Rand erreichte den Eingang in dem Augenblick, als seine Verfolger hinter ihm um die Ecke kamen. Sie blieben wie angewurzelt stehen, als Rand an einem Hünen vorbei durch die Tür eilte. Ein neuer Türwächter? Er war Rand unbekannt. Gehörte das Gasthaus noch immer Basil Gill, oder hatte es den Besitzer gewechselt?
Mit klopfendem Herzen platzte Rand in den Schenkraum. Mehrere Männer, die sich mit ihren Bechern Nachmittagsale beschäftigten, schauten ihn an. Rand hatte Glück; Basil Gill stand höchstpersönlich hinter der Theke und polierte mit einem Lappen einen Pokal.
»Meister Gill!«, rief Rand.
Der stämmige Mann drehte sich stirnrunzelnd um. »Kenne ich Euch?« Er musterte Rand von Kopf bis Fuß. »Mein Lord?«
»Ich bin es, Rand!«
Gill legte den Kopf schief, dann grinste er. »Oh, Ihr seid es! Ich hatte Euch schon ganz vergessen. Euren Freund habt Ihr nicht dabei, oder? Der mit dem finsteren Ausdruck in den Augen?«
Also erkannten die Menschen dieses Ortes Rand nicht als den Wiedergeborenen Drachen. Was hatte der Dunkle König mit ihnen gemacht?
»Ich muss mit Euch sprechen, Meister Gill«, sagte Rand und ging auf ein privates Speisezimmer zu.
»Worum geht es denn, Junge?«, fragte Gill und folgte ihm. »Steckt Ihr in irgendwelchen Schwierigkeiten? Schon wieder?«
Rand schloss hinter dem Wirt die Tür. »Welches Zeitalter haben wir?«
»Das Vierte Zeitalter natürlich.«
»Also gab es die Letzte Schlacht?«
»Ja, und wir haben sie gewonnen!«, sagte Gill. Er betrachtete Rand genauer, kniff die Augen zusammen. »Alles in Ordnung, mein Sohn? Wie könnt Ihr nicht wissen …«
»Ich verbrachte die letzten Jahre im Wald«, behauptete Rand. »Voller Angst vor den Geschehnissen.«
»Ach so, dann. Ihr wisst nicht über die Fraktionen Bescheid?«
»Nein.«
»Beim Licht, mein Sohn! Da steckt Ihr aber mächtig in Schwierigkeiten. Wartet, ich besorge Euch ein Fraktionssymbol. Das braucht Ihr schnell!« Gill öffnete die Tür und eilte hinaus.
Rand verschränkte die Arme und bemerkte missmutig, dass im Kamin eine Leere schwebte. »Was hast du mit ihnen gemacht?«, verlangte er zu wissen.
ICH LIESS SIE GLAUBEN, SIE HÄTTEN GEWONNEN.
»Warum?«
VIELE VON DENEN, DIE MIR FOLGEN, VERSTEHEN NICHT, WAS TYRANNEI IST.
»Was hat das denn mit …« Rand unterbrach sich, als Gill zurückkehrte. Er brachte kein »Fraktionssymbol«, was auch immer das sein sollte. Stattdessen hatte er drei stämmige Wächter geholt. Er zeigte auf Rand.
»Gill …«, sagte Rand, wich zurück und umarmte die Quelle. »Was tut Ihr?«
»Nun, ich schätze, dieser Mantel wird ein paar Münzen einbringen«, sagte der Wirt. Er klang nicht im Mindesten reumütig.
»Also wollt Ihr mich berauben?«
»Nun, ja.« Gill erschien verwirrt. »Warum sollte ich nicht?«
Die Schläger musterten Rand vorsichtig. In den Händen hielten sie Keulen.
»Wegen des Gesetzes«, sagte Rand.
»Warum sollte es denn Gesetze gegen Diebstahl geben?« Gill schüttelte den Kopf. »Wie kommt Ihr denn auf solche Ideen? Wenn ein Mann sein Eigentum nicht beschützen kann, warum sollte er es dann haben? Wenn ein Mann sein Leben nicht verteidigen kann, was nützt es ihm dann?«
Gill bedeutete den drei Männern weiterzugehen. Rand fesselte sie mit Luft.
»Du hast ihnen das Gewissen genommen, nicht wahr?«, fragte er leise.
Gills Augen weiteten sich, als er sah, wie die Eine Macht benutzt wurde. Er wollte die Flucht ergreifen. Rand erfasste auch ihn mit Fesseln aus Luft.
MENSCHEN, DIE SICH UNTERDRÜCKT GLAUBEN, WERDEN EINES TAGES KÄMPFEN. ICH WERDE IHNEN NICHT NUR IHREN WILLEN ZUM WIDERSTAND NEHMEN, SONDERN AUCH DEN GERINGSTEN VERDACHT, DASS ETWAS NICHT STIMMEN KÖNNTE.
»Also nahmst du ihnen jedes Mitgefühl«, wollte Rand wissen und blickte Gill in die Augen. Der Mann schien schreckliche Angst zu haben, dass Rand ihn tötete, genau wie die drei Schläger. Aber keine Reue. Nicht ein bisschen.
