete, den Dunklen König diese Zukunft bestimmen zu lassen.

SIEHE, verkündete der Dunkle König, als die Lichtfäden zusammenkamen und Rand eine andere Welt betrat. Eine Welt, die noch nicht zur Realität geworden war, aber eine Welt, die sehr gut dazu werden konnte.

Stirnrunzelnd betrachtete Rand den Himmel. In dieser Vision war er nicht rot, und die Landschaft war auch nicht zerstört. Er stand mitten in Caemlyn, wie er es kannte. Sicher, es gab Unterschiede. Dampfwagen ratterten durch die Straßen, fuhren an Pferdekutschen und Passanten vorbei.

Die Stadt hatte sich jenseits der neuen Stadtmauer ausgebreitet – wie er von dem zentralen Hügel aus sehen konnte, auf dem er stand. Er konnte sogar die Stelle erkennen, wo Talmanes ein Loch in die Mauer geschossen hatte. Es war nicht geflickt worden. Stattdessen hatte sich die Stadt durch diese Lücke weiter ausgebreitet. Wo sich einst Felder befunden hatten, reihten sich nun Gebäude aneinander.

Rand drehte sich um und ging weiter. Was für ein Spiel spielte sein Feind hier? Sicherlich konnte diese alltägliche, sogar blühende Stadt kein Teil seiner Pläne für die Welt sein. Die Leute waren sauber und sahen keineswegs unterdrückt aus. Er fand keine Anzeichen der Verderbtheit, die die vorherige Welt des Dunklen Königs ausgezeichnet hatte.

Neugierig trat er an einen Stand, hinter dem eine Frau Obst verkaufte. Die schlanke Frau lächelte einladend und zeigte auf ihre Waren. »Willkommen, werter Herr. Ich bin Renel, und mein Geschäft ist die zweite Heimat für alle, die die besten Früchte aus der ganzen Welt suchen. Ich habe frische Pfirsiche aus Tear.«

»Pfirsiche!«, sagte Rand entsetzt. Es war allgemein bekannt, dass diese Früchte giftig waren.

»Ha! Fürchtet nichts, werter Herr! Man hat das Gift aus ihnen entfernt. Sie sind so sicher, wie ich ehrlich bin.« Die Frau lächelte, nahm eine Frucht und biss hinein, um es zu beweisen. Da erschien eine schmutzige Hand unter dem Obststand – ein Straßenjunge versteckte sich darunter, der Rand zuvor gar nicht aufgefallen war.

Der kleine Junge griff sich eine rote Frucht, die Rand unbekannt war, und rannte los. Er war so dünn, dass Rand die Rippen unter der Haut seiner viel zu schmalen Gestalt sehen konnte, und er rannte auf so dürren Beinen, dass es ein Wunder war, dass er überhaupt gehen konnte.

Die Frau lächelte Rand weiterhin an, während sie in die Tasche griff und einen kleinen Stab mit einem Hebel an der Seite hervorholte. Sie zog den Hebel zurück, und der Stab brüllte auf.

Der Junge starb in einer Blutwolke. Er ging zu Boden. Passanten gingen einfach um ihn herum, obwohl einer – ein Mann mit vielen Leibwächtern – die Frucht aufhob. Er wischte das Blut ab, nahm einen Bissen und ging weiter. Wenige Augenblicke später rollte ein Dampfwagen über die Leiche und drückte sie in die schlammige Straße.

Entsetzt starrte Rand die Frau an. Sie steckte die Waffe weg, lächelte aber noch immer. »Sucht Ihr nach einer bestimmten Frucht?«, fragte sie.

»Ihr habt gerade dieses Kind getötet!«

Die Frau sah ihn verwirrt an. »Ja. Gehörte es Euch, werter Herr?«

»Nein, aber …« Licht! Die Frau zeigte nicht das geringste Bedauern. Rand drehte sich um, und niemand schien sich im Geringsten für das zu interessieren, was gerade geschehen war.

»Herr?«, fragte die Frau. »Ich habe das Gefühl, dass ich Euch kennen sollte. Das ist ein schönes Gewand, wenn auch etwas aus der Mode. Zu welcher Fraktion gehört Ihr?«

»Fraktion?«, fragte Rand.

»Und wo sind Eure Wächter?«, fuhr die Frau fort. »Natürlich hat ein so reicher Mann wie Ihr Leibwächter.«

Rand erwiderte ihren Blick, dann rannte er los, als die Frau wieder nach ihrer Waffe griff. Er duckte sich um eine Ecke. Der Ausdruck in ihren Augen … ein völliger Mangel an Menschlichkeit oder Anteilnahme. Sie hätte ihn getötet, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden. Das war ihm klar.

Andere Passanten musterten ihn. Sie stießen ihre Begleiter an, zeigten auf ihn. Ein Mann, an dem er vorbeirannte, rief: »Benennt Eure Fraktion!« Andere nahmen die Verfolgung auf.

Rand eilte um die nächste Ecke. Die Eine Macht. Wagte er, sie zu benutzen? Er wusste nicht, was in dieser Welt vor sich ging. Wie zuvor fiel es ihm schwer, Abstand zu der Vision zu halten. Er wusste, dass sie nicht völlig real war, aber er konnte nicht verhindern, dass ein Teil von ihm daran glaubte.

Er riskierte die Eine Macht nicht und verließ sich für den Augenblick auf seine Füße. In Caemlyn kannte er sich nicht besonders gut aus, aber dieser Stadtteil kam ihm bekannt vor. Wenn er das Ende dieser Straße erreichte und abbog … ja, da! Voraus erhob sich ein vertrautes Gebäude mit einem Schild, das einen knienden Mann vor einer Frau mit rotblonden Haaren zeigte. Der Königin Segen.