MITGEFÜHL IST UNNÖTIG.
Rand verspürte eine tödliche Kälte. »Das unterscheidet sich von der Welt, die du mir zuvor gezeigt hast.«
ZUVOR ZEIGTE ICH DIR, WAS DIE MENSCHEN VON MIR ERWARTEN. DAS IST DAS BÖSE, DAS SIE ZU BEKÄMPFEN GLAUBEN. ABER ICH WERDE EINE WELT ERSCHAFFEN, IN DER ES WEDER GUT NOCH BÖSE GIBT.
ES GIBT NUR MICH.
»Wissen deine Diener das?«, flüsterte Rand. »Die du Auserwählte genannt hast? Sie glauben, darum zu kämpfen, Herrscher über eine von ihnen gestaltete Welt zu werden. Stattdessen willst du ihnen das hier geben. Die gleiche Welt … nur dass es in ihr kein Licht gibt.«
ES GIBT NUR MICH.
Kein Licht. Keine Liebe. Der Schrecken dieser Vorstellung erschütterte Rand. Das war eine der Möglichkeiten, die der Dunkle König wählen konnte, wenn er siegte. Es bedeutete nicht, dass ihm das gelang oder dass es so geschehen musste, aber … o Licht, das war furchtbar. Viel schrecklicher als eine Welt aus Gefangenen, viel schrecklicher als ein dunkles Land mit einer zerstörten Landschaft.
Das war der wahre Schrecken. Das war die vollständige Korrumpierung der Welt, es raubte ihr alle Schönheit und hinterließ nur eine leere Hülle. Eine hübsche Hülle, aber bloß eine Hülle.
Rand würde lieber tausend Jahre der Folter erdulden und den Teil von sich behalten, der ihm die Fähigkeit verlieh, etwas Gutes zu tun, als auch nur einen Augenblick lang in dieser Welt ohne Licht zu leben.
Voller Zorn drehte er sich zu der Finsternis um. Sie verschlang die ganze Wand und wuchs. »Du machst einen Fehler, Shai’tan!«, brüllte er die schwarze Leere an. »Glaubst du, du kannst mich verzweifeln lassen? Glaubst du, du kannst meinen Willen brechen? Das wird nicht passieren, das schwöre ich dir. Das bestärkt mich nur in meinem Kampf!«
Etwas grollte im Inneren des Dunklen Königs. Rand schrie auf und schlug mit seinem Willen zu, zerschmetterte die finstere Welt aus Lügen und Menschen, die töten würden, ohne dabei das Geringste zu empfinden. Sie explodierte, wurde zu leuchtenden Fäden, und Rand stand wieder an dem Ort außerhalb der Zeit. Um ihn herum wogte das Muster.
»Du zeigst mir dein wahres Herz?«, verlangte Rand von dem Nichts zu wissen, als er diese Fäden ergriff. »Ich zeige dir meines, Shai’tan. Es gibt ein Gegenstück zu dieser lichtlosen Welt, die du erschaffen würdest.
Eine Welt ohne Schatten.«
Mat ging los und beschwichtigte seinen Zorn. Tuon schien wirklich wütend auf ihn gewesen zu sein! Licht! Sie würde doch zu ihm zurückkehren, wenn er sie brauchte, oder nicht?
»Mat?« Min eilte an seine Seite.
»Begleite sie«, sagte er. »Behalte sie für mich im Auge, Min.«
»Aber …«
»Sie braucht keinen besonderen Schutz«, sagte Mat. »Sie ist stark. Verdammte Asche, das ist sie tatsächlich. Aber man muss sie im Auge behalten. Sie bereitet mir Sorgen, Min. Aber wie dem auch sei, ich muss diesen verfluchten Krieg gewinnen. Und das kann ich nicht, wenn ich mit ihr gehe. Also würdest du gehen und auf sie aufpassen? Bitte?«
Min verlangsamte ihren Schritt, dann umarmte sie ihn völlig unerwartet. »Viel Glück, Matrim Cauthon.«
»Viel Glück, Min Farshaw«, erwiderte Mat. Er ließ sie los und schulterte den Ashandarei. Die Seanchaner hatten angefangen, den Dasharfels zu verlassen, um sich zum Erinin zurückzuziehen, bevor sie das Feld von Merrilor schließlich ganz verließen. Demandred würde sie ziehen lassen; er wäre ein Narr gewesen, es nicht zu tun. Blut und verdammte Asche, wo hatte er sich da nur hineinmanövriert? Gerade hatte er ein gutes Viertel seiner Truppen weggeschickt.
Sie kommen zurück. Wenn sein Spiel funktionierte. Wenn die Würfel so fielen, wie er sie brauchte.
Nur dass diese Schlacht keine Würfelpartie war. Dafür gab es hier viel zu viel Hinterlist. Wenn überhaupt, war sie eher wie ein Kartenspiel. Für gewöhnlich gewann er mit seinen Karten. Für gewöhnlich.
Rechts von ihm marschierte eine Gruppe von Männern in dunklen seanchanischen Rüstungen in Richtung Schlachtfeld. »He, Karede!«, rief er